Wunstorfer Auepost
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Die Auepost – Extrablatt: 1 Jahr Stolpersteine in Wunstorf

22.11.2025 • Achim Süß • 4 Min.Kommentare: 0

„Wir bleiben und lassen uns nicht irritieren.“ Andreas Varnholt hat seine selbst gewählte Mission weiter fest im Blick: Der von ihm geführte Arbeitskreis Erinnerungskultur organisiert für März und November 2026 weitere Verlegungen von Stolpersteinen. Die Auepost würdigt den Einsatz mit einem Extrablatt und veröffentlicht zum Jahrestag der ersten Verlegung eine vollständige Dokumentation rund um das stadtgeschichtlich bedeutsame Datum.

22.11.2025
Achim Süß
4 Min.
Das Auepost-Extrablatt zur Stolperstein-Dokumentation | Foto: Auepost

Wunstorf (as). Vor einem Jahr sind in der Innenstadt erstmals Stolpersteine und Stolperschwellen gesetzt worden: auf dem Gelände des Klinikums, an der Südstraße, der Langen Straße und direkt vor dem Sparkassengebäude. Initiator dieser Aktion war der Arbeitskreis Erinnerungskultur. Das ist ein loser Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern, die sich privat oder als Repräsentanten einer Institution dafür einsetzen, die Erinnerung an das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus wachzuhalten.

Stolpersteine zu verlegen, ist eine Aktion des Künstlers Gunter Demnig: Der 78-Jährige gestaltet seit 1996 kleine Steinquader, auf deren Oberseite Messingplatten mit den Namen der Opfer angebracht sind. Die glänzenden Mahnmale werden vor deren einstigen Wohnhäusern positioniert. Inzwischen in mehr als 1.200 Kommunen in Deutschland. Insgesamt haben Demnig und sein Team 100.000 Stolpersteine in 31 europäischen Staaten verlegt. Damit gelten sie als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Demnig und das goldene Buch

Am 14. November 2024 haben Dutzende von Zuschauern verfolgt, wie Demnig erstmals in Wunstorf zu Gast war, um seine Steine zu setzen und sich schließlich in einer kleinen Feierstunde in der Stadtkirche in das Goldene Buch der Stadt einzutragen.

Die Redaktion der Auepost hat eine Reihe von Texten und Fotos zu dieser Aktion des Arbeitskreises zusammengestellt. Das Extrablatt ist zu einer Dokumentation des stadthistorisch bedeutsamen Tages geworden. Die Sonderveröffentlichung zum ersten Jahrestag der Verlegung schildert unter anderem auch eine Reihe von Veranstaltungen, die vom Forum Stadtkirche anlässlich der Demnig-Aktion organisiert wurden.

Neue Aktion im März und November

Die Verlegung der zweiten und der dritten Tranche von Stolpersteinen ist für März und November nächsten Jahres geplant. Es soll kurze Feierstunden geben. Demnig kann an dem Termin im März nicht teilnehmen, und so werden die knapp 20 Steine von Mitarbeitern des städtischen Baubetriebshofs eingesetzt. Vorgesehen ist unter anderem an der Hindenburgstraße nahe des Edeka-Marktes Kappe zehn Stolpersteine zu verlegen, die an ehemalige Mitbürger jüdischen Glaubens erinnern sollen, die in der unmittelbaren Umgebung gelebt haben. Hinzu kommen Gedenktafeln an der Küsterstraße und am Rathaus. Unter den Opfern, an die am Rathaus erinnert werden soll, sind Senator Emil Kraft und seine Frau Frieda.

