Lokale Originale: Die „Stipsfabrik“ der Reinholds

Was Rübensaft überhaupt ist und wofür man es braucht, warum es das eigentlich jahrelang haltbare Produkt nicht ganzjährig gibt, warum an Schließungsgerüchten nichts dran ist und wie aus einer gewöhnlichen Zuckerrübe am Ende Sirup entsteht: Eine Reportage über den vielleicht traditionellsten Wunstorfer Industriebetrieb.

Der Seniorchef bei der Arbeit | Foto: Mirko Baschetti
Der Seni­or­chef bei der Arbeit | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Ein süß­li­cher Geruch umweht das wei­ße Gebäu­de gegen­über des Obi-Bau­markts, direkt neben „Ullis Pfle­ge­team“ an der west­li­chen Kreu­zung der Hagen­bur­ger Stra­ße. Es ist der typi­sche Geruch der Zucker­raf­fi­ne­rie, den man sonst nur – viel inten­si­ver – aus Orten mit groß­in­dus­tri­el­ler Zucker­pro­duk­ti­on kennt, wo die­se in den Herbst­ta­gen, wenn die Zucker­rü­be geern­tet wird, mit­un­ter gan­ze Städt­chen ein­ne­belt. Doch hier ste­hen kei­ne gro­ßen Silos und Indus­trie­an­la­gen, hier wer­den nicht im Minu­ten­takt Zucker­rü­ben auf LKW-Anhän­gern ange­lie­fert. Den­noch herrscht emsi­ges Trei­ben, sowohl im Gebäu­de als auch davor, wo Leu­te mit lee­ren Blech­ei­mern das Haus betre­ten und es mit gefüll­ten wie­der ver­las­sen: Es ist der Stand­ort der Zucker­rü­ben­si­rup­fa­brik der Fami­lie Rein­hold, die Hei­mat von „Reinhold’s Rüben­saft“.

Die klei­ne Fabrik steht seit knapp 80 Jah­ren an ihrem jet­zi­gen Platz, nach­dem ers­te Schrit­te der Rüben­saft­pro­duk­ti­on noch zwei Jah­re eher gegen­über des Bag­ger­sees unter­nom­men wur­den – und die heu­te umlie­gen­den Gebäu­de gehör­ten damals auch noch dazu. In den 30er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts gab es hier nichts als Feld – das hat sich inzwi­schen geän­dert. Heu­te ver­läuft hier eine Haupt­ver­kehrs­ader Wunstorfs.

Die unmit­tel­ba­ren Nach­barn beschwe­ren sich den­noch weder über Geruchs- noch Lärm­be­läs­ti­gung – und selbst wenn es laut oder olfak­to­risch bedenk­lich wür­de, gäbe es kei­ne Beschwer­den, denn in der Nach­bar­schaft wohnt nur die eige­ne Fami­lie des Fami­li­en­be­triebs. Woh­nen und arbei­ten am sel­ben Ort, ohne dabei Heim­ar­beit mit dem Lap­top auf dem Küchen­tisch zu mei­nen, auch das gibt es noch im 21. Jahr­hun­dert.

Der Sirup

Die Zuta­ten­lis­te besteht aus einem ein­zi­gen Punkt: Zucker. „Rüben­saft“ als Name ist jedoch im Grun­de irre­füh­rend, denn der Rüben­saft ist zwar ein Zwi­schen­schritt in der Pro­duk­ti­on, ver­kauft wird am Ende aber Zucker­rü­ben­si­rup – das Kon­zen­trat des Rüben­saf­tes. Doch jeder Wunstor­fer weiß, was er unter die­sem Namen erhält, es ist die in Nie­der­sach­sen gebräuch­li­che Bezeich­nung. Die­ser Name ent­stand, als der Sirup in frü­he­ren Zei­ten noch stär­ker gestreckt wur­de – und auch „Reinhold’s Rüben­saft“ um den 2. Welt­krieg her­um tat­säch­lich eine eher flüs­si­ge Kon­sis­tenz hat­te. Das Ein­di­cken ist ener­gie­auf­wän­dig, und dar­an wur­de in Zei­ten der Not gespart.

