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Eklat bei den Kandidatinnenvorstellungen im Stadttheater

07.09.2021 • Daniel Schneider • Aufrufe: 1645

Viel Zustimmung bei den Zuhörern, als die Kandidatinnen zu den Wunstorfer Kommunalwahlen in einem zu dunklen Stadttheater sich und ihre Ziele vorstellten, umrahmt von einem Kabarettprogramm. Aber auch Entrüstung, als eine Bewerberin für den Stadtrat die anderen Parteien zu beleidigen schien.

07.09.2021
Daniel Schneider
Aufrufe: 1645
Daniela Helbsing
Daniela Helbsing stellt sich vor | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). Bewerberinnen für die Orts-, Rats- und Regionsmandate aus Wunstorf bekamen am Montag die Möglichkeit, sich den Wählern genauer vorzustellen: Gleichstellungsbeauftragte Marija Vorona hatte zunächst in die Abtei, dann aber doch ins Stadttheater geladen. Das war auch nötig, denn die Anmeldungen kamen zahlreich, und das Stadttheater war tatsächlich – unter Coronabedingungen – gut gefüllt.

Vorona eröffnete den Abend mit einem Rückgriff in die Geschichte – denn was heute selbstverständlich erscheint, wurde vor 102 Jahren erst errungen: Dass Frauen in Deutschland sich zur Wahl stellen, aber überhaupt auch selbst wählen gehen konnten. Auch ein Jahrhundert nach Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts besteht immer noch ein Ungleichgewicht, Männer in der Politik sind deutlich präsenter als Frauen. Das konnte die Veranstaltung zumindest für einen Moment ausgleichen: Im Publikum saßen nur vereinzelt Männer, die Bühne gehörte dagegen ganz den Politikerinnen – bekannten Gesichtern wie Kirsten Riedel, Christiane Schweer oder Heike Leitner, die schon jahrelang die Lokalpolitik gestalten, aber auch Frauen, die zum ersten Mal kandidieren, etwa Svenja Barembruch oder Kerstin Obladen.

Marlies sagt’s nicht durch die Blume

Marlies Blume
Marlies Blume in Rollenklischeefarben | Foto: Daniel Schneider

Kabarettistin Heike Sauer lieferte mit ihrer Figur Marlies Blume eine fulminante Show und brachte das Männer-Frauen-Ungleichgewicht in Politik und Gesellschaft auf den Punkt. Wenn das Publikum noch nicht überzeugt gewesen wäre, am kommenden Sonntag zur Wahl zu gehen, dann spätestens nach dieser Vorstellung. Sauer spielte mit Wörtern und Rollenklischees gleichermaßen. Die Schwäbin bot eine Darstellung, bei der sie ihren Akzent in die durch viel Wortwitz wirkenden Pointen einbrachte und sich dazu auch der Kostümierung bediente. So wurde Marlies Blume zwischenzeitlich selbst zum personifizierten Rollenklischee im Prinzessinnenkostüm.

Helbsing hat das Auditorium im Griff

Doch das Comedyrahmenprogramm hätte Wunstorfs Gleichstellungsbeauftragte gar nicht dazubuchen müssen, um das Publikum ins Stadttheater zu ziehen und zu halten – das gelang den Politikerinnen auch ganz allein. Mit Überzeugungskraft, Ideen – und ebenfalls nicht wenig Humor. Den ersten Lacher erntete Christiane Schweer (CDU), als sie hemdsärmelig über ihre Chancen zum Einzug in die Regionsversammlung spekulierte: „Die Chancen sind nicht ganz so groß, aber man hat ja schon Pferde kotzen sehen.“

Wenn es wie nach dem TV-Kanzlerkandidaten-„Triell“ eine Umfrage gegeben hätte, wer die Debatte „gewonnen“ hätte – Daniela Helbsing (SPD) hätte wohl gesiegt. Die Lutherin hatte die Lacher auf ihrer Seite und begeisterte das Auditorium mit ihrem eigenen Witz, Selbstironie („Wenn ich in der Natur Müll sammele, denken die Leute, ich suche mein Abendessen“) und den Schilderungen über ihren Einsatz für die Jugend in Wunstorf. Helbsing erntete spontanen Applaus, als sie sagte, dass die beste IT-Ausstattung in den Schulen nichts nütze, wenn niemand da sei, der sie auch anschließen könne.

Kandidatinnenvorstellung zur Kommunalwahl
Der Zuschauerraum liegt für die Kandidatinnen im Dunkeln | Foto: Daniel Schneider

Zu einem Running Gag bei fast allen Kandidatinnen entwickelte sich, dass das Licht im Publikumsbereich fehlte („Ist wirklich dunkel hier!“), wodurch es zu düster war für eine politische Veranstaltung. Die Kandidatinnen waren wie Theaterschauspieler ausgeleuchtet und hatten dadurch keine Chance, Blickkontakt zu den Zuhörern aufzubauen. Diese saßen zwar zahlreich mit Sicherheitsabstand in den Reihen und verfolgten jedes Wort umso genauer, waren aber für die Politikerinnen nicht zu erkennen.

