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Wunstorfs Rolle in der Schoa: Täter in Weiß bringen den Tod auf dem Amtsweg

14.01.2026 • Achim Süß • 12 Min.Kommentare: 1

1976 fordert das Gericht die Israelitische Gemeinde auf, Daten zu aktualisieren: makaberer Beweis für Verdrängung und Gründlichkeit. Eberhard Kaus hat die Fakten einer unfassbaren Episode deutscher Geschichte ans Licht gebracht. Andere haben die Täter in Weiß benannt. Wunstorfer Täter. Ein Blick 50 Jahre und mehr zurück.

14.01.2026
Achim Süß
12 Min.
Der Innenhof der „Anstalt“ um 1930. Deutlich zu sehen: die Mauer. | Foto: Archiv Heiner Wittrock

Ärzte schicken Kranke und Behinderte in den Tod. Bedenkenlos. Skrupellos. Zu Tausenden. Tod mit System. Massenmord mit Akribie. Vor den Augen der Öffentlichkeit. In Deutschland. Auch mitten in Wunstorf. In einer „Heil- und Pflegeanstalt“. Was nach Orwell oder Zeh, Minority Report oder Blade Runner klingt, ist ein Stück deutsche Wirklichkeit der Jahre 1940/1941 und danach. „Auf dem Dienstweg“ schildert das kaum vorstellbare Horrorszenario schonungslos und präzise. Das Buch aus dem Jahr 1983 stammt von Professor Asmus Finzen. Eine Überarbeitung von 1996 trägt den Titel „Massenmord ohne Schuldgefühl“.

Finzen ist nicht irgendwer, kein Autor dystopischer Geschichten. Kein Schriftsteller. Der gebürtige Holsteiner ist einer der renommiertesten Psychiater im deutschsprachigen Raum. Er hat das Landeskrankenhaus Wunstorf in den Jahren 1975 bis 1987 geleitet – und zur Stadt hin geöffnet, zur Stadtgesellschaft, die die große Klinik und das Gelände seit 1880 umgibt. Später wirkte er in ähnlicher Position in Basel. Er hat die Nachkriegs-Klinik-Psychiatrie von vielen Positionen aus kennengelernt. Sein Bemühen stets: die Öffentlichkeit zu informieren und zu beteiligen. Das hat er als Arzt, Klinikleiter und Autor getan. Seine vielen Veröffentlichungen gelten als Standardwerke. „Auf dem Dienstweg“ verfasst er gegen den ausdrücklichen Willen seines Dienstherrn, des Niedersächsischen Sozialministeriums.

Klinik vor dem Aus

Das Landeskrankenhaus stand Mitte der Siebziger Jahre fast vor dem Aus. Dazu Finzen in einer persönlichen Bilanz seines Wirkens: „Das Krankenhaus hatte, als ich 1975 die Leitung übernahm, wegen einiger Skandale am Rande der Schließung gestanden. Als wir die Führung übernahmen, versuchten wir (…) deutlich zu machen, dass (…) Skepsis gegenüber uns nach (…) Erfahrungen mit der Medizinischen Hochschule im Haus Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre vielleicht konkrete Hintergründe hatte, dass wir aber nicht angetreten waren, um das Krankenhaus zu schließen, sondern um es zu verbessern, um es weiter zu entwickeln, um in Wunstorf eine moderne psychiatrische Behandlung und Rehabilitation zu installieren.“

Finzen und sein Team haben Erfolg: Die Klinik wird zu einem der Ausgangspunkte der Psychiatriereform und der Sozialpsychiatrie. Wesentliche Impulse werden von Wunstorf aus gegeben, und Finzen gilt als einer der großen Reformer der deutschen Klinik-Psychiatrie. In „Auf dem Dienstweg“ – herausgegeben gemeinsam mit Dolf Sternberger – beschreibt er Geschichte und Auswirkungen der „Aktion T4“, mit der die Nationalsozialisten mit deutscher Gründlichkeit Euthanasie und Schoa vorbereitet und getestet haben. In den sogenannten Fachkreisen viel beachtet, hat es die breite Öffentlichkeit nicht erreicht. Empörende Taten wurden empörend missachtet.