Aus die­sen alten Zei­ten rührt auch sei­ne inof­fi­zi­el­le Bezeich­nung, die den Wunstor­fern fast noch geläu­fi­ger ist als die auf­ge­druck­te Mar­ken­be­zeich­nung: Stips. Denn der Sirup war so flüs­sig, dass man sein Brot direkt „hin­ein­stip­pen“ konn­te, statt ihn aufs Brot zu strei­chen. Als Stips oder Rüben­saft ist er vor allem in der hie­si­gen Regi­on bekannt, in ande­ren Land­stri­chen exis­tie­ren ande­re Bezeich­nun­gen. Auf Platt­deutsch heißt er eben­falls Zaft, die Rhein­län­der z. B. jedoch spre­chen von Rüben­kraut (was noch irre­füh­ren­der ist, da das Blatt­werk der Zucker­rü­be ja gera­de kei­ne Ver­wen­dung fin­det).

Der Ausgangsstoff und einzige Zutat: Zuckerrrüben | Foto: Mirko Baschetti
Der Aus­gangs­stoff und ein­zi­ge Zutat: Zuckerr­rü­ben | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Der Ver­wen­dungs­zweck hat sich seit damals kaum ver­än­dert. Als Mar­me­la­den­al­ter­na­ti­ve beim Früh­stück oder am Kaf­fee­tisch, zu Pfann­ku­chen oder Kar­tof­fel­puf­fern – oder als Zutat beim Honig­ku­chen- oder Brot­ba­cken, denn der dunk­le Sirup fun­giert auch als Farb­stoff und macht das Brot schön dun­kel. So ist auch man­che Bäcke­rei in der Gegend Groß­ab­neh­mer des Reinhold’schen Rüben­si­rups. Gene­rell ist er auch zum Süßen geeig­net, der Zucker­ge­halt liegt etwa 10 Pro­zent über dem von Mar­me­la­de. Haupt­säch­lich wird er von den Käu­fern jedoch wei­ter­hin als Brot­auf­strich ver­wen­det. Rüben­saft wird in zwei Vari­an­ten ver­kauft, hell und dun­kel, doch nur der dunk­le wird selbst vor Ort pro­du­ziert, der hel­le ledig­lich unter dem Label der Rein­holds ver­trie­ben.

Rundgang durch die Fabrik

Wei­ßer Dampf steigt an einer Ecke des Hau­ses empor. Hin­ter den wei­ßen Fas­sa­den ver­birgt sich die Wunstor­fer „Stips­fa­brik“, in der seit knapp 80 Jah­ren Zucker­rü­ben­si­rup her­ge­stellt und ver­kauft wird. Ein gewach­se­nes Haus, immer mal wie­der um einen Anbau erwei­tert, dem man nur von innen die Jahr­zehn­te ansieht: schie­fe Böden, nied­ri­ge Türen, guss­ei­ser­ne Maschi­nen­tei­le, im Boden ein­ge­las­se­ne Schie­nen zum Bewe­gen der gro­ßen Gerät­schaf­ten.

Vom Ver­kaufs­raum führt eine klei­ne Tür fast direkt in die Pro­duk­ti­ons­stra­ße. In fünf Sta­tio­nen wird hier aus einer Zucker­rü­be am Ende ein Gläs­chen Sirup. Es beginnt an der Rück­sei­te des Gebäu­des, wo die Zucker­rü­ben ange­lie­fert wer­den. Die Zucker­rü­ben kom­men prak­tisch schon ver­ar­bei­tungs­fer­tig auf dem Gelän­de an. Die Rüben dür­fen kei­ne Blät­ter mehr haben, denn das wür­de spä­ter einen bit­te­ren Geschmack erge­ben.

Die ange­lie­fer­ten Zucker­rü­ben wer­den über die Anlie­fe­rungs­ram­pe ins Gebäu­de geschau­felt. Dort wer­den die Rüben gerei­nigt, bevor sie zunächst gekocht, zer­klei­nert und gepresst wer­den. Die Pro­duk­ti­ons­stra­ße bzw. das Inte­ri­eur zur Zucker­rü­ben­ver­ar­bei­tung ist zum über­wie­gen­den Teil selbst­ge­baut bzw. ‑ent­wi­ckelt. Wüss­te man nicht, dass hier Zucker­rü­ben ver­ar­bei­tet wer­den, man käme ange­sichts der vie­len Ein­bau­ten und laby­rinthar­tig mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Gerä­te wohl auch nicht dar­auf. Doch spä­tes­tens der Geruch in der Luft ver­rät es.

