
Wunstorf (as). „Die kommenden Jahre sind entscheidend!“ Der Kandidat Piellusch sagt das gleich zu Beginn seiner Pressekonferenz im Luther NaturErlebnisBad. 30 Minuten lang schildert er, wie er den Herausforderungen begegnen will: Mehr als 80 Projekte und Ziele erläutert er im Schnelldurchgang. Anschließend ist Zeit für Fragen.
Piellusch steht – sommerlich gekleidet – an einem Bistrotisch in einem büroartigen Raum des Hauptgebäudes auf dem Gelände des Bades. Von draußen dringt der fröhliche Lärm tobender Kindes herein, Freigelände und Wasser sind voller Menschen: Es ist der letzte Ferientag.
Der Pressetermin hat etwas Improvisiertes. Kurzfristig musste der Termin ins Haus verlegt werden. Sicherheitsbestimmungen lassen es offenbar nicht zu, Kaffeegeschirr im Freien zu benutzen. So ist der kleine Raum schnell gefüllt: Außer Piellusch ist SPD-Chef Sören Thoms gekommen. Er moderiert das Fragen-und-Antwort-Spiel. Auch ein paar Helfer aus dem „Team Piellusch“ sind dabei.
Fraktionschef Martin Ehlerding erscheint leicht verspätet. Elke Rodloff, die Ortsbürgermeisterin von Klein Heidorn, sitzt hinten. Neben ihr Kollege Karsten Grobe aus Kolenfeld. Aus Steinhude ist der junge Phillip Nülle dabei. Sie werden aber nicht in Pielluschs Auftritt einbezogen: Diese knappe Stunde gehört dem Kandidaten, der um die zweite Amtszeit kämpft.
Das tut er mit der tiefen Überzeugung, das Rathaus in den Jahren nach der Eberhardt-Ära erfolgreich geführt zu haben. Was er im Schnelldurchgang präsentiert, ist sein Programm, zugeschnitten auf seine Person. Er sagt mehrfach „Wir haben …“ und „Wir wollen …“ Allerdings fallen auch Sätze wie „Da habe ich natürlich sofort reagiert“ und „Dafür werde ich sorgen …“
Piellusch meint damit Situationen wie die, als die Telekom wohl den lukrativen Glasfasernetzausbau in der Kernstadt übernehmen wollte, nicht aber in den Ortsteilen. Ende des Jahres 2027 soll das komplette Netz fertig sein. Allerdings: Drei Versorger, „die sich nun tummeln“, zu koordinieren, sei nicht so einfach.
Wofür will er sorgen? Zum Beispiel für den kommunalen Ordnungsdienst. Piellusch will Hinweise von Bürgern aufnehmen und erreichen, dass nicht mehr auf Spielplätzen gegrillt und in der Innenstadt mit Rollern und Rädern gerast wird. Der Bahnhof soll „Mobilitätsdrehscheibe“ werden, und mit der Region müsse das bedarfsgesteuerte Bussystem Sprinti gestärkt werden.
Der Krankentransport nach Neustadt sei eine wichtige Aufgabe. Das trimodale Logistikzentrum, das in Kolenfeld am Kanal die Vernetzung von Transporten auf Straße, Schiene und Wasser ermöglichen soll, bleibe ein Ziel. Das Projekt werde Arbeitsplätze schaffen und die Zukunft der Stadt sichern.
„Ganz, ganz wichtig“ ist eine Bewertung, die an diesem Nachmittag mehrfach zu hören ist. Piellusch zählt dazu die Stadtsanierung. Von Norden bis Süden sei die Stärkung der Innenstädte ein Thema. Er will „Aufstieg statt Abstieg“. Weiteres Zögern helfe nicht, mahnt er. „Es liegt alles auf dem Tisch.“ Die bekannten Schwachstellen zählt er diesmal mit neuen Formulierungen auf: Kinder würden auf dem Pflaster in den Buggies „durchgeschüttelt“, Steine würden unter den Fahrradreifen klackern.
