Gesprä­che zur Ein­bruchs­kri­mi­na­li­tät in Wunstorf

Wunstorf – Eigent­lich soll­te es vor allem um die Haus­ein­brü­che gehen, die auch in Wunstorf immer wie­der die Bewoh­ner beschäf­ti­gen, doch es wur­de ein umfas­sen­der Ein­blick in die Poli­zei­ar­beit und den Umgang mit der Kri­mi­na­li­tät in der Aue­stadt.

Dr. Hen­drik Hop­pen­stedt (MdB) zwi­schen Micha­el Fie­ber und Dirk Hall­mann von der Poli­zei Wunstorf | Foto: Dani­el Schnei­der

Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de im Rechts­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges besuch­te am Frei­tag die Wunstor­fer Poli­zei­dienst­stel­le und such­te das Gespräch mit den Beam­ten. Hop­pen­stedt ver­schaff­te sich einen Ein­druck, wie sich die Arbeit der Jus­tiz für die Beam­ten vor Ort dar­stellt, wo Pro­blem­punk­te lie­gen und wie sich die Ver­bre­chens­sta­tis­tik ent­wi­ckelt. Zwei Stun­den lang spra­chen die Beam­ten mit Wunstorfs Ver­tre­ter in Ber­lin. Hop­pen­stedt, der zuvor schon ande­re Dienst­stel­len im Wahl­kreis besucht hat­te, konn­te so ein umfas­sen­des Bild aus der Pra­xis mit nach Ber­lin neh­men. Hop­pen­stedt brach­te dabei deut­lich zum Aus­druck, dass er sich vor allem eine finan­zi­ell bes­se­re Aus­stat­tung der nie­der­säch­si­schen Jus­tiz wün­sche, damit das Recht im Rechts­staat letzt­end­lich auch durch­ge­setzt wür­de und nicht der Ein­druck ent­ste­he, dass die Jus­tiz z. B. bei man­chen Delik­ten kapi­tu­lie­re.

Täter „kom­men davon“

Denn die häu­fi­ge Ein­stel­lung von Ver­fah­ren sei ein Umstand, der gleich mehr­fach pro­ble­ma­tisch sei, wie die Wunstor­fer Poli­zei bei­pflich­te­te. Zuerst wür­den Opfer von Straf­ta­ten den Ein­druck gewin­nen, dass Täter nicht zur Rechen­schaft gezo­gen wür­den und fühl­ten sich dann frus­triert, ver­letzt und vom Staat im Stich gelas­sen, ande­rer­seits bekä­men die Täter die Bestä­ti­gung, dass ihr Han­deln letzt­lich kei­ne Fol­gen hat.

Die Geset­zes­la­ge sei im Gro­ßen und Gan­zen ganz ordent­lich und gar „nicht so mise­ra­bel“, aber es feh­le an der kon­se­quen­ten Durch­set­zung des Rechts. Hop­pen­stedt beton­te dabei, dass er kei­nes­falls „Jus­tiz-Bashing“ betrei­ben wol­le, sich aber gründ­lich infor­mie­ren. Denn die Behand­lung und Ver­fol­gung von Ver­bre­chen sei sehr unter­schied­lich, von Bun­des­land zu Bun­des­land, aber auch von Land­kreis zu Land­kreis. Dabei klang im Gespräch die Über­las­tung der Han­no­ver­schen Staats­an­walt­schaft durch, die des­we­gen oft prio­ri­sie­ren müs­se – und sich dabei natur­ge­mäß auf die schwer­wie­gen­de­ren Fäl­le kon­zen­trie­re, sodass z. B. Dieb­stäh­le, aber eben auch Ein­brü­che oft nicht in letz­ter Kon­se­quenz geahn­det wür­den.

Gute Recht­spre­chung ist nicht zum Null­ta­rif zu haben.“Dr. Hen­drik Hop­pen­stedt

Das lie­ße nicht nur Laden­be­sit­zer und Geschäfts­leu­te, die z. B. durch Dieb­stäh­le stark belas­tet sind, ver­zwei­feln und die­se den Glau­ben an die Effek­ti­vi­tät des Rechts­we­sens ver­lie­ren, son­dern auch jeden Ein­zel­nen, der von Ver­bre­chen betrof­fen ist – wenn der oder die Täter am Ende straf­frei aus­ge­hen. Ein Pro­blem sei auch, dass Ein­brü­che bis­lang nicht als schwe­re Straf­tat gel­ten wür­den – was oft im star­ken Miss­ver­hält­nis zu den Ein­drü­cken der Opfer steht, von denen man­che dann sogar medi­zi­ni­sche Betreu­ung nach der Erfah­rung eines Ein­bruchs in die eige­ne Woh­nung benö­ti­gen. Ein Ein­bruch ist recht­lich zunächst nur ein Ver­ge­hen, kein Ver­bre­chen.

