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Über unglückliche Straßennamen, Mindestanforderungen an einen Bürgermeister und Stichwahlen im Herbst

23.07.2021 • Daniel Schneider • Aufrufe: 742

Warum der Verwaltungschef niemals eine Straße benennt und was die Wunstorfer im Herbst erwartet …

23.07.2021
Daniel Schneider
Aufrufe: 742
Rolf-Axel Eberhardt

Verfolgen Sie die Entwicklungen um Ihre potentiellen Nachfolger im Herbst aktiv oder eher aus einer entfernten Warte?
Es interessiert mich schon, wie es in Wunstorf weitergeht, ich möchte natürlich, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin gewählt wird, die eine gewisse Kontinuität für das Rathaus bringt, es aber auch weiterentwickelt.

Wie emotional sind Sie bei dem Gedanken, in wenigen Monaten nicht mehr der Bürgermeister zu sein?
Ich hatte gedacht, dass ich ganz gelassen damit umgehen kann, aber bei der letzten Haushaltsrede habe ich doch gemerkt, dass mir schwer ums Herz wurde. Ich habe diesen Beruf geliebt, aber ich finde es auch richtig, dass es jetzt einmal einen Wechsel gibt. Da bin ich mit mir im Reinen. In jedem neuen Lebensabschnitt ist aber Emotionalität dabei, alles andere wäre unehrlich.

Werden Sie dann nach dem Herbst eher einen großen Bogen ums Rathaus machen, damit es nicht zu komisch ist, von außen am ehemaligen Dienstzimmer vorbeizulaufen?
Es ist jetzt schon komisch, durch die ganzen Veranstaltungen, die wegen der Pandemie nicht stattfinden. Der Neujahrsempfang wäre meine letzte große Rede gewesen, die nun ausfällt. Auch die Feuerwehrdienstversammlungen, und man weiß auch noch nicht, ob das Schützenfest dieses Jahr wieder stattfinden kann. Das sind alles so Dinge, die hätte ich gern noch einmal erlebt, das macht mich ein wenig traurig, dass ich hier nicht mehr mitwirken kann. Das war so nicht geplant. Aber insofern hoffe ich, dass ich im Oktober, wenn ich verabschiedet werde, dann schon etwas „gefestigter“ sein werde (lacht).

Wie wird Ihre Verabschiedung aussehen?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, das organisiert das Bürgermeisterbüro, da halte ich mich tunlichst raus.

Bei der kommenden Bürgermeisterwahl stehen wieder verschiedene Bewerber zur Wahl, nachdem Sie zuletzt als einziger Kandidat angetreten waren. Aber wie war das davor?
Davor hatte ich einen Gegenkandidaten von den Grünen, und bei der ersten Wahl vor 22 Jahren gab es noch einen Kandidaten von der SPD aus Neustadt. Die Entscheidung ist zweimal zu meinen Gunsten ausgefallen, beim dritten Mal 2014 haben die anderen Parteien gesagt, dass sie keinen eigenen Bewerber aufstellen. Das war im Nachhinein betrachtet für mich auch emotional, muss ich sagen. Allein dazustehen ist nicht nur von Vorteil, und es war sehr ungewöhnlich. Gerade weil das Amt ja nicht unattraktiv ist, auch in Sachen Besoldung.

Es wird wahrscheinlich eine Stichwahl geben

Die Frage verbietet sich eigentlich … aber wagen Sie eine Prognose?
Nein. Es ist eine völlig neue Situation, man weiß nicht, was kommt, sicherlich werden sich auch freie Bewerber melden. Nur von einem gehe ich aus: Es wird wahrscheinlich eine Stichwahl geben. Bei vier oder fünf Bewerbern wird niemand im ersten Wahlgang 50 Prozent erreichen, und dann wird nochmals zwischen Erst- und Zweitplatziertem entschieden.

Haben Kandidaten von außerhalb generell schlechtere Chancen oder kann das sogar ein Vorteil sein?
Ortsfremde haben es immer etwas schwerer gegenüber Menschen, die hier bekannt sind. Die Wähler wollen den Menschen natürlich kennen. Aber es gibt auch Beispiele, wo ein Bayer in Niedersachsen aus dem Stand zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Das ist immer auch ein wenig abhängig von den Personen, die kandidieren.

Wie lange lebten Sie bei Ihrer ersten Wahl zum Bürgermeister schon in Wunstorf?
24 Jahre. 1975 sind wir hergezogen.

