
Sonniges Frühlingswetter, nachdenklich stimmende Ansprachen, ein einfühlsamer Moderator, ein sorgsamer Steinsetzer, gut gewählte Begleitmusik: Die zweite Verlegung der Gedenksteine am 18. März 2026 wurde zu einem würdigen Termin. Dass es ein geradezu einmaliges Ereignis wurde, ist drei Frauen zu verdanken, die das Programm prägten.
Da war Kashi Behrstock, Urenkelin des in Auschwitz ermordeten Emil Kraft und mit ihrem Mann Jason und Tochter Ela aus New York angereist. Da war Christine Roth, die Enkelin des im Lager Stutthof ermordeten Wilhelm Roth. Sein letzter Brief von dort, von ihr am Rathaus vorgetragen, ist ein berührendes Zeitdokument. Da war Dagmar Liebig, die ein Poesiealbum in den Hinterlassenschaften ihrer Familie gefunden und zur Verlegung mitgebracht hat. Unter den Eintragungen eine von Röschen Spanier von 1911.
Röschen Spanier ist eines der Opfer des Nationalsozialismus, deren Namen jetzt wieder in der Stadt präsent sind. Wenn auch nur auf einem Stolperstein im Pflaster. Ihre Namen bleiben, weil seit einigen Jahren ein loser Arbeitskreis die Erinnerung an sie wachhält. „Ihre Namen bleiben“ ist auch der Titel der Broschüre, die der Kreis erarbeitet und jetzt in zweiter Auflage vorgelegt hat. Wie die Stolpersteine in der Stadt und die Schwellen am Klinikum erinnert das handliche Heftchen an ein „grässliches Kapitel“ Stadtgeschichte.
So formulierte es jetzt Andreas Varnholt, der frühere Baudezernent der Stadt, der den Arbeitskreis leitet. Spät, aber nicht zu spät, hatten sich Bürger mit Vertretern von Kirchen, Schulen und Vereinen vor ein paar Jahren zusammengetan, um sich an der europaweiten Installation von Stolpersteinen zu beteiligen und auch in Wunstorf an frühere Mitbürger zu erinnern. Es ist kein Verein, und es gibt keine Satzung oder Geschäftsordnung. Staatliche Zuschüsse fließen nicht. Die gesamte Aktion wird aus Spenden finanziert. Varnholt: „Die Bürgerschaft stemmt das selbst!“

Varnholt verstand es erneut, der mehrstündigen Veranstaltung mit seiner Moderation auch so etwas wie Leichtigkeit zu verleihen, ohne jemals den Schrecken der Ereignisse zu verdecken. Zum zweiten Mal sind nach gründlicher Vorbereitung und Organisation Stolpersteine verlegt worden – 20 kleine Messingtafeln aus der Werkstatt von Gunter Demnig.
Der 78-Jährige war diesmal nicht dabei. Andere Termine haben es verhindert, anders als am 14. November 2024 bei der ersten Aktion an der Süd- und an der Langen Straße. Der Arbeitskreis hat einen guten Ersatz gefunden: Ralf Bünning vom städtischen Baubetriebshof brachte die Stolpersteine mit Geschick und Akribie ins Pflaster.
Während er ruhig und konzentriert seiner Arbeit nachging, erklang zum Beispiel an der Hindenburgstraße vor dem Edeka-Markt sanfter Jazz. Thorsten „Tosh“ Doll lieferte mit Harlem Nocturne und Mack the Knife die passende Untermalung.

Diesmal waren es vier Stellen in der Kernstadt, die für Stolpersteine ausgesucht wurden. Der Arbeitskreis begann am Ende der Bahnhofstraße in der Nähe des ZOB. Dort wird nun an das Ehepaar Erna und Gottschall de Jonge und ihre Kinder Kurt und Margot erinnert. Gottschall de Jonge nahm sich im März 1938 das Leben. Er ist das erste jüdische Opfer der NS-Gewaltherrschaft in der Stadt und der Letzte, der auf dem jüdischen Friedhof am Nordrehr beigesetzt wurde.
Emil Kraft, an den nun eine Messingplatte am Rathaus erinnert, wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Wie kein anderer Wunstorfer jüdischen Glaubens war er geachtet – bevor der Terror begann. Acht Jahre lang war er Bürgervorsteher und weitere neun ehrenamtlicher Senator. Sein soziales Engagement war beispielgebend: Mit seiner Frau gründete er eine wohltätige Stiftung und stattete sie mit beträchtlichem Kapital aus. In Not geratenen Mitbürgern half er mit Krediten und unterstützte den Bau von Schlichthäusern.


