
Der Barnekreisel ist fertiggestellt, die Barnestraße ist wieder vollständig befahrbar. Aber je länger die Bauarbeiten über die Monate dauerten, desto lauter wurde auch die Frage geäußert: Wieso musste dort überhaupt ein Kreisel gebaut werden? Immerhin hatte es doch seit Bestehen des Barneviertels eine Lösung gegeben, die offenbar auch gut funktioniert hatte. Das stimmte zuletzt aber immer weniger.
Geschaffen worden war das frühere Verkehrsdreieck für eine Straßensituation, wie sie aus den 1960er Jahren bekannt war: Mit gelegentlichem Autoverkehr, mit kleineren Autos, mit viel weniger Autos auf den Straßen. Ampeln und künstliche Bodenschwellen brauchte man im Barneviertel damals noch nicht.
Die heutige Mobilisierung war damals nicht ansatzweise vorstellbar. In den 1950er und 1960er Jahren war der Autobesitz eher Luxus als Alltagsgegenstand. Der wachsende Individualverkehr zeichnete sich ab, war aber noch weit von den Verhältnissen entfernt, die heute bestehen. Zweitwagen und SUVs, an so etwas war nicht zu denken. Entsprechend anders waren auch die Straßen damals noch angelegt. Die Autos auf den Straßen wurden mehr, auch im Barneviertel wurden sogar deswegen Vorgärten irgendwann zu Parkplätzen umgewandelt.

Die dreieckige Form einer Kreuzung war hingegen damals noch voll modern: Statt einer einfachen Einmündung wurde die Fahrspur einer untergeordneten Straße quasi aufgefächert und bog zu beiden Seiten in eine Hauptstraße ab. So führte auch über die zurückliegenden Jahrzehnte der südliche Teil der Barnestraße auf die übrige Barnestraße und Am Hasenpfahl, die die Vorfahrtsstrecke am Barneviertel bildete.
Die damaligen Verkehrsplaner wollten damit erreichen, dass der Verkehr nicht anhalten musste, um in eine größere Straße abzubiegen, sondern einfach flüssig weiterrollen konnte. Wie fast das gesamte Barneviertel waren auch die Verkehrsinseln Teil des Konzeptes von der sogenannten autogerechten Stadt. Nach diesem Konzept wurde Wunstorfs neuer Stadtteil damals ganz futuristisch gebaut. Die Verkehrsinseln darin waren ebenso hochmodern.
Die Einmündungen waren daher abgerundet und funktionierten im Prinzip ein wenig wie Zufahrten auf Autobahnen. Das Vermeiden von Stopps beim Abbiegen sollte den Lärm reduzieren und auch damals schon die Umwelt schonen. Nicht nur an der Ecke Barnestraße entstand auf diese Weise eine Dreiecks-Einmündung, auch an vielen weiteren Straßen des Viertels. Die südliche Seite des Hasenpfahls war einst etwa vollständig mit Verkehrsdreiecken ausgestattet.
Mit steigendem Autoverkehr kam dieses Prinzip jedoch bald an seine Grenzen. Jetzt musste auch an solchen Verkehrsdreiecken immer häufiger gestoppt werden, weil die Hauptstrecke eben einfach meist nicht frei war. Spätestens als wegen erhöhter Unfallzahlen Stoppschilder aufgestellt wurden, war es vorbei mit der alten Idee vom ungebremst rollenden Auto. Die Verkehrsinsel in Dreiecksform hatte ihre ursprüngliche Aufgabe verloren.

Bereits ab den 1970er Jahren gerieten die alten Verkehrsdreiecke in Deutschland aus der Mode, in späteren Jahrzehnten wurden sie praktisch nicht mehr gebaut. Nun wurde an viel befahrenden Einmündungen eher zu Ampeln gegriffen – bis sich ab den 1990er Jahren die Kreisverkehre stark zu verbreiten begannen. Auch im Barneviertel wurden die Dreieckseinmündungen teilweise später wieder zurückgebaut – um beispielsweise neuen Platz zu gewinnen. Das einstige Dreieck an der Ecke Barnestraße/Rembrandtstraße gibt es schon lange nicht mehr, und auch das Verkehrsdreieck an der Lukas-Cranach-Straße wurde zuletzt in eine normale Einmündung umgebaut.
Schon in den letzten Jahrzehnten versuchte man, auf den gestiegenen Verkehr am alten Barnestraßen-Dreieck zu reagieren. Man dokterte sozusagen an der ursprünglichen Idee herum und baute Modifikationen ein: Zusätzliche Trennbereiche wurden geschaffen, Poller zur Verkehrsverlangsamung eingebaut oder die Fahrspuren künstlich verkleinert. Zuletzt wirkte das Verkehrsdreieck deshalb fast wie Stückwerk, unübersichtlich und willkürlich.

