
Wunstorf (ms/as). Es ist wieder die Stadtkirche, die die Wunstorfer Gastgeber und ihre gut 30 französischen Gäste in einer Feierstunde zusammenführt. Wie so oft in vergangenen Jahren. Aber die Begegnung zum 30. Jahrestag hat etwas Besonderes: Im März ist Boeses Partner und Freund Claude Roussel im Alter von 89 Jahren gestorben. Er war der Architekt der Beziehungen, so Bürgermeister Carsten Piellusch. Für viele war er enger Freund. Die Rednerinnen und Redner erinnern an ihn, und das Gedenken ist auch unausgesprochen Teil dieses Treffens.
Manfred Forreiter, der scheidende Vorsitzende des Partnerschaftsvereins: „Wunstorf hat einen französischen Freund verloren!“ Sein Name werde untrennbar mit der Geschichte der Beziehungen zu Flers verbunden bleiben. Es waren Roussel und Boese, die aus kleinen Anfängen vor 40 Jahren und Annäherungen eine persönliche Freundschaft, eine Partnerschaft zweier Schulen und eine Verbindung zweier Städte werden ließen.
Der Franzose hat oft berichtet von anfänglichen Schwierigkeiten, aber sich nie beirren lassen. Er hat im ganzen Département Orne Partnerschaften initiiert. Dazu zählt auch die der Nachbarstadt La Ferté-Macé mit Neustadt am Rübenberge. Roussels Motiv war die Versöhnung, sein Ziel: Menschen zusammenbringen, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.
Die Zurückhaltung war in den ersten Jahren nicht zu übersehen, vor allem in Wunstorf. Flers’ Bürgermeister Michel Lambert kam 1994 aus der Normandie nach Niedersachsen, um für eine Städtepartnerschaft zu werben. Der Rat wollte damals nicht so weit gehen. Freundschaftliche Kontakte sollten gepflegt werden, aber für eine vertragliche Bindung und eine echte Partnerschaft gab es keine Mehrheit.
Dennoch reiste eine Delegation mit Stadtdirektor Günter Kramer und Bürgermeister Friedhelm Meine an der Spitze einige Monate später nach Flers – im Gepäck das offizielle Nein zu Lamberts Vorschlag. Die Emissäre erlebten aber etwas, das alle Besucher der kleinen Stadt nahe Caen erfahren, und dem sie sich nicht entziehen können: übermannende Gastfreundschaft. So ließ die Delegation Beschluss Beschluss sein und signalisierte Zustimmung zur Partnerschaft: Die Verträge sind gemacht – 1995 in Flers, ein Jahr danach in Wunstorf. Im nächsten Jahr soll das groß gefeiert werden.
Jetzt ist es ein festes Band, das die Kommunen verbindet. Auch wenn etliche Mitglieder der Freundschaftskomitees ein Alter erreicht haben, das ihnen das Reisen erschwert oder ganz verhindert. Forreiter, seit vielen Jahren im Vorstand aktiv, hat es diesmal offen angesprochen.
Bürgermeister Carsten Piellusch stellt in seiner Festrede die Partnerschaft in einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Europawahl und der politischen Lage in Europa. Wie im Mai 2022 wechselt er problemlos zwischen Deutsch und Französisch. Er widmet sich ausführlich dem Krieg in der Ukraine und der berühmten Rede von Präsident Emanuel Macron in der Universität Sorbonne. Mit Macron verlangt er sofortige Anstrengungen, um Freiheit und Wohlstand in Europa zu sichern. „Europa ist unsere Zukunft“, sagt er, „nicht unsere Vergangenheit.“
„Europa ist unsere Zukunft, nicht unsere Vergangenheit“
Carsten Piellusch
Wie Gesamtschule und Hölty-Gymnasium inzwischen in die Partnerschaft einbezogen sind, sind die Musikschulen der beiden Städte beteiligt. Die Orchester bereichern die Treffen und die Programme regelmäßig mit ihren Auftritten. So auch diesmal in der Stadtkirche und bei einem gemeinsamen Konzert in der Steinhuder Kirche am Tag nach der Feierstunde. Dr. Henrike Buddecke vom Vorstand des Wunstorfer Trägervereins erinnert an gemeinsame Projekte und nennt gemeinsames Musizieren eine „wunderschöne Möglichkeit der Verständigung und des Verstehens“.
Das pflegen Gastgeber und Gäste auch beim anschließenden Treffen in der Abtei, beim Konzert und vor allem beim gemeinsamen Ausflug nach Marienborn und Magdeburg. Krönender Abschluss wie vor zwei Jahren ist der Ball in den Strandterrassen in Steinhude. Im nächsten Jahr soll der 30. Jahrestag der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags in Flers im Mittelpunkt des Gegenbesuchs stehen.
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