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Speaker’s Corner unterm Bürgermeisterbüro: Pavel sieht die Stadt am Scheideweg

21.09.2026 • Achim Süß • 4 Min.Kommentare: 3

Die erste Runde der Wahl ist gelaufen. Die Zielfotos zeigen Überraschendes. Vertraute Namen fehlen auf den Siegerlisten. Die Stichwahl bringt weitere Klarheit. Fest steht: Der Wahlkampf war intensiv – auf den Straßen und vor allem in neuen Medien. Martin Pavel griff am Freitag zu einem besonderen Stilmittel: Nahe des Rathauses hielt er eine Rede. Wunstorf sieht er am Scheideweg und zitierte Willy Brandt: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“

21.09.2026
Achim Süß
4 Min.
Pavel redet auf dem Marktplatz | Foto: privat

Wunstorf (as). Martin Pavel (CDU) hat Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) am 13. September überflügelt und in die Stichwahl gezwungen. Der zweite Wahlgang am 27. September, bei dem es auch darum geht, die Regionspräsidentin oder den -präsidenten zu bestimmen, war von vielen erwartet worden. Dass Pavel die erste Runde gegen den Amtsinhaber mit einem Vorsprung von 835 Stimmen gewonnen hat, gehört zu den verblüffenden Resultaten. Bemerkenswert: In Idensen lag Pavel bei der Briefwahl knapp 22 Prozent vor Piellusch.

Kurzer Menschenauflauf

Vom Aufwind beflügelt, hat der CDU-Kandidat am späten Freitagnachmittag quasi unter dem Fenster des Bürgermeisterzimmers eine kurze Rede gehalten. Der scheinbar spontane Menschenauflauf vor der Stadtkirche war nach wenigen Minuten beendet und erinnerte an die alte britische Tradition der Speaker’s Corner – englisch für „Ecke der Redner“ – im Hyde Park. Dort darf seit 1872 jede Person ohne Anmeldung zu einem beliebigen Thema frei sprechen.

Die Auepost dokumentiert Pavels Rede auszugsweise:

Wunstorf steht an einem Scheideweg (…) Viele Gespräche finden heute in kleinen, vertraulichen Runden statt. Ein Beispiel ist der sogenannte „Kleine Rat“. Natürlich müssen manche Dinge vertraulich bleiben. Aber Vertraulichkeit darf nicht zur Regel werden. Was wir öffentlich erklären können, erklären wir auch öffentlich. Denn wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass wichtige Dinge schon entschieden sind, bevor öffentlich darüber gesprochen wird, geht Vertrauen verloren. Unser finanzieller Spielraum wird kleiner. (…) Und deshalb müssen wir ehrlich sein: Wir können nicht alles gleichzeitig machen. Deshalb brauchen wir einen Kassensturz. (…) Es kann nicht funktionieren, über schwierige Finanzen zu sprechen und gleichzeitig immer neue Millionenprojekte zu versprechen. Deshalb sage ich: Schluss damit. (…) Schluss mit dem Prinzip: Erst versprechen, dann bezahlen. Wir müssen es andersherum machen. (…) Aber wir müssen auch wieder besser miteinander umgehen. Politik darf hart in der Sache sein. Aber sie darf nicht persönlich werden. Kritiker sind keine Gegner. Andere Meinungen sind keine Bedrohung. Und Kritik ist nicht automatisch ein Angriff. Deshalb wünsche ich mir eine andere politische Kultur: Mehr miteinander reden. (…) Deshalb würde ich für die ersten 100 Tage einen großen gemeinsamen Austausch vorschlagen. Eine große Runde für Wunstorf. Mit Politik und Verwaltung. Aber auch mit Vereinen, Wirtschaft und Ehrenamt. Mit Jugendlichen und Senioren. Mit Menschen aus der Kernstadt und unseren Ortsteilen. Und dort stellen wir drei einfache Fragen: Wo steht Wunstorf? Wo wollen wir hin? Wie kommen wir gemeinsam dorthin? (…) Und wir hören einander zu. Ohne Vorfestlegungen. Ohne Denkverbote. (…) Willy Brandt hat einmal gesagt: „Mehr Demokratie wagen.“ Ich finde, dieser Satz passt auch heute. Mehr Demokratie bedeutet für mich nicht mehr Sitzungen. Und auch nicht mehr Bürokratie. Es bedeutet: Mehr Offenheit, mehr Transparenz, mehr Beteiligung. Und mehr Respekt. Was wir jetzt brauchen, ist: Ein Kassensturz, eine offene Debatte. Klare Prioritäten. Und den Mut, auch einmal etwas anders zu machen.

