
Wunstorf (as). Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) sprach zum ersten Mal in dieser Funktion zu den Gästen des Neujahrsempfangs auf dem Fliegerhorst Wunstorf. Er spannte einen weiten gedanklichen Bogen vom „Mikrokosmos Wunstorf“ über klare Festlegungen zur Weltpolitik bis zur Rolle von Bundeswehr, Luftwaffe und Transportgeschwader. „Diese Perle des deutschen Lufttransports“, so Piellusch, erbringe beeindruckende Leistungen – in Afrika, im Nahen Osten oder an der NATO-Ostflanke.
Für 2022 gelte dies besonders für den Beitrag, den der Verband bei der Verlegung von Eurofightern nach Australien erbracht habe. Acht Airbus A400M seien beteiligt gewesen, sechs hätten auf dem Weg nach Australien und zurück die Welt umrundet. Der Bürgermeister wörtlich: „Jules Verne hat uns mit seinem Werk ,In 80 Tagen um die Welt‘ fasziniert, das LTG hat 46.000 Kilometer in 64 Flugstunden absolviert und damit für den Lufttransport neue Maßstäbe gesetzt.“
Er dankte den Soldaten, Soldatinnen und Zivilangestellten für ihren Einsatz. Sie seien „Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder und nicht zuletzt Bürgerinnen und Bürger Wunstorfs und der Nachbarkommunen“. Dem Oberst dankte Piellusch für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, nicht zuletzt am „Blaulichttisch“, an dem alle Wunstorfer Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben teilnehmen: „Ich freue mich darüber, dass der Ansatz einer organisationsübergreifenden, vernetzten Sicherheit von Ihnen mitgetragen wird, und wir diesen gemeinsam zu einem Erfolgsmodell entwickeln können.“ Die Kooperation sei eng und effektiv. Das zeige sich nicht zuletzt bei der Ansiedlung der Airbus-Großwerkstatt, für die die Stadt die Voraussetzungen geschaffen habe.
Piellusch nutzte die Jungfernrede vor den vielen geladenen Gästen, politische Standpunkte zu formulieren – versehen mit etlichen Zitaten. Die Auepost dokumentiert die Ansprache in Auszügen im Info-Kasten:
„Zeitenwende“ ist das Wort des Jahres 2022. Bundeskanzler Scholz hat es am 27. Februar 2022 geprägt, drei Tage nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine. Dieser Angriffskrieg war sicher das einschneidendste Ereignis des Jahres 2022. Zeitenwende heißt Veränderung. Veränderung ist eigentlich normal. Sie gibt es immer. Nichts bleibt so, wie es ist. Aber manchmal ist eine Zeitenwende mit solchen Schockwellen verbunden, dass sie besonders schmerzhaft wahrgenommen wird und sehr folgenreich ist. Das war für mich z. B. am 11. September 2001 der Fall, beim terroristischen Angriff mit Passagierflugzeugen auf das World Trade Center und das Pentagon in den USA. Die Bilder gehen mir bis heute nicht aus dem Kopf. Und nun kam wieder so ein Moment. Es begann ein heißer Krieg in Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele internationale Verträge geschlossen worden, damit so etwas nicht wieder geschieht. Generationen haben dafür gearbeitet, die Staaten des europäischen Kontinents zu versöhnen. Nach dem Fall der Mauer und dem Zerbrechen der Sowjetunion und des Warschauer Paktes schien ein Krieg in Europa für alle Zeiten gebannt. Landesverteidigung war out. Es gab keine Bedrohungslage mehr. Deutschland war „von Freunden umzingelt“, wie Verteidigungsminister Volker Rühe es einmal formulierte. Die Bundeswehr - vor allem das Heer - wurde einer Schrumpfkur unterzogen, Standorte geschlossen und die Wehrpflicht abgeschafft. Und nun? Krieg gegen die Ukraine. Tote, Verwundete, Kriegsverbrechen, zerstörte Städte und Infrastruktur, ein geschundenes Land, Millionen Geflüchtete. Ganz nah. 1.654 Kilometer sind es von Wunstorf nach Kiew. Zum Vergleich: In den Urlaub nach Palma de Mallorca sind es 1.880 Kilometer. Zeitenwende: Ein energisches Umsteuern in der deutschen Politik folgte. Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet. 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. (...) Die militärische Unterstützung für die Ukraine ist richtig. Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen. Alles andere wäre nicht nur ein fatales Signal an die Ukraine. Es wäre auch ein fatales Signal an China im Hinblick auf Taiwan. Schließlich ist es richtig und überfällig, die Bundeswehr zu stärken. Es kann nicht sein, dass wir uns die Frage stellen müssen, ob Deutschland zur Verteidigung des eigenen Territoriums überhaupt in der Lage ist. Aber es ist auch erforderlich, über den Tag hinauszublicken und politisch zu entscheiden: Was ist eigentlich Deutschlands Rolle in der Welt? Was wollen wir sein? Wo wollen wir als Staat hin? Ebenso sind noch einmal die Schwächen der internationalen Friedensordnung offenbar geworden. Was ist ein UN-Sicherheitsrat wert, in dem Russland oder China ein Vetorecht haben? Was ist Völkerrecht wert, wenn Diktaturen oder Autokratien sich darüber hinwegsetzen? (...) Dies zu korrigieren ist umso drängender, als die ehemals bipolare Welt, die sich nach 1990 zu einer multipolaren entwickelt hat, nicht übersichtlicher geworden ist. Zu Recht sprechen Carlo Masala und Peter R. Neumann von einer „Weltunordnung“. War alles furchtbar im Jahre 2022? Nein. Die Bilanz fällt durchaus ambivalent aus und gibt Anlass zu Optimismus. Putin ist es nicht gelungen, die Ukraine zu überrennen und innerhalb kurzer Frist militärisch niederzuringen. Ganz im Gegenteil. Der Westen agiert geeint. Deutschland hat sich nicht erpressen lassen, als Russland im Sommer den Gashahn zugedreht hat. Die finanziellen Folgen stark steigender Energiepreise und einer hohen Inflation werden durch ein 200-Milliarden-Programm des Bundes, ergänzende Maßnahmen der Länder und Härtefallfonds auf kommunaler Ebene gemildert. Unglaublich viele Menschen engagieren sich hauptamtlich und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Die Solidarität für die Menschen in der Ukraine und die Geflüchteten aus der Ukraine erreicht ein außerordentlich beeindruckendes Maß. Man kann sagen: Der deutsche Staat und die deutsche Zivilgesellschaft haben diesen Stresstest bestanden. Sie sind krisenresilient. Dieser Zusammenhalt und die Problemlösungsfähigkeit in Deutschland machen sehr viel Mut für die Zukunft. Sie geben auch in Zeiten des Wandels, der Bedrohung und der damit verbundenen Ängste Sicherheit und Vertrauen, dass unsere staatlichen Institutionen handlungsfähig sind und die vor uns liegenden Herausforderungen von Staat und Zivilgesellschaft bewältigt werden können.
Zuvor hatte Oberst Christian John – seit März 2020 Kommodore des LTG 62 – die vielen Vertreter der Kommunen rund um den Fliegerhorst, der Verwaltungen und kommunalpolitischen Gremien, von Dienststellen, Unternehmen und Freundeskreis begrüßt. Auch für den 55-Jährigen war es ein Novum: In den beiden vergangenen Jahren entfiel der Empfang wegen der Pandemie, und selbst der sonst übliche feierliche Appell wurde bei Johns Amtsübernahme gestrichen. Der Stabwechsel von Oberst Ludger Bette zu John erfolgte vergleichsweise schmucklos.

