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SPD nimmt Sorgen der Betroffenen ernst – Stadt fragt: Wer macht mit im Sanierungsbeirat?

26.07.2026 • Achim Süß • 4 Min.Kommentare: 5

Abseits des Streits um die Gestaltung der Innenstadt bereitet die Stadt die Einrichtung des Sanierungsbeirats vor und sucht Interessierte. Mit einem „Masterplan“ zum Projekt und einem Personalvorschlag für den Arbeitskreis Fußgängerzone tritt die SPD überraschend an die Öffentlichkeit. Damit soll das eigentliche Ziel der Sanierung wieder in den Blickpunkt rücken. Die Sorgen der Betroffenen sollen ernst genommen werden.

26.07.2026
Achim Süß
4 Min.
Martin Ehlerding und Thomas Silbermann am Freitag vor der Schnitterin | Foto: Süß

Wunstorf (as). Die Sozialdemokraten bemühen sich nach den Worten von Martin Ehlerding, „wieder mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bekommen“. Der Chef der Ratsfraktion präsentierte am Freitagnachmittag gemeinsam mit dem Wunstorfer Ortsbürgermeister Thomas Silbermann ein als „Masterplan“ bezeichnetes Papier: Die Sanierung sei keine freiwillige Verschönerung, heißt es darin unter anderem, sondern eine notwendige Zukunftsinvestition.

Auf gut eineinhalb Din-A4-Seiten listet die SPD zunächst bekannte Aussagen dazu auf, warum die Innenstadt saniert werden muss: Die Liste beginnt mit „Straßen und Plätze seien teilweise stark sanierungsbedürftig“, nennt störende Barrieren und fehlendes Grün und endet mit Einzelhandel und Gastronomie, die gestärkt werden sollen sowie Zuschüsse von Bund und Land, die genutzt werden können.

Geschäfte bleiben zugänglich

Ohne Sanierung drohten steigende Unterhaltskosten, weitere Schäden, Wettbewerbsnachteile, Leerstände und Verlust an Attraktivität und Aufenthaltsqualität, warnt die SPD und sagt im nächsten Punkt zu, „die Sorgen ernst zu nehmen“: Die Zugänglichkeit der Geschäfte in der Bauphase bleibe erhalten, die finanzielle Beteiligung werde „gering gehalten“, und es werde einen „direkten Austausch und Abstimmung im Arbeitskreis“ geben.

Die Verwirklichung des Projekts würde folgende Verbesserungen zur Folge haben: barrierefreie Wege, neue Sitzgelegenheiten, moderne Beleuchtung, sichere Querungen, weitere Bäume und mehr Schatten, attraktive Plätze und bessere Aufenthaltsqualität, moderne Infrastruktur. 

Ein Zurück gibt es nicht

Abschließend beschreibt der „Masterplan“ das Verfahren: Der Beschluss für die Sanierung sei „gegeben“, der Auftrag an ein Landschaftsplanungsbüro müsse gefasst werden, die sogenannte Phase Null werde beschlossen und „ermögliche Beteiligung“, der „Arbeitskreis nimmt seine Arbeit auf – mit einem Vorsitzenden aus der Stadtgesellschaft“, auch der Sanierungsbeirat beginne zu arbeiten und nehme „das ganze Sanierungsgebiet in den Blick“.

Ergänzend zu dem Papier riefen Ehlerding und Silbermann in einem kurzfristig angesetzten Pressetermin zwischen Sparkassengebäude und Stadtkirche die Entwicklung des Projekts in Erinnerung. Vor dem Brunnen mit der Arnswalder Schnitterin nannten sie es einen großen Erfolg, dass die Stadt 2021 in ein Förderprogramm aufgenommen worden sei. Zwei Jahre später sei das auch beim Programm „Lebendige Stadt“ gelungen. Ehlerding betonte, „die Beschlüsse sind gefasst!“. Das sei nicht mehr „disponibel“. „Man muss investieren!“, forderte der Fraktionschef: „Nichtstun wird teurer.“

„Nichtstun wird teurer“

Martin Ehlerding

Ehlerding weiter: „Wir ziehen nicht unseren Striemel durch.“ Das werde „den Sozis“ immer gern unterstellt. Tatsächlich sei die SPD bereit gewesen, die Phase Null und die Gründung des Arbeitskreises Sanierung zu verschieben. Silbermann nannte seine Vorstellungen zum weiteren Ablauf: Der Arbeitskreis Sanierung könne in der konstituierenden Sitzung des Stadtrates eingerichtet werden. Dort sowie im Ortsrat Wunstorf und im Rat der Stadt würden anschließend die Details entschieden. Jetzt komme es darauf an, den Startschuss zu geben und dann die Einzelheiten zu klären.

