
Wunstorf (as). Es war ein Versuch – aus der Situation entstanden: Ein Auditorium von mehr als 60 Personen und Temperaturen von gut 30 Grad ließen die Organisatoren improvisieren. So wurde die Südstraße nicht nur zum Thema, sondern auch zum Schauplatz der gemeinsamen Info-Runde von CDU, Grünen und FDP.
Zwischen der Wahlkampfzentrale von Bürgermeisterkandidat Martin Pavel und dem Bekleidungshaus Kolossa verfolgte eine bunt gemischte Menge in Freizeitkleidung die Diskussion. Auf Bierzeltgarnituren sitzend, die historische Bausubstanz und das viel diskutierte Pflaster direkt vor Augen, oder mit dem Rücken an einer Hauswand lehnend, erzeugte das zufällig zusammengewürfelte Publikum fast eine Agora-Atmosphäre. Wie auf dieser Versammlungsstätte des antiken Griechenland ging es in idealer Szenerie um Meinungen, Erfahrungen, Politik und Kommunikation.
Im Mittelpunkt die Frage, die den Alltag vieler Wunstorfer beherrscht: Was wird aus der Innenstadt?
Die zweistündige Veranstaltung der drei Parteien, die sich zu einem nicht erklärten Jamaika-Bündnis zusammengefunden haben, um Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) abzulösen, entpuppte sich als informatives, von Sachlichkeit und Kompetenz geprägtes Diskussions- und Informationsformat.

Dass die Aktion gelang, war vor allem das Verdienst von Moderator Carsten Ens. Seine Gesprächsführung war wie gewohnt professionell, locker und amüsant – getragen von einer konsequenten Dramaturgie und einem Interviewkonzept, das es so in Wunstorf noch nicht gab: Angelehnt an die sogenannte Fishbowl-Methode, wechselten sich die eingeladenen Sprecher alle paar Minuten auf dem Stuhl in der Mitte zwischen Ens und Pavel ab.

Nicht vertreten waren Repräsentanten der Stadtverwaltung. Mit Hinweis auf den nahen Wahltermin und die Verpflichtung zur Neutralität hatten die Eingeladenen ihre Teilnahme abgesagt. Wer befürchtet hatte, der Termin werde zu einem Scherbengericht für die Befürworter der Ideen zum Umbau der Innenstadt, wurde enttäuscht.
Die Kritik blieb maßvoll und fundiert, persönliche Angriffe wurden vermieden, auch wenn es den Wortbeiträgen nicht an Deutlichkeit mangelte. Die Auepost gibt die Stellungnahmen aus der zweistündigen Veranstaltung hier in komprimierter Form in direkter Rede wieder.
„Acht Monate sind vergangen seit unserem offenen Stammtisch zur Innenstadt. Heute stehen wir alle immer noch am selben Punkt. So verfahren wie dieses Thema ist: Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so etwas gab. Wir sind heute alle nicht schlauer als am Anfang. Die Kommunikation der Stadt ist nicht zufriedenstellend. Auch nicht in Richtung Rat. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wir würden gern unbedingt die Gründe des Oberlandesgerichts (für den sogenannten rechtlichen Hinweis an die Stadt. Anm. d. Red.) erfahren. Wir kennen die Schreiben der Richter und deren Argumente bisher nicht. Vor zehn Jahren hat die Stadt 300.000 Euro investiert, um den Marktplatz vor der Stadtkirche zu erneuern. Warum muss das jetzt wieder sein?“

Auf eine Frage von Ens, ob der Rat das gesamte Verfahren eventuell doch noch komplett neu starten werde:
„Politik kann alles ändern. Das sage ich immer gern. In diesem Fall hätten wir doch alle mit den Wimpern gezuckt, wenn wir über die Details rechtzeitig informiert worden wären. Es ist ein Mangel im Verfahren, dass nicht alle Betroffenen von der Stadt zur Informationsveranstaltung in der Abtei eingeladen worden sind. (Anmerkung: Nach Informationen der Auepost haben die Anlieger der Speckenstraße und der Wasserzucht keine Briefe aus dem Rathaus erhalten.) Es deutet alles darauf hin, dass die Bauverwaltung ihre Expertise zum Sanierungsgebiet erst entwickelt hat, als sie vom Büro DSK aus Wiesbaden auf die Notwendigkeit einer Informationsveranstaltung hingewiesen wurde.“
„Die preisgekrönten Entwürfe haben den Charakter der Fußgängerzone mit den Straßenbelägen und den Gossen nicht beachtet. Die Ritzen zwischen den Pflastersteinen sind zum Teil tief und ausgeprägt. Die Stadtkirche ist von herausragender Bedeutung in der Stadtgeschichte. Das muss erhalten bleiben. Die Absenkung des Marktplatzes sollte beibehalten werden. Eine schiefe Ebene, wie geplant, wird so abschreckend sein wie der Barneplatz. Wir wollen, dass die mittelalterliche Gemütlichkeit erhalten wird.“
Frank Ludowig (Unternehmer, Anlieger und aktiv in der Bürgerinitiative „Freunde der Innenstadt“) auf die Frage des Moderators, ob Wunstorf noch ein Einkaufsparadies sei:
„Ja. Das kann man jeden Dienstag und Freitag erleben. Dann ist die Innenstadt rappelvoll wegen der Märkte.“
„Der Arbeitskreis Fußgängerzone, den die Stadt in den 70er Jahren eingerichtet hatte, ist doch die beste Vorlage, die man haben kann für die weitere Beratung. Damals wurden von der Stadt alle mitgenommen. Wir haben die Ideen gesammelt, und im Arbeitskreis Fußgängerzone beraten und entschieden. Der Arbeitskreis, wie er jetzt geplant ist, bleibt ohne Wirkung und Kompetenz. Wir wünschen uns, dass die Innenstadt als Erlebnisstadt gestaltet wird. Erlebnisstadt mit Erlebniseinkauf. Im Rückblick auf die bisherigen Veranstaltungen: Es gibt ein Informationsdefizit. Das ist ein Grund dafür, dass wir hier sitzen. Die Sanierung der Innenstadt von Innsbruck könnte ein Vorbild sein: Dort hat man die Fußgängerzone neu gestaltet und zwar parzellenweise immer 30 bis 50 Meter. Der Belag ist entfernt worden, man hat in die Tiefe gegraben, die Leitungen geprüft und erneuert, und schließlich neu gepflastert. Dem könnte man hier folgen.“
„Das, was die Stadt mit der Sanierungssatzung vorhat, hat den Charakter einer Enteignung. Das ist ein Unding. Die Stadt verlangt Mitsprache bei Verträgen, die unsere Häuser betreffen: Warum muss das sein? Dann wird von Wertsteigerung und Wertzuwachs für unsere Immobilien gesprochen. Ich stelle das in Frage. Ich erwarte vielmehr Wertminderungen: Bis zu 15 Jahre Bauzeit werden nicht alle Unternehmen überleben. Bei dieser Tragweite der Sanierung reichen Presseinformationen oder ein Ratsbeschluss nicht aus. Viele Betroffene wurden nicht erreicht. Wir wünschen uns ein offenes Ohr im Rathaus.“