Weil die Verkehrsdreiecke aus der Mode kamen, waren in heutiger Zeit auch immer weniger Autofahrer damit vertraut. Vor allem Ortsfremde hatten nicht selten Schwierigkeiten mit der Verkehrsführung rund um den Barneplatz und wirkten überfordert, wenn sie über ein Verkehrsdreieck abbiegen sollten. Aber auch für die Anlieger war die Verkehrssituation im Dreieck oft unübersichtlich.
Obwohl es denkbar wäre, steht das Wunstorfer Barneviertel als Zeugnis der autogerechten Stadt nach den Plänen von Hans Bernhard Reichow nicht unter Denkmalschutz. Als der gesamte Bereich Barneplatz neu konzipiert wurde, berücksichtigte man daher auch das Thema Verkehrsinsel und plante eine modernere Straßenführung mit ein.
Zur Auswahl hatte das beauftragte Architekturbüro einen Minikreisverkehr oder eine größere klassische Einmündung gestellt. Während der Bürgerbeteiligung zum Barneplatzumbau sprach sich eine Mehrheit für den Kreisverkehr aus. Dem folgten die Stadtplaner. So wurde nach rund 65 Jahren aus einem historischen Verkehrsdreieck ein moderner Verkehrskreisel.
Was für ein Blödsinn als Begründung für einen Kreisel. Solche Einmündungen funktionieren grundsätzlich recht gut.
Hier in Wunstorf ist es noch nicht mal eine Durchgangsstrasse. Es ist ja quasi eine Sackgasse.
Ich bin da immer gut durchgekommen.
Nur weil zu den Stoßzeiten die Helikoptereltern ihre Kinder mit dem eigenen Auto zur Schule bringen müssen, kommt es zur kleinen Staubildung.
Aber auch der löst sich in kürzester Zeit auf. Die Autofahrer machen heutzutage ein Drama draus, wenn sie 30 Sekunden warten müssen ohne weiterrollen zu können. Da muss also deshalb ein Kreisel her. Darüber kann ich nur lachen.
Und wer hat mal überlegt, ob mit der Fertigstellung der Umgehung das Ding völlig überflüssig ist? Ach ja, das wird ja noch dauern. Nach Eunstorfer Maßstäben bis ins nächste Jahrhundert. Ich vergaß.
Im Rahmen der Bürgerbeteiligung wurde sich seinerzeit für den Kreisel ausgesprochen. Interessant wäre zu wissen, ob der Charakter des Kreisels dabei bereits bekannt war.
Eine dermaßen große graue Fläche kann doch niemand ernsthaft gewollt haben.
So schön war es mal ! Und dazu noch mit Baum
In der Tat, verglichen mit der heutigen Vollzupflasterung, sowieso, Ansporn zum unübersichtlichen Rasen wegen fehlender abgrenzender Mitte. Apropos, wie ist das Fahren und die Sicht eigentlich bei starker Sonneneinstrahlung? Sieht doch alles so gleich aus.
Wie herrlich, dass es auch Innenstädte gibt, die einen anderen Eindruck wahren und bewahren.
Die Dinosaurier sind auch ausgestorben, und dann kamen die Säugetiere…
Wandel und Veränderung gibt es immer und überall. Stillstand bedeutet in der Natur den Tod.
Nur in Wunstorf gibt es einen Konservierungszwang, als wäre es ein Museumsdorf! Nein eine ganze Museumsstadt gar. Und die Bürger sind die Statisten. Muhaha!
Ein klasse Artikel, den man ruhig zweimal lesen kann, um die Zusammenhänge verschiedener Dimensionen (räumlich, sozial, technisch und historisch) zu begreifen. Ja, vielleicht war es früher schöner, am Verkehr teilzunehmen und als stolzer Besitzer eines Autos um den Baum auf dem Dreieck herumzukurven. Aber wie der Artikel sagt, viel weniger und kleinere, schwächer motorisierte Autos waren das. Schaut man sich mal das Foto von der Rembrandtstraße an. Da konnte sich doch kaum einer von den Mietern ein Auto leisten. Egal, was man von Reichows organischer Stadtlandschaft und der autogerechten Stadt hält, letztere funktioniert einfach nicht mehr und die Vermischung mit den neuen bzw. anderen System (rechtwinklig, mehrspurig, verkehrszeichengeführt) wurde verwirrend. Das heutige ist vielleicht auch nicht der letzte Schluss der Weisheit. Darüber werden sich dann Menschen in 50 Jahren Gedanken machen. Dafür halten dann hoffentlich die Leitungen unter dem Kreisel und dem Barneplatz so lange.
Gestern habe ich den neuen Barnekreisel das erste Mal fertig gesehen. Man muß schon genau hinschauen um einen Kreisel darin zu erkennen. Da werden mit Sicherheit viele drüber hinweg fahren. Kreisel und Barneplatz sehen aus wie eine öde, traurige Betonlandschaft. Wir werden uns daran gewöhnen,aber schön finde ich das nicht.
gäbe es nur modernisierte Städte mit futuristisch anmutenden Betonbauten und kein Erhalt älterer Gebäude, ist der Charakter der Stadt genauso verschwunden.
Schlimmstenfalls taucht dann die Frage auf, wo der Ort abgeblieben sei.
Und warum alte Gebäude Museumscharakter vermittelnd, ist mir unverständlich, betrachtend die Stätten des Weltkulturerbes, vielerlei Art, angesiedelt als Natur- oder Baumhistorische Darbietung und geschützt vor menschlichen Eingriffen.
Ein sehr schöner und interessanter Beitrag. Solche informativen und sachlichen Beiträgen ohne viel Schnick Schnack und neutral sind selten.