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Lebensmittel reichen nicht für alle: Aufnahmestopp für Nicht-Wunstorfer bei der Tafel

14.05.2022 • Schneider / Süß • Aufrufe: 1308

Nun ist das eingetreten, was nie hätte passieren sollen: Die Tafel Wunstorf muss Neukunden aus anderen Kommunen abweisen. Zu viele Menschen stellen sich inzwischen an, weil sie auf kostenlose Lebensmittel angewiesen sind. Die Zahl der Kunden in Wunstorf hat sich verdoppelt. In anderen Städten schließen Tafeln unterdessen ganz, da Mitarbeiter bedroht werden.

14.05.2022
Schneider / Süß
Aufrufe: 1308
Leere Körbe bei der Brotausgabe (Symbolbild) | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds/as). Lange hat er sich dagegen gewehrt und bis vor Kurzem auch nicht für möglich gehalten, dass es je dazu kommen würde: Eine Beschränkung derjenigen, die bei der Tafel in Wunstorf Lebensmittel abholen wollen. Doch jetzt musste Frank Löffler die Reißleine ziehen, die derzeitige Entwicklung lässt der Tafel Wunstorf keine Wahl mehr. Infolge der Auswirkungen der Coronapandemie und des Krieges in der Ukraine hat sich die Zahl der Tafel-Kunden mittlerweile verdoppelt. In den vergangenen zwei Jahren hatten vor allem viele Geringverdiener ihre Minijobs verloren, und die Stadt hat derzeit rund 600 Flüchtlinge aufzunehmen – aus der Ukraine kamen bisher 300 Geflüchtete in die Auestadt. Das merkt man bei den Wunstorfer Tafelhelfern direkt: 1.650 Tafel-Kunden gibt es aktuell. In Vor-Pandemie- und Vor-Kriegs-Zeiten waren es einmal 800 gewesen.

An der Grenze

Das Spendenaufkommen an Lebensmitteln wächst jedoch nicht im gleichen Maße. Die Unterstützung in und um Wunstorf für die Tafel Wunstorf ist groß, doch es reicht trotzdem nicht, so dass man inzwischen an Grenzen stößt. Die Öffnungszeiten bei der Tafel werden ausgedehnt, wenn so viel mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind und sich an den Ausgabetagen anstellen, und das führt zu der simplen Gleichung, dass die Lebensmittel schneller zur Neige gehen. Blieben früher nach einem Tafel-Ausgabetag noch Obst und Gemüse übrig und hatte man von haltbaren Lebensmitteln eher zu wenig anzubieten, hat sich dies inzwischen umgedreht: Frische Lebensmittel sind knapp, während durch die Hilfsbereitschaft der Wunstorfer, die vor allem privat an die Tafel spenden, das Lager mit Konserven, Mehl und Nudeln inzwischen etwas aufgefüllt werden konnte.

Befüllung des Lagers mit haltbaren Lebensmitteln | Foto: Daniel Schneider

Doch unterm Strich bleibt es bei so vielen Tafel-Kunden trotzdem eng: Schon jetzt ist man auf das Zukaufen von Lebensmitteln angewiesen, um die Versorgung aller Tafel-Kunden gewährleisten zu können – dabei ist Lebensmittelzukauf das allerletzte Mittel und eigentlich „Unsinn“, erklärt Löffler. Denn es widerspricht dem Tafel-Prinzip: Der Gedanke hinter der Tafel-Arbeit ist schließlich, dass übrig gebliebene Lebensmittel zur Versorgung von Bedürftigen verwendet werden. Der sogenannte Zukauf von Lebensmitteln ist in der gesamten deutschen Tafel-Landschaft seit Jahren ein heißes Eisen. Laut Satzung war es nicht zulässig, aber angesichts der gravierenden Änderungen in Weltpolitik und Wirtschaftslage hat sich unter anderen der niedersächsische Landesverband entschieden, notfalls Waren einzukaufen. Bedingung: Bezahlt werden die Waren ausschließlich mit gespendetem Geld.

Wer Geld an die Tafel etwa als Überweisung spendet und möchte, dass die Spende für den Zukauf von Lebensmitteln verwendet wird, muss dies explizit im Verwendungszweck angeben.

