
Wunstorf (ds/ms/nd). Natürlich spielt er es – aber er macht es spannend. Zwischenzeitlich ist man im Publikum durchaus geneigt, zu glauben, dass „Verdammt, ich lieb dich“ an diesem Abend gar keine große Rolle spielen könnte. Selbst nach inszeniertem Abgang und Wiedererscheinen muss die Fangemeinde noch weiter warten, bis schließlich doch noch das erlösende Durch-die-Straßen-ziehen-bis-nach-Mitternacht den Höhepunkt einleitet. „Ich hab noch was für euch“, kündigt es Reim leicht schelmisch, aber routiniert an – und hält sich damit an seinen bekannten Showablauf. Enttäuscht wird hier niemand von den Fans, den „Freunden“.
Das wären sie aber auch wohl ohne den Titel nicht, der Reim seit seinem Durchbruch begleitet. Der Schlager ist sein Revier, aber in Schubladen einsortieren lässt sich der 65-Jährige nicht. Auf der Bühne steht nicht der Schlagersänger Reim, sondern der Rocker Reim, der die gesamte Klaviatur auspackt – vom dröhnenden Rhythmus bis zur einfühlsamen Ballade. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Talisman-Kreuzanhänger. Pop, Rock und Schlager scheinen zu verschmelzen. Die Hände der Fans sind nahezu durchgängig ausgestreckt, jedes Lied wird mitgesungen. Mit Ironie sorgt Reim für Schmunzeln in Wunstorf: „Da wollte ich immer schon mal hin.“







Dreiunddreißig Jahre ist es her, dass Reim den musikalischen Nerv traf: 1990 prägte er mit „Verdammt, ich lieb dich“ die Radiolandschaft – und beileibe nicht nur das Programm der Schlagersender. Auch damals schon war er nicht nur einem Genre zuzuordnen. Das Stück lief im Radio rauf und runter, verkaufte sich wie geschnittenes Brot – und seitdem ist Reim das Lied nicht mehr losgeworden. Zuletzt wurde es von David Hasselhoff auf Englisch gecovert. Alle Wortspiele mit seinem Nummer-eins-Hit scheinen längst gemacht, und doch ist der Ohrwurm nicht aus dem Gehör zu bekommen.





Für seine frühere Selbstvermarktung ist er von Böhmermann bis Kalkofe parodiert worden, hat den Spott auf sich gezogen – heute zieht er nur noch die Spots auf sich: Reims Bühnenpräsenz, Stimme und ein paar einfache Effekte wie intensive Lichtfarbe reichen, um große Atmosphäre zu schaffen. Pathos, das kann er, und auch damit beeindruckt er das Publikum.
Viele sind von außerhalb gekommen. Pünktlich um 19.30 Uhr gibt Reim bei 27 Grad auf der schwarz ausgekleideten Bühne gleich Vollgas mit einem Medley. Die Stimmung ist gut, in den ersten Reihen feiern die Hardcorefans ihren Matthias: „Er ist einfach der Beste!“, sagt jemand. „Er ist so gut in Form mit 66 Jahren“, meint ein anderer voller Anerkennung.


Gut in Form sind auch die Fans: Reim hält Abstand zur Menge – aber das hindert einen Fan nicht daran, ein Kuscheltier auf die Bühne zu werfen. „Früher waren das BHs“, kommentiert Reim das Geschenk nonchalant-selbstironisch. Beim nächsten Lied, „Träumer“, fliegt ein BH auf die Bühne. „Geht doch“, lacht Reim.
Der Auftritt in Wunstorf avanciert regelrecht zum Familientreffen, nicht nur wegen der Stimmung in der Menge. Tochter Marie hatte schon beim Schlagerabend eine Woche zuvor auf der Bühne gestanden, nun ist Sohn Julian Teil des Programms des Vaters. Gemeinsam singen die beiden „Father and Son“ von Cat Stevens, und Julian Reim bekommt auch ein Solostück zugestanden, singt als Background und im Rampenlicht.





Der Fanartikelverkauf hat im wahrsten Sinne des Wortes einen schweren Stand – die meisten der richtigen Fans sind bereits mit Matthias-T-Shirts & Co. ausgestattet. Geschäftiger zu geht es beim LED-Accessoire-Angebot: Blinkende Kopfschmuck-Plastikblumenkränze, Glitzerhüte und Hasenohren finden ihre Abnehmer. Das Verkäuferpaar ist extra aus dem brandenburgischen Eberswalde nach Wunstorf gekommen. Am besten laufen die Haarkränze, sagen sie. Die Lichtschwerter bleiben diesmal liegen – Kinder sind nur vereinzelt im Reim-Publikum.


Dass Open-Air-Konzerte mit der Halle nicht vergleichbar sind, das zeigt sich an diesem Abend wieder in Wunstorf: Als später die Sonne unterzugehen beginnt, bekommt die Stimmung noch einmal so etwas wie einen Booster. Auf windiges Wetter verlässt man sich jedoch nicht: für die dynamische Frisur auf der Bühne sorgt ein Ventilator. Zum letzten Lied werden Wunderkerzen angezündet. „Hoffentlich findet es nächstes Jahr wieder statt“, sagt jemand im Publikum.
Fotos: M. Süß/N. Deppe/D. Schneider
So, so, nach Wunstorf wollte Matthias Reim immer schon mal. Ich meine, mich ganz ganz dunkel entsinnen zu können, dass er zu Zeiten seines größten Erfolges schon einmal auf der Badeinsel aufgetreten ist, und zwar bei einem Sommer-Open Air des NDR, als es diese dort noch gab, vor einer vielfach höheren Zuschauerzahl. Ob damals auch BH´s auf die Bühne geworfen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, aber wenn es so gewesen sein sollte, wäre wohl seinerzeit niemand auf die Idee gekommen, dies als Form der sexuellen Belästigung zu kritisieren – der Künstler nicht und die Werferin (hier vermeide ich bewusst das Gendern!) wohl erst recht nicht.
Gilt das Werfen von BHs nicht als sexuelle Belästigung?
Frage für einen Freund.