In frü­he­ren Zei­ten wur­de in koh­le­be­feu­er­ten Kes­seln gekocht; einer der alten Kes­sel steht bis heu­te. Vor etwa 40 Jah­ren über­nahm man dann die moder­ne­ren Anla­gen eines Betriebs aus Ban­torf, einem ehe­ma­li­gen Kon­kur­ren­ten, der die Pro­duk­ti­on ein­stell­te. Der Dampf zum Zucker­rü­ben­ko­chen wird seit­dem mit Öl erzeugt, doch auch die­se Anla­gen wir­ken inzwi­schen auf den Betrach­ter his­to­risch. Die­se Dampf­an­la­ge, bestehend im Grun­de aus einer Art dampf­be­trie­be­ner Schnell­koch­töp­fe, ist die ers­te hei­ße Sta­ti­on für die Zucker­rü­be.

Wur­de bis zu die­ser Umstel­lung das Kochen prak­tisch in einem ein­zi­gen Kes­sel durch­ge­führt, wur­de die Pro­duk­ti­on im Lau­fe der Zeit in ver­schie­de­ne Schrit­te unter­teilt – nicht nur, um Zeit und Per­so­nal zu spa­ren, son­dern auch, um bes­se­ren Ein­fluss auf das End­pro­dukt neh­men und gleich­blei­ben­de Qua­li­tät errei­chen zu kön­nen. Denn vie­le „Stell­schrau­ben“ im Zucker­rü­ben­koch­pro­zess gibt es eigent­lich nicht. Die Qua­li­tät und der Geschmack des Rüben­safts hän­gen maß­geb­lich von der ange­lie­fer­ten Zucker­rü­be ab. Das Geheim­nis der Zube­rei­tung liegt ansons­ten im spä­te­ren Koch­vor­gang – der von den Rein­holds mit Erfah­rung gesteu­ert wird.

In den 30er, 40er Jah­ren war die Pro­duk­ti­on noch eine ganz ande­re: sie­ben- bis acht­mal wur­den die Rüben hin- und her­ge­schau­felt, bis sie letzt­lich zu Rüben­saft wur­den. Die Pro­duk­ti­ons­schrit­te lau­fen inzwi­schen viel flüs­si­ger ab. Über ein Dut­zend Arbei­ter waren bei der Stips-Pro­duk­ti­on ein­ge­spannt, heu­te genü­gen zwei Leu­te, um den Fer­ti­gungs­pro­zess in Gang zu hal­ten – es wer­den aber auch weni­ger Zucker­rü­ben ver­ar­bei­tet als damals.

Zwischenstation Zuckerrübensaft

Nach etwa sechs Stun­den gelan­gen die nun gekoch­ten Rüben aus dem Dampf­kes­sel in eine Müh­le, aus der sie wie­der­um in die Rüben­pres­se gelei­tet wer­den. In die­sem Sta­di­um sieht der Rüben­brei etwa aus wie etwas dunk­le­rer Kar­tof­fel­brei. Ein gro­ßer Hydrau­lik­zy­lin­der presst den zer­mah­le­nen, gekoch­ten Brei mit einem immensen Druck durch meh­re­re Lagen von Stoff­tü­chern.

Aus die­ser Rüben­pres­se tröp­felt dann schließ­lich das Roh­pro­dukt her­aus: reins­ter Zucker­rü­ben­saft, der in die­sem Zustand jedoch noch viel zu flüs­sig und süß ist. Der sich dabei bil­den­de Schaum drum­her­um schmeckt fast wie Zucker­wat­te. Über Rohr­lei­tun­gen im Boden wird das Zwi­schen­pro­dukt in einen ande­ren Bereich des Gebäu­des gepumpt: In gro­ßen Becken wird der Aus­gangs­stoff hier in einem fili­gra­nen Pro­zess ver­kocht: aus flüs­si­gem Zucker­rü­ben­saft wird Zucker­rü­ben­si­rup – Reinhold’s Rüben­saft.

Es herr­schen ins­be­son­de­re im Bereich der Koch­trö­ge hohe Tem­pe­ra­tu­ren und eine eben­so hohe Luft­feuch­tig­keit. Wenn die Zucker­rü­ben rich­tig am Kochen sind, ist der Seni­or­chef, der auch an die­sem Tag den Fer­ti­gungs­pro­zess über­wacht, nur noch sche­men­haft in einer gro­ßen, wei­ßen Dunst­wol­ke zu erken­nen. Die Sicht sinkt irgend­wann gegen null.