Die Reparaturen kosteten Jahr für Jahr 40.000 bis 50.000 Euro, es fehle Schatten und die Reparatur der maroden Kanäle sei eine „Rechtspflicht“: „Da gibt es kein Vertun!“ Zudem fehle es an nachhaltiger Abwehr von Terroranschlägen: „Wir haben bisher keinen Überfahrschutz.“ Piellusch wünscht sich versenkbare Poller.

Zum anlaufenden Sanierungsverfahren stellt er klar: „Alle kommen zu Wort“ in den beiden Beteiligungsgremien. Die Stadt werde die Belastungen für Betroffene minimieren und Abschnitte für die Sanierungsarbeiten bilden. Die Zugänglichkeit für die Geschäfte werde sichergestellt, und wo es nötig sei, werde es finanzielle Hilfe geben.
Bemerkenswert ist, was Piellusch nicht anspricht: Beim Thema Steinhuder Meer und Entschlammung will er weiterhin seine Kontakte in die Staatskanzlei nutzen, den detaillierten Masterplan seiner Steinhuder Genossen, der eine Gesamtschau auf die Probleme der Seeprovinz und Lösungswege bietet, erwähnt er nicht. Und das, obwohl sich Ortsverein und Stadtratsfraktion das Papier zu eigen gemacht haben.
Auch seine 2025 mit großer Verve propagierte, tiefgreifende Rathausreform findet sich nicht im Programm. Eher beiläufig erwähnt er nur die Einsetzung des Sonderbeauftragten für die Innenstadtsanierung. Allerdings wiederholt er seine bereits bei früheren Gelegenheiten vertretene These, die öffentliche Verwaltung werde in zehn Jahren ganz anders aussehen.
80 Ziele und Projekte für acht Jahre: „Ist das in einer Wahlperiode zu schaffen?“, wird der amtierende Rathauschef gefragt. Piellusch ist davon überzeugt und erwähnt die wachsende Bedeutung und Verwendung der künstlichen Intelligenz. Es werde sicherlich in der Folge davon „Umschichtungen“ geben.
Die Pressekonferenz geht mit zwei brisanten Themen zu Ende, die die öffentliche Debatte seit Monaten bestimmen: Es geht um den Dialog zwischen Rathaus und Bürgerschaft und die teils heftige Kritik am Projekt Stadtsanierung. Piellusch macht klar, dass er die These von der gestörten Kommunikation nicht teilt.
Seine Wahrnehmung sei eine andere. Er bekomme „sehr viel positives Feedback“ – bei „unglaublich vielen Gesprächen mit Bürgern“. Die Verwaltung habe „wahnsinnig viel gemacht“, um die Informationswege auszuweiten und zu verbessern. Dennoch werde er noch mehr „drauflegen“.
Ganz deutlich wird Piellusch, wenn die Opposition von Teilen der Stadtgesellschaft gegenüber den Plänen zur Umgestaltung der Innenstadt angesprochen wird. Etliche Vorwürfe von Gegnern – Piellusch spricht von der „Notgemeinschaft in Tüddelchen“ – seien von der Verwaltung eindeutig widerlegt worden. Die Verwaltung habe arbeitsintensiv recherchiert und festgestellt: „Stimmt gar nicht!“
Bei vielen Gelegenheiten sei festgestellt worden, dass Kritik und Behauptungen ins Leere gingen. Die Darstellungen der Initiativen seien oftmals falsch. Piellusch: Wenn man in der Sache nichts habe, kritisiere man eben das Verfahren. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass hinter mancher Kritik auch ein politisches Interesse stehe.
Schlusswort des Parteivorsitzenden Sören Thoms nach gut 45 Minuten: „Wir haben den besten Bürgermeister!“
Wenn man dieses „Programm bis 2034“ liest, drängt sich vor allem eine Frage auf: Warum steht nach fünf Jahren als Bürgermeister und zuvor elf Jahren als Erster Stadtrat noch so vieles auf der To-do-Liste?
