Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Erinnerung „auf dem Trottoir“: Stolpersteine in greifbarer Nähe

16.06.2023 • Achim Süß • 3 Min.Kommentare: 7

Für Alexander Voigt vom Forum Stadtkirche ist es ein Meilenstein, Andreas Varnholt vom Arbeitskreis Erinnerungskultur bringt es auf die Kurzformel: „Klasse“: Das Projekt Stolpersteine kommt überraschend schnell in Gang, viele Spendenzusagen liegen vor. Wunstorfs Bürger wollen diese Form von Gedenken und Mahnung. Das war nicht immer so.

16.06.2023
Achim Süß
3 Min.
Ein Stolperstein, wie er bald auch in Wunstorf liegen soll | Foto: privat

Wunstorf (as). Für März 2024 plant der Arbeitskreis Erinnerungskultur – ein loser, wachsender Zusammenschluss engagierter Menschen aus der Stadt – die Verlegung der ersten Stolpersteine in Wunstorf. Wie in vielen anderen Kommunen auch sollen die kleinen Metalltafeln des Kölner Künstlers Gunter Demnig an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Sie sollen in Bürgersteigen und Pflastern vor den Gebäuden im Boden verankert werden, in denen Ermordete, Deportierte und Verfolgte gelebt haben. In Wunstorf sollen zunächst knapp 20 Stolpersteine angebracht werden, beginnend in der Innenstadt, zum Beispiel vor der Stadtsparkasse, in der Süd- und in der Langen Straße.

Das Forum Stadtkirche präsentierte jetzt einen Vortrag des Wunstorfer Autors Eberhard Kaus über jüdisches Leben in der Stadt, rekonstruiert anhand von Grabsteinen. Kaus hat dazu mit seinem Buch „Im Licht des Lebens“ ein Standardwerk verfasst, forscht weiter und macht seine Erkenntnisse regelmäßig öffentlich. Passend zum Referat gab der frühere Bauamtsleiter Andreas Varnholt als Leiter des Arbeitskreises Erinnerungskultur vor Journalisten einen Überblick über das Projekt Stolpersteine.

Etwas schwergetan

Varnholt erinnerte daran, dass die Idee in Wunstorf alles andere als neu sei: Schon vor 18 Jahren sei über Stolpersteine diskutiert worden. Uneinigkeit und vielfältige Bedenken hätten dazu geführt, dass „nichts passiert“ sei. Diesmal sei die Entwicklung „sehr, sehr erfreulich“. Zwar habe sich auch diesmal wieder die Stadt anfangs „ein bisschen schwergetan“, aber dennoch sei ein einmütiger Ratsbeschluss für das Vorhaben zustande gekommen. Vor allem gebe es jetzt in der Bürgerschaft ein großes Interesse daran, kollektives Erinnern auch an dunkle Kapitel der Geschichte zu fördern.

Das Forum Stadtkirche hat ein Spendenkonto eingerichtet:

FORUM Stadtkirche – STOLPERSTEINE
IBAN: DE16 2515 2490 0041 1739 49
Verwendungszweck: Wunstorfer Stolpersteine (sowie Name und Adresse des Spenders, wenn eine Spendenbescheinigung gewünscht wird)

82 Jahre nach einer großen Deportation aus der Stadt werde nun der Weg bereitet, der Verfolgten und Ermordeten zu gedenken. Die Zustimmung sei beachtlich, so Varnholt, und ebenso die Bereitschaft, Verlegung und Pflege der Gedenksteine mit Spenden zu unterstützen. Das Forum Stadtkirche hat dazu in Kooperation mit dem Arbeitskreis ein Sonderkonto eingerichtet. Die Zahl der Überweisungen und der Spendenzusagen sei überraschend und „erheblich“, berichtete Alexander Voigt. Das sei ein Meilenstein für das Projekt.

Reaktion der Hauseigentümer positiv

Auch die Reaktion der Hauseigentümer, vor deren Immobilien die Metalltafeln verlegt werden sollen, sei fast ausnahmslos positiv. Varnholt nannte die Zustimmung der Betroffenen als Grundvoraussetzung: Es sei von Anfang an das „gemeinsame Verständnis“ des Arbeitskreises gewesen, zunächst die Erlaubnis der Grundeigentümer sicherzustellen. Das sei in hohem Maß gelungen – auch, weil einige ihre Bedenken zurückgestellt haben.

