
Wunstorf (as). Wunstorf ist Kunstorf. Dieses Wortspiel stammt vom früheren Kunstverein-Impressario Ingolf Heinemann und kann mit Recht abgewandelt werden: Wunstorf ist Kulturstadt. Fünf Stunden lang entfacht das Kulturnetzwerk in der Innenstadt an einem Tag quasi ein Feuerwerk von Auftritten und Aktionen, bietet beste Unterhaltung und Überblick über das, was die Kulturschaffenden der Stadt und der Region leisten. Mit dabei das Forum Stadtkirche mit mehreren Angeboten. Nicht einmal 24 Stunden später rührt das Forum eine weitere außergewöhnliche Melange von Kunst und Musik an.
Lange geplant und intensiv vorbereitet, musste der Auftritt von Tokunbo kurzfristig vom Stadttheater in die Stadtkirche verlegt werden. Die Notlösung erwies sich als Glücksfall: Zwei Stunden bot die hannoversche Musikerin dem Publikum poppigen Jazz oder jazzigen Pop und viel mehr.
Tokunbo – früher bei Tok Tok Tok aktiv, fünffache German-Jazz-Awards-Gewinnerin und ausgezeichnet mit dem John Lennon Award – tourt durch die Welt. Stets begleitet von erstklassigen Musikern. Sie unterrichtet an der Musikhochschule Hannover Gesang. Dort, wo sie selbst studiert hat. Dort, wo sie zum Beispiel Ulrich Rode kennengelernt hat, der sie in Wunstorf begleitet.
Im Publikum vor dem Altar viele fremde Gesichter. Neben der Forum-Gemeinde Gäste aus Bremen, Bremerhaven, Verden und der Region. Was sie zu hören bekommen, ist eine Mischung aus Soul, Jazz und Pop. Tokunbo selbst hat dafür den Begriff Folk Noir geprägt.

Sie dominiert den Auftritt mit ihrer samtigen, vollen Stimme – und natürlich mit ihren Kompositionen. Aber das Musikerduo an ihrer Seite ist alles andere als Begleitband: Mit Anne de Wolff und ihrem Mann Ulrich „Ulle“ Rode stehen zwei Hochkaräter neben ihr. Sie brauchen sich nicht zu verstecken und tun das auch nicht in der Stadtkirche. Rode ist „Sideman“ von Niedecken bei BAP und spielt mit allen, die in der Musikszene Rang und Namen haben.
Seine Gitarrensammlung ist exquisit, aber er ist nicht nur mit Fender und Gibson ein Könner, sondern auch mit dem Banjo. Das ist nach eigener Aussage nicht sein Lieblingsinstrument, aber was er da im Schatten der Wunstorfer Kanzel zelebriert, ist aller Ehren wert. Spielt er da wirklich, oder ist es der legendäre Earl Scrubbs? Und was präsentieren sie da eigentlich zwischen „The swan“ und Wiegenlied? Ist es Cajun, Bluegrass, Country? Es ist von allem ein bisschen. Es ist Tokunbo mit de Wolff und Rode. Rode hat mit seiner Frau das Joni Project auf die Beine gestellt, und dort spielen sie mit Gitte, Lisa Bassenge, Niels Frevert und Anna Depenbrock.
Er darf sich auf sein Spiel getrost etwas einbilden, in der Stadtkirche nimmt er sich aber ebenso zurück wie seine Frau. Die steht ihm in der Virtuosität nicht nach. 15 Jahre gehörte sie zum Stamm von Rosenstolz, jetzt fest zu BAP. Sie spielt mit Revolverheld, Bosse und Tukur. Wer sie erlebt, weiß, warum. Anne de Wolff singt und spielt Gitarre, Klavier, Viola, Akkordeon und Harmonium, Mandoline und Posaune. Auch wenn sie das nicht alles in der Stadtkirche zeigt: Es hat seine Gründe, dass Tokunbo sie immer wieder zu sich holt.
Da sind drei Diamanten der deutschen Musikerszene unterwegs, und das Publikum dankt für das Konzert mit begeistertem Applaus. Dass dieser Abend so besonders wird, liegt auch an der Atmosphäre, die die Stadtkirche noch bis zum 17. August verbreitet. Sound und Lichteffekte kommen von den Experten des Clou Audio Systems um Jürgen Opper. Ähnlich gutes Klangergebnis war in der Stadtkirche selten zu hören, und die wechselnde LED-Beleuchtung, die Volkmar Ebel steuert, ist die perfekte Ergänzung zur Musik.
Nicht zuletzt die einmalige Gestaltung des Kirchenschiffs: Patrik Wolters zeigt dort auf Einladung des Forums einen Teil seiner Werke. Die Ausstellung Romantic Rebellion verändert das Innere der mittelalterlichen Kirche in ungeahnter Weise. Es ist der gelungene Versuch, klassische Motive wie Michelangelos Erschaffung Adams aus der Sixtinischen Kapelle mit zeitgenössischen Graffiti zu verbinden.

Wolters bringt unter seinem Künstlernamen BeNeR1 Stilmittel der Hip-Hop-Subkultur so gelungen mit Darstellungen der Vergangenheit zusammen, dass ein neues, stimmiges Bild entsteht: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes von Caspar David Friedrich transformiert er so eindrucksvoll wie gelungen zum Anblick zweier Gestalten, einen nächtlichen Zug beobachtend.
In monatelanger Vorbereitung haben Anja Emmanouilidis und Hans Hanebuth für die herausragende Reihe Kunst im Turm mit Wolters eine der ungewöhnlichsten Ausstellungen zusammengestellt, die die Stadtkirche in ihrer 25-jährigen Geschichte gezeigt hat. Die Besucherzahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Bisher sind mehr als 1.100 Menschen gezählt worden.
Die Stadtkirche ist dienstags, mittwochs und donnerstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet, freitags von 10 bis 12 Uhr. Finissage: Sonntag, den 17. August, 15 Uhr.
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