Rübensaftherstellung als Kunst

Wäh­rend des Kochens bzw. Ein­di­ckens, das zur Streich­fä­hig­keit des Rüben­saf­tes führt und ihn zum Sirup macht, muss per­ma­nent dar­auf geach­tet wer­den, dass nichts über­kocht oder anbrennt, die Füll­stän­de müs­sen akri­bisch im Auge behal­ten wer­den. Die andau­ern­de Prü­fung der rich­ti­gen Kon­sis­tenz – noch wäh­rend des Kochens – ist eine Kunst. Das über­nimmt in der Regel der Seni­or­chef, Albert Rein­hold jun., Sohn des Fir­men­grün­ders Albert Rein­hold sen. und Vater von Jür­gen Rein­hold, der den Fami­li­en­be­trieb inzwi­schen lei­tet. Denn die­se Kunst erfor­dert Erfah­rung – und von der hat der Seni­or­chef die meis­te. Glück­li­cher­wei­se muss er dafür nicht per­ma­nent in der Hit­ze des hei­ßen Damp­fes ste­hen.

Rübensaft kurz vor der Abfüllung | Foto: Mirko Baschetti
Rüben­saft kurz vor der Abfül­lung | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Nach etwa drei Stun­den die­ses wei­te­ren Koch­vor­gangs ist der Rüben­saft nun nahe am ver­kaufs­fä­hi­gen Zustand. In einem letz­ten Schritt wird er noch ein­mal umge­pumpt, um ihn her­un­ter­zu­küh­len – und dann ist er bereit für die Abga­be. Der Saft wird für die Kun­den direkt im Ver­kaufs­raum abge­füllt. Koch­frisch läuft der Sirup aus der Wand und lan­det noch warm in den von vie­len Kun­den selbst mit­ge­brach­ten Gefä­ßen oder frü­her erwor­be­nen Eimern, die ein­fach wei­ter­be­nutzt wer­den.

Gelebter Umweltschutz

Wäh­rend woan­ders aktu­ell dis­ku­tiert wird, wie man die vie­len Papp­be­cher beim Kaf­fee­ver­kauf am bes­ten ver­mei­det, wird der Umwelt­schutz beim Natur­pro­dukt Zucker­rü­be bereits groß­ge­schrie­ben. Es gibt den Rüben­saft fer­tig abge­füllt in ver­schie­den gro­ßen, wie­der­ver­wend­ba­ren Eimern und Glä­sern zu kau­fen – oder man lässt sich ein­fach etwas in den bereits vor­han­de­nen, mit­ge­brach­ten alten Eimer oder ein ande­res Gefäß sei­ner Wahl abfül­len. Bereits 100 Gramm (Ver­kaufs­preis: 30 Cent) oder noch weni­ger kann man sich so mit­neh­men. Die Ver­kaufs­men­ge wird exakt abge­wo­gen, unter dem Sirup-Aus­lass ste­hen ent­spre­chen­de Waa­gen. Nach oben hin gibt es kei­ne Gren­ze, die meis­ten Kun­den begnü­gen sich jedoch mit einem oder zwei Eimern – und las­sen so in der Regel um die 10 bis 20 Euro im Fabrik­la­den.

Alles, was nach dem Pressvorgang von einer Zuckerrübe übrig bleibt, ist ein dünner Lappen. | Foto: Mirko Baschetti
Alles, was nach dem Press­vor­gang von einer Zucker­rü­be übrig bleibt, ist ein dün­ner Lap­pen. | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Pro­duk­ti­ons­ab­fall fällt in der Rüben­saft­fa­brik übri­gens auch nicht an: Von der zer­koch­ten und gepress­ten Zucker­rü­be bleibt ledig­lich ein klei­ner, fase­ri­ger Lap­pen übrig. Die Rück­stän­de des Press­ver­fah­rens, die wie alte Putz­lap­pen wir­ken, wer­den gesam­melt und die­nen dann als Tier­fut­ter: Bau­ern holen sich die Rüben­res­te für ihre Schwei­ne und Rin­der ab.