Hitlers Helfer: befördert

Im Bewusstsein der Wunstorfer sind die Vorgänge in der „Anstalt“ zwischen Süd- und Hindenburgstraße mit dem idyllischen Park an der Aue, den stilvollen Häusern des Pflegerdorfs im Rehmoore oder der früheren Gärtnerei an der Mühlenkampstraße nicht nachhaltig verankert. Von den Tätern in Weiß und ihren Verbrechen ist allgemein wenig bekannt. Und jahrelang übersehen wurde die Tatsache, dass einige Wunstorfer Mediziner nach dem Krieg weitergearbeitet haben. In wichtigen Funktionen: Von Hitlers Helfern wurden sie zu Dienern des neuen demokratischen Staates im Medizin- und Justizapparat. Nicht zur Rechenschaft gezogen. Nein: befördert und geachtet.

Es ist unter anderen Klaus Fesche zu danken, dass dieses Kapitel Stadtgeschichte nicht verschwiegen wird: Der Stadtarchivar benennt es in seinen Veröffentlichungen und nicht zuletzt in seinem Beitrag zum historischen Hintergrund der Verlegung der Stolperschwellen am Klinikum der Region Hannover, dem früheren Landeskrankenhaus.

Historischer Beleg: das Meldebuch der „Anstalt“ mit dem Namen Klingebiel | Foto: Stadtarchiv Wunstorf

Fesche beschreibt 2024 die Dinge rückhaltlos. Und er nennt Namen. Mit einer Klarheit wie kaum jemand vor ihm. Namen von Opfern und von Tätern. Zunächst legt er offen, dass den Patienten schon vor 1940 und 1941 Gewalt angetan wurde: Viele wurden zwangsweise sterilisiert. Beispiel: der später wegen der sensationellen Ausmalung seiner Zelle in Göttingen bekannt gewordene Julius Klingebiel. Dieser Kranke überlebte zwar die NS-Zeit. Aber die Wunstorfer Einrichtung wurde für viele andere zur Durchgangsstation auf dem Weg in den Tod.

So zum Beispiel für Ernst Putzki, der in Wunstorf von 1933 bis 1935 untergebracht war und 1945 in Hadamar ermordet wurde. Oder Wilhelm Kräft aus Mesmerode, der sich dem Regime nicht unterordnen mochte und schließlich 1944 im Arbeitserziehungslager Lahde starb. Fesche wörtlich: „Das betraf aber auch die Menschen, die 1940 und 1941 in großen Sammeltransporten vom verkehrsgeographisch günstig gelegenen Wunstorf aus über Zwischenstationen in die Tötungsanstalten von Brandenburg an der Havel und Hadamar deportiert wurden. Die im Jahre 1940 deportierten 158 jüdischen Kranken waren gleich mit einem doppelten Stigma versehen: dem aufgrund ihrer Krankheit und dem wegen ihrer Definition als jüdisch.“

Klaus Fesche | Foto: Süß

Alle sind in Brandenburg an der Havel vergast worden. 1941 dann die „T4-Aktion“: 212 Kranke wurden in drei Aktionen nach Idstein im Taunus, nach Nassau und nach Eichberg deportiert, um schließlich mit Todesspritzen, mit Gas und mit anderen Mitteln ermordet zu werden. Von zwölf dieser Menschen ist bekannt, dass sie überlebt haben. Weitere 49 Schicksale sind ungeklärt. Sicher ist der Tod von 151 Patientinnen und Patienten.