Mit ihrer Teilnahme am Empfang zeigten die Gäste „diesem einmaligen Verband“ ihre Unterstützung für dessen Auftrag und Ziele, sagte John: „Wir fühlen uns wohl in Ihrer Mitte.“ Europa habe im Februar 2022 und danach erfahren müssen, „wie brüchig das ist, was wir seit Ende des letzten Weltkrieges für sicher hielten – in welcher atemberaubenden Geschwindigkeit die vermeintlich so stabile europäische Sicherheitsordnung erschüttert und auf den Kopf gestellt werden kann.“
Luftstreitkräfte seien „in jeder Krise und jedem Konflikt First Responder“. Sie seien diejenigen, die jederzeit in der Lage sein müssten, auch weitab der Heimat innerhalb weniger Stunden einsatzbereit zu sein. Schon wenige Stunden nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sei die deutsche Luftwaffe präsent gewesen, um den eigenen Luftraum und den der Verbündeten an der Nato-Ostflanke zu schützen. John: „Auch unser Geschwader war von Anfang an beteiligt, um mit unseren A400M die deutschen und alliierten Kampfflugzeuge in der Luft mit Kraftstoff zu versorgen.“ Dieser Auftrag gelte weiterhin „in nahezu täglichen Flügen“.

Der Oberst nannte ein weiteres Beispiel für die Schlagkraft seines Verbandes. Er erinnerte an die spektakuläre Evakuierungsaktion im August 2021, als nach der Machtübernahme der Taliban innerhalb von zehn Tagen 5.300 Menschen aus Kabul ausgeflogen wurden. Die Operationsbasis dafür sei in nur zwei Tagen in Taschkent aufgebaut worden. Den Verband und jeden einzelnen Angehörigen für solche Einsätze auszubilden und zu trainieren nannte John „eine Mammutaufgabe“. Nur mit hoher Motivation, Engagement und Kreativität der Soldatinnen und Soldaten sei das „zu stemmen“.
Kommodore John ging auch auf die Teilnahme an der Operation Rapid Pacific ein, die „bisher anspruchsvollste und größte Verlegung der Luftwaffe in ihrer Geschichte“: Sechs Eurofighter nahmen an zwei Übungen in Australien teil, das Geschwader übernahm den Transport von Technik und Ausrüstung. Das Ganze „in nur 24 Stunden“. John: „Ein Meilenstein für uns, bei dem wir viel Erfahrung sammeln konnten.“ Sein Geschwader sei gut aufgestellt, was nicht zuletzt die Auszeichnung als bester fliegender Verband der Luftwaffe im vergangenen Jahr zeige. Angesichts weltweiter Herausforderungen und Krisen sei die Bundeswehr aber mehr gefordert als je zuvor in ihrer Geschichte. Sich auf Lorbeeren auszuruhen, komme nicht in Frage. So kündigte der Kommodore in seiner Rede die größte Luftwaffenübung an, die Europa seit Ende des Kalten Krieges erlebe: Das geplante NATO-Großmanöver Air Defender sei im Juni dieses Jahres ein wichtiger Schritt, Zusammenwirken und Effektivität zu prüfen. Deutschland sei Gastgebernation, dem Transportgeschwader komme eine zentrale Rolle zu.

John ging abschließend auf den Bau des Wartungszentrums für die A400M-Maschinen bis 2026 ein. Der „Airbus-Standort Wunstorf“ sei ein Gewinn für die Region, schaffe viele hochwertige Arbeitsplätze für Bundeswehr und Industrie. Vor allen liege ein unruhiges Jahr. John: „Hoffen wir, dass 2023 das Jahr sein wird, in dem ein Weg zurück zu Frieden, Freiheit und Sicherheit in Europa gefunden werden kann!“ Der Junge Hölty-Chor unter Janka Gottschalk und die Hölty-Oberstufen-Band unter Matthias Brandt lieferten den musikalischen Rahmen für den Empfang.
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