Es gibt Agenturen, die Bürgermeisterkandidaten regelrecht trainieren, eine Wahl zu gewinnen, die vorher keinerlei Bezug zur Stadt gehabt haben – Bürgermeisterwahl quasi als beliebige Jobchance. Würde so etwas auch in einer Stadt wie Wunstorf funktionieren?
Das glaube ich nicht. Aber unabhängig davon braucht man im Wahlkampf natürlich Beratung, die hatte ich auch, aber von Menschen, die in Wunstorf gelebt haben. Das war auch hilfreich. Ich warne aber davor, wenn man meint, man könne einen Bewerber „aufbauen“ und ihn nur gut verkaufen. Das Amt ist doch etwas vielfältiger, man muss es auch ausfüllen können. Es sind viele Fachthemen zu beherrschen, man muss repräsentieren und entscheiden und sollte Erfahrung mitbringen. Viele unterschätzen das. Man muss nicht unbedingt Jurist sein, aber man sollte wissen, wie eine Verwaltung funktioniert.

Ich wollte nicht bei den Leuten im Wohnzimmer stehen

Wie haben Sie denn Ihren ersten Wahlkampf geführt?
Ganz klassisch mit Plakaten. Was ich gar nicht leiden konnte, waren Hausbesuche.

Warum?
Ich möchte die Leute in ihrer Freizeit nicht belästigen, das ist eine Schwelle, die ich unangenehm finde. Ich wollte nicht bei den Leuten im Wohnzimmer stehen. Die Leute sollten lieber mich am Wahlstand auf dem Marktplatz ansprechen. Natürlich haben wir auch Veranstaltungen mit prominenten Politikern gemacht, der regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen kam extra aus Berlin angereist und machte für mich Werbung im Stadttheater. Auch Landesminister kamen.

Rathaus
Seit 22 Jahren Dienstsitz von Rolf-Axel Eberhardt: Das Wunstorfer Rathaus | Foto: Daniel Schneider

Weshalb gab es so viel Unterstützung seitens politischer Prominenz?
Es war eine besondere Wahl. Gerhard Schröder hatte gerade das Bundeskanzleramt erobert, wurde 1998 Kanzler, und die allererste Wahl nach diesem SPD-Sieg in Deutschland war die Kommunalwahl in Wunstorf, im Januar 1999. Der Bundestrend zeigte in Richtung SPD.

War die Wunstorfer Wahl denn so stark von politischen Lagern geprägt? Wurde letztlich der CDU-Mann Eberhardt gewählt?
Ich habe in meinem Wahlkampf nicht die Partei, sondern die eigenen Leistungen in den Vordergrund gestellt und deutlich gemacht, dass ich mit allen gut zusammenarbeiten will. Die Partei stand nicht im Mittelpunkt. Ich wollte deutlich machen, dass das Parteibuch im Rathaus keine Rolle spielt. Meine erste Referentin war dann auch eine Sozialdemokratin.

Spielt die Person generell eine größere Rolle?
Nicht die Person, aber die Persönlichkeit. Die Menschen wählen die Person – und nach Sympathie. Nach Ehrlichkeit und Authentizität. Das ist ganz wichtig. Aber auch die Geschlossenheit der Partei dahinter gehört dazu. Das ist eine oft gemachte Erfahrung: Wenn eine Partei zerstritten ist, kann auch in einer CDU-Hochburg ein SPD-Bürgermeister gewinnen. Man muss dem Kandidaten letztlich aber abnehmen, dass er sich für die Stadt einsetzen will, nicht für die Partei.

Wie wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Bürgermeister und dem Verwaltungsapparat?
Ich sage immer scherzhaft, wenn ich nochmal auf die Welt komme und Bürgermeister werden will, würde ich eher Psychologie studieren. Mitarbeiter sind ein hohes Gut. Wenn man eine kreative, loyale Mannschaft hat, dann ist das schon mehr als die halbe Miete.

Wie sind Sie damals aufgestellt worden? Hatten Sie interne Mitbewerber?
Ich hatte zwei Mitstreiter in der CDU, letztlich lief es darauf hinaus: Will man einen Repräsentanten oder einen Verwaltungskenner? Die Mitgliederversammlung hat sich dann für Letzteres entschieden. Mein Vorteil war, dass ich nicht ganz unbekannt war in der Stadt: Mein Großvater war Schulleiter, ich war drei Jahre auf dem Fliegerhorst als Soldat und Offizier, und meine Frau war Lehrerin an der Stadtschule.

