
Wunstorf (red). Die Nutzer der Wunstorfer Fahrradtürme wurden bereits direkt informiert: Sie müssen ihre geparkten Fahrräder bis spätestens am heutigen Sonntag aus den Türmen herausgeholt haben. Fahrräder, die am morgigen Montag noch in den Türmen stehen, werden entfernt. Wer den Termin verpasst hat, muss sein Fahrrad anschließend beim städtischen Baubetriebshof abholen.
Denn das bisherige Zugangssystem gibt es dann nicht mehr, die Software der Türme wird komplett verändert. Drei Tage sind dafür eingeplant, von Montag bis Mittwoch werden die technischen Anpassungen durchgeführt. Ab Donnerstag, den 14. Mai, soll der Turm dann wieder wie gewohnt zur Verfügung stehen, inklusive der neuen Funktionsverbesserungen.
Die Erweiterungen betreffen vor allem den Buchungsprozess. Dazu sind die Erfahrungen der Nutzer eingeflossen, die bei einer Befragung im vergangenen Jahr Kritik geäußert hatten. Die Bedienung der Türme, also das Ein- und Ausparken von Fahrrädern, soll deshalb noch einfacher werden.
Deshalb wird jetzt das neue Zugangssystem installiert, das das alte vollständig ersetzt. Eine neue Benutzeroberfläche wird es geben, außerdem wird eine neue App notwendig.
Konkret ändern sich folgende Dinge: Künftig können drei verschiedene Möglichkeiten genutzt werden, ein Fahrrad unterzustellen: Über QR-Codes, über eine persönliche Zahlenkombination oder mit RFID-Karte. Die Buchung kann über die neue App oder eine Webseite durchgeführt werden. Reservierungen lassen sich dann flexibel für einen Tag, eine Woche oder auch einen Monat eingeben – und die gebuchten Zeiten werden sich optional auch verlängern lassen.
Bislang konnte man ein Fahrrad offiziell für maximal 3 Tage in den Türmen parken. Überziehungen wurden jedoch geduldet, wenn die Türme nicht ausgelastet waren. Von den Nutzern gemeldete Probleme mit der Zuverlässigkeit der Türme sollen mit den Änderungen dann auch der Vergangenheit angehören.
Am 18. Mai von 15 bis 17 Uhr werden Mitarbeiter der Region Hannover an den Türmen sein, um bei der Nutzung des neuen Systems zu unterstützen und Fragen zu beantworten.
Man kann die Wunstorfer Fahrradtürme auch historisch einordnen.
Wunstorf war schon Ende der 70er Jahre Pilotprojektstadt für den computergestützten R-Bus – damals ein futuristisches Nahverkehrssystem, das als Zukunft des Verkehrs galt. Der Auepost-Artikel zum R-Bus zeigt sehr schön: Wunstorf war schon einmal Versuchsfeld für ein großes Verkehrsexperiment.
Genau daran erinnern die heutigen Fahrradtürme. Wieder Bahnhofsnähe, wieder Verkehrswende, wieder Leuchtturmprojekt, wieder viel Technik, Förderung und Symbolik. Und wieder stellt sich nach einiger Zeit die schlichte Alltagsfrage: Wird das System wirklich robust, einfach und dauerhaft genutzt?
Das Problem ist nicht Innovation. Das Problem ist, wenn Innovation vor allem als Projektbild funktioniert, aber im Alltag ständig erklärt, beworben, begleitet und nachgebessert werden muss.
Ein gutes Verkehrssystem muss nicht futuristisch aussehen. Es muss funktionieren – besonders morgens und abends, wenn Pendler keine Zeit für App-Frust, Wartezeiten oder technische Experimente haben.
Vielleicht sollte Wunstorf künftig weniger nach „Leuchtturm“ und mehr nach „Alltagstauglichkeit“ fragen.
Wenn etwas kostenlos ist, maximale Sicherheit bietet und das eigene Fahrrad sogar noch wettergeschützt untergestellt werden kann und DENNOCH nicht angenommen wird, dann stimmt etwas mit der Gesamtlösung nicht.
Wenn das neue Zugangssystem wirklich funktionieren sollte, wäre das ein Schritt nach vorn.
Ich habe das Ganze mal grob durchgerechnet gegen zwei ebenerdige Varianten:
1) ebenerdig für 244 Fahrräder komplett eingezäunt, überdacht, mit Drehtür und Schleuse ohne Personal und
2) ebenerdig für 244 Fahrräder komplett eingezäunt, überdacht mit angeschlossener kleiner Werkstatt und Personal.
Mit Personal – Punkt 2 – wird es gegenüber der Turmlösung nach 6-8 Jahren unwirtschaftlich.
