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Wolfgang Trepper solo – der gutmütige Choleriker

25.04.2023 • Jesper Schwarzer • Aufrufe: 729

Kritiker Jesper Schwarzer zwischen bunten Steppjacken, randlosen Brillen und einem grantigen Künstler: Am 14. April brillierte Wolfgang Trepper im erst halb umgebauten Stadttheater. Dabei wechselte dieser zwischen politischen Appellen, nostalgischen Rückblicken und komödiantischen Anekdoten.

25.04.2023
Jesper Schwarzer
Aufrufe: 729
Trepper, der Tisch und seine Tasche | Foto: Jesper Schwarzer

Wunstorf (js). „Die Seiten sehen ja schon ganz gut aus“, witzelt Trepper mit Blick auf die Theaterseiten ohne Verkleidung, dafür mit Holzlatten und tanzenden Kabeln. Um Punkt 20 Uhr, nach kurzer Showeinlage mit einleitenden Worten des Veranstalters Tobias Rademacher, soll es also losgehen.

Das Programm an diesem Abend lässt sich schon vorher absehen: schlichtes Kabarett. Ein Vorhang, der aufgeht, und ein hinterer, der bleibt. Ein dezenter Tisch mit brauner Decke. Ansonsten ein Stuhl, sonst nichts.

Kein Prunk, kein Protz. Reines Kabarett, wie es von Otto Reutter Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen und später von Dieter Hildebrandt noch verfeinert wurde. An diesem Tag auch ohne Mary Roos, mit der Trepper zeitgleich ein Programm hat. Wer hier glänzen will, muss reden können. Der muss durch seine Bühnenpräsenz Menschen im Theater versammeln, sie anschließend etwas zusammengeführter und informierter wieder herauslassen. Das hat Trepper an diesem Abend erreicht. Die Sitznachbarin des Kritikers kommentiert später mit: „Ich würde ihn mir noch mal anschauen.“

Mit roter Tasche im Gepäck

Mit grauem Bart und seiner markanten schwarzen Brille geht er auf die Bühne. Sein Mitbringsel, eine rote Tasche, wird bis zu den letzten Minuten nicht thematisiert. Das Publikum ist recht homogen. Bei einem stichprobenartigen Blick in die Masse sieht man viele sich ähnelnde Gäste – Ü-55, randlose Brille, farbige Steppjacke.

Die Inhalte nach dem Anfangsfrotzeln mit desolatem Stadttheater und betagtem Publikum nehmen ihren Lauf. Der Radiomoderator beginnt mit Corona. Das 2020er-Thema schlechthin. Eine der vielen Krisen. Mit Bezug zu seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, sagt er: „Wuhan. Da kommt der ganze Mist her. Wuhan, die Partnerstadt von Duisburg.“ Nach Erzählungen über den scheinbaren Beginn des Virus legt Trepper den roten Faden aus. Den Faden, der charakteristisch für seine Art, zu reden, ist und ihm diese Überschrift eingebrockt hat. Seine Art des Übermittelns: das Grantige. In liebevollem Hass erzählt er nicht nur von den dämlichen Folgen, in Coronazeiten als Künstler tätig zu sein, sondern springt zu anderen Problemen. Etwa das Sexualleben von Tennisspielerpartnerinnen.

„Ich würde ihn mir noch mal anschauen“

Höchstmögliches Lob aus dem norddeutschen Wunstorf

„Sehe ich so aus, als würde ich Sport lieben?“, führt zum Rückblick. Und zwar zu einem ganz besonderen, dem zwanzigjährigen Bühnenjubiläum. Mit Blick auf die letzten Jahre meint er: „Nichts hat sich verändert. Christian Lindner ist immer noch da, die AfD wird noch gewählt und Stefan Mross moderiert noch.“ Auch schwarzhumorig sollte es sein. Zum Beginn seines Kabaretts, dem Jahr 2003, besinnt er sich mit einem dem Tennis entlehnten Wortspiel zu dem bei einem Fallschirmsprung tödlich verunglückten Jürgen Möllemann. Pause, Lacher, Raunen im Publikum. „Ich wollte mal ‘nen Testballon steigen lassen. Wer das schon schlimm fand, wird heute Abend ein Problem haben.“

Fortlaufend spielt sich im Stadttheater ein Pingpong-Spiel unter Großmeistern ab. Mit dem Unterschied, dass Trepper mit dem Publikum zusammenspielt. Den Ball haltend, springt er zu immer neuen Themen. Wird lauter, echauffiert sich mehr. Davon, dass er die Strack-Zimmermann toll findet, weil sie „dem Lanz irgendwann nochmal eine reinhaut“. Davon, dass die One-Love-Binde aufgrund fraglicher Symbolik Quatsch sei.