Schulterschluss beim Markt

Pavels Ansprache wurde von etwa 50 Personen verfolgt. Darunter waren außer Passanten vor allem Parteifreunde, Weggefährten, Vertreter der Werbegemeinschaft, der „Freunde der Innenstadt“, aber auch der FDP und der Grünen. Dieser Schulterschluss à la Jamaika-Bündnis hatte am Vormittag auch die Eindrücke geprägt, die sich beim Wochenmarkt boten. Die Innenstadt war brechend voll, und wer auf der Suche nach Motiven von urbanem Leben war, kam reichlich auf seine Kosten.

Zwischen Alter Apotheke, Ratskeller und „Weber-Brunnen“ tummelten sich neben Marktbeschickern und Wahlkampfständen gut gelaunt die Protagonisten des Wahlbündnisses von Grünen, FDP und CDU. Den Ansagen von Partei- und Fraktionsvorstand entsprechend, erinnerten Wahlkampfteams und Kandidaten an den Termin der Stichwahl und verteilten Werbematerial.

Stichwahl im Blick

Mögliche Koalitionen oder Kooperationen seien in diesen Tagen noch kein Thema, hatten die Fraktionschefin Christiane Schweer und der Parteivorsitzende Martin Pavel in einem Pressegespräch am Donnerstag erklärt. Jetzt stehe einzig die Stichwahl im Blickpunkt. Dabei, so Pavel, werde sich das Zweckbündnis Schwarz-Grün-Gelb – gelegentlich auch „Schwampel“ genannt – als „Einheit präsentieren“: gemeinsame Auftritte sollen bis zum Sonntag Wähler für den CDU-Kandidaten mobilisieren, neue Reels und Videobotschaften kommen hinzu.

„Chaos droht nicht“

Pavel erklärte, es sei ihm gelungen, „klassische SPD-Wähler zu überzeugen“. Nicht die Partei stehe im Vordergrund, sondern die „Person Pavel“. Das sei als Strategie erfolgreich gewesen, und das bleibe das Konzept bis zur Stichwahl. Die Motivation bei allen Wahlkämpfern sei groß, die Wechselstimmung deutlich zu spüren. Der zum Teil gemeinsame Wahlkampf mit Liberalen und Grünen habe Verbindungen und Vertrauen vertieft.

Der Parteichef, Ratsherr und Bürgermeisterkandidat stellte klar, im neuen Rat erwarte er angesichts von acht politischen Gruppierungen und unklaren Mehrheiten kein Chaos. Pavel: „Das droht nicht! Wir kennen uns alle, sind Nachbarn, Kameraden in der Feuerwehr und im Sportverein. Wir reden doch miteinander.“ Es dürfe nicht vergessen werden, dass es immer um das Wohl der Bevölkerung gehen müsse und nicht um das der Parteien.