„Wir müssen das Blatt wenden! Der neue Rat kann sagen: Wir starten das Verfahren neu. Und die Stadtverwaltung muss offenlegen, welche Optionen es gibt. Wie muss der Wettbewerb zu Ende geführt werden? Das muss bis zur Konstituierung des neuen Rates geklärt werden. Der Stadtgraben und die Südstraße müssen in den Blick genommen werden. Das gehört auch dazu.“
„Was war eigentlich am Anfang die Ausgangslage? Viele Wünsche sind formuliert worden. Aber irgendwann ist die Kommunikation abgerissen, und der Rat hat beschlossen. Das geht manchmal hopplahopp. Und wir werden auch unter Druck gesetzt. Aber es ist unsere eigene Schuld, wenn wir das zulassen. Am liebsten wäre mir, wir würden ganz von vorne anfangen. Die Standpunkte der Bürgerinitiative, der Notgemeinschaft und der Werbegemeinschaft müssen beachtet werden.

„Wir wünschen uns Fingerspitzengefühl bei der Neugestaltung: Der Charme der Innenstadt muss erhalten bleiben. Am besten für das weitere Verfahren wäre ein extern moderierter Workshop. Es tut weh, zu sehen, dass die Bürgerschaft sich spaltet.“
Die Meinungsäußerungen blieben nicht auf geladene Teilnehmer beschränkt. Ens ermunterte auch die Zuhörerinnen und Zuhörer, sich aktiv zu beteiligen.
Jens Drenge (Marktbeschicker seit 33 Jahren):
„Der Markt und die dortigen Veranstaltungen prägen den Charakter der Stadt. Wunstorf ist als Standort sehr attraktiv. Wenn wir wegen der Bauarbeiten jahrelang ausweichen müssen, wird hinterher nichts mehr so sein wie jetzt.“
Friederike Kauke, engagiert sich im Sozialverband Deutschland, äußerte sich ausdrücklich als Privatperson. Sie brachte ihre Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin ein. Ihr überzeugendes Plädoyer für Veränderungen erntete viel Beifall:

„Es muss mehr mit den Betroffenen gesprochen werden: Man muss echte Teilhabe schaffen. Die gibt es hier nicht. Das Thema ist nicht sexy, und es kostet Geld. Barrierefreiheit ist für alle gut. Es fehlt eine Geh- und Fahrspur für Menschen mit Einschränkungen beim Laufen. Gut wäre eine ebenerdige Spur, die breit genug ist, dass sich auch zwei Rollstühle begegnen können. Es gibt zu wenige Parkplätze für Behinderte. Die jetzige Situation ist eine Katastrophe. Es fehlt eine öffentliche Toilette für alle.“
„Wir kriegen das hin“, lautete das Schlusswort von Martin Pavel, des gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten von CDU, FDP und Grünen. Es habe sich in den zwei Stunden Meinungsaustausch gezeigt, „dass es eine tolle Stadtgesellschaft gibt.“


Carsten Ens, der Moderator, nannte den Abend konstruktiv. Die Beiträge seien verantwortungsbewusst gewesen. „Es war nicht laut!“, lobte er. Und tatsächlich bot der Termin das, was die Innenstadt bieten soll: urbanes Leben. Verwunderte und interessierte Passanten blieben stehen und hörten zu, andere radelten ungerührt weiter. Nicht alle Teilnehmer gingen am Schluss gleich nach Hause.
Die einen mussten noch aufräumen, die anderen diskutierten im kleinen Kreis weiter. Eine der Fragen dabei: Warum gelingt es dem Rathaus nicht, auch solche Runden erfolgreich zu organisieren?
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