Mehr als 80 Ziele klingen beeindruckend. Doch bei vielen Punkten bleibt es bei „soll“, „möchte“, „Konzept erstellen“ oder „schaffen“. Von einem Amtsinhaber dürfte man eigentlich etwas anderes erwarten: klare Prioritäten, Zeitpläne, Kosten – und vor allem eine nachvollziehbare Bilanz der vergangenen Jahre.
Besonders bemerkenswert ist deshalb, dass Piellusch eine ganz ähnliche Forderung aus dem Stadtrat nach Transparenz offenbar als übergriffig empfand: Ratsmitglieder wollten konkret gegenübergestellt bekommen, welche Projekte der Rat beschlossen hat und welchen Bearbeitungs- bzw. Umsetzungsstand diese bei der Verwaltung haben. Genau eine solche Übersicht wäre aber das naheliegendste Instrument, wenn man seine eigenen „fünf erfolgreichen Jahre“ beurteilen möchte.
Wer sich selbst als „Lenker des Konzerns Stadt“ mit rund 550 Mitarbeitern bezeichnet, muss sich auch an Ergebnissen messen lassen. Was wurde beschlossen? Was wurde umgesetzt? Was ist noch offen? Wie lange dauert es? Was kostet es? Das ist keine übergriffige Forderung, sondern gehört für mich zu Transparenz und demokratischer Kontrolle einer Verwaltung.
Auch die Aussage, er sei bei Amtsübernahme vom Investitionsstau von mehr als 160 Millionen Euro „überrascht“ gewesen, wirft Fragen auf. Nach elf Jahren als Erster Stadtrat und allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters sollte ein solcher Zustand der eigenen Stadt eigentlich nicht vollkommen überraschend kommen.
Und auch „wir haben sehr, sehr viel Geld in die Hand genommen“ ist für sich genommen noch kein Leistungsnachweis. Entscheidend ist nicht, wie viel Geld ausgegeben wurde, sondern was damit tatsächlich fertiggestellt und verbessert worden ist.
Dazu kommt etwas, das mit der Person Piellusch zunächst nichts zu tun hat, aber sehr wohl mit der politischen Kultur seiner Partei vor Ort. Wenn führende SPD-Vertreter Bürger, die sich kritisch in eine Sachfrage einbringen, öffentlich etwa als „wirtschaftliche Profiteure“, „Wunstorfer Geldadel“ oder sinngemäß als Verursacher von „Hetze und Diffamierungen“ darstellen, halte ich das für ausgesprochen problematisch. Man kann Positionen einer Bürgerinitiative hart kritisieren. Aber Bürger persönlich oder als gesellschaftliche Gruppe abzuwerten, ersetzt keine sachliche Auseinandersetzung.
Gerade wer ständig von Dialog, Beteiligung und Zusammenhalt spricht, sollte diesen Anspruch auch dann gelten lassen, wenn Bürger widersprechen.
Deshalb wäre mir eine einzige Tabelle inzwischen lieber als 80 neue Versprechen:
Was wurde in der vergangenen Amtszeit beschlossen? Was davon ist erledigt? Was nicht? Warum nicht? Und was hat es gekostet?
Dann können die Bürger selbst beurteilen, ob es tatsächlich „fünf erfolgreiche Jahre“ waren – und ob weitere acht Jahre Zukunftsversprechen überzeugen.
Was für eine Selbstwahrnehmung der SPD!
Ein Bügermeister, der jede Kritik niederschmettert und mit seiner eigenen Wahrnehmung („nach meiner Wahrnehmung ist das anders…“) niederringt soll der beste Bürgermeister sein?
Sind denn alle, die die Stimme erheben und sich besorgt äußern immer auf dem falschen Weg unterwegs? Das kann doch gar nicht sein.
Jemand, der alles mit den Worten „das ist falsch“ abtut sollte sich einmal selbst reflektieren und mit den besorgten Bürgern in einen wirklichen Dialog eintreten.
Doch das ist nicht gerade eine Stärke des Herrn Piellusch.