Rübensaft-Zeit

Was der Kun­de spä­ter in der Regel gar nicht bemerkt, fällt den Rein­holds, die im Rah­men der Qua­li­täts­si­che­rung stän­dig pro­bie­ren müs­sen, sofort auf: denn der Rüben­saft schmeckt durch­aus unter­schied­lich: je nach ver­wen­de­ter Zucker­rü­be vari­iert die geschmack­li­che Note. Über den Erfolg des End­pro­dukts ent­schei­det daher schon die Ern­te auf dem Feld:

Die Rüben müs­sen nach bestimm­ten Vor­ga­ben ange­baut, geern­tet und beschnit­ten wer­den, um über­haupt für die Reinhold’sche Wei­ter­ver­ar­bei­tung in Fra­ge zu kom­men. Sie müs­sen frisch sein, in geeig­ne­tem Boden ange­baut wer­den – und es kom­men nur spe­zi­el­le Sor­ten in Fra­ge. Frü­her waren es ein­mal diver­se Land­wir­te, die die Zucker­rü­ben lie­fer­ten, inzwi­schen sind es nur noch zwei: in Reinhold’s Rüben­saft lan­den Rüben aus Luthe und Idensen.

Die Sai­son dau­ert acht bis neun Wochen und beginnt Ende Sep­tem­ber. Bis Ende Novem­ber wird dann pro­du­ziert, der Dezem­ber mög­lichst ver­mie­den. Die eigent­li­che Rüben­saft­pro­duk­ti­on kon­zen­triert sich somit auf die Herbst­zeit. Sech­zehn Stun­den Arbeit pro Tag – inklu­si­ve der Wochen­en­den – sind dabei kei­ne Sel­ten­heit.

An der gren­ze der eige­nen kör­per­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit“Jür­gen Rein­hold

Im Grun­de arbei­ten die Rein­holds hier mit dem Mar­ke­ting­in­stru­ment der künst­li­chen Ver­knap­pung – denn theo­re­tisch könn­te man auch das gan­ze Jahr über Rüben­saft her­stel­len; gro­ße Zucker­fa­bri­ken arbei­ten deut­lich län­ger. Doch die Her­stel­lung von Rüben­saft als Sai­son­pro­dukt in einer bestimm­ten Jah­res­zeit hat zwei Grün­de: einen öko­no­mi­schen und einen bio­lo­gi­schen.

Traditionelle Technik setzt Grenzen

Einer­seits sol­len die rei­fen Zucker­rü­ben frisch ver­ar­bei­tet wer­den, denn das sorgt am Ende für einen bes­se­ren Geschmack. Somit ist die Pro­duk­ti­ons­zeit eng an die Zucker­rü­be­n­ern­te im Herbst gekop­pelt. Der im Herbst her­ge­stell­te Rüben­saft reicht so bis zum Febru­ar und ist dann aus­ver­kauft, bevor es im dar­auf­fol­gen­den Sep­tem­ber wie­der los­geht.

Albert Reinhold jr. | Foto Mirko Baschetti
Albert Rein­hold jr. | Foto Mir­ko Baschet­ti

Die Fabrik könn­te theo­re­tisch mehr pro­du­zie­ren, so dass das gan­ze Jahr über ver­kauft wer­den könn­te, doch dazu müss­te nicht nur auf ein­ge­la­ger­te Rüben zurück­ge­grif­fen, son­dern auch das tra­di­tio­nel­le Her­stel­lungs­ver­fah­ren auf­ge­ge­ben wer­den – und das Pro­dukt wür­de sich dadurch zum Nega­ti­ven ver­än­dern. Denn die Tech­nik der Her­stel­lung des Wunstor­fer Rüben­saf­tes ist eines sei­ner Allein­stel­lungs­merk­ma­le, denn es sorgt für den typi­schen Kara­mell-Geschmack, der bei Ver­fah­ren in grö­ße­rem, indus­tri­el­le­rem Maß­stab ver­lo­ren­gin­ge.

Da auch die Bün­de­lung der Kräf­te auf einen bestimm­ten Zeit­raum den Rein­holds ein erträg­li­ches Ein­kom­men beschert, ist die­se sai­so­na­le Pro­duk­ti­on mög­lich. Pro­fit um jeden Preis ist nicht der bestim­men­de Antrieb. Es geht auch dar­um, das Pro­dukt in sei­ner alt­her­ge­brach­ten Form im Rah­men des fami­liä­ren Betriebs zu bewah­ren. Auch Expan­si­on ist und war nie ernst­haft ein The­ma – denn auch das hät­te den Ver­lust der fami­liä­ren Struk­tu­ren und die­ser beson­de­ren Form der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit bedeu­tet. Man wäre von Geld­ge­bern und Inves­to­ren abhän­gig gewor­den.

