Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Zu viele verletzte Radfahrer: Schwellen am Bahnübergang Hohes Holz wieder abgebaut

22.08.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 950

Bilder von gestürzten Radfahrern, verletzte Kinder und Kopfwunden: Die Stadt hat beim Bahnübergang „die Notbremse gezogen“, die gefährlichen Bodenschwellen entfernt und durch Stoppschilder sowie flache Markierungen ersetzt.

22.08.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 950
Die Temposchwellen sind wieder abmontiert – stattdessen stehen nun Stoppschilder am Bahnübergang | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). An Gehässigkeiten und Spott infolge des Berichtes über gestürzte Radfahrer am Bahnübergang Hohes Holz hatte es nicht gemangelt. „Selber schuld“, „zu blöd zum Radfahren“ oder „ist ja nicht so, dass die Dinger unsichtbar sind“, bescheinigten manche Kommentatoren den gestürzten Radfahrern, die die eigentlich auffälligen Bodenschwellen übersehen hatten – und rieten etwa dazu, lieber ganz aufs Radfahren zu verzichten. Doch die Stürze waren keine Einzelfälle, wie sich inzwischen bestätigte.

Nach dem Verkehrsunfall mit einem verletzten Autofahrer im November 2021 waren Temposchwellen zu beiden Seiten des unbeschrankten Kleinbahn-Bahnübergangs Hohes Holz installiert worden, um den Kraftfahrzeugverkehr auszubremsen, so dass sich eine höhere Aufmerksamkeitsspanne zugunsten des Zugverkehrs ergab. Zusätzlich wurden Betonblocksteine am Fahrbahnrand aufgestellt, um das Umfahren der Schwellen zu verhindern.

Keine Einzelfälle

Allein bei der Wunstorfer Polizei wurden vier Fälle von Kopfverletzungen nach Stürzen über die sogenannten Temposchwellen aktenkundig, mehrmals musste der Rettungsdienst anrücken und verletzte Radfahrer zur Behandlung ins Krankenhaus bringen. Auch bei der Auepost meldeten sich nach dem Bericht weitere Radfahrer, die von Stürzen über Bodenschwellen berichteten, auch wenn die Verletzungen in diesen Fällen glimpflicher ausgefallen waren. Beschwerden oder weitere Hinweise bei der Stadt über Probleme mit den künstlichen Hindernissen zur Geschwindigkeitsreduzierung hatte es laut Auskunft von Stadtsprecher Alexander Stockum jedoch bislang nicht gegeben.

Ehemalige Schwellen vor dem Bahnübergang | Foto: Daniel Schneider

Die Schwellen waren eine schnelle Maßnahme gewesen, um das Gefahrenpotential vor allem für Autofahrer zu senken – doch dabei wurde unabsichtlich ein neues für Radfahrer geschaffen. Radfahrer nahmen Schwellen nicht wahr oder schätzten ihre Höhe falsch ein – und stürzten, während sie darüberfuhren, statt neben ihnen vorbeizufahren. Dies bestätigen die Recherchen der Auepost: Einige der Betroffenen hatten die eigentlich auffälligen Schwellen tatsächlich nicht als Hindernis wahrgenommen – die Aufmerksamkeit war offenbar eher auf den Bahnübergang gerichtet gewesen und weniger auf die Beschaffenheit der Fahrbahn.

Polizei registriert neuen Unfallschwerpunkt

Des Weiteren wurde die Gefahr für Radfahrer, die links oder rechts an den Schwellen vorbeifuhren, nicht wesentlich gesenkt, ebenfalls mit einem Zug zusammenzustoßen. Als heikel kann auch gesehen werden, dass die zusätzlich angebrachten Baken und Betonblöcke, die das Umfahren der Hindernisse durch Autos verhindern sollten, im Falle eines Sturzes eine zusätzliche Gefahr für Radfahrer darstellten, Verletzungen zu erleiden.