Teilweiser Aufnahmestopp

Trotzdem wurde nun ein Aufnahmestopp beschlossen. Allerdings nur ein teilweiser, darauf legen Löffler und sein Team Wert: Nur Bedürftige von außerhalb können sich nun nicht mehr bei der Tafel Wunstorf neu als Kunden registrieren lassen. Für Menschen mit Meldeadresse in Wunstorf stehen die Türen zur Tafel weiterhin offen, und auch die bereits registrierten auswärtigen Kunden müssen nicht befürchten, nun gehen zu müssen.

Für die „Bestandskunden“ der Tafel ändert sich nichts – wer bis jetzt registriert ist, wird auch weiterhin von der Tafel Wunstorf versorgt, auch wenn er von weiter entfernt anreist – von Lehrte bis weit ins Schaumburger Land gibt es Kunden der Tafel Wunstorf. Der Grund ist, dass manche Tafel-Besucher Stigmatisierung fürchten und deshalb keine Tafel in der eigenen Stadt oder Region aufsuchen. Das ist eigentlich auch gewollt – jeder soll sich „seine“ Tafel unabhängig vom Wohnort frei aussuchen können. Umso mehr schmerzt es Löffler, das es nun neue Regeln geben muss. Doch bei Knappheit des Angebotes ist das alte Prinzip nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Die Registrierung für Neukunden aus anderen Gemeinden ist eingestellt | Foto: Daniel Schneider

Löffler hat gemeinsam mit seiner Vertreterin Ursula Jungbluth vor wenigen Tagen Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) über die aktuelle Lage und die Abläufe in der Tafel Wunstorf informiert. An dem Treffen im Rathaus haben auch die Erste Stadträtin Wiebke Schaffert-Weiland und Matthias Blume, der Leiter der Sozialen Dienste, teilgenommen. Die neue Linie sei auf großes Verständnis gestoßen, berichtet der Tafel-Leiter. Sowohl das Prinzip, offen zu sein für auswärtige Kunden, als auch die aktuelle Einschränkung würden von der Verwaltungsspitze für richtig gehalten. Der Bürgermeister habe angekündigt, sich um weitere finanzielle Unterstützung für den gemeinnützigen Verein zu bemühen. In Gesprächen mit potenziellen Förderern werde er für die Tafel-Idee werben, und auch städtische Hilfe in begrenztem Umfang sei möglich.

Das neue Konzept hat Löffler am Freitagabend in der jüngsten Versammlung der Tafel erläutert. Die Reaktion der Mitglieder: Zustimmung und Lob für das umsichtige Handeln des Vorstands- und Helfer-Teams. Die wirtschaftliche Lage der Kunden und die Arbeit der Tafel sind auch die vorrangigen Themen, wenn Löffler in den nächsten Tagen Ministerpräsident Stephan Weil trifft. Der SPD-Politiker ist wie seine Vorgänger Schirmherr der Hilfsorganisation und hat die Hilfe für die Helfer zur Chefsache erklärt, freut sich Löffler.

Die Lage eskaliert

Frank Löffler ist in diesen Tagen öfters im Fernsehen zu sehen und berichtet auch über die Lage in Wunstorf, aber nicht nur: In seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender aller Tafeln in Niedersachsen und Bremen ist er als Interviewpartner besonders gefragt, denn woanders haben die Tafeln ebenso mit starken Zuläufen zu kämpfen – und gelegentlich eskaliert die Lage sogar. In Helmstedt ist die dortige Tafel jüngst in den Streik getreten und hat die Versorgung der Kunden vorübergehend vollständig eingestellt. An Ausgabetagen war es infolge des zu knappen Angebotes sowohl zu Handgreiflichkeiten gegenüber den Ehrenamtlichen als auch zu Rangeleien der Kunden untereinander in den Tafel-Räumen gekommen.

Tafel-Chef Frank Löffler ist betroffen von der Entwicklung und hofft auf weitere Hilfe auch aus der Politik | Foto: Daniel Schneider

Löffler kann die Entscheidung nachvollziehen: Vor allem wenn der Rückhalt für eine Tafel vor Ort bei der Bevölkerung und der Politik fehle, weil man nicht so gut vernetzt sei, wären Schwierigkeiten wie diese nur schwer abzufangen. Nicht nur in Helmstedt wachsen die Probleme, auch viele weitere Tafeln sind mit der Entwicklung überfordert: Es kommt zu generellen Aufnahmestopps und Schließungen, um auch der Politik und Öffentlichkeit zu zeigen, was man normalerweise leiste – und was passiere, wenn man bei fehlender Unterstützung nun nicht mehr wie bisher einfach weitermachen könne.