Dabei ist die Arbeit mit der rei­nen Pro­duk­ti­on des Rüben­saf­tes längst nicht been­det. Nach dem Abschluss der jähr­li­chen Her­stel­lung wer­den treue Kun­den auch direkt an die Haus­tür belie­fert – und in den Som­mer­mo­na­ten wer­den die Maschi­nen gewar­tet, repa­riert – und die Fabrik wie­der auf Vor­der­mann gebracht, denn der vie­le Dampf, der beim Rüben­ko­chen ent­steht, greift Aus­stat­tung und Wän­de stark an. Reno­vie­run­gen und Repa­ra­tu­ren machen die Rein­holds, soweit das mög­lich ist, eben­falls selbst. So ist es Jür­gen Rein­hold ganz recht, dass die Dimen­sio­nen trotz der vie­len Arbeit über­schau- und kal­ku­lier­bar blei­ben.

Ein ewiger Geheimtipp

Die tra­di­tio­nel­le Her­stel­lungs­wei­se ist es dann auch, die die Käu­fer mit­un­ter von weit­her anrei­sen lässt. Der Ver­kauf kon­zen­triert sich eben­so wie die Her­stel­lung auf eine bestimm­te Zeit. Die meis­ten Kun­den decken sich mit Rüben­saft ein, wenn er frisch ist, und kom­men im Sep­tem­ber und Okto­ber zum Werks­ver­kauf.

Das Fas­zi­nie­ren­de ist dabei, dass der Rüben­saft heu­te weit über die Gren­zen Wunstorfs hin­aus bekannt ist, ande­rer­seits auch ein knap­pes Jahr­hun­dert nach sei­ner Ent­ste­hung noch immer als Geheim­tipp gehan­delt wird. Denn der Ver­trieb funk­tio­niert seit Anbe­ginn prak­tisch über Mund­pro­pa­gan­da. Für den Rüben­saft wird kei­ne Wer­bung gemacht und man kon­zen­triert sich im Wesent­li­chen auf den Direkt­ver­trieb auf dem Fabriks­ge­län­de.

Auch in einem knap­pen Dut­zend Super­märk­te kann man den Rüben­saft kau­fen, belie­fert wer­den jedoch immer nur ein­zel­ne Läden, in der Regel im Rah­men von Son­der­stän­den wie „Pro­duk­te aus der Regi­on“. Laden­ket­ten als sol­che wer­den jedoch nicht ver­sorgt. Dafür haben vor allem auch vie­le Hof­lä­den den Rüben­saft in ihrem Sor­ti­ment.

Die Kunden

Reinhold’s Rüben­saft wird nicht per Post ver­schickt und kann somit nicht direkt vom Erzeu­ger über wei­te Distan­zen ein­fach bestellt wer­den. Aus gutem Grund: ein ver­se­hent­lich aus­ge­lau­fe­ner Rüben­saftei­mer wird von der Trans­port­ver­si­che­rung zwar ersetzt, doch die Schä­den, die die kleb­ri­ge Mas­se bei ande­ren Pake­ten ver­ur­sacht, kann den Absen­der in den Ruin trei­ben. Rüben­saft wird von den Rein­holds daher nur lokal ver­kauft – oder in Eigen­re­gie zu den Kun­den gebracht.

Kunden kaufen Rübensaft im Fabrikverkauf | Foto: Mirko Baschetti
Kun­den kau­fen Rüben­saft im Fabrik­ver­kauf | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Die Kun­den kom­men jedoch bei­lei­be nicht nur aus Wunstorf. Man­cher reist vom Harz oder aus West­fa­len an, um sich mit Reinhold’s Rüben­saft ein­zu­de­cken. Natür­lich auch aus Han­no­ver, aber auch aus der Regi­on Braun­schweig oder gar aus Ham­burg kommt Kund­schaft. Die Kund­schaft ist dabei in der Regel ein treu­es Völk­chen: Man­che Kun­den haben „ihren“ Eimer jah­re­lang zu Hau­se ste­hen und las­sen ihn immer wie­der auf­fül­len. Zwi­schen 10 und 20 Euro lässt der durch­schnitt­li­che Kun­de im Laden, man­che besor­gen jedoch auch eine Sam­mel­be­stel­lung für die gan­ze Fami­lie oder ein gan­zes Dorf. Am meis­ten Betrieb im Ver­kaufs­raum der klei­nen Fabrik herrscht mon­tags und diens­tags am spä­ten Vor­mit­tag. Ein wenig ver­schnau­fen kön­nen die ver­kau­fen­den Fami­li­en­mit­glie­der am Mitt­woch­nach­mit­tag.