SPD bleibt stärkste Kraft

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es einfache Bündnisse auf Anhieb kaum geben wird. Im 40-köpfigen Rat ist die SPD weiterhin stärkste Fraktion. Statt 16 hat sie künftig 13 Mandate. Zweitstärkste Kraft ist die CDU, die einen Sitz verliert und nun 12 Ratsmitglieder hat. Die Grünen verlieren zwei Mandate und schicken nun fünf Vertreter in den Rat. Ebenfalls fünf Sitze hat die AfD errungen. Bisher stellte sie zwei Ratsherren. Die Linke entsendet zwei Ratsmitglieder. Im aktuellen Rat, der bis in den November 2026 amtiert, war sie nicht vertreten. Je einen Sitz haben FDP, Freie Wähler und BSW errungen.

Die CDU-Fraktion hat sich, wie berichtet, schon am Abend nach der Wahl konstituiert. Dort endet eine Ära: Christiane Schweer hat ihren Vorsitz aufgegeben. Die Fraktion wird künftig von Bernd Heidorn geführt. Die übrigen Vorstandsmitglieder bestimmt die Fraktion später. Die Christdemokraten stehen vor einer Zäsur: Heidorn muss fünf Neulinge einarbeiten – und das Ausscheiden von fünf erfahrenen Mitstreitern kompensieren: Ulrike Hansing, Manfred Wenzel, Jörg Uebelmann, Nils Töldtau und Bernd Schinke sind nicht wiedergewählt worden.

Vertraute Gesichter fehlen

Das gilt auch für Klaus Maurer von der FDP. Den einzigen Sitz der Liberalen hat Parteichef Daniel Farnung erkämpft. Bei den Grünen müssen Anne Dalig, Birgit Mares und Marvin Nowak ersetzt werden. Mares und Nowak haben nicht erneut kandidiert. Nicht bestätigt wurden bei der SPD die Mandate von Katrin Funk, Frauke Meyer, Renate Rohde, Elisabeth Stege, Wilhelm Bredthauer, Jan-Frerk Mandel, Rainer Meseke und Sven Tometzki. Die neuen Fraktionen der Sozialdemokraten und der Grünen konstituieren sich in den nächsten Tagen.

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Kommentare


  • Mike sagt:

    Bemerkenswert, diese „spontane Kundgebung“ – mit Videografen der Werbeagentur Dreist, Sponsoren und Unterstützern aus der Werbegemeinschaft, der BI Innenstadt und des Zweckbündnisses. So viel geballte „Spontaneität“ wirkt dann doch ziemlich gut organisiert.

    Und wo war eigentlich Herr de Groot? Gerade vor dem Hintergrund seines offensichtlichen Interesses an einem Wahlerfolg von Herrn Pavel wäre seine Anwesenheit bei dieser „spontanen“ Aktion doch durchaus interessant gewesen.

    Da stellt sich schon die Frage: Wie nennt man es eigentlich, wenn zahlreiche Wirtschaftsakteure ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Wahlausgang haben und sich entsprechend engagieren?

    Ich bin gespannt, ob Herr Süß diesen Kommentar zulassen wird, oder ob die „spontane“ Meinungsvielfalt an dieser Stelle endet.

    • Ganz einfach sagt:

      Sehr geehrter Mike!

      Sie fragen: „Wie nennt man es eigentlich, wenn zahlreiche Wirtschaftsakteure ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Wahlausgang haben und sich entsprechend engagieren?“

      Hier meine Antwort: Vernunft!

      Oder etwas ausführlicher: Genug ist genug! Wie brauchen endlich einen Bürgermeister, der nicht nur nett ist, das sind beide Kandidaten, sondern handelt und Probleme löst. Davon haben wir mehr als genug.

  • centrodelmargine sagt:

    Guten Tag, Mike.
    Im Artikel wird doch – dezent – von einem „scheinbar (!) spontanen Menschenauflauf“ gesprochen.
    „Und wie nennt man das eigentlich, wenn … ?“
    Die Frage ist nicht schwer zu beantworten: das ist Wahlkampf. Vielleicht Wahlkampf der etwas anderen Art. Die Wählerinnen und Wähler können dafür ihre B-Note vergeben.

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