Neustart entschieden abgelehnt

Einen völligen Neustart des Planungsverfahrens lehnte Silbermann entschieden ab: „Was bringt das? Wir verlieren nur Zeit.“ Die „Formate“ seien überlegt und entschieden worden, ergänzte er mit Blick auf die Gremien, die die Projekte Fußgängerzone und Innenstadtsanierung beratend begleiten. Dort könne diskutiert und entschieden werden. Er verstehe nicht, warum CDU, Grüne und FDP einerseits noch beraten wollten und deshalb um Vertagung der Entscheidungen gebeten hätten, andererseits aber in einer gemeinsamen Aktion die Sanierung im Wahlkampf thematisierten. 

Überraschend erklärte Ehlerding außerdem, der Ortsbürgermeister habe sich Gedanken gemacht, wie die eigentlichen Fragen rund um die Innenstadtsanierung wieder in den Vordergrund gestellt werden könnten. Deshalb werde die SPD einen Vorschlag präsentieren, „eine Vertrauensperson“ mit der Führung des Arbeitskreises Fußgängerzone zu betrauen. Nach Informationen der Auepost ist der Abstimmungsprozess über diesen Vorstoß der SPD mit den übrigen Fraktionen noch nicht abgeschlossen. Ehlerding hatte den Personalvorschlag am Dienstag in einer Mail erstmals genannt.

Für das zweite wichtige Gremium im gesamten Verfahren, den Sanierungsbeirat, beginnt die Stadtverwaltung nun mit den Vorbereitungen. Zur Vorbereitung der Besetzung werden jetzt Bewerbungen angenommen. Die Sitze werden später im Losverfahren vergeben.

Der Sanierungsbeirat

Die Zusammensetzung des Sanierungsbeirates sieht neben festen Institutionen auch Bürger- und Interessenvertretungen vor. Folgende Sitze sollen vergeben werden:

■ zwei Bürgervertreterinnen bzw. Bürgervertreter mit Hauptwohnsitz in Wunstorf (inklusiv aller Ortschaften) und Wohnsitz außerhalb des Sanierungsgebietes

■ ein Vertreter der Gastronomie (Inhaber/-in) aus dem Sanierungsgebiet

■ ein Vertreter des Einzelhandels (Inhaber/-in oder Filialleitung) aus dem Sanierungsgebiet ohne Mitgliedschaft in der Werbegemeinschaft

■ ein Vertreter der Eigentümerinnen und Eigentümer aus dem Sanierungsgebiet

■ ein Vertreter der Mieterinnen oder Mieter aus dem Sanierungsgebiet

Die Bewerbungsfrist endet am 31. August 2026. Die Auswahl der Mitglieder soll in einer außerplanmäßigen Sitzung des Bauausschusses am 10. September erfolgen.

Der Sanierungsbeirat soll die Umsetzung des Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzeptes (ISEK) sowie die weitere Entwicklung der Innenstadt beratend begleiten und Interessen aus Bürgerschaft, Wirtschaft, Kultur und weiteren Bereichen zusammenführen. Die Sitzungen sollen drei bis sechs Mal im Jahr angesetzt werden – je nach Notwendigkeit.

Interessierte können ihre Bewerbung bis zum 31. August per E-Mail an innenstadtsanierung@wunstorf.de richten. Die Bewerbung sollte folgende Angaben enthalten: Vor- und Nachname, Anschrift, Kontaktdaten (E-Mail-Adresse, Telefonnummer) und Angabe des Sitzes, für den die Bewerbung erfolgen soll. Die Namen des gastronomischen Betriebs oder des Einzelhandelsgeschäfts müssen genannt werden.
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Kommentare


  • Anonym sagt:

    **Mitsprache als Kulisse**

    „SPD nimmt Sorgen der Betroffenen ernst“ – davon war wenig zu sehen, bevor das Oberlandesgericht Celle das Vergabeverfahren ausbremste. Erst die gerichtliche Entscheidung zwang die Verantwortlichen zum Zurücksetzen des Verfahrens. Die Kosten dafür trägt nicht irgendeine abstrakte „Stadt“, sondern letztlich der Wunstorfer Bürger über ihre gezahlten Steuern.

    Jahrelang wurde mit der besonders attraktiven Innenstadt geworben. Nun soll sie plötzlich in nahezu allen Bereichen dringend sanierungsbedürftig sein: Wege, Beleuchtung, Plätze, Querungen, Bäume und Aufenthaltsqualität. Verbesserungen sind selbstverständlich sinnvoll. Aber wer einen umfassenden Umbau fordert, muss nachvollziehbar erklären, welche konkreten Mängel bestehen und warum gezielte Maßnahmen nicht ausreichen.

    Martin Ehlerding erklärt zugleich: „Die Beschlüsse sind gefasst“, das Projekt sei „nicht mehr disponibel“. Bei der CDU heißt so etwas „alternativlos“. Bei der SPD offenbar „nicht disponibel“. Demokratische Offenheit sieht anders aus.