Es gehört in die­se Zeit“Stamm­kun­din im Ver­kaufs­raum, die seit 46 Jah­ren Rüben­saft kauft.

Die Kli­en­tel ist eher die älte­re Kund­schaft – im Ver­kaufs­raum sieht man kaum ganz jun­ge Leu­te. Die jün­ge­ren Stips-Lieb­ha­ber, jeden­falls jene, die den Saft selbst kau­fen und nicht bei Omas Vor­rä­ten mit­na­schen, sind über­schau­bar. Auch kau­fen die jün­ge­ren Kun­den eher klei­ne­re Men­gen, wäh­rend sich die älte­re Stamm­kund­schaft oft gleich einen gan­zen Jah­res­vor­rat mit­nimmt.

Weltweit „exportierter“ Rübensaft

Die Kun­den kom­men, wenn auch aus dem gan­zen Nor­den, zwar nicht aus aller Her­ren Län­der, aber der Rüben­saft wird durch­aus bei Rei­sen als Mit­bring­sel, als loka­le Spe­zia­li­tät, in die wei­te Welt zu Freun­den und Ver­wand­ten mit­ge­nom­men. Seni­or­chef Rein­hold ist es, der dazu zwei schö­ne Anek­do­ten kennt: So habe der Rüben­saft auch schon die Ein­rei­se­kon­trol­len des süd­afri­ka­ni­schen Flug­ha­fen­zolls durch­lau­fen müs­sen und einst jugo­sla­wi­sche Zöll­ner auf den Plan geru­fen, die mit dem Stich­wort „Rüben­saft“ nichts anzu­fan­gen wuss­ten. Die süd­eu­ro­päi­schen Beam­ten etwa grif­fen daher beherzt in den Eimer – und gestat­te­ten dann schnell die Wei­ter­rei­se. Nach Süd­afri­ka woll­te man den „Stips“ jedoch über­haupt nicht ein­rei­sen las­sen. So wur­de er lis­ti­ger­wei­se ein­fach umde­kla­riert: aus dem Eimer mit Brot­auf­strich wur­de auf dem Papier ein Eimer mit Rei­fen­mas­se, die auf den süd­afri­ka­ni­schen Stra­ßen getes­tet wer­den soll­te.

Schließungsgerüchte sind nur Gerüchte

Ein Gerücht hält sich jedoch hart­nä­ckig: dass die „Stips­fa­brik“ schlie­ßen wür­de. Das tut sie tat­säch­lich – aber eben immer nur für ein hal­bes Jahr. Im dar­auf­fol­gen­den Herbst geht es wei­ter mit einem neu­en Pro­duk­ti­ons­zy­klus. Doch wenn die Türen wie jedes Jahr irgend­wann im Novem­ber schlie­ßen – wir erin­nern uns, es ist ein Sai­son­pro­dukt – und sich die­se Nach­richt ver­brei­tet, wird das Wört­chen „vor­über­ge­hend“ in der Mel­dung manch­mal unter­schla­gen – und her­aus kommt wie bei der „Stil­len Post“ das Gerücht, die Rüben­saft­pro­duk­ti­on hät­te dicht­ge­macht.

Stimmt es, dass Sie zuma­chen?“Häu­fig gestell­te Fra­ge an die Rein­holds

Die Nach­fra­ge hat im Lau­fe der Jahr­zehn­te zwar durch­aus abge­nom­men, doch ein Ende ist noch lan­ge nicht in Sicht. Wenn die Wunstor­fer und ihre Gäs­te dem Rüben­saft wei­ter­hin die Treue hal­ten, wird es auch in Zukunft immer wie­der neu­en Rüben­saft geben, kurz­fris­ti­ge Hams­ter­käu­fe sind nicht not­wen­dig. Wer sich nicht aus­rei­chend bevor­ra­tet hat, muss ledig­lich fürch­ten, zwi­schen Febru­ar und August ohne Rüben­saft dazu­ste­hen.