Hatten Sie 2014 als einziger Bewerber trotzdem einen Wahlkampf geführt? Es hätte doch eine einzige Ja-Stimme genügt?
Ich hatte das Glück, dass gleichzeitig Europawahl und Regionspräsidentenwahl war, aber ja, ich habe normalen Wahlkampf gemacht. Das 25-Prozent-Quorum war zwar im Jahr davor abgeschafft worden, aber man konnte ja nicht nur mit Ja, sondern auch mit Nein stimmen. Mit Unterschrift beim Wahlausschuss, dem Annehmen der Wahl, bin ich dann ohne neue Ernennungsurkunde Bürgermeister geblieben.

Wie viel hatten bei der letzten Wahl mit Nein gestimmt?
20 Prozent. Verständlicherweise viele davon aus Steinhude, weil ich kurz davor die Schließung des dortigen Schulzentrums vorgeschlagen hatte.

Wird es irgendwann einmal eine Bürgermeister-Eberhardt-Straße in Wunstorf geben?
(lacht) Ich denke nicht. Meine Frau wäre davon wahrscheinlich auch gar nicht so begeistert.

Warum gibt es inzwischen nicht noch mehr Frauennamen auf Straßenschildern?
Es gab einfach in der Nachkriegszeit nur wenige Frauen in der Politik, auch wenige Unternehmerinnen, das macht es etwas schwierig, Wunstorfer Frauennamen für Ehrungen zu finden. Das wird sich sicher in 20, 30 Jahren völlig geändert haben. Bis dahin nimmt man eher generische Namen.

Gibt es überhaupt Ehrungen für ehemalige Bürgermeister im Straßenbild?
Nein, aber es hätte beinahe einmal eine gegeben, Friedhelm Meine, einer der letzten ehrenamtlichen Bürgermeister, hatte sich einst für die Verlegung des Sportplatzes in Kolenfeld eingesetzt. Da hatte ich den Vorschlag gemacht, den Fußballplatz Friedhelm-Meine-Platz zu nennen. Das wollte der Ortsrat Kolenfeld jedoch nicht.

Kommandeurallee
Maskulines Straßenschild in Wunstorf | Foto: Daniel Schneider

Wie genau funktioniert in Wunstorf die Suche nach neuen Straßennamen?
Das macht die Verwaltung, Stadtarchivar Herr Fesche schaut z. B. zunächst, ob es alte Flurnamen oder Bezeichnungen gibt. Auch die Gleichstellungsbeauftragte macht Vorschläge, damit mehr Frauen gewürdigt werden. Mit diesen Vorschlägen geht man dann in die Politik, denn Straßenbenennungen sind ureigenstes Recht der Ortsräte. Bisher hat das immer sehr gut funktioniert. Im Neubaugebiet Barne-Süd kam es so z. B. zur Ehrung der ersten Lehrerin in Wunstorf, Irmgard Ballauff.

Gab es einmal eine Straße, deren Benennung sich im Nachhinein als unglücklich herausgestellt hat?
Die Du-Mesnil-Straße, auch in der Barne, vielleicht. Weil der Name etwas schwierig auszusprechen ist. Das war ein Apotheker mit französischen Wurzeln, der in Wunstorf gewirkt hat.

Sind Sie für Straßenumbenennungen, wenn sich der Namenspate später als ungeeignet erweist?
Nein, man muss den Zeitgeist beachten, darf die Historie nicht aus den Augen lassen. Man muss so etwas im zeitlichen Kontext bewerten und darf nicht immer nur im Nachhinein schauen. Das gefällt mir in der ganzen Diskussion jetzt in Hannover z. B. gar nicht, was dort passiert. Aber man kann über jeden Namen in der Zukunft diskutieren, ob er nur Wohltaten vollbracht oder auch Negatives getan hat. Das gehört bei uns Menschen dazu.

Würden Sie Ihrem Nachfolger Tipps geben, welche Fehler man in den ersten Tagen im Rathaus vermeiden könnte?
Wenn er mich fragen würde, würde ich das tun, ansonsten würde ich mich nicht einmischen.

Ist es richtig, dass jeder Bürgermeister einen Amtseid leistet?
Ja, und auch jeder Verwaltungsinspektor, jeder Beamte, der hier bei uns arbeitet, muss diesen Eid leisten. Auch die Angestellten geben ein Treuebekenntnis ab.

Wie lautete Ihr Amtseid?
„Ich schwöre, dass ich, getreu den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates, meine Kraft dem Volke und dem Lande widmen, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und die Niedersächsische Verfassung wahren und verteidigen, in Gehorsam gegen die Gesetze meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegenüber jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Die Fragen stellte Daniel Schneider
Dieses Interview erschien zuerst in Auepost #16 (02/2021).

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