    Besonders fragwürdig ist deshalb Ehlerdings Aussage: „Wir ziehen nicht unseren Striemel durch.“ Nach dem bisherigen Verlauf kann man durchaus den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Trotz erheblicher Kritik von Bürgern, Geschäftsleuten, Eigentümern und Teilen der Kommunalpolitik wurde am eingeschlagenen Kurs festgehalten. Gestoppt wurde das Verfahren nicht freiwillig, sondern erst durch das OLG.

    Auch Thomas Silbermanns Einwand gegen einen Neustart – „Wir verlieren nur Zeit“ – verdreht Ursache und Wirkung. Die bisherige Verzögerung entstand nicht durch die Kritiker, sondern durch teure Fehler im Vergabeverfahren. Wäre dieses von Anfang an rechtssicher durchgeführt worden, wäre man heute vermutlich weiter.

    Nun wird ein Sanierungsbeirat präsentiert. Sechs Vertreter aus Bürgerschaft, Gastronomie, Einzelhandel, Eigentümerschaft und Mieterschaft sollen öffentlich ausgelost werden. Das Losverfahren ist fair. Es ändert aber nichts am Kernproblem: Der Beirat soll lediglich „beratend begleiten“. Entscheiden darf er nichts.

    Damit entsteht der Eindruck von Mitsprache, ohne echte Entscheidungsmacht zu übertragen. Die Mitglieder dürfen reden, empfehlen und Bedenken äußern – verbindlich ist davon nichts.

    Wer die Sorgen der Betroffenen wirklich ernst nimmt, erklärt nicht gleichzeitig, die entscheidenden Beschlüsse seien ohnehin nicht mehr verhandelbar.

    Die Wunstorfer sollten sich bis zur Kommunalwahl merken, wer die Fehler zu verantworten hat, wer die Kosten bezahlt und wie viel diese angebliche Bürgerbeteiligung tatsächlich wert ist.

    • Ansgar L. sagt:

      Warum auch sollten GELOSTE Mitglieder des Sanierungsbeirates den GEWÄHLTEN Vertretern etwas verbindliches vorschreiben dürfen?! Wie kann man das überhaupt in Frage stellen…?

  • Petra Von Paul sagt:

    Die Sorgen der Betroffenen ernst nehmen – selten passten Überschrift und Inhalt so schlecht zusammen. Erst erklärt die SPD, die entscheidenden Beschlüsse seien längst gefasst und „nicht mehr disponibel“. Dann wird ein echter Neustart barsch abgelehnt. Und anschließend verkauft man den Betroffenen einen Arbeitskreis als große Beteiligung, in dem offenbar nur noch über Einzelheiten gesprochen werden darf. Das ist keine Beteiligung, sondern nachträgliche Dekoration bereits getroffener Entscheidungen.
    Besonders dreist ist die Formulierung, die finanzielle Beteiligung der Eigentümer werde „gering gehalten“. Was heißt denn bitte „gering“? Zehn Euro, tausend Euro oder mehrere Zehntausend? Solange keine konkreten Zahlen auf dem Tisch liegen, ist das nichts als eine Beruhigungspille. Zu möglichen Ausgleichsbeträgen, Grundbucheinträgen, Genehmigungspflichten und Einschränkungen für Eigentümer fällt in diesem sogenannten Masterplan offenbar wieder erstaunlich wenig Konkretes ein.
    Und natürlich darf auch das übliche Totschlagargument nicht fehlen: Wer nicht sofort zustimmt, betreibt angeblich „Nichtstun“, und das werde am Ende teurer. Nein. Zwischen Nichtstun und einem überhasteten, schlecht kommunizierten und nicht ausreichend abgestimmten Verfahren liegen noch ein paar Möglichkeiten. Zum Beispiel vernünftig planen, Betroffene rechtzeitig informieren und Einwände nicht erst dann „ernst nehmen“, wenn der öffentliche Druck zu groß geworden ist.
    Nun möchte die SPD auch noch selbst eine „Vertrauensperson“ für den Vorsitz des Arbeitskreises präsentieren. Das hat fast schon satirische Qualität. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass diejenigen, die das bisherige Verfahren politisch mitgetragen haben, nun auch noch bestimmen möchten, wer die anschließende Beteiligung moderiert.
    Erst Fakten schaffen, dann Arbeitskreise gründen und das Ganze als Dialog verkaufen – genau diese Art Politik hat das Vertrauen verspielt.
    Wer die Betroffenen wirklich ernst nimmt, erklärt nicht vorher alles für unumkehrbar. Alles andere ist Etikettenschwindel mit freundlicher Überschrift.

  • Heinz-Dieter Badke sagt:

    PvP trifft es m. E. doch sehr genau.

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