Der frühere Wunstorfer Senator Emil Kraft war für die Deutsche Demokratische Partei 1924 Mitglied im Bürgervorsteher-Kollegium und wurde zum ehrenamtlichen Senator der Stadt gewählt. Für Stadtarchivar Klaus Fesche ist Kraft, der 1896 nach Wunstorf gekommen war, ein herausragendes Beispiel für die Integration jüdischer Mitbürger in die Wunstorfer Gesellschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Kraft – in der Stadt hoch angesehen – nutzte seinen im überregionalen Holzhandel erworbenen Wohlstand, um ebenso wie seine Frau Frieda Hilfsbedürftige und soziale Vorhaben zu unterstützen. Er spendete Geld, gründete eine Stiftung und vergab zinslose Kredite. Seine Frau gründete den ersten nicht kirchlichen Kindergarten der Stadt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann der Leidensweg für Kraft. Er wurde gezwungen, den Sitz im Magistrat aufzugeben, wurde öffentlich gedemütigt und verkaufte unter wachsendem Druck sein Geschäft an ein Mitglied der NSDAP. 1938 wurde Kraft während der Pogrome verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Schwer gefoltert, kam er nach seiner Entlassung ins Israelitische Krankenhaus in Hannover, floh von dort mit seiner Frau in die Niederlande, wurde von der Gestapo gefasst und schließlich nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er im Alter von 70 Jahren ermordet. Seine Frau nahm sich in Amsterdam das Leben.

Die Spendenbereitschaft ist groß

„Wir machen weiter“, sagt dazu der Arbeitskreisvorsitzende Andreas Varnholt im Gespräch mit der Auepost: „Und wir lassen uns nicht irritieren und nicht einspannen!“ Mit seinem Engagement verbinde der Arbeitskreis keinerlei politische Positionierung: „Es geht uns um das Wachhalten der Erinnerung an ein Kapitel der Stadtgeschichte, Erinnerung an das Unheil in unserer Stadt.“ Ein Zusammenhang mit aktuellen politischen Diskussionen rund um den Nahost-Konflikt oder die Ereignisse in Israel oder dem Gaza-Streifen bestehe nicht.

„Wir sind auf einmal in einem Konzert der Erinnerung“

Andreas Varnholt

Gerade seien in Soltau im Beisein von 300 Menschen Stolpersteine gesetzt worden. Das zeigt nach Varnholts Meinung, dass „viele Orte um uns herum“ aktiv seien. „Wir befinden uns auf einmal in einem Konzert der Erinnerung.“ Das sei der richtige Weg angesichts der politischen Entwicklung. „Die Anständigen müssen aufstehen“, fordert der frühere Leiter der Wunstorfer Bauverwaltung. In der bedeutsamen Zeit um den 9. November herum komme das Extrablatt zur rechten Zeit.

Andreas Varnholt leitet den Arbeitskreis Erinnerungskultur | Foto: Achim Süß

Varnholt berichtet, dass die Finanzierung der weiteren Stolpersteine „knapp“ gesichert sei. „Wir müssen nicht betteln“, ergänzt er. Nach wie vor gebe es viele Menschen, die dieses Stück Erinnerungskultur mit Spenden fördern. Varnholt: „Das ist sehr schön!“ Die Unterstützung, die die rein privat organisierte Gruppe erfahre, und das positive Echo auf die Verlegung der Steine oder die Herausgabe der Broschüre „Ihre Namen bleiben“ sporne den Arbeitskreis an: „Die Gesellschaft nimmt teil an unserer Aktivität.“ Das gebe Kraft und Mut, „das Unheil in unserer Stadt“ weiter in Erinnerung zu rufen.

Gedruckte Ausgabe und online

Die Dokumentation der Auepost erscheint im klassischen Zeitungs-Stil als „Auepost Extrablatt Nr. 2“ und kann ab sofort einzeln bestellt werden.

Das Extrablatt „Stolpersteine“ auf dem Redaktionskonferenztisch | Foto: Auepost

In den kommenden Wochen wird es zudem an ausgewählten Verteilpunkten zum kostenlosen Mitnehmen verfügbar sein. Die Inhalte des Extrablatts erscheinen ebenfalls in den kommenden Tagen auch hier im Internet als Online-Serie.

Die Artikel im Auepost-Extrablatt Nr. 2 (Stolpersteine): 
Wir passen auf – und machen weiter
Erste Station: Südstraße
Andreas Varnholt über Erinnerungskultur
Lesung in der Stadtkirche
Gunter Demnig trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein
Das Auepost-Extrablatt "Stolpersteine" (11/2025) kann hier bestellt werden.
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