
Wunstorf (red). Seit Wochen ist das Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Wales in den Medien und wird einerseits von vielen mit Spannung und Anteilnahme verfolgt, während andere von einem Medienspekakel sprechen. Während die einen Unverständnis zeigen über den Aufwand, der zur Rettung des in der Wismarer Bucht aufgetauchten Tieres betrieben wird, fiebern die anderen einem glücklichen Ausgang der zuletzt gestarteten großen Rettungsoperation entgegen. Eine Walrettung in solchen Ausmaßen hat es in dieser Form bislang noch nicht gegeben.
Die jüngste Rettungsaktion wurde auch Thema beim Wunstorfer Wirtschaftswochenende in der vergangenen Woche. Denn dort hatte die DLRG-Ortsgruppe Wunstorf wieder einen Stand auf dem Außengelände. Man zeigte die Vereinsarbeit, informierte über Schwimmkurse oder präsentierte das Rettungsboot, den „Steinadler“.
Angesprochen wurden die Ehrenamtlichen am Stand aber von vielen Messebesuchern nicht nur auf die örtliche Arbeit, sondern auch auf die Walrettung in der Ostsee. Der Grund: Die DLRG war dort sehr präsent, tauchte mit typischen Rettungsbooten gut sichtbar immer wieder auf den aktuellen Bildern in den Medien auf, die Aktionen wurden von Reportern genau beobachtet.
Den DLRG-Leuten schlug nun auch in Wunstorf stellvertretend Anerkennung für die Wal-Rettung entgegen. Bei manchen herrschte die Vorstellung vor, die DLRG sei es, die gerade den Wal rette.
Das sorgte allerdings für leichtes Kopfschütteln, die Ehrenamtlichen mussten das Bild etwas geraderücken: Die DLRG würde keinen Wal retten, hieß es zu dem kleinen Irrtum. Ja, die DLRG sei im Einsatz im Rahmen der Rettung von „Timmy“, aber um die dort beteiligten Menschen abzusichern. Man gewährleiste die Wasserrettung und sei unterstützend für die Helfer vor Ort, habe mit der Walrettung direkt aber nichts zu tun.
Irgendwie schon schräg, wie weit diese Timmy-Geschichte inzwischen rumgeht.
Wir sitzen hier in Wunstorf, also ziemlich weit weg von Ostsee, Buckelwal und Nordsee. Unser „Meer“ ist das Steinhuder Meer, wo man im Zweifel Matjesbrötchen isst und Tretboot fährt.
Trotzdem landet das Thema plötzlich beim DLRG-Stand auf dem Wirtschaftswochenende. Leute sprechen die Ehrenamtlichen auf die Walrettung an, obwohl die hier eigentlich Schwimmkurse, Wasserrettung und ihr Boot zeigen wollten.
Und dann müssen die erstmal erklären: Wir retten Menschen, keine Wale.
Das zeigt schon, wie stark Medien sowas in die Köpfe drücken können. Ein paar Bilder mit DLRG-Booten, tagelang Timmy hier, Timmy da – und plötzlich fühlt sich das Thema auch im Binnenland irgendwie nah an.
Vielleicht geht es da gar nicht mehr nur um den Wal. Vielleicht geht es auch darum, dass Leute zeigen wollen: Ich habe mitgefühlt, ich bin auf der guten Seite, ich war innerlich irgendwie dabei.
Die Debatte um den Buckelwal zeigt weniger echte Tierliebe als die Neigung zu emotionalem Spektakel. Ein geschwächtes Wildtier wird verniedlicht, medial aufgeladen und zum Symbol gemacht, während menschliches Leid direkt vor unserer Haustür oft ausgeblendet wird. Fachliche Einschätzungen sollten wichtiger sein als Social-Media-Moral — und Mitgefühl sollte nicht erst dann einsetzen, wenn ein Lebewesen einen niedlichen Namen bekommt.
Eisbär Knut und Buckelwal Timmy zeigen dasselbe Muster: Sobald ein Tier einen Namen, ein Gesicht und eine rührende Geschichte bekommt, wird es emotional überhöht. Dann geht es nicht mehr nur um Tierwohl, sondern um mediale Selbstvergewisserung. Der einzelne Eisbär oder Wal wird wichtiger als die nüchterne Frage, was fachlich sinnvoll, verhältnismäßig und ethisch vertretbar ist.
Beide Fälle zeigen, wie selektiv öffentliches Mitgefühl funktioniert. Ein einzelnes Tier mit Namen und Gesicht erzeugt mehr kollektive Emotion als abstrakte Probleme wie Artensterben, Massentierhaltung, Obdachlosigkeit oder Pflegekrise. Das ist nicht zwingend böse gemeint, aber es ist medial extrem steuerbar.
Was sagt mir das?
Die Mehrheit der Menschen ist extrem fernsteuerbar und fühlen sich dabei auch noch moralisch überlegen.
Ein Besuch im Alten- oder Pflegeheim sollte genügen, um Mitgefühl und Rettungsinstinkte auszulösen. Und dabei ist es mir egal, ob Ihr den Rentner Knut oder Timmy nennt.
Okay – wenn die Medien nicht dabei sind, sind die Schicksale egal – ich habe verstanden.
Interessant ist, dass die Walgeschichte inzwischen sogar am DLRG-Stand in Wunstorf angekommen ist.
Dabei musste die örtliche DLRG offenbar klarstellen: Sie rettet Menschen, keine Wale. Eigentlich eine völlig normale Aussage – und trotzdem wirkt sie in dieser aufgeladenen Debatte fast schon wie eine Rechtfertigung.
Genau daran sieht man, wie stark sich der Maßstab verschoben hat. Menschenrettung ist plötzlich fast zu profan, während die Walrettung zur großen moralischen Bühne wird.
Am Steinhuder Meer gibt es nun einmal keine Buckelwale. Vielleicht bleibt deshalb ein gewisser Überdruck an Hilfswillen übrig, der sich dann an einem weit entfernten Tierfall entlädt.
Vielleicht geht es bei dieser ganzen Geschichte auch deshalb um mehr als nur um einen Wal: Wer rettet, sieht sich selbst als Teil einer guten Geschichte. Und vielleicht steckt darin sogar die tiefere Sehnsucht, dass in einer verunsicherten Gesellschaft überhaupt noch etwas gerettet werden kann – vielleicht am Ende sogar man selbst.