„Hier gibt es keinen Feierabend“

Frank Löffler

Neid und „Verteilungskämpfe“ gibt es bei der Tafel Wunstorf nicht. Das verhindert einerseits der ausgeklügelte Mechanismus, bei dem wie bei einem Ticket-System die Warenausgabe gesteuert wird. Die Lebensmittelverteilung läuft derart geregelt ab, dass gar nicht erst die Gefahr besteht, ein „Rennen“ um die letzten Lebensmittel auszulösen. Andererseits gibt es keine starre Schließzeit: Die Tafel-Mitarbeiter machen erst dann „Feierabend“, wenn auch alle für einen Ausgabetag berechtigten Personen ihre Lebensmittel erhalten haben. Die regulären Öffnungszeiten wurden ohnehin bereits ausgeweitet. „Wir sind hier erst fertig, wenn wir fertig sind“, sagt Löffler bezogen auf die Dauer der Ausgabezeiten ganz sachlich, obwohl es auch doppeldeutig zu verstehen wäre.

Verdrängungseffekte setzen ein

Je mehr Tafeln in Schwierigkeiten kommen, desto unangenehmer wird es auch für die Arbeit der verbleibenden Tafeln, auf die die Menschen dann ausweichen. Würde etwa die Tafel in Garbsen schließen, würde man die Folgen in Wunstorf sofort drastisch spüren, so Löffler – und spürt es schon jetzt: Die Ausgabestellen der Hannöverschen Tafel haben allesamt einen Aufnahmestopp für Neukunden verhängt – so dass ein Verdrängungseffekt auf die Umlandkommunen bereits im Gange ist.

Manche Neukunden missverstehen das Angebot der Tafel zudem als eine Art staatlich geförderten Billig-Lebensmittelmarkt und erwarten „vollen Service“. Dass bei der Tafel vor allem Freiwillige ehrenamtlich arbeiten, um woanders übrig gebliebene Lebensmittel einzusammeln und als Ergänzung an Bedürftige zu verteilen, muss dann erst erklärt werden.

Ein Problem sieht Frank Löffler auch in der verzögerten finanziellen Unterstützung der Ukraine-Flüchtlinge in anderen Städten. In Wunstorf bekämen die ankommenden Menschen ihre Leistungen schnell ausgezahlt oder hätten sie auf dem Konto, doch anderswo würde es aktuell schon einmal Wochen dauern, bis Flüchtlinge Geld erhielten. Auch diese Menschen stünden dann mitunter in der Neustädter Straße vor dem Wunstorfer Tafel-Haus, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen.

In einer Notsituation wird selbstverständlich auch in Wunstorf niemand abgewiesen – ein kleines Notfallpaket mit einigen Lebensmitteln zur schnellen Überbrückung gibt es im Einzelfall immer. Nur aufgenommen als regelmäßige Kundin wird auch die ukrainische Mutter mit Kindern aus Hannover nun bis auf Weiteres nicht mehr.

von Daniel Schneider und Achim Süß
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Kommentare


  • Basti g. sagt:

    Es ist schon traurig das es so viele Menschen gibt die auf die Tafel angewiesen sind

  • Birgit sagt:

    Solange nichts getan wird von allen Bürgern, die Politik dahingehend zu beeinflussen, sei es durch Demos oder Petitionen oder ganz einfach auch mal durch Druck, passiert hinsichtlich der Armut in Deutschland gar nichts.

    Es wird gefeilscht um jeden müden Euro bei der Aufstockung von Sozialgeldern gleichwelcher Art, zu dem ohnehin sogenannten „Hungerlohn“ kamen dieses Jahr lediglich drei Euro hinzu trotz Inflation, unverschämten Mieten und stark angestiegenen Lebensmittelpreisen, von den geringen Renten der Erwerbsunfähigen oder auch der wirklich ! über 40Jahre Gearbeiteten unverschämt kleine Rentenbetrag ganz zu schweigen, bislang steht wohl keine ausreichende Erhöhung im Raum – Inflation hin oder her. Tatsache ist, dass von den Geldern, die bereitgestellt werden, kaum einer dieser Menschen leben kann. Vor allem Rentner trifft es hart, denn viele können sich nun mal nichts hinzuverdienen, da sie körperlich dazu außer Stande sind.