Tod auf dem Dienstweg

Fesche weiter: „Das Verdienst, diese Vorgänge in Wunstorf erstmals aufgearbeitet zu haben, gebührt dem früheren ärztlichen Direktor Asmus Finzen, der in Wunstorf die Reformpsychiatrie etablierte. Er hat in dem Buch ‚Auf dem Dienstweg‘ (…) die Auseinandersetzung mit den NS-Medizinverbrechen und mit dem Horror der NS-Zeit allgemein in Wunstorf in Gang gebracht. (…) Finzen brach damit mit der langjährigen Praxis, über die NS-Medizin- und Euthanasieverbrechen zu schweigen und sie zu verdrängen. Dies hatte sogar dazu geführt, dass einige der Täter auch nach 1945 in Wunstorf mit verantwortlichen Positionen betraut wurden.“

Die Fakten: Von 1954 an fungierte Dr. Hans Heinze sen. als Leiter der Jugendpsychiatrie, nachdem er in der NS-Zeit als Gutachter und Anstaltsdirektor in das Euthanasieprogramm involviert war. Bereits von 1951 an war Dr. Willi Baumert in Wunstorf tätig – 1953 als Erster Oberarzt und Medizinalrat. In der NS-Diktatur hatte er als SS-Mitglied schnell Karriere gemacht und war an der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg für die Tötung hunderter Kinder verantwortlich gewesen.

Beide – Heinze und Baumert – seien der Bestrafung entgangen, berichtet Fesche. Gerichte erklärten sie noch 1966 aus gesundheitlichen Gründen für nicht verhandlungs- oder haftfähig. Ihre Verfolgung wurde ausgesetzt. Die von Finzen dokumentierten Medizinerkarrieren nach 1945 waren möglich in einer Zeit, die von weitreichender Verdrängung der NS-Verbrechen gekennzeichnet war. Eberhard Kaus, ehemaliger Geschichtslehrer am Hölty-Gymnasium und Autor eines Buches zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Wunstorf und ihres Friedhofs ging in einem Vortrag 2023 auf dieses Klima des Verdrängens ein. Für „Im Licht des Lebens“ hat Kaus mehr als fünf Jahre lang jüdischen Grabsteinen nachgespürt. Die bürokratische Akkuratesse der NS-Verwaltung und der Ämter der frühen bundesdeutschen Behörden, die Kaus beschreibt, deckt sich mit den Enthüllungen von Finzen.

Streng amtlich

Kaus beginnt seinen Vortrag mit der Schilderung einer Ungeheuerlichkeit: „1976 – 31 Jahre nach Schoa und Weltkrieg – fordert das Amtsgericht Neustadt am Rübenberge den ‚Verein Jüdische Kultusvereinigung Israelitische Gemeinde Wunstorf‘ auf, Änderungen umgehend mitzuteilen. Das Register soll auf Karteikarten umgestellt werden. Der Brief aus dem Gericht kommt zurück – Richard Lazarus ist ins Warschauer Ghetto deportiert worden. Der Postbote vermerkt: ‚Ungenügende Anschrift. Straße und Hausnummer sind erforderlich. Ausruf erfolglos.‘ Das Ordnungsamt der Stadt Wunstorf dazu am 10. März: ‚Nach den Unterlagen der Einwohnermeldeabteilung wurde Herr Richard Israel Lazarus, geboren 1. Juli 1884, zuletzt wohnhaft in Wunstorf, Hindenburgstraße 30, am 28.3.1942 durch Sammeltransport abgeführt. Über den weiteren Verbleib ist hier nichts bekannt.'“

Eberhard Kaus | Foto: Süß

Und der Landesverband der jüdischen Gemeinden Niedersachsen teilt dem Rechtspfleger mit, „dass die israelitische Gemeinde Wunstorf nicht mehr besteht.“ Weiter schreibt ihr Vorsitzender Dr. Leon Feiler: „Gegen eine Löschung aus dem Vereinsregister bestehen keine Einwände.“ Folgerichtig und streng amtlich der Vermerk im Vereinsregister im April 1976: „Infolge Wegfalls sämtlicher Mitglieder ist der Verein erloschen.“

