
Wunstorf (as). Minutiös und nicht ohne humorvoll-ironische Anmerkungen hat der städtische Fachbereich Straßenbau den geplanten und den wirklichen Baufortschritt am Barnekreisel Woche für Woche dokumentiert. Entstanden ist eine knapp 130 Seiten starke Präsentation. Es ist die detaillierte Übersicht über Planungsabschnitte, unerwartete Störungen und Behinderungen, Zuständigkeits- und Kompetenzwirrwarr, Fehler, systematische Schwächen und Reibungsverluste.
Die Analyse ist zu einem tiefen Einblick in den Alltag der Kommunalverwaltung und vor allem des Straßenbaus geworden. Schonungslos ist das Team um Fachbereichsleiter Simon Schlüter den Abläufen buchstäblich auf den Grund gegangen. Erkenntnis: Die Stadtverwaltung hat wenig Einfluss, ist auf Kompetenz und Kooperationsbereitschaft von „Leitungsträgern“ wie zum Beispiel die Telekom angewiesen, muss mit unklaren oder falschen Unterlagen fertigwerden und hat offensichtlich ein gravierendes Kommunikationsproblem im eigenen Haus.
Nach langem Hin und Her ist die hausinterne Untersuchung jetzt in einer gemeinsamen Sitzung von Ortsrat Wunstorf und Bauausschuss präsentiert und erläutert worden. Das Dokument ist auch öffentlich zugänglich: Über das Rats- und Bürgerinformationssystem der Stadt ist es im Internet für jeden einsehbar. Ein erster Versuch des Fachbereichs, im September im Ortsrat vorzutragen, war gescheitert, weil das Gremium nach zweistündiger Beratung anderer Tagesordnungspunkte nicht auch noch eine mehr als 100-seitige Präsentation über sich ergehen lassen wollte.
Die „wirklich gute Analyse“, so Ortsbürgermeister Thomas Silbermann (SPD) jetzt nach dem Vortrag, löste ein Frage- und Antwortspiel in der Sitzung aus. Konkrete Konsequenzen zeichnen sich noch nicht ab. Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) antwortete auf eine Frage Silbermanns nach „Verbesserungen“, vieles könne sofort umgesetzt werden. Details nannte er nicht. Konsequenzen würden aber auch mit der „Verwaltungsstruktur 2035“ gezogen. Was damit gemeint ist, blieb unklar.
Piellusch sprach seinen Mitarbeitern „vielen herzlichen Dank“ aus. Er hob hervor, der Fachbereich arbeite mit „hoher Kompetenz“. Deshalb habe „vieles wehgetan“, was an Kritik zu hören und zu lesen gewesen sei. Die Verwaltung sei sich über die Belastungen für Anlieger und Nutzer bewusst und bedaure die Entwicklung. Schon zu Beginn der Beratungen hatte er erklärt, die Analyse sei „ehrlich und selbstkritisch, wie es sich gehört“ vorgenommen worden.
Der Bürgermeister wörtlich: „Die Bevölkerung war nicht zufrieden und wir auch nicht!“ Aber: Überraschungen seien am Bau üblich – „Dinge laufen nicht perfekt“. Piellusch kündigte an, die Verwaltung werde aus den Abläufen lernen und auch neue Computerprogramme nutzen. Eine Lehre müsse sein, „zeitnah“ zu informieren, wenn und warum Projekte ins Stocken geraten oder phasenweise gar nicht weitergeführt werden.
Offen blieb die Frage des SPD-Ratsherrn Wilhelm Bredthauer nach den Kosten des Projekts. Die Vertreter der Verwaltung hatten keine Daten zur Hand. Schlüter kennt nach eigenen Worten nur die Auftragssumme und will die Zahlen nachliefern. Aufschlussreich war seine Antwort auf die Frage von Heinz Widdel (CDU), ob im Digitalzeitalter nun das Rohr- und Leitungssystem gescannt und dokumentiert werde: Die Stadtverwaltung verfügt danach über Katasterpläne für ihre eigenen Leitungen. Vergleichbare Unterlagen für „Fremdleitungen“ gibt es im Rathaus nicht.