    Wird hier bewusst weggeschaut? Obwohl Sozialverbände mahnen und immer wieder die drastisch schlechte Situation hervorheben? Warum haben Arme keine Lobby, die mal für sie auf die Stra0e gehen?

    Als einzelner Bürger diese Themen immer wieder im Alleingang anschneiden zu müssen und sich dann noch dumme Sprüche wie „Selber schuld, früher dran denken“ oder gar „sollen halt arbeiten gehen“ oder noch perfidere Ausdrücke, die hier nicht unbedingt wiederholt werden solllen, anhören zu müssen, tut weh und vergrößert den Unmut auf die politischen Machenschaften, die verhindern, das ALLE ihr Auskommen haben und nicht nach Brot gehen müssen.

    Dass es heute bereits Menschen gibt, die sich mit drei Jobs über Wasser halten müssen, damit sie ihre Bude bezahlen können und ihre Famiie ernähren, dass es viele gibt, die alt und krank sind und noch immer auf Flaschensuche gehen, dass es unsere Mitbürger sind, denen mit 50 der Job gekündigt wurde und die nicht mehr weiterwissen, oder die junge Mutter, die alleine mit ihren Kindern dasteht, wissen alle.

    Und dumme Sprüche gibt es genug. Meistens immer von Denen, die auf der Sonnenseite stehen.

    • Homberti sagt:

      Ich kann ihren Frust über diese Situation durchaus nachvollziehen, aber man muss auch ehrlicherweise sagen: Es ist von über 90% der Wähler so gewollt! Hier kann man die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl sehen:

      https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2021/ergebnisse/bund-99.html

      Die jetzigen Regierungsparteien haben VOR der Wahl angekündigt dass die Lebensmittelpreise um MINDESTENS 20% steigen sollen um die „Wertschätzung“ von Lebensmitteln zu erhöhen!
      Die jetzigen Regierungsparteien haben VOR der Wahl angekündigt dass die Energiepreise DEUTLICH steigen werden um die „Energiewende“ zu beschleunigen (u.A. CO2-Abgabe)!
      Die jetzigen Regierungsparteien haben VOR der Wahl angekündigt dass „Steuererleichterungen z.Zt. nicht das Gebot der Stunde“ sind!
      Die jetzigen Regierungsparteien haben VOR der Wahl angekündigt HUNDERTE MILLIARDEN Euro ins Ausland zu transferieren! Das für „schon länger hier Lebende“ dann NICHTS mehr da ist versteht sich von selbst!
      Man nennt das übrigens Demokratie, wenn über 90% der Wähler es genau so wollen! Es geht den meisten Menschen noch zu gut, aber wenn nächstes Jahr wieder – wie schon von den Regierungsparteien angekündigt – Lebensmittel- und Energiepreise nochmal um mindestens 20% steigen sollen, werden auch die Schlangen vor den Tafeln sicherlich noch deutlich länger!

  • Grit D. sagt:

    Mir ist zwar bestens nachzuvollziehen, dass sich ‚unsere‘ Tafel gezwungen sieht, auswärtige Neukundinnen und -Kunden nicht mehr aufnehmen zu können, doch für die Betroffenen ist das eine kaum erträgliche Situation, weiß ich doch auch ich um „Standesdünkel“ der ‚lieben‘ Mitmenschen.

    Dass da viele NICHT die örtlichen Tafeln aufsuchen sondern auf ausserörtliche ausweichen wollen- mir sehr verständlich.

    Wenn sich eine Tafel aber zur Schließung veranlasst sehen muss, weil es zu übergriffigem Verhalten gegenüber deren ehrenamtlichen (!) Helferinnen und Helfern kommt, mit Verlaub ich ko** im Strahl!

    Ich kann’s überhaupt nicht verstehen wollen, dass die Bedürftigen untereinander mit dem ‚Hauen und Stwchen‘ auf die untragbare Situation reagieren.

    Niemand wird mit ‚Hurra‘ die exestinzsichernden Angebote der Tafeln in Anspruch nehmen wollen, so dass mich das Unverhalten einzelner Kunden zutiefst entsetzt!

  • Anonymous sagt:

    Kein Mensch denkt darüber nach, wie es überhaupt so weit gekommen ist, das eine „Tafel“ überhaupt gebraucht wird. Nöö, is dA UND IS AUCH GUT SO:

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