Dazu Kaus: „Ich habe meinen Vortrag mit der Schilderung dieses Vorgangs nicht deshalb begonnen, weil er das letzte amtliche Zeugnis für die jüdische Gemeinde Wunstorf darstellt, sondern seiner Ungeheuerlichkeit wegen. Und diese Ungeheuerlichkeit wird durch die formale Korrektheit von Anfrage und Aktenvermerk eher verstärkt als gemildert. Man kann sich nicht vorstellen, dass der Beamte einer deutschen Justizverwaltung 1976, das heißt nach dem Jerusalemer Eichmann-Prozess (1961/1962) und den von ebenso großer medialer Aufmerksamkeit begleiteten Frankfurter Auschwitzprozessen (1963–1968), es als möglich betrachtete, eine 1940 zwangsweise als Verein konstituierte jüdische Gemeinde bestehe ohne Veränderungen im Vorstand oder in der Satzung weiter. Die Ungeheuerlichkeit liegt vor allem im Beschweigen und Verschleiern der Schoa (‚Wegfall sämtlicher Mitglieder‘) sowie in der ignoranten bzw. unkommentierten Übernahme des seit 1938 vorgeschriebenen Zwangsnamens ‚Israel‘ bei der Nennung des letzten Gemeindevorstehers.“

Der Aufschrei bleibt aus

Das Tun der Täter in Weiß und das Zusehen der anderen ist ans Licht gebracht worden. Von Finzen und anderen. Von Heiner Wittrock, dem Wunstorfer Autor, Archivar Klaus Fesche, dem Finzen-Nachfolger Professor Andreas Spengler. Der öffentliche Aufschrei ist ausgeblieben – ebenso wie juristische Konsequenzen für Täter.

Zu denen, die das Unrecht öffentlich machen, gehört Dr. Michael von der Haar, der ehemalige langjährige Klinikchef des Maßregelvollzugszentrums in Bad Rehburg. „Opfer und Täter aus der Nachbarschaft“ heißt einer seiner Vorträge zum Thema. Besonders die Rolle des Professors Hans Heinze wird dabei geschildert: Heinze gehörte zu den drei Gutachtern, die ab 1939 für die Einweisung von geistig und körperlich behinderten Kindern in „Kinderfachabteilungen“ zuständig waren. Der überwiegende Teil dieser Kinder wurde getötet.

Ein schlichter Gedenkstein erinnert an Patienten der „Anstalt“, die zu Opfern wurden | Foto: Süß

Nach Kriegsende wurde Heinze im sowjetischen Lager Sachsenhausen interniert und angeklagt. Das Urteil: Sieben Jahre Haft, die er in Sachsenhausen und anderen Lagern verbrachte – und als Arzt im Lager wirkte. 1952 entlassen, wurde er ein Jahr später wieder in den Staatsdienst aufgenommen. Er war einer der Täter, die nach dem Krieg weiterarbeiten durften, als sei nichts geschehen.

Schon 1953 bestellte man ihn zum Leiter der Jugendpsychiatrischen Klinik Wunstorf. Deren Leiter blieb er bis zu seiner regulären Pensionierung im Oktober 1960. Heinze lebte in diesen Jahren in Rehburg. Erst spät wurde bekannt, dass er in den Wunstorfer Jahren Heimkinder heimlich als Probanden für Arzneimittelstudien missbraucht hat. Heinze starb 1983 in Wunstorf. Klinikleitung und Personalrat zögerten bei der Formulierung der Traueranzeige. Auf Anweisung des Ministeriums hieß es schließlich „Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.“

Ein weiteres dunkles Kapitel fügte später Heinzes Sohn Hans hinzu: Facharzt wie der Vater, experimentierte er in der Wunstorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie bis in die 1970er Jahre mit Medikamenten. Die Pharmakologin Sylvia Wagner deckte 2016 auf, dass er in fast 300 Fällen seine Schutzbefohlenen ohne ihr Wissen für Versuche und Studien missbrauchte. Als Leiter des Referats für psychiatrische Angelegenheiten und psychiatrische Landeskrankenhäuser im Sozialministerium hatte er später fast unkontrolliert Gelegenheit, seine Aktionen fortzusetzen.