Schlüter berichtete den beiden Gremien, „früher“ seien Rohre, Kanäle und Leitungen „nicht so genau kartiert“ worden. So komme es immer wieder vor, dass eine Baugrube aufgemacht werde, und sich anschließend „ein Problem nach dem anderen“ stelle. Die Verwaltung sei dabei, ihre eigenen Daten zu „verbessern“. Eine Erfahrung aus der Bauphase in der Barne sei, dass die „Leitungsträger nicht aus dem Quark gekommen“ seien. Die Lehre daraus: „Mehr auf die Füße treten …“
Die alte Infrastruktur, so Schlüter, werfe überall Probleme auf. Die Einflussmöglichkeiten der Stadt seien aber begrenzt: „Wir haben keine Handhabe.“ Er konfrontierte Kommunalpolitiker und Zuhörer mit einer Gemengelage an Schwierigkeiten: Mit den Unternehmen, die die Strom-, Gas-, Wasser- und Kommunikationsleitungen verlegen, gebe es Konzessionsverträge, aber die Stadt sei bei Problemen und Bauvorhaben auch darauf angewiesen, dass die Leitungsträger „auch reagieren“. Seine Kritik betrifft konkret zum Beispiel die Telekom, „die sich nicht gekümmert“ habe.
Im Baufeld sei es immer wieder vorgekommen, dass Leitungen „einfach vorgefunden“ wurden, die zunächst nicht einzuordnen gewesen seien, die nicht dort verliefen, wo sie verzeichnet sind, und deren Querschnitt nicht dem heutigen Bedarf entspreche. Trinkwasserleitungen hätten die Baustelle gekreuzt und sich als instabil herausgestellt.
Mit den Leistungen des Ingenieurbüros sei die Verwaltung nicht zufrieden gewesen. Material sei falsch geliefert worden. Beispiel: Ein Betonwerk haben einen Schacht mit unpassenden Maßen geliefert. Die Stadt habe sich entschieden, den Schacht mauern zu lassen. Der Grundwasserstand sei unerwartet hoch gewesen, und die Regenfälle hätten Bauarbeiten zusätzlich verzögert. Für die Sommerferien geplant, habe sich das Projekt zur Winterbaustelle entwickelt. Auf 19 Wochen Bauzeit für den Kreisel angelegt, habe die Baustelle aber 18 Wochen stillgelegen.
Die Wahrnehmung der Bürger habe sich sehr gewandelt: Die Pandemie und der Ukraine-Konflikt hätten das Bewusstsein vieler Menschen geprägt – Veränderungen würden als negativ empfunden. Diese Einstellung wirke sich auch lokal aus. Moderne Kommunikationsmittel – Schlüter sprach von Multimedia – würden Nachrichten und Meinungen schnell verbreiten, und so sei ein „Sender- und Empfängerproblem“ entstanden: Die Weitergabe der Informationen an die Bürger sei „nicht verlustfrei“ gelungen, das Informationsbedürfnis der Menschen „im Ergebnis nicht erfüllt“ worden. Rathausintern sei zwischen seinem Fachbereich und der Pressestelle ein „Stille Post“-Effekt entstanden. Schlüter erinnerte an die frühere Praxis, zwischen den Fachleuten der Verwaltung und Journalisten direkte Kontakte zu ermöglichen.
Schlussfolgerungen aus den Kommunikationsdefiziten könnten sein, die Pressestelle mit dem Bau-Referat „besser zu verknüpfen“, Bausprechstunden mit den Ortsbürgermeistern einzuführen und Baustellenmanager zu benennen.
„in der heutigen Zeit“… hört man immer wieder. Grade im Zusammenhang mit Kommunikation aus dem öffentlichen Dienst.
Aber: auch wenn es Wege gibt, Informationen zu streuen, müssen auch Menschen da sein, die die Infos in die Kanäle geben. Bei der Vielzahl an Kommunikationskanälen ist es schwer, die richtigen zu wählen, damit alle Betroffenen die Infos erhalten.