„Wer das schon schlimm fand, wird heute Abend ein Problem haben“

Es wird politisch. Was daran so gefällt? Trepper greift jeden einmal an. Den CDU-Bundesparteivorsitzenden, dem er die Sozialtourismus-Äußerung vorhält. Nach einer szenischen Pause sieht er mit seiner nie anschaulicheren Art ins Publikum und exaltiert sich: „… und zeitgleich ist dieser Typ der Parteivorsitzende einer Partei, deren erster Buchstabe für das Wort ‚christlich‘ steht!“

Es geht um die Briten, ihre vielen Premierminister. Eine ganze Seite Hannover-96-Witze unterbleibt aus Pietätsgründen. Kritik an fehlender Authentizität der Politiker, Kritik am Schulsystem, Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, die zeitgleich Anti-Katar-Dokus drehen und Jahre vor der WM die Sendelizenzen erworben haben.

Auf Konfrontationskurs mit den Babyboomern

Kurz vor der Pause bringt Trepper ein Statement für Toleranz in seinen Monolog ein. Er ist von einer solchen Stärke, Kraft und Intensität, dass es eigentlich ganz am Ende hätte stehen müssen: „Ich habe was gegen Ausländer. Und zwar gegen Deutsche im Ausland, die meinen, sie hätten vom Rad bis zur Waschmaschine alles erfunden.“

Der zweite Part wird nicht großartig anders. Genau das mag das Publikum, das vermutlich beim Stichwort „öffentlich-rechtlich“ zusammengezuckt ist. Die meisten im Saal schauen vermutlich gerne „Tatort“, „Maischberger“ und Co. Mit rotem Kopf und verlegenem Blick erläutert Trepper seine Stichpunkte des Auftritt-Ordners. Von Schlagerhass und zu weit gehender Political Correctness. „COPD-Kranke müssen sich Lieder anhören wie ‚Atemlos durch die Nacht‘“, sagt er, während er alte, politisch inkorrekte Schlager-Bomben anstellt. Gelegentlich wippt er sogar mit.

Vieles gefällt dem Verfasser unerwarteterweise an Trepper. Unerwarteterweise, weil die Jüngsten im Publikum Mitte 40 sind, und der Verfasser 17. Dieser schätzt die Direktheit, in den Nebel des Publikums hineinzuschauen und zu sagen: „Meine Fresse, ist dat dunkel.“ Zu sagen, was viele denken. Noch mehr imponiert seine Haltung, sein Mut. Als Babyboomer vor ebensolchem Publikum klimatisch zurückzublicken und ehrlich einzugestehen: „Wir haben es doch verbockt. Da hat niemand gesagt ‚das ist Scheiße, Brennstäbe zu verwenden‘. Und dann wundert man sich, dass die protestieren? Die müssen den ganzen Bums doch auch zahlen!“

Zum Ende holt Trepper das nach, was er nachholen muss. Er erzählt eine fiktionale Geschichte zu seinem Großvater, den er als Einzigen in den 20 Jahren nicht aufgegriffen hat, er exaltiert sich minutenlang über die Hotels, in denen er zwangsweise schlafen muss, und reißt die Dinger, die in krassem Kontrast zu seinem sonstigen Programm stehen – flache Kalauer. Zu seiner Rolle als Vater muss er eingestehen, wie Recht seine Eltern mit den Floskeln einst gehabt hatten. „Pass gut auf!“ oder „Zieh dich warm an!“ Nach Wunsch Treppers – dort kommt die rote Tasche ins Spiel –, einen Teil für sein soziales Projekt, einen Schulbau in Malawi, dazulassen, strömten die Leute hinaus und hinterlassen einen Teil zuhauf. Die Tasche füllt sich bis auf den Reißverschluss.

Als dann am Fahrradständer dreimal Unterhaltungen stattfinden, die sich in Rückblick auf das Stück mit „Pass auf dich auf!“ verabschieden, kommt eine Erkenntnis zu Trepper: Er hat reines Kabarett verstanden.

von Jesper Schwarzer
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