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Vor 100 Jahren: Die Steinhuder Meer-Bahn wird beinahe geteilt

13.01.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 485

Die Steinhuder Meer-Bahn ist zu Jahresanfang 1922 in argen Geldnöten. Die Zerschlagung der Strecke droht.

13.01.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 485
Pressespiegel 100 Jahre

Die finanziellen Schwierigkeiten bei der Steinhuder Meer-Bahn setzten sich fort. Ein halbes Jahr zuvor hatte die Wunstorfer Eisenbahngesellschaft die Fahrpreise massiv gesenkt, um mehr Kunden zu gewinnen – doch die Rechnung ging nicht auf. Vor allem im mittleren Streckenabschnitt zwischen Rehburg und Leese fehlten wegen Konkurrenz von der Reichsbahn die Fahrgäste. Weiteres Geld sollte daher nur fließen, wenn die Meer-Bahn einen Teil der Strecke aufgeben würde. Es hätte ein Loch in die Streckenführung gerissen und die Meer-Bahn in zwei getrennte Bereiche gespalten. Doch dagegen intervenierte die Politik in Stolzenau. Am 13. Januar 1922 berichtete der Rodewalder Anzeiger:


In Sachen Steinhuder Meerbahn hat der Kreisausschuss des Kreises Stolzenau folgenden Beschluss gefasst: „Der Kreisausschuss hat mit außerordentlichem Bedauern von den schwerwiegenden Bedingungen Kenntnis genommen, die der Kleinbahndarlehensausschuss der Provinz Hannover der Steinhuder Meerbahn auferlegt hat. Der Kreisausschuss steht auf dem Standpunkt, dass die Entscheidung des Darlehensausschusses, das Darlehn an die Bedingung zu knüpfen, dass die Strecke Rehburg–Leese stillgelegt und abgebrochen werde, über das Maß der wirtschaftlichen Notwendigkeit hinausgeht und die Interessen des Kreises Stolzenau so bedenklich verletzt, dass der Kreistag sich nicht entschließen wird, in der Generalversammlung der Steinhuder Meerbahn durch den Vertreter der Aktien des Kreises Stolzenau der Annahme der gestellten Bedingungen zustimmen zu lassen. Der Kreisausschuss glaubt vielmehr, dass es für den Kreis Stolzenau vorteilhafter ist, den gesamten Betrieb einzustellen und das Material zugunsten der Aktionäre zu verkaufen, als schon jetzt auf eine später vielleicht mögliche Wiederaufnahme des Betriebs zu verzichten durch den Abbruch der Strecke Rehburg–Leese und ferner mit der Reststrecke Leese-Uchte dem Betrieb der Mindener Kreisbahn ausgeliefert zu werden, ohne die Möglichkeit, den Betrieb auf der Reststrecke zu ordnen. Der Kreisausschuss bittet den Darlehnsausschuss, seine Entscheidung dahin zu ändern, dass zwar die Steinhuder Meerbahn veranlasst wird, auf den Betrieb der Strecke Rehburg–(Loccum)–Leese zu verzichten, dass aber von einem Abbruch der mittleren Strecke abgesehen werde, um eine vermögensrechtliche Gemeinsamkeit der künftigen beiden Betriebe Wunstorf–Loccum und Beese–Uchte und unter Umständen auch die gemeinsame Betriebsleitung zu erhalten. Der Kreisausschuss glaubt auch annehmen zu können, dass der Hauptausschuss bereit sein werde, das Darlehn auch dann zu gewähren, wenn die Bahn zum Ausflugsort Loccum beibehalten würde. Die Strecke Loccum–Leese muss erhalten bleiben, um die Verbindung mit dem Hauptbetriebsort aufrechtzuerhalten und daneben einen Gelegenheitsverkehr zu ermöglichen.“


Einige Tage später wurden die Bedingungen von der Meer-Bahn-Generalversammlung abgelehnt, wie die Leine-Zeitung zu berichten wusste. Zur vorübergehenden Betriebseinstellung auf der Mittelstrecke war man bereit gewesen, nicht aber zum Abbau der Gleise. Die Meer-Bahn-Aktionäre setzten sich weiter für den Erhalt der Gesamtstrecke zwischen Wunstorf und Uchte ein und versuchten, andere Darlehen zu erhalten.

Waggon
Restaurierter Waggon im Freilichtmuseum Steinhude: Vor 100 Jahren fuhr die Bahn auch nach Rehburg Stadt | Foto: Daniel Schneider

13 weitere Jahre blieb die Strecke danach noch intakt – dann kam es noch zu einem viel weitreichenderen Gleisabbau: 1935 wurde der Betrieb im gesamten Westteil zwischen Rehburg Stadt und Uchte wegen ausbleibender Fahrgäste für immer stillgelegt.

Wir schreiben das Jahr 1922. Wunstorf ist eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Ortschaft in der preußischen Provinz Hannover. Das Ende des Ersten Weltkriegs liegt noch nicht lange zurück, die Menschen erleben viele Umbrüche in der ersten deutschen Demokratie. Man ist auf dem Weg in die „Goldenen Zwanziger“. Das Deutschlandlied wird erstmals zur Nationalhymne erklärt. In Berlin wird der Stummfilm Nosferatu uraufgeführt. In Ägypten wird das Grab von Pharao Tutanchamun entdeckt. Die Sowjetunion wird gegründet.
von Daniel Schneider
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