Die Reputation hat Kraft ebenso wenig geschützt wie andere. Nicht ihr Platz in der Gemeinschaft, nicht einmal ihre Verdienste um die Stadt haben sie davor bewahrt, verfolgt zu werden. Sie wurden ausgegrenzt, verachtet, gejagt, gequält und schließlich getötet. Ihre Namen sind heute vielen Menschen nicht präsent. Aber für kurze Zeit war ihr Schicksal jetzt wieder gegenwärtig: im Brief des todgeweihten Wilhelm Roth, in der Ansprache von Kashi Behrstock, der vom Leben ihres Vorfahrn nichts bekannt war, die erst aus einem Briefwechsel mit dem Wunstorfer Hans-Heinrich Hanebuth Details von Elfriede und Emil Krafts Leben erfuhr.
Vor dem Rathaus berichtete sie den knapp 100 Augenzeugen von ihren Empfindungen: „Ich kannte die Einzelheiten dieser Familiengeschichte nicht. Was ich unglaublich fand, war, dass sie mir, als ich sie las, gleichzeitig unbekannt und bekannt war. Eine längst verlorene Vergangenheit wird wieder mit der Gegenwart vereint. Ich möchte jedes kleine Detail (…) wissen.“

Es sei eine „schwierige Geschichte“, die aber auch viel Licht enthalte. Sie sei „voller Hoffnung und Trost, hier zu sein und zu wissen, dass diese Stadt so viel getan hat, um die Geschichten zu bewahren und die hier lebenden Juden zu ehren.“ Bürgermeister Carsten Piellusch rief ein Detail der Stadtgeschichte in Erinnerung, das direkt mit dem Rathaus zu tun hat, vor dem er sprach: „Es ist eine grausame, historische Wahrheit, dass unser damaliger Bürgermeister Krawehl … in einem weihnachtlichen Feldpostbrief stolz notierte, unsere Stadt sei nun ,frei von Juden‘.“
Dieser Satz bleibe ein erschütterndes Zeugnis dafür, wie tief die Verbrechen des Nationalsozialismus in das Denken und Handeln der lokalen Institutionen eingedrungen waren. Piellusch: „Dass wir heute – 85 Jahre später – hier vor unserem historischen Rathaus drei Stolpersteine verlegen, hat eine besondere Symbolkraft. Dieser Ort, an dem über Jahrhunderte die Geschicke unserer Stadt gelenkt wurden, war damals der Ort, an dem Macht missbraucht und Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Deshalb dürfen wir nicht schweigen. Wir wollen erinnern – laut, sichtbar und gemeinsam.“
Die „scheinbar kleinen Messingsteine“ im Straßenpflaster seien mehr als Gedenkzeichen. Sie seien Mahnung und Spurensuche und ein sichtbares Versprechen: „Dass wir als Stadtgesellschaft die Menschen, die einst hier lebten, arbeiteten, lachten und träumten, nicht vergessen.“ „Wir holen sie aus der Anonymität, der Kennzeichnung, der Nummer, der Statistik und bringen sie zurück in die Mitte unserer Stadt“, sagte der Bürgermeister.

Kashi Behrstock und ihre Tochter Ela nahmen sich viel Zeit, ihre Emotionen zu beschreiben und Dank zu sagen. Nicht weniger berührend war der Beitrag von Christine Roth, die in Marklendorf bei Schwarmstedt lebt und im Arbeitskreis Erinnerungskultur mitarbeitet. Sie verlas am Rathaus den letzten Brief ihres Großvaters Wilhelm an die Familie. Wilhelm Roth war ein Mitarbeiter von Emil Kraft und starb 1945 im Lager Stutthof.
Kashi Behrstock und Christine Roth waren mit ihren Beiträgen bewusst in das Programm zur Verlegung der Stolpersteine eingebaut worden. An der Küsterstraße gab es aber eine spontane Begegnung mit Dagmar Liebig, die dort aufgewachsen ist – im Doppelhaus Nr. 2 und 4, das längst einem Neubau gewichen ist. Lange vor ihr wohnte dort Röschen Spanier. Die Schwester des bekannten Germanisten Meier Spanier war Hutmacherin. Obwohl angesehen in der Stadt, wurde sie verfolgt und in Auschwitz ermordet.

Dagmar Liebig hatte im Nachlass ihrer Familie ein Poesiealbum gefunden, in dem sich auch eine Eintragung von Röschen Spanier findet. Sie hat das Büchlein an den Arbeitskreis Erinnerungskultur weitergegeben, und es wird nun im Stadtarchiv verwahrt. Mit Röschen Spaniers Tod endete die mehr als 260-jährige Geschichte ihrer Familie in Wunstorf.