Info: Hen­drik Hop­pen­stedt
Dr. Hen­drik Hop­pen­stedt (CDU) gehört seit 2013 dem Deut­schen Bun­des­tag an, nach­dem er das Direkt­man­dat für den Wahl­kreis Han­no­ver Land I (ent­spricht der nörd­li­chen Hälf­te der Regi­on Han­no­ver) errang – und reprä­sen­tiert somit auch Wunstorf im Bun­des­tag. Zuvor war er seit 2004 Bür­ger­meis­ter der Stadt Burg­we­del. Er ist u. a. stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der Im Rechts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges.

Das wiegt umso schwe­rer, wenn die Ahn­dung von Fehl­ver­hal­ten in ande­ren Ver­wal­tungs­be­rei­chen, etwa im Stra­ßen­ver­kehr oder bei Steu­ern, kon­se­quen­ter betrie­ben wür­de und somit gefühlt här­ter bestraft. Hop­pen­stedt sieht es zudem als pro­ble­ma­tisch an, wenn Opfer von Ver­bre­chen nicht ein­mal eine Ein­stel­lungs­mit­tei­lung bekä­men, also oft selbst dar­über im Unkla­ren gelas­sen wür­den, wenn die Staats­an­walt­schaft wegen gerin­ger Erfolgs­aus­sich­ten oder man­geln­dem öffent­li­chen Inter­es­se nicht wei­ter ermit­telt.

Frust bei der Poli­zei

Mit der der­zei­ti­gen Situa­ti­on unglück­lich ist aber auch die Poli­zei selbst: Die Beam­ten sind eben­so frus­triert über den Aus­gang man­cher Ermitt­lungs­ver­fah­ren. Sie müss­ten ermit­teln, haben eine Ver­fol­gungs­pflicht, schrei­ben eine Anzei­ge nach der nächs­ten – obwohl sie manch­mal schon genau wis­sen, dass das gera­de ange­sto­ße­ne Ver­fah­ren am Ende sowie­so ein­ge­stellt wer­den wird. Die Zusam­men­ar­beit mit der Staats­an­walt­schaft lau­fe im Wesent­li­chen aber gut.

Gesprä­che im Kom­mis­sa­ri­at Wunstorf | Foto: Dani­el Schnei­der

Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät

Die The­men, die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Dr. Hen­drik Hop­pen­stedt bei sei­nem Besuch mit den Kom­mis­sa­ren aus Wunstorf besprach, beschränk­ten sich dabei nicht auf Woh­nungs- und Gewer­be­ein­brü­che, wie sie zuletzt in Wunstorf auch immer wie­der Stadt­ge­spräch waren: So waren neben Ein­brü­chen in Wohn­häu­ser etwa Tre­so­re aus einem Geschäft in der Fuß­gän­ger­zo­ne oder einer Tier­arzt­pra­xis ent­wen­det wor­den.

Die Täter ken­nen dabei wort­wört­lich kei­ne Gren­zen. Die Ein­brü­che in Wunstorf gin­gen über­wie­gend auf das Kon­to von orga­ni­sier­ten, pro­fes­sio­nell agie­ren­den Ban­den, die z. B. aus Litau­en oder Geor­gi­en stam­men. Ermit­telt wür­den letzt­lich jedoch auch hier nur die „klei­nen Fische“, an die Hin­ter­män­ner kommt man nicht her­an. Die kon­se­quen­te­re Straf­ver­fol­gung der unmit­tel­ba­ren Täter wäre jedoch der ers­te Schritt.

Ein­bruchs­ver­su­che stei­gen

Die tat­säch­li­chen Zah­len bei Ein­brü­chen gehen in Wunstorf trotz der teils dras­tisch wir­ken­den Taten der­weil zurück. Im ver­gan­gen Jahr, 2016, ver­zeich­ne­te die Poli­zei in Wunstorf deut­lich mehr Ein­brü­che als im Früh­jahr 2017. 138 Mal wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr ver­sucht ein­zu­bre­chen, in 40 % der Fäl­le blieb es beim Ein­bruchs­ver­such. 28 Fäl­le davon konn­ten auf­ge­klärt wer­den.

3 bis 7 Minu­ten“Micha­el Fie­ber, Lei­ter Ermitt­lungs­dienst, zur Zeit­span­ne, die Ein­bre­cher für einen Ein­bruchs­ver­such anf­wen­den

Die gro­ße Zahl an regis­trier­ten Ein­bruchs­de­lik­ten ist para­do­xer­wei­se aber auch dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass die Häu­ser und Woh­nun­gen immer bes­ser gesi­chert wer­den. Ein­bre­cher wür­den es nur eini­ge Minu­ten lang ver­su­chen, in ein Haus ein­zu­drin­gen. Haben sie dann kei­nen Erfolg, ver­su­chen sie es wei­ter beim nächs­ten Objekt. Das treibt die Zah­len in die Höhe.