Zur Rolle von Vater und Sohn Heinze gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen – Zeitungsberichte wie im Weser-Kurier („Wie der Vater, so der Sohn“), in der ARD-Sendung „Versuchskaninchen Heimkind“ oder in wissenschaftlichen Gutachten. Zwei dieser Studien hat das Sozialministerium, in dem Heinze junior gearbeitet hatte, in Auftrag gegeben.

In dem 168 Seiten umfassenden Bericht von Januar 2019 an das Ministerium heißt es unter anderem: „Die bisherigen Recherchen hoben die enge Verflechtung von Psychiatrie, Heimaufsicht und praktischer Fürsorge in Form von personellen Netzwerken und durch Personalunionen hervor.” Die Praxis in Kliniken und Aufsichtsbehörden seien „Teil eines seit der Weimarer Republik existierenden Systems, in das auch weitere Psychiaterinnen und Psychiater eingebunden waren.” Die Gutachter empfehlen, auch „jene Strukturen in den Blick” zu nehmen, die Einzelnen erlaubten, quasi ohne Kontrolle zu wirken.

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Der Mensch ist des Menschen Wolf – Dieses Zitat wird dem römischen Dichter Plautus (um 254 v. Chr. bis etwa 184 v. Chr.) zugeschrieben, aber auch dem britischen Philosophen Thomas Hobbes (1588–1679). Wer Beispiele sucht für das, was die Worte bedeuten sollen, wird in Wunstorf fündig: Asmus Finzen hat die Belege publiziert. Von einer Mitarbeiterin eher beiläufig informiert, bat er zwei Angestellte des Krankenhauses, Akten zu durchforsten. Was dabei an Belegen gefunden wurde, ist Kern von Finzens Buch.

Der Autor stellt in seiner Vorbemerkung klar, es habe lange gedauert, bis er die Kraft dazu aufbringen konnte. Finzen kommt dennoch schnell zur Sache: Hitler lässt am 1. September Polen überfallen, und der Zweite Weltkrieg beginnt. Am selben Tag veröffentlicht er den Euthanasie-Erlass: NSDAP-Reichsleiter Philipp Bouhler, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt werden als Euthanasie-Beauftragte ermächtigt, ausgewählte Ärzte zu bestimmen und mit dem Recht auszustatten, unheilbar Kranken den „Gnadentod“ zu gewähren.

Der Innenhof der Wunstorfer Psychiatrie ist heute auch als Gedenkort angelegt | Foto: Schneider

Sieben Zeilen mit der Unterschrift Hitlers setzen einen beispiellosen Prozess in Gang, der Tausende das Leben kostet. NS-Jargon dieser Vorstufe zum Holocaust: „Aktion Gnadentod“. Finzen verschweigt nicht, dass der Rassenwahn des Dritten Reichs auf Forderungen angesehener Professoren von 1920 fußt. Die Gefühllosigkeit, mit der die Aktion organisiert wurde, nennt Finzen „beklemmend“. Das Strafgesetzbuch wird auf die Schnelle geändert, die führenden Fachärzte informiert. Fast alle, so der Autor, schweigen dazu. „Die Maschinerie der Vernichtung nahm ihre Arbeit auf.“: Eine Stiftung tarnt die Vernichtungsanstalten, und eine Tarnorganisation der SS übernimmt den Transport der Kranken.