Am besten wäre es, wieder wie früher, Briefe zu schreiben und die mit der Post zu verschicken. Dann kann man halbwegs sicher sein, dass Anlieger erreicht werden.
Mail, Instagram, Facebook und Co sind zu unsicher, was die Erreichbarkeit angeht. Die Webseite der Stadt wäre noch als schwarzes Brett eine Wahl.
Die nächste Frage ist, was nützt mir eine Information?
Ich bekomme als Anlieger eine Info, dass vor meiner Haustür demnächst was passieren wird. Danke.
Einfluss kann ich dann nicht mehr nehmen. Rohre müssen getauscht/repariert/verlegt werden. Ändert sich durch das Wissen um einen geplanten Zeitraum etwas für mich? Angekündigt wird es für Wochen, dauern wird es Monate. Es ändert aber nichts, dass man mir das sagt, dass es vielleicht etwas länger dauert. Und, wie wertvoll ist die Info, wenn sie zum dritten Mal kommt, dass es sich verzögert…
Dass die Stadt aus dem Totalausfall „Barnekreisel“ etwas lernen muss, ist klar. Aber das muss nicht an erster Stelle sein, wie/wann/wie oft/welche Bürger zu informieren sind.
Jerry, den Ansatz teile ich.
„Die Information“ bezieht sich auf das laufende Geschehen. Vorher konnten und hatten sich betroffene und interessierte Bürger in der Tat einbringen können und haben das getan.
Die vielschichtigen Probleme lagen also im Baugeschehen und dessen Steuerung bzw. Nichtsteuerungsfähigkeit durch den Bauherren (Stadt Wunstorf). Es geht ja bei der Rückwärtsbetrachtung in diesem Fall um den Frust der ratlosen Bürger, was denn hier geschieht und warum nicht. Da mussten Informationen hin! Vor allem, als nichts mehr passierte auf der Baustelle. Aber wie? Und da verstolpert sich die Verwaltung in ihrem Analyseversuch (vorgetragen auf der letzten Ortsratssitzung und online nachzulesen) gewaltig.
Oma Lieschen mit Dackel Waldi (die habe ich in der Fahrschule als Symbolfigur kennen-gelernt!) kann sich schwerlich am „Schwarzen Brett“ auf der Webseite der Stadt kundig machen. Wo die Informationen allerdings auch nicht standen!
Ein großzügig angelegter SCHAUKASTEN am Barneplatz mit (1) Grundinformationen zur Baustelle incl. Skizze – (2) aktualisierter Information (eine A-4 Seite) zum Baugeschehen oder Nichtgeschehen wäre der Kanal für viele Menschen am Platz gewesen, um die Nachricht zu erhalten und weiterverbreiten zu können. Wie schon einmal von mir bemerkt, hat der Apotheker Heß-Eichenberg dankenswerterweise einen Aushang mit Plänen der Baustelle in sein Schaufenster gestellt.
Bei gutem Willen hätte das niemanden in der Verwaltung überfordert.
Sicher sollten digitale Informations- und Kommunikationsmöglichkeit (mit Rückkanal?!) in Betracht gezogen werden. Aber was wird das kosten und was kann und wird dabei schief gehen?
Bei der nächsten hinreichend großen Baustelle: Macht einen Schaukasten! Gerne mit der Mobilfunknummer des Baustellenmanagers …
Und lasst euch nicht von der Presse die Würmer aus der Nase ziehen.
Der Autor des Artikels beschreibt detailgenau den Ablauf der Sitzung. Schöne Beobachtungen zum Geschehen („Frage- und Antwortspiel“). Unbestechlich, aber zurückhaltend in seiner Bewertung. So muss in meinen Augen Lokaljournalismus sein.
/ Frage an die Auepost: Wollt ihr nicht vielleicht an eine Glossen-Sparte denken mit einer persönlichen und ggf. polemischen Analyse von Vorgängen? /
Horst grantelt sowieso nicht mehr, oder?
Die Geister, die ich rief (…),
die werde ich nicht mehr los.
Das ist doch alles traurig in der heutigen Zeit dank modernen Kommunikationsmethoden hätte da nix schiefgehen dürfen