
Ulla Meinecke ist eine deutsche Sängerin. Sie war in den 1980er Jahren eine der erfolgreichsten Vertreterinnen des damals noch eher seltenen Genres „deutschsprachige Popmusik“. Sie verfasst ihre Liedtexte selbst. Für deren Vertonung arbeitet sie häufig mit bekannten deutschen Musikern zusammen. Ihre Lieder beschäftigen sich mit Alltagsgeschichten. So ist es bei Wikipedia zu lesen. Meinecke stammt aus dem Taunus, geht nach Frankfurt, landet in der Sponti-Szene und im berühmt-berüchtigten Häuserrat, begegnet einem Taxifahrer namens Joschka Fischer, geht schließlich nach Hamburg und wird Büroleiterin bei Udo Lindenberg. Seit langem lebt sie in Berlin. Meinecke tritt in Wunstorf im Kulturzelt auf, engagiert über LaSol Events. Im Gespräch mit der Auepost-Redaktion erzählt die 69-jährige über sich selbst und die Welt in Zeiten von Corona, Claudia Roth und Toni Hofreiter, „Hormonquatsch“ und die Prinzen. Wir treffen sie in einem Café in der Fußgängerzone. Sie sitzt in einer Nische, trägt eine Kapitänsmütze und einen knallroten Lippenstift. Auf den ersten Blick ist sie nicht zu erkennen. Aber an einem der Nachbartische sitzen Fans, die abends auch im Konzert sind. Sie erbitten ein Selfie und bekommen es. Meinecke redet, wie es ihr in den Kopf kommt, ohne sich Zügel anzulegen, völlig unprätentiös. Sie weicht keiner Frage aus.
Meinecke: Vor Corona waren wir im Minimum 150 Tage unterwegs. 60, 70 Konzerte waren es wohl.
Sehr viel. Auf so eine Krise ist doch keiner vorbereitet – dass von heute auf morgen alles dichtgemacht wird. Und uns Künstlern die Arbeit weggenommen wird, 21 von 24 Monaten. Das kann doch nicht wahr sein.
Ich hab alles versucht. Ich in meinem naiven Schädel … Ich habe mit ganz vielen Veranstaltern gesprochen und wollte erreichen, dass wir eine Art Kolloquium machen, um die Lage zu besprechen und Lösungen zu finden. Aber die, die anordnen, die haben unsere Probleme nicht. Ich habe im Mai verzweifelt versucht, Toni Hofreiter von den Grünen zu erreichen. Ich dachte, der ist Wissenschaftler. Der kam mir seriös vor. Und auch die Frau Roth – immer, wenn die was wollten, riefen sie mich zuhause an. Und Hofreiter? Ja, in der Sitzungswoche habe der ja kaum Zeit, die Toilette aufzusuchen, hieß es. Na, als die Mail kam, da wusste ich: Ihr wollt nicht. Für die Grünen sind wir „Flachkultur“ – nur nützliche Idioten. Für weite Teile der Grünen und auch der SPD sind wir komplett verzichtbare Unterhaltungsaffen.
Ach, ich steh nicht auf diese Stempel. Zum Beispiel habe ich mich nie Feministin genannt. Ich mag diese Labels nicht. Aber wenn es mir entgegengeschleudert wurde in verachtender Manier, dann habe ich gesagt: Es ist mir ein Ehrenname. Und ich bin Feministin der ersten Stunde. Trotzdem: Diese rein sexistische Entscheidung bei den Grünen für die Baerbock … obwohl sie viel weniger qualifiziert ist als der Habeck. Also, so haben wir nicht gewettet – dafür haben wir Mädels früher nicht die Fresse hingehalten.
dafür haben wir Mädels früher nicht die Fresse hingehalten
Ich sag mal eins – nach 40 Jahren. Ich kenn’ das Land ziemlich gut. Und eins kann ich sagen: Provinz ist im Kopf. Und nirgendwo sonst. Außerdem: Mehr als 60 Prozent der Menschen leben so wie hier. Ich kann doch nicht nur in Hamburg, Köln, Frankfurt und Dresden spielen. Käme ich doch auch nicht weit.