Von Gam­bia über Ita­li­en und Hol­land nach Wunstorf

Zur Spra­che kamen auch all­ge­mein die stei­gen­den Zah­len bei Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät, oder ganz kon­kret auch das Voll­zugs­de­fi­zit beim Dub­lin-II-Ver­fah­ren: Nach die­sem müss­ten Asyl­be­wer­ber, deren Asyl­an­trag bereits in einem ande­ren EU-Land abge­lehnt wur­de, sofort abge­scho­ben wer­den – um zu ver­hin­dern, dass Asyl­be­wer­ber unzäh­li­ge Anträ­ge in belie­bi­gen Län­dern stel­len. So war Ende April ein Mann aus Gam­bia am Wunstor­fer Bahn­hof aus dem Zug gestie­gen und hat­te letzt­lich bei der Poli­zei um Asyl gebe­ten. Zuvor hat­te der Mann in Ita­li­en und den Nie­der­lan­den Asyl bean­tragt, was jeweils abge­lehnt wor­den war. Als er aus Hol­land abge­scho­ben wer­den soll­te, reis­te er nach Nie­der­sach­sen wei­ter, lan­de­te in Wunstorf – und erhielt ein neu­es Asyl­ver­fah­ren. Hop­pen­stedt konn­te sich zu die­sem Ein­zel­fall nicht äußern, merk­te aber an, dass es hier für ein erneu­tes Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land eigent­lich kei­ne Rechts­grund­la­ge gebe.

Dane­ben war auch der man­geln­de Respekt vor Poli­zei­be­am­ten und ande­ren öffent­lich Bediens­te­ten The­ma. Die Beam­ten bestä­tig­ten auch für Wunstorf den Trend, dass der Respekt vor ihnen, aber auch all­ge­mein in der Gesell­schaft vor­ein­an­der abneh­me, die Umgangs­for­men zu ver­ro­hen droh­ten.

Geset­zes­ver­schär­fun­gen

Hop­pen­stedt infor­mier­te sich nicht nur, son­dern brach­te im Hin­blick auf Ein­brü­che und zuneh­men­de Gewalt gegen Poli­zis­ten auch die Neu­ig­kei­ten aus dem Bun­des­tag zur Spra­che. Denn im Straf­ge­setz­buch und in der Straf­pro­zess­ord­nung tre­ten Ände­run­gen ein. Para­graph 114 StGB wird dahin­ge­hend geän­dert, dass zukünf­tig stär­ker bestraft wird, wer z. B. einen Poli­zis­ten im Dienst angreift, unab­hän­gig von einer Voll­stre­ckungs­hand­lung. Auch Feu­er­wehr­leu­te oder Ret­tungs­sa­ni­tä­ter wer­den mit dem neu­en Para­gra­phen stär­ker geschützt. Auch § 100a StPO wird geän­dert wer­den, der Ein­bruchs­dieb­stahl wird in den Kata­log mit auf­ge­nom­men. Dadurch wird elek­tro­ni­sche Über­wa­chung künf­tig auch dann mög­lich sein, wenn es um Haus­ein­brü­che geht.

Straf­pro­zess­ord­nung (Sym­bol­bild) | Foto: Dani­el Schnei­der

Auch die Min­dest­stra­fe für Ein­brü­che soll stei­gen – weni­ger, um Ein­bre­cher stär­ker abzu­schre­cken, son­dern vor allem dem Wil­len des Gesetz­ge­bers gegen­über den Staats­an­walt­schaf­ten Aus­druck zu ver­lei­hen, dass der­ar­ti­ge Delik­te vehe­men­ter ver­folgt wer­den sol­len. Die Wahr­schein­lich­keit, als Täter nach einem Ein­bruch unbe­hel­ligt zu blei­ben, soll sin­ken.

Selbst­schutz und effek­ti­ve Jus­tiz

Der Kon­sens des Tref­fens war ein­deu­tig. Auf Lan­des­ebe­ne soll­te mehr Geld für die Jus­tiz bereit­ge­stellt wer­den, um die Straf­ver­fol­gung effek­ti­ver zu machen. Gebo­ten sei eine Rück­be­sin­nung auf den Rechts­staat, die teils schon im Gan­ge sei: Es dür­fe nicht vor­kom­men, dass Regeln, die von der Gemein­schaft gesetzt wor­den sind, von eini­gen sank­ti­ons­los nicht ein­ge­hal­ten wer­den.

Selbst­vor­sor­ge bei der Siche­rung von Häu­sern soll­te einen höhe­ren Stel­len­wert ein­neh­men. Dafür schafft der Staat auch Anrei­ze: Ins­ge­samt 50 Mil­lio­nen Euro wur­den nun­mehr bereit­ge­stellt, um Zuschüs­se für die eige­ne Absi­che­rung von Haus und Hof gewäh­ren zu kön­nen.

Auf die Fra­ge, ob damit die Bür­ger nicht erst recht das Ver­trau­en in den Staat ver­lö­ren, stell­te Hop­pen­stedt jedoch klar, dass es ein „Du bist sel­ber schuld“ nicht geben dür­fe, wenn jemand nicht selbst vor­ge­sorgt habe. Ein Mehr an Sicher­heit sei aber immer bes­ser als ein Weni­ger. Alle waren sich zudem einig, dass die Pro­ble­me, wenn sie bestehen, auch benannt wer­den müs­sen, ohne Rück­sicht auf womög­lich vor­han­de­ne gesell­schaft­li­che Tabus zu neh­men.

- Anzeige -
Andreas Balleier Fotografie

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.