
Wunstorf (red). Das Ergebnis der gestrigen Stadtratswahl würfelt das politische Gefüge in Wunstorf gehörig durcheinander. Die alten Gruppen existieren nicht mehr, und neue lassen sich mit den jetzigen Sitzverteilungen im Rat kaum bilden. Eine stabile Mehrheit hätte ausgerechnet nur die Koalition, die zuletzt krachend auseinandergebrochen war.
Theoretisch gibt es trotz der großen Zuwächse für die AfD, die nun genauso viele Sitze wie die Grünen bekommen, eine linke Mehrheit, sofern man das BSW hinzurechnet. Praktisch aber haben sich die Grünen mit der FDP an die Seite der CDU und gegen die SPD gestellt, so dass es keine feste linke Mehrheitsgruppe geben kann.
Die SPD steht allein da und kann auch zusammen mit Linkspartei und BSW allein keine Mehrheit erlangen. Dazu wären mindestens 21 Sitze im Rat nötig. SPD, BSW und Linkspartei zusammen kommen im Wunstorfer Rat jedoch nur auf 16 Sitze.

Das konservative Lager kann ebenfalls keine eigenen Mehrheiten bilden: Eine Zusammenarbeit mit der AFD schließt die CDU aus, und auch wenn CDU, Grüne, FDP und Freie Wähler eine Gruppe bilden würden, käme man damit nur auf 19 Sitze – zwei zu wenig für eine Mehrheit im Rat.
Die möglichen Bündnisse müssten, um eine Mehrheit zu haben, mindestens 21 Sitze erreichen. In den Graphiken wird die Stadtratsmitte durch den magentafarbenen Strich markiert – er teilt den 40-köpfigen Rat in genau zwei Hälften zu 20 Sitzen. Ein Parteienzusammenschluss muss den Strich möglichst weit überschreiten, um eine stabile Mehrheit zu haben.





Die stabilste Mehrheit wäre die, die es bereits in der vergangenen Ratsperiode gab: Die Mehrheitsgruppe aus CDU und SPD. Nach den vergangenen Ereignissen, der Aufkündigung der Mehrheitsgruppe infolge des Streites um die Innenstadt, scheint auch das in Zukunft aber keine einfache Option zu sein.
Sofern keine Verständigung gelingt, würde dann das eintreten, wofür etwa die Grünen bereits vor 5 Jahren geworben hatten: Eine Ratspolitik, bei der für Projekte mit wechselnden Mehrheiten gearbeitet wird. Für jede Entscheidung müssten dann die einzelnen Parteien im Rat überzeugt werden. Dies hätte eine starke Verschiebung von der bisherigen Parteipolitik zu einer weitreichenderen Sachpolitik zur Folge.
Fest steht jedenfalls schon jetzt: Unabhängig davon, ob in zwei Wochen Martin Pavel (CDU) das Bürgermeisteramt übernimmt oder Carsten Piellusch (SPD) sein Amt fortführt – keiner von beiden kann in diesen Konstellationen auf eine eigene sichere politische Mehrheit im Stadtrat bauen. Es wird wahrscheinlicher, dass der künftige Bürgermeister sich mit wechselnden Mehrheiten wird arrangieren müssen.
Alternativen dazu gibt es nicht: Der Bürgermeister kann den Rat nicht auflösen, wenn sich wie bei einem Parlament keine stabilen Mehrheiten bilden lassen. Neuwahlen sind für solch einen Fall auf kommunaler Ebene nicht vorgesehen.
Wird es nicht langsam langweilig? Ob „Bürgerin“, „Anonym“, am Ende wirkt es doch immer wieder wie dieselbe Person oder eine kleine Gruppe, die hier ihre immergleichen Botschaften verbreitet.
Und dann die Behauptung, die SPD sei gescheitert. Woran genau eigentlich?
Die Koalition wurde nicht von der SPD beendet, sondern von der CDU, aus wahltaktischen Gründen. Wer das ausblendet, verdreht schlicht die Fakten. Auch die Hinterzimmerpolitik aus der Eberhardt-Zeit gehört zur politischen Bilanz der CDU. Wer glaubt, mit einem neuen Bürgermeister Pavel würde sich was ändern, der ist leider naiv.
Und auch das Wahlergebnis gibt die Erzählung vom „Scheitern der SPD“ nicht her. Drei verlorene Sitze sind vor allem im Zusammenhang mit den veränderten Mehrheitsverhältnissen und dem neuen „Bunten Rat“ zu betrachten.
Kurz gesagt: Wer der SPD ein Scheitern vorwerfen will, sollte schon mehr liefern als ein Schlagwort. Politische Bewertung ersetzt keine Fakten.
Lieber Maik,
kurz gesagt: das scheitern der letzten Koalition hat der Bürgermeister zu verantworten, dessen Aufgabe es gewesen wäre zu vermitteln und einen Konsens zu erarbeiten.
Sorry, aber das traue ich Herrn Piellusch im neuen Rat mit wechselnden Mehrheiten nicht zu. „Erfahrung wählen“ klingt vor dem Hintergrund nach blankem Zynismus. :-x
Jammern über den angeblich immer gleichen Menschen dem Sie ihre eigene Erzählung schönreden wollen hilft weder der Debatte noch der konstruktiven Auseinandersetzung mit den schwindenden Zustimmungswerten.
Wäre vielleicht ne gute Idee, die Brandtmauer offiziell zu beerdigen und auf lokaler Ebene so flexibel wie möglich zu reagieren.
Meines Erachtens wird die „Problematik“ einer „Koalitionsbildung“ im Rat hoffnungslos überbewertet: Wunstorf ist nicht Berlin, und eine kommunale Vertretung ist kein Bundestag! Ohne dies ohne Beiziehung von Ratsprotokollen verifizieren zu können, behaupte ich, dass seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten etwa 90 % der vom Rat getroffenen Entscheidungen mit breiten Mehrheiten getroffen worden sind, „Koalitionen“ hin oder her! Warum? Weil die Vorlagen aus der vom Bürgermeister geleiteten Verwaltung kommen, und jeder Amtsinhaber – gleich welcher politischen Couleur – ist aus nahe liegenden Gründen darauf bedacht, mit seinen Volagen keinen „Schiffbruch“ im Rat zu erleiden (ausgenommen lediglich derart zugespitzte Problemkreise wie die Innenstadtsanierung) und sich für seine Pläne breite Mehrheiten zu sichern. Und im Falle vereinzelter kontrovers diskutierter Entscheidungen: Soll und wird ein Bürgermeister eine sachgerechte Vorlage nur deshalb zurückziehen, weil diese (auch) von jener Partei jenseits der berühmt-berüchtigten „Brandmauer“ unterstützt wird?
Wenn die CDU etwas dazugelernt haben sollte, macht sie sich nicht wieder zum Steigbügelhalter der SPD.
Man kann auch ohne Gruppenbildung vernünftige Politik machen. Mit wechselnden Mehrheit. Weniger Absprachen in Hinterzimmern und Gruppenzwang, mehr Vernunft und offene Kommunikation mit dem Bürger.
Liebe SPD, genau daran seid Ihr gescheitert! Inklusive Eures Bürgermeisters! Und natürlich, weil in dieser Stadt kaum noch etwas geklappt hat.