Wenn in Wunstorf genügend Fläche verfügbar gewesen wäre, wäre eine ebenerdige, überdachte, abgeschlossene 24/7-Anlage mit Fahrradschleuse, App/QR/PIN/RFID, Video, Türsensorik und Alarmaufschaltung wirtschaftlich wahrscheinlich die bessere Standardlösung gewesen.
Die Fahrradtürme gewinnen bei:
sehr begrenzter Fläche,
maximalem Diebstahlschutz,
Wetter- und Vandalismusschutz,
Image/Leuchtturmwirkung,
klarer Einzelverwahrung ohne gemeinschaftlichen Innenraum.
Die ebenerdige Lösung gewinnt bei:
Kosten pro Stellplatz,
Skalierbarkeit auf 300 oder 500 Plätze,
einfacherer Wartbarkeit,
geringerer technischer Komplexität,
flexibler Erweiterung.
Und die Fläche war begrenzt – also scheidet auch der von mir genannte – ebenerdige – Punkt 1 ohne Personal aus.
Also zurück zur Turmlösung. Was stimmt hier noch nicht?
1) Zugangssystem – da ist man gerade dran – ich bin gespannt und
2) Zugangsfrequenz.
Für Wunstorf gibt es zwei relevante Zeitangaben:
– WÖHR nennt für die Auslagerung durchschnittlich ca. 16 Sekunden.
– Die Infostelle Fahrradparken nennt für Wunstorf einen Parkvorgang von ca. 30 Sekunden.
Für eine vorsichtige Rechnung nehme ich 30 Sekunden je Vorgang und Turm.
Damit gibt es drei Szenarien:
a) Normale Nutzung mit 10–25 Vorgängen pro Stunde –> keine Probleme
b) Starker Pendler-Peak mit z.B. 50 Vorgänge in 90 Minuten –> noch akzeptabel
c) Volllast-Pendlerwelle mit 57–67 Vorgängen pro Stunde –> Wartezeiten können dann auch 1–3 Minuten erreichen, wenn mehrere Nutzer fast gleichzeitig kommen und das wäre die Schwelle, ab der es für Pendler spürbar nervig wird.
Ich denke, die Volllast-Pendlerwelle haben wir früh und abends durch die Hannover-Pendler jeden Tag. Kritisch wird es also, wenn in einer Pendlerwelle mehr als ca. 50–60 Vorgänge pro Stunde je Turm auftreten. Dann wartet etwa jeder zweite Nutzer kurz, und es können sichtbare Schlangen entstehen. Wenn also sehr viele Pendler denselben Zug erreichen wollen, wird es eng.
Ich habe keine Idee, wie man dieses Problem mit den Türmen lösen könnte, außer durch weitere Technik-Investitionen die Zugangsfrequenz zu erhöhen, denn als langjähriger Hannover-Pendler ist es für mich vollkommen nachvollziehbar, dass man jeden Morgen mit einem unguten Gefühl in Richtung ZOB fährt, wenn man Angst haben muss, seinen Zug nicht zu erreichen.
Eine andere Idee hatte ich noch, als ich die beiden Türme das erste Mal sah.
Es sind zwei riesige Litfass-Säulen. Die Chinesen hätten diese beiden Türme komplett mit 360-Grad-LED-Werbe-Matrizen umhüllt und dann könnte man ortsansässigen Firmen kostenpflichtige Werbefläche anbieten. Bei verschiedenen Gewerbetreibenden – Restaurants, Baumärkte, Autohändler – könnte ich mir vorstellen, dass sie eine große Projektionsfläche annehmen würden.
Darüber hinaus könnte die Stadt Wunstorf auch eine Art Infofläche für Touristen und Einwohner daraus machen.
Der Nutzer „Wunstorfer“ unternimmt in seinem Kommentar eine historische Einordnung der Fahrradtürme für Wunstorf.
Hier kann auch an folgendes erinnert werden: Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden Wiederaufbau in Deutschland wurde die Stadt Wunstorf nach einem niedersächsischen Landesgesetz zum „Aufbaugebiet“ erklärt. Für eine gebotene Stadterweiterung wurden freie Flächen im Süden der Stadt, in der Barne, auserkoren. Der Stadtplaner Hans Bernhard Reichow und sein Partner Fritz Eggeling entwickelten und bauten das Barneviertel, ein Exempel für die Idee der „Organische Stadtbaukunst“ (Reichow). Siehe bei WIKIPEDIA: „Barneviertel“.
Heute, über 50 Jahre später, sind die Einwohner und die Stadtverwaltung mit den notwendigen und gewünschten Modernisierungs- und Anpassungsmaßnahmen beschäftigt. Das Aufregerthema Barnekreisel ist allgegenwärtig. Wie wird das wohl in Jahrzehnten mit den Wunstorfer Fahrradtürmen aussehen?