Galen und der Geheimerlass

Der Apparat arbeitet schnell und effektiv. Hitlers Arzt räumt bei den Nürnberger Prozessen die Tötung von 60.000 seelisch Kranken ein. Finzen macht eine andere Rechnung auf: Von den 280.000 bis 300.000 seelisch Kranken und geistig Behinderten in 900 Anstalten sei wahrscheinlich ein Drittel getötet worden. Doch „Gnadentod“ wird ruchbar im Reich – das Verschwinden der Menschen, die Transporte und die Rauchwolken über der Anstalt Hadamar bleiben nicht unbemerkt. Die Polizei ermittelt, und Kardinal Graf Galen prangert in Münster den „Geheimerlass“ an.

Drei Wochen später wird Hitlers Anweisung widerrufen, die Tötungsanlagen werden in den Osten transportiert. Für die Kranken und Beeinträchtigten hatte das Leid damit kein Ende. Laut Finzen sind in August 1941 weitere 30.000 Fälle nicht „erledigt“. Trotz „positiver“ Begutachtung lebten sie in den Kliniken. Was folgt, nennt Finzen eine „wilde Euthanasie“ in den Anstalten. Wie viele „Positive“ überleben können, schreibt Finzen nicht. Aber: „Bei Kriegsende war die deutsche Psychiatrie zerstört.“

Eine der heute auf dem Klinikgelände an die Deportation erinnernden Stolperschwellen | Foto: Schneider

Die Wunstorfer Landes-Heil- und Pflegeanstalt unterscheidet sich 1940 und 1941 laut Finzen kaum von anderen derartigen Einrichtungen: „Wunstorf ist nicht verschont geblieben.“ Er berichtet von Patienten, die nach Idstein, Nassau und Eichberg verlegt worden sind. 95 seien „mit Sicherheit“ in Hadamar ermordet worden. Das Schicksal anderer bleibt unaufgeklärt. Hinzu kommen laut Finzen psychisch kranke Juden aus ganz Norddeutschland.

Diese Menschen wurden zunächst in Wunstorf zusammengeführt und dann unter großer Geheimhaltung ins Generalgouvernement Polen transportiert. Finzen nennt das „planwirtschaftliche Verlegungen“ und sieht darin die Generalprobe für den späteren Holocaust.

So viele Kranke zusätzlich zu den 600 Patienten zu versorgen, stellt die Anstalt Wunstorf vor Probleme. Es fehlt an Personal dafür, und es ist zunächst unklar, wer die Pflegekosten von 2,64 Reichsmark täglich trägt. Die Dienststellen dokumentieren das mit deutscher Gründlichkeit, und Finzen legt die Details offen. Und: „Es hat nicht an Versuchen gefehlt, einzelne Kranke zu retten“, berichtet er. Mehrfach sei von der Leitung der Klinik ebenso wie von Einzelnen die Bearbeitung von Akten und Verlegungen verzögert oder verhindert worden. So gelingt es, einige wenige vor dem Tod zu bewahren.

Die Angehörigen der verlegten jüdischen Kranken erfahren nichts über das Schicksal der Verwandten. Minutiös dokumentiert Finzen seitenweise Briefe, in denen Familienmitglieder um Auskunft bitten, und zeigt, dass auch Behörden nach den Deportierten suchen: Gerichte, Staatsanwaltschaften, Meldeämter, Oberfinanzpräsidenten oder Landesversicherungsanstalten.

Tarnung und Täuschung

Alle Bittsteller erhalten sinngemäß dieselbe Auskunft: Ziel sei das Gouvernement Polen, für den Transport die Gemeinnützige Krankentransport-GmbH in Berlin zuständig. Dort könne Auskunft gegeben werden. Diese „GeKraT“ ist nichts anderes als eine getarnte Einrichtung der SS. Nichts mit der Wahrheit zu tun hat auch eine Auskunft, die nach Finzens Recherchen etliche Dienststellen erhalten, die sich offiziell nach dem Verbleib von Kranken erkundigen: Sie seien inzwischen in die Anstalt Cholm bei Lublin verlegt worden. In anderen Schreiben wird mitgeteilt, dass die Kranken in Cholm an Fleckfieber gestorben seien.