Andreas Varnholt | Foto: Achim Süß

Varnholt verschwieg nicht, dass es schwierig gewesen sei, den Arbeitskreis während der Pandemie am Leben zu halten. Das sei aber gelungen, der Elan sei ungebrochen und der Kreis wachse ständig. Es bleibe „aber mühsam“, obwohl es oft nur um „Petitessen“ gehe. Viele intensive Gespräche und Geduld zeigten aber jetzt Früchte. Es sei und bleibe in einer Kleinstadt wie Wunstorf schwierig, derartige Projekte umzusetzen. Empfindlichkeiten und Beziehungsgeflechte erforderten besondere Rücksichtnahme. Aber der Arbeitskreis sei sich dessen bewusst. Dass das lose organisierte Gremium als Vertretung der Bürgerschaft jetzt auf so viel Zuspruch und Unterstützung bauen könne, sei „angenehm und positiv“.

„Sie liegen auf dem Trottoir, blinken und glitzern.“

Nachdrücklich verteidigte Varnholt erneut die Entscheidung für Stolpersteine als Teil von Erinnerungskultur: „Sie liegen auf dem Trottoir, blinken und glitzern.“ Das sei „viel gegenwärtiger als ein Mahnmal oder ein Buch“. Allerdings werde der vielfache Wunsch nach Stolpersteinen auch ein „Mengenproblem“. Demnig könne Herstellung und Verlegung nur noch mit Anstrengungen schaffen. Allerdings, so Varnholt, sei die wachsende Zahl von Installationen in ganz Deutschland auch ein „Hinweis darauf, was sich hier während der Zeit des Nationalsozialismus abgespielt hat“.

Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter große Metalltafeln, die im Boden verlegt werden – vor Gebäuden, in denen Menschen gelebt haben, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt, deportiert, vertrieben, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden sind. Die Gedenksteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. In Berlin geboren, lebt der 75-Jährige jetzt in Hessen. Er verlegt die Erinnerungsplatten selbst. Seit 1996 hat er mittlerweile rund 75.000 Stolpersteine in fast 1.300 deutschen Städten positioniert, außerdem in weiteren 24 europäischen Staaten.
Aufrufe: 3058
[Anzeigen]
Politische Werbung für CDU-Bürgermeisterkandidat Martin Pavel (Transparenzhinweise)

Politische Werbung der SPD Wunstorf (Transparenzhinweise)









[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:
Politische Werbung der SPD Wunstorf (Transparenzhinweise)
Politische Werbung für CDU-Bürgermeisterkandidat Martin Pavel (Transparenzhinweise)

Kommentare


  • G. Taro sagt:

    Das muss man erst einmal bringen: Immobilienbesitzer, die ihren politischen Einfluss geltend machen, um zu verhindern, dass vor ihrem Haus daran erinnert wird, dass hier vormals jüdische Bürger gelebt haben, als „Betroffene“ zu titulieren. Diesen „Betroffenen“ gilt der Schutz des Rates und, im Nachgang, der des Arbeitskreises Erinnerungskultur.

    Mag man der Analyse von Herrn Varnholt, wonach es gegen das Projekt „Empfindlichkeiten und Beziehungsgeflechte“ gibt, zustimmen. Als Konsequenz dieser Erkenntnis dann mit „Rücksichtnahme“ zu reagieren, bleibt unverständlich (und irgendwie nebulös).

    Man war angetreten, den Wunstorfer Bürgern jüdischen Glaubens durch die Setzung der Stolpersteine ein sichtbares Zeichen der Erinnerung – auf öffentlichem Grund (!) – zu setzen, kapituliert aber vor dem Rat der „schönsten Innenstadt der Region“. Solidarisches Eintreten wurde jüdischen Bürgern in den 30er Jahren verweigert; heute, 2023, solidarisiert man sich eher für die Belange der „Betroffenen“ (sprich, mit bestimmten Hauseigentümern). Auch eine Form der Traditionspflege in W’torf.

    • Alexander Voigt sagt:

      Guten Tag, „G. Taro“,

      ich hätte ja eine Vermutung, wer da eventuell ein „historisches“ Alter Ego nutzt, aber egal.

      Aber bevor wer auch immer erneut Abwegiges verbreitet, nur ein kurzes Update: Zurzeit gehen wir im AK Erinnerungskultur davon aus, dass in einer „ersten Runde“ 2024 rund 20 Stolpersteine in der Wunstorfer Kernstadt und im Ortsteil Steinhude verlegt werden können. Bisher gibt es lediglich bei EINEM (noch) keine Zustimmung des „betroffenen“ gegenwärtigen Hauseigentümers: 1/20 oder besser ausgedrückt „95 Prozent Zustimmung!“.

      Das heißt, der „Wunstorfer Weg“ bei der Verlegung von Stolpersteinen ist ein großartiger Erfolg; denn zusätzlich kommen nahezu täglich weitere Spenden – auf das oben angegebene Konto – hinzu. Die Wunstorfer Erinnerungskultur ist „1a“ und benötigt sicherlich keine abwertenden Belehrungsversuche (von außerhalb?); erst recht nicht von Personen, die uns vor Ort nicht AKTIV bei dem so wichtigen Gedenken – zukünftig ohne lebende Zeitzeugen – unterstützen.