Die Stadt war mit Schwellen in ein Dilemma geraten: Einerseits wollte man künftige schwere Unfälle mit Autofahrern auf dem unbeschrankten Bahnübergang verhindern und wählte eine Art von Bodenschwelle, die Autofahrer zum starken Verlangsamen zwingt: Dass das funktionierte, zeigte sich unter anderem an Beschwerden von Autofahrern bei der Stadtverwaltung, die bemängelten, dass die Schwellen zu hoch seien und die Fahrzeuge bei zu schnellem Überfahren beschädigt werden würden. Unabsichtlich hatte man damit jedoch nun eine neue Gefahrenstelle geschaffen - für Radfahrer, die die Schwellen nicht wie vorgesehen umfuhren, sondern darüberfuhren. Für Radfahrer bei üblicher Geschwindigkeit waren die Schwellen ebenfalls zu steil und bei Nässe sogar rutschig.

Kurz nach der Berichterstattung der Auepost über die jüngsten Vorfälle waren zunächst weitere Schilder angebracht worden, die Radfahrer zum Absteigen aufforderten. Dieser zusätzliche Hinweis, der auf die Höhe der Schwellen zumindest mittelbar aufmerksam machte, war in den Monaten zuvor nicht vorhanden gewesen.

Das unterste Zusatzschild war später ergänzt worden und wurde inzwischen wieder entfernt | Foto: Daniel Schneider

Doch nach einem Ortstermin von Polizei und Stadtverwaltung war entschieden worden, die Schwellen sofort wieder zu entfernen. Zuvor war die Polizei an die Stadt herangetreten und hatte über den sich abzeichnenden Unfallschwerpunkt informiert. In der zweiten Augustwoche wurden die gelben Schwellen daher wieder demontiert. Die „Radfahrer absteigen“-Schilder sind mittlerweile ebenfalls wieder verschwunden. Die Betonblöcke und Baken an den Fahrbahnseiten werden jedoch nicht entfernt – sie bleiben stehen, bestätigte Alexander Stockum auf Nachfrage der Auepost. Diese wirken somit weiterhin wie eine Fahrbahnverengung, so dass zumindest bei Gegenverkehr eine weitere Geschwindigkeitsberuhigung eintritt.

Neue Maßnahmen

Anstelle der demontierten Temposchwellen wurden nun mehrere neue Maßnahmen zur Reduzierung der Kollisionsgefahr mit einem Zug am Bahnübergang umgesetzt. Statt Tempo 20 gilt nun unmittelbar vor dem Bahnübergang eine Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h.

Vorher 20, nun gilt Tempo 10 | Foto: Daniel Schneider
Die Markierungen sollen die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer erhöhen | Foto: Daniel Schneider

Außerdem wurden Stoppschilder unmittelbar vor dem Gleis errichtet, zunächst provisorisch, inzwischen fest im Boden aufgestellt. In den Bereichen, die bislang von den Schwellen abgedeckt waren, wurden dafür nun weiße Markierungen auf die Straße gemalt – sie zwingen nicht mehr zum Abbremsen, sondern erzeugen nur noch einen optischen Effekt, der zum Abbremsen verleiten soll und zusätzlich auf die Gefahrenstelle Bahnschienen aufmerksam macht.

Die gelben Schwellen am Wunstorfer Bahnübergang waren im Prinzip eine längliche Variante des sogenannten Kölner Tellers: Erhebungen aus Metall, die mit einer für Autoreifen gedachten Struktur versehen sind und fest auf der Straße angebracht werden. Diese Form der Verkehrsberuhigung gilt als besonders problematisch für Radfahrer, wenn sie nicht umfahren wird. Gerichte hatten deswegen in der Vergangenheit geurteilt, dass für Radfahrer zu beiden Seiten mindestens eine Gasse von 80 Zentimetern bis zu einem Meter frei bleiben muss. 2017 war ein Radfahrer in Heidelberg nach einem Sturz über ein solches Hindernis gestorben. Die verantwortlichen Verkehrsplaner waren anschließend juristisch belangt worden.
von Daniel Schneider
[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:

Kommentare


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kontakt zur Redaktion

Tel. +49 (0)5031 9779946
info@auepost.de

[Anzeigen]

Artikelarchiv

Auepost auf …