Interessant ist der Vergleich zwischen der Auepost-Berichterstattung und dem aktuellen Artikel des Wunstorfer Stadtanzeigers:
Die Auepost berichtet vor allem über das neue Zugangssystem, neue App, QR-Code, PIN, RFID-Karte und längere Buchungsmöglichkeiten. Das klingt nach technischer Nachbesserung.
Der Stadtanzeiger stellt dagegen die Bilanz in den Mittelpunkt: 2024 waren durchschnittlich nur 27 von 244 Stellplätzen belegt, 2025 nur 34. Das entspricht etwa 11 bzw. 14 Prozent Auslastung. Dazu kommen 82 Störungseinsätze bis Ende 2025, rund 1,8 Millionen Euro Investitionskosten und rechnerisch etwa 7.400 Euro pro Stellplatz.
Diese 7.400 Euro pro Stellplatz sind anschaulich: Bei einem grob gerechneten Taxitarif von 4,50 Euro Grundpreis und 2,80 Euro je Kilometer könnte man für diesen Betrag einen Nutzer bei 1 km Entfernung über 500 Mal hin und zurück zum Bahnhof fahren. Bei 2 km Entfernung wären es immer noch rund 360 Hin-und-zurück-Fahrten.
Das ist natürlich keine ernsthafte Verkehrslösung. Aber es zeigt die Größenordnung: Wenn ein einzelner Fahrradstellplatz rechnerisch so viel kostet, dass man dafür einen Kurzstreckenpendler über Monate mit dem Taxi zum Bahnhof bringen könnte, dann darf man die Wirtschaftlichkeit schon sehr deutlich hinterfragen.
Die Frage ist daher nicht nur, ob das neue Zugangssystem besser funktioniert. Die Frage ist, ob das Gesamtkonzept bei dieser geringen Auslastung überhaupt trägt.
Interessant ist an der Entwicklung der Fahrradtürme weniger die einzelne technische Nachbesserung, sondern die ganze Chronologie.
Im November 2023 wurden die Türme als Leuchtturmprojekt eröffnet: innovativ, bequem, kostenlos, wettergeschützt, digital zugänglich. Schon damals wurden in den Kommentaren sehr konkrete Einwände genannt: Kosten, Wartung, Störanfälligkeit, Wartezeiten zu Pendler-Stoßzeiten und die Frage, ob eine einfachere ebenerdige Lösung nicht zweckmäßiger gewesen wäre.
Im August 2024 brauchte es dann ein eigenes Fahrradturmfest mit Eis, Getränken, Musik, Beratung und Vorführung, um das Angebot bekannter zu machen. Der Artikel schrieb damals selbst, dass die Anlage seit gut einem Dreivierteljahr bestehe, aber noch viel zu wenig genutzt werde. Ausgerechnet an diesem Werbetag kam zudem ein Fahrrad nicht ohne manuelles Eingreifen wieder aus dem Turm.
Im März 2025 folgte erneut ein Infonachmittag. Auch dort wurde ausdrücklich berichtet, dass es bereits mehrmals Informationsveranstaltungen gegeben habe, um mehr Nutzer zu gewinnen, und dass die Türme trotz kostenloser Nutzung ihre mögliche Auslastung nicht erreichten.
Jetzt, 2026, wird das bisherige Zugangssystem vollständig ersetzt: neue App, neue Benutzeroberfläche, QR-Code, PIN, RFID-Karte, Webbuchung, längere Buchungszeiten. Das mag im Einzelnen sinnvoll sein. Aber es bestätigt zugleich, dass die ursprüngliche Alltagstauglichkeit eben nicht so überzeugend war, wie sie bei der Eröffnung dargestellt wurde.
Ein funktionierendes Alltagsangebot überzeugt normalerweise durch Nutzung. Hier überzeugt das Angebot offenbar seit Jahren vor allem durch Nachbetreuung: Testbetrieb, Turmfest, Infonachmittag, Anleitung, Hilfestellung, neue App, neues Zugangssystem.
Deshalb greift auch die Standardabwehr „immer wird nur gemeckert“ zu kurz. Die Kritik ist nicht pauschal innovationsfeindlich. Sie war von Anfang an konkret: geringe Auslastung, hohe Investitionskosten, technische Abhängigkeit, Bedienhürden, Stoßzeitenprobleme und laufender Nachbesserungsbedarf.
Wer solche Kritik lediglich als „Meckern“ abtut, beantwortet sie nicht. Er verschiebt nur die Debatte von der Sachebene auf die Stimmungsebene. Genau das ist aber bei einem öffentlich finanzierten Projekt der falsche Maßstab. Entscheidend ist nicht, ob ein Projekt modern klingt, sondern ob es im Alltag robust, einfach, wirtschaftlich und tatsächlich angenommen ist.