Das ist im Moment ein Riesenproblem.
Das machen wir gemeinsam. So eine Situation hatten wir ja noch nicht. Eigentlich kennt man ja die Resonanz und die Orte. Aber viele Leute, ältere Leute, sind so verängstigt … Das ist alles eingebrochen. Nur bei den Jungen, also Techno-Partys und so was, das läuft. Aber sonst … Tim Fischer hat vor 35 Leuten gespielt. Undenkbar. Und die Auflagen sind zum Teil so absurd: Maske, kein Verzehr. Die machen uns kaputt. Es reicht mir jetzt. Es schränkt die Lebensqualität dermaßen ein …
(Spontan:) Nee. (Nach kurzer Pause:) Im Moment ist es ein Lied, das wir noch nicht veröffentlicht haben, aber heute hier spielen. Das heißt „Wir“. Das ist richtig gut. Aber das kann morgen schon anders sein.
Selten. Kommt aber vor. Ich hab sogar ’ne goldene CD. Da hab ich für Annett Louisan getextet. Das fiel mir leicht, nachdem wir uns intensiv besprochen hatten. Oder Tobias Künzel von den Prinzen. Da hab ich bei einem sehr schönen Lied mitgemacht. Der Text ist hauptsächlich von mir: „Der Mann im Mond ist ein Mädchen“. Spiel ich auch heute. Tobias und ich liegen geschmacklich sehr nah beieinander. Der kommt dann einfach, und wir sitzen in der Küche.
Der kommt dann einfach, und wir sitzen in der Küche
Ja. Nicht viele. Aber: ja.
Eigentlich nicht. Die Leute sind auch nicht anders als andere.
Ich finde, Künstler sind auch nicht sensibler … Nö. Bei Schauspielern ist das anders.
Ja, vor dem Auftritt zieh ich mich um (lacht). Als ganz junge Künstlerin ja … Aber das wandert irgendwann nach innen.
Ja, das geht auch nicht weg.
Weiß ich nicht. Ist so. Hat nichts mit dem Kopf zu tun. Dieses ganze Adrenalin, das zur Verfügung gestellt wird, dieser Hormonquatsch – das muss erst abgerufen werden. Das ist schräg irgendwie. Ein Arzt hat mal für seine Promotion meine Werte und die von anderen Frontleuten direkt vor den Auftritten gecheckt. Der hat zu mir gesagt: Wenn Sie in dem Zustand zu mir ins Krankenhaus kämen, würde ich Sie sofort dabehalten.
Das geht in die Tausende.
Ja, ganz strenge Routine. Das ist vor allem meine Sache, weil ich da gut bin. Seit Jahren sage ich die Abfahrtzeiten an. Mein Prinzip ist: Wir fahren nicht gegen die Zeit. Das ist furchtbar. Ich checke alles vorher, rufe auch die Techniker nochmal vor Ort an … All diese Abläufe sind ganz klar getaktet.
Hab ich nicht oft gemacht. Das kommt auf den Song an. Gibt nicht viele Sänger, mit denen ich das gern machen würde. Das tollkühnste Duett, das ich gemacht habe, war vor ’ner Viertelmillion Leuten. „Heute Die. Morgen Du“ hieß die Veranstaltung. 1992 war das. Ich hab den Text geschrieben für „Zeitreise“ und telefonisch mit Rio Reiser … Er hat die Komposition gemacht. Ich in Berlin, er an der Nordsee. Dann haben wir uns in Frankfurt getroffen in irgendeiner Katakombe, haben das dreimal durchgespielt und sind raus auf die Bühne. Hätt’ ich mit niemand anders machen können.
Meistens der Text.
Nein, nein, nein. Ich bin keine besonders gute Komponistin. Ich bin ’ne sehr gute Texterin, finde ich. Und deshalb will ich, dass die Kompositionen auch ein vergleichbar hohes Niveau haben. Deshalb habe ich mir Leute gesucht, die ich gut fand.
zuerst erschienen in Auepost Nr. 23 (August 2022)
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