Tradition in der Moderne

Albert Rein­hold sen. war es, der den Betrieb mit sei­nen bei­den Brü­dern 1933 hoch­zog und in Wunstorf eta­blier­te. Genera­tio­nen­über­grei­fend betreibt die Fami­lie Rein­hold die Fabrik bis heu­te. Albert Rein­holds Enkel, Fir­men­chef Jür­gen Rein­hold, lächelt, macht eine klei­ne Pau­se und weicht der Fra­ge dann beschei­den aus, ob er ein wenig stolz sei, in inzwi­schen drit­ter Genera­ti­on eine Art Insti­tu­ti­on in Wunstorf zu sein. Ihn mache viel­mehr glück­lich, dass so vie­le Kun­den immer wie­der­kä­men, vom Tra­di­ti­ons­pro­dukt nach wie vor begeis­tert und dank­bar dafür sei­en, es noch immer kau­fen zu kön­nen.

Dabei könn­te er zu Recht stolz sein, denn sein Betrieb bewahrt als einer der letz­ten das Wis­sen und die Tech­nik um die tra­di­tio­nel­le Rüben­saft­pro­duk­ti­on. Von einst über 500 Rüben­saft­fa­bri­ken, von denen es in Deutsch­land in der Nach­kriegs­zeit noch eine in jeder grö­ße­ren Stadt gab, sind fast alle ver­schwun­den. Dass das Pro­dukt Rüben­saft in der heu­ti­gen Zeit etwas alt­ba­cken wirkt, das ist auch Rein­hold durch­aus bewusst. Er wür­de sich wün­schen, dass auch wie­der mehr jun­ge Leu­te zum Rüben­saft grei­fen, gibt sich jedoch rea­lis­tisch. Eine gleich­be­rech­tig­te Rück­kehr auf den Früh­stücks­tisch, neben Mar­me­la­de und Wurst, ist wohl nicht zu erwar­ten. Rein­hold zieht einen Ver­gleich mit gedruck­ten Zei­tun­gen, die sich heu­te auch nie­mand mehr kau­fen und kurz dar­auf ins Alt­pa­pier geben müs­se.

Rübensaft findet vor allem als Brotaufstrich Verwendung | Foto: Daniel Schneider
Rüben­saft fin­det vor allem als Brot­auf­strich Ver­wen­dung | Foto: Dani­el Schnei­der

Der Ver­gleich hinkt etwas – denn für gedruck­te Zei­tun­gen gibt es durch­aus Alter­na­ti­ven – glaubt man den Aus­sa­gen eini­ger Kun­den, dann ist Reinhold’scher Rüben­saft aber alter­na­tiv­los. Für sie gehört der fri­sche Sirup zum Herbst wie die fal­len­den Blät­ter. Rich­tig ist, dass sich auch Rüben­saft vom eins­ti­gen Mas­sen- zum Lieb­ha­ber­pro­dukt gewan­delt hat, wobei die Gren­ze auch zwi­schen den Genera­tio­nen ver­läuft. Der Nie­der­gang von Rüben­saft als all­täg­li­chem Lebens­mit­tel und der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess hin zum Beson­de­ren hat jedoch bereits viel frü­her ein­ge­setzt – und scheint noch lan­ge nicht abge­schlos­sen. Solan­ge es noch gedruck­te Zei­tun­gen am Kiosk zu kau­fen gibt, braucht man sich um Reinhold’s Rüben­saft wohl kei­ne Sor­gen zu machen.

Die Wunstor­fer „Stips­fa­brik“ bleibt somit nicht nur eine tra­di­ti­ons­be­wusst arbei­ten­de Fabrik, die man in die­ser Form kaum noch vor­fin­det, son­dern auch ein Garant für eine loka­le Spe­zia­li­tät aus Wunstorf, die wei­ter­hin ihre Fans fin­den wird.


Noch mehr Rüben­saft: Die Bild­re­por­ta­ge mit vie­len O‑Tönen aus der Stips­fa­brik direkt bei You­tube anse­hen: Loka­le Ori­gi­na­le: Die „Stips­fa­brik“ der Rein­holds

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