Als Rahmenprogramm hatte der Arbeitskreis mit der Unterstützung des Forums Stadtkirche zwei weitere Veranstaltungen vorbereitet. Zunächst zeigte das Forum am Abend in der Stadtkirche den preisgekrönten Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“, der den Brandanschlag von 1992 und die Reaktionen thematisiert.
Am nächsten Tag las der Autor Heinrich Thies vor gut 120 Schülerinnen und Schülern der Evangelischen Integrierten Gesamtschule aus seinem neuesten Buch: „Sally“ ist die Geschichte einer jüdischen Tänzerin, die in Bergen-Belsen einen Geige spielenden Hühnerhalter trifft und sich anfreundet. Erst sehr viel später in Palästina erfährt sie, wer der nette Mann aus der Heide ist: Adolf Eichmann, der Chef-Organisator der Judenvernichtung.
Thies fiktive Geschichte löste viele Fragen aus. Die Lesung und die Erläuterungen des ehemaligen HAZ-Chefreporters hinterließen tiefe Eindrücke bei den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern. Auch das war ein gelungenes Stück Erinnerungskultur.
An vielen Stellen in der Stadt liegen zur Zeit noch einmal Exemplare des Auepost-Extrablattes zur ersten Stolpersteinverlegung im November 2024 aus.
Der Gedanke, dass nun die Namen der ermordeten mit Füßen getreten werden ist nicht neu. Und deswegen aber auch nicht falsch.
Ein Beispiel: Vor einigen Jahren kam es in Mode, dass Firmen in ihren Eingangsbereichen Teppiche auslegten, auf denen der Firmenname oder das Firmenlogo zu sehen war. Kam man nun mit verschmutzen Schuhen ins Gebäude trat man seinen Dreck dort ab und beschmutze das Firmenlogo – in der Psychologie damit auch die Firma. In der Folge nahmen die Teppiche andere Designs ohne Firmenname /-logo an.
Das Problem, welches Mahnmale in der heutigen Zeit haben, dass deren Bedeutung kaum Beachtung findet. Nur wenige identifizieren sich mit dem Thema. Das kann man immer wieder an entsprechenden Mahmalen feststellen. In Berlin gibt es nahe des Brandenburger Tors ein Feld mit vielen Säulen, welche an die Ermordung der Juden erinnern soll. Ohne Begleitende Beschriftung / Beschilderung erschließt sich die Bedeutung nicht wirklich. Das Holocaust-Mahnmal in Hannover nahe der Oper ist ähnlich. Die Steinquader lassen eher Kunst als Bedeutung vermuten. Ein Mahnmal stelle ich mir deutlicher vor. Fährt man z.B. nach Ahlem, Bergen-Belsen oder Auschwitz, bekommen „Mahnmale“ (in diesen Fällen echte Gedenkstätten) einen direkten Kontext und die Abscheulichkeit wird deutlich und greifbar.
Was will ich also sagen bzw. fragen? Wie mahnt / erinnert man richtig?
Sehr guter Punkt, lieber Jerry M. – genauso denke ich auch.
„In Berlin gibt es nahe des Brandenburger Tors ein Feld mit vielen Säulen, welche an die Ermordung der Juden erinnern soll.“
Hässlicher und unnahbarer geht Gedenken kaum.
„Das Holocaust-Mahnmal in Hannover nahe der Oper ist ähnlich. Die Steinquader lassen eher Kunst als Bedeutung vermuten.“
Exakt – vollkommen abstrakt und keinesfalls einladend zum Gedenken.
Beide Orte sind viel zu laut und zu hektisch, um ein würdevolles Gedenken zu gewährleisten.
Dagegen ist das Mahnmal an der Abtei in Wunstorf viel besser geeignet. Leise, unaufgeregt und von großen Bäumen beschützt. Hier ist es ruhig und man kann sich im Gespräch näher kommen.
Ich denke, das beste Gedenken ist ein verständnisvolles Zusammenleben mit jüdischen Menschen in der heutigen Realität. Das gegenseitige Interesse und das gemeinsame Gedenken ohne dauernde Schuldzuweisungen. Miteinander reden und sich gegenseitig füreinander und die jeweiligen Standpunkte und Religion interessieren – das würde ich mir wünschen.
Ich, in meinem Alter, war damals nicht dabei – ich kann also nichts für diese Verbrechen – ich habe keine Schuld. Ich habe deswegen auch keine Verpflichtung, gegenüber irgendjemandem, den ich gar nicht geschädigt habe, weil ich noch gar nicht auf der Welt war.