Stimmung kippt

Deutlich ernster erzählte Frauke Meyer-Grosu (SPD), wie schwierig es auch vor 20 Jahren noch gewesen sei, als Frau einen vorderen Listenplatz zu erobern – und welchen Anfeindungen sie dabei ausgesetzt gewesen war.

Dass es im Stadttheater jedoch keine solitäre Kulturveranstaltung, sondern vor allem ein politischer Abend war, wurde zweimal deutlich, als die Stimmung zu kippen drohte. Unfreiwilliges Lachen löste Blumenaus Ortsbürgermeisterin Dagmar von Hörsten (CDU) aus, die ihre Redezeit bereits überzogen hatte und gerade mit der Einleitung „Das ist kurz umrissen …“ und einer Betonung auf „kurz“ noch tiefer in ihren Vortrag einsteigen wollte. Von Hörsten lachte selbst und endete nun direkt im Satz mit „Ich danke für die Aufmerksamkeit“, um das Pult der nächsten Kandidatin zu überlassen.

Jessica Miriam Schülke
Jessica Miriam Schülke | Foto: Daniel Schneider

Dass Kommunalwahl vor allem Personenwahl ist, wurde daran ersichtlich, dass nicht jede der Bewerberinnen verriet, für welche Partei sie überhaupt antrat. Auch bei Jessica Miriam Schülke schien die Aufzählung ihrer Lebensstationen und Ziele jeden Moment in Applaus zu enden, doch als die Stadtratskandidatin anmerkte, dass sie für die AfD antrete und diese für sie die einzige ehrliche Partei sei, rumorte es im Publikum. Die übrigen Kandidatinnen auf der Bühne verzogen die Mienen. Zuschauer lachten entrüstet auf.

Gemeint hatte Schülke, dass sie in dieser Partei ehrliches Interesse an den auch ihr wichtigen Themen gefunden hatte – es in ihrer Rede jedoch doppeldeutig-verkürzt ausgedrückt. Auch als sie über Indoktrination in Wunstorfer Schulen sprach, vorschlug, dass Kinder im zu stärkenden naturwissenschaftlichen Unterricht erst einmal die Grundlagen lernen sollten, bevor freitags „für das Klima geklatscht“ werde, ging deutlich hörbares Räuspern bis Raunen durch den Saal.

Bogen geschlagen

Völlig ohne Männer ging es dann aber doch nicht bei dieser abendlichen Vorstellungsrunde – zumindest nicht ohne deren Erwähnung. Neeltje-Cathérine Hartung (CDU) nutze ihre eigene Vorstellungszeit auch, um zur Unterstützung des Bürgermeisterkandidaten ihrer Partei aufzurufen. Einer von drei Männern, die sich in Wunstorf ganz ohne weibliche Konkurrenz auf das Amt bewerben.

Wunstorfs Gleichstellungsbeauftragte Marija Vorona hatte mit der Veranstaltung an die Kommunalwahlzeit vor 5 Jahren angeknüpft. Auch 2016 hatte die damalige Gleichstellungsbeauftragte Dorothea Diestelmeier eine ähnliche Runde organisiert. Die Teilnehmerinnen wurden von den Parteien entsandt oder meldeten selbst ihre Teilnahme an. Die Kandidatinnen sollten jedoch mindestens für den Stadtrat oder die Regionsversammlung kandidieren. Einige Bewerberinnen konnten krankheitsbedingt nicht teilnehmen. 
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Kommentare


  • Birgit sagt:

    („Wenn ich in der Natur Müll sammele, denken die Leute, ich suche mein Abendessen“).
    Unabhängig von Sebstironie und kabarettistischen Witz (?) ist dieser Ausdruck ein Beispiel für derbe Geschmacklosigkeit, denn es gibt viele Menschen, die in Abfaleimern suchend durch Flaschesammeln ein paar Cent dazubekommen möchten zum käglichen Lebensunterhalt und containern gehen, um sich etwas Essen mehr anzueignen. Wer denkt so charakterlos, um diesen Ausspruch, Sinn hin oder her, mit Lachen zu kommentieren oder gar mit Applaus?

  • Daniela Helbsing sagt:

    Hallo Birgit, wenn man es aus dem Zusammenhang reißt, mag es sich so anhören! Ich sammele den Müll, wo immer ich gehe oder fahre. Pfandflaschen gehören immer neben den Mülleimer, damit Sozialschwache NICHT im Müll wühlen müssen. Zudem unterstütze ich die Wunstorfer Tafel und bin Mitglied eine Foodsharing Gruppe. Wenn ich also an Wegesrändern mundschutz, Scherben, Kippen, Plastik und vieles mehr aufhebe, werde ich oft befremdlich angeschaut- und mit dieser Situation gehe ich mit Humor um.
    Ich hoffe, ich konnte Licht in Ihr (Vor-) Urteil bringen?! Mit freundlichen Grüßen Daniela Helbsing

  • A.R. Niepel sagt:

    @Daniela Helbsing: die SPD möchte in der nächsten Legislaturperiode die Rentner unterstützen – sie möchte den Betrag für Pfandflaschen erhöhen (oder ist das nur ein Gerücht?).

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