Spätestens seit 1973 steht fest: „Die Anstalt Cholm war nichts als eine Täuschung“, so Finzen. Die Einrichtung hat nie existiert, wohl aber eine Dienststelle in Berlin, die falsche Sterbeurkunden und vorgefertigte Trostbriefe verschickte. Um die Täuschung abzusichern, sei ein Kurierdienst eingerichtet worden, der die Post nach Lublin transportierte, von wo aus sie ins Reich verschickt wurde.

Großes Interesse der Öffentlichkeit bei der Verlegung von Stolperschwellen im Klinikum 2024 | Foto: Süß

Das düsterste Kapitel der Wunstorfer Anstalt endet im September 1941: Die Klinik wird aufgelöst. Aber es sollte weitere dunkle Episoden geben. So erfährt der Lüneburger Regierungspräsident im August 1945 von der gezielten Tötung Kranker und Beeinträchtigter und wird aktiv. Eine Untersuchung für die gesamte Provinz Hannover wird angeordnet – und geleitet von dem Beamten, der in der Zeit des Dritten Reichs die Verlegungsaktionen jüdischer Bürger mit anderen angeordnet hat.

Die Ermittlungen werden über Niedersachsen hinaus ausgedehnt, aber die Verfahren kommen schleppend in Gang, berichtet Finzen. Erst 1949 gibt es Anklagen gegen Hauptverantwortliche. Letztlich werden sie freigesprochen: Sie hätten in einer Art Befehlsnotstand gehandelt und nachweislich versucht, Kranke zu retten, befindet das Gericht. Gegen Mitarbeiter der Wunstorfer Anstalt wird nicht Anklage erhoben.

Dort, in dem weitläufigen Areal mitten in der Stadt, hinter Mauern und Gittern, ist unzweifelhaft Unrecht geschehen. Aber: „In der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf ist kein Patient getötet worden”, sagt Finzen. Niemand habe unmittelbar dort getötet. „Aber Mitarbeiter des Krankenhauses und der Provinzialverwaltung haben wissentlich oder ohne ihr Wissen (… )im Vorfeld der Mordaktion ihren Beitrag geleistet“, schreibt der Autor.

Skrupellose Überzeugungstäter

Drei Faktoren sieht der frühere Klinikleiter als ausschlaggebend dafür, dass die Ermordung von 100.000 Menschen mit psychischen Problemen und Millionen Juden gelungen ist: den Krieg, skrupellose Überzeugungstäter und Verbrecher und funktionierende staatliche Verwaltung.

„Auf dem Dienstweg“ schließt mit diesen Sätzen: „Angesichts des Infernos, der Angst, des Terrors und der Vernichtung, die sie auslöste, erscheint uns die Logik dieses Systems widerwärtig. Allein zu formulieren, bereitet Beklemmungen. Aber sie hat über längere Strecken funktioniert und beträchtliche Teile der Bevölkerung, zumindest vorübergehend, verführt. Sie hat Widerstand überwunden oder niedergewalzt. Sie hat ohne Zweifel über längere Zeit Millionen überzeugt und sich der Duldung weiterer Millionen versichert. Nur auf diese Weise war es möglich, sie mit Hilfe staatlicher Macht und Steuerungsinstrumente in Handlung umzusetzen — im Falle der Tötung von psychisch Kranken und geistig Behinderten mit Hilfe der staatlichen Verwaltung auf dem Dienstweg.“

Dieser Text basiert auf Recherchen und Gesprächen des Verfassers – und auf der gründlichen Arbeit von Menschen, denen das Thema am Herzen liegt. Besonderer Dank für Rat und Lektorieren gilt Klaus Fesche, Eberhard Kaus und Andreas Tänzer.

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Kommentare


  • Badke, Heinz-Dieter sagt:

    Ein nicht alltäglicher, in seiner Dichte informatorischer Artikel. Sehr gut.
    Lehrreich, auch allgemein für die heutige Zeit.

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