  • G. Taro sagt:

    Ist es ein quantitatives Problem? Nein, auch wenn Sie das so darstellen. Es geht um Selektion: An welche Bürger jüdischen Glaubens darf wo und in welcher Form erinnert werden. Vor welchem Haus, das vormals Heimstatt eines Juden war, darf ein sichtbares Zeichen der Erinnerung gesetzt werden.

    Das Instrument hierfür, das Vetorecht für bestimmte Personen, hat der Rat der „schönsten Innenstadt der Region“ geliefert.

    W’torf outet sich – wieder einmal – als Ort mit einer selektiven, interessengeleiteten Erinnerungskultur.

    • Alexander Voigt sagt:

      Ernsthaft, „G. Taro“?

      Ganz abgesehen davon dass es in Wunstorf bereits ein zentrales Mahnmal gibt, das an alle Holocaust-Opfer der jüdischen Gemeinde erinnert, wagen Sie es (gedeckt durch ein Alter Ego), das zusätzliche Gedenken durch Stolpersteine über die „Selektion“ mit der „Rampe“ in Auschwitz-Birkenau zu verknüpfen?

      Jeder beendet eine Diskussion auf seine ganz besondere, persönliche Art und Weise.

  • U. Schmoll sagt:

    @ G. Taro:

    Ich halte das, was Sie hier abliefern, im großen und ganzen für einen unsinnigen Rundumschlag. Ja, es mag interessengeleitete Erinnerungskultur gegeben haben, sicher. Wir sind aber heute hoffentlich auf einem anderen Weg. Das ist in obigem Artikel eingehend andeutet worden.

    Der Wunstorfer Stadtrat hat einstimmig die Verlegung von Stolpersteinen auf dem öffentlichem Straßenland, für das die Stadtverwaltung zuständig ist, genehmigt. Im übrigen gelten natürlich die einschlägigen Gesetze. Ein Vetorecht gibt es in diesem Zusammenhang grundsätzlich nicht.

    Wenn der Arbeitskreis Erinnerungskultur sich auf einen Weg verständigt hat, mit den Eigentümern der Häuser, denen die Stolpersteine, verlegt werden, zu sprechen und um deren Zustimmung zu werben, ist das legitim, vernünftig und zukunftsweisend (auch im Hinblick auf weitere Erinnerungsfälle). Von „Kapitulation“ also kann gar keine Rede sein.

    @ G.Taro: Ich frage: Haben Sie eine Vorstellung, wo sie hinwollen?

  • U. Schmoll sagt:

    Ich muss mich zu meinem obigen Beitrag berichtigen, um keine Missverständnisse zu heraufzubeschwören.
    „Interessengeleitete Erinnerungskultur“ ist bei näherer Betrachtung ein Non-Sense-Begriff.
    Was ich aber meinte, ist der „Umgang mit der Vergangenheit“ und dem Erinnern. Also, ich persönlich erinnere mich nicht an die Hitler-Zeit, an die Zeit der Besatzungszonen und die ganz frühe Bundesrepublik, weil ich damals noch nicht geboren oder zu klein war. Unser Erinnern, das gilt für die meisten von uns heute Lebenden, an diese Zeit speist sich aus mündlichen Erzählungen, aus Büchern, Ausstellungen und Museen, Gedenkorten,(Archiv-)Quellen, Örtlichkeiten/Bauwerken und vielem anderen.
    Wie damit umgehen? Vergangenheit ist komplex. Sie lässt sich nicht abschütteln. Sie wird nicht besser, indem man das Dunkle ignoriert. Mancher Betroffene konnte nur weiterleben, indem er verdrängte. Manchmal kam die Erinnerung und Aufarbeitung. Oder, wie in der frühen und auch noch späteren Bundesrepublik vielfach geschehen, wurde buchstäblich entsorgt, totgeschwiegen und Tatsachen schlichtweg geleugnet.
    All dessen ist sich der Arbeitskreis Erinnerungskultur bewusst. Der vorliegende Beitrag der Auepost hat das widergegeben: „Es gebe jetzt in der Bürgerschaft ein großes Interesse daran, kollektives Erinnern auch an dunkle Kapitel der Geschichte zu fördern.“

  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    [Anzeige]
    Kontakt zur Redaktion

    Tel. +49 (0)5031 9779946
    info@auepost.de

    [Anzeigen]
    Politische Werbung für CDU-Bürgermeisterkandidat Martin Pavel (Transparenzhinweise)

    Politische Werbung der SPD Wunstorf (Transparenzhinweise)

    Artikelarchiv


    Am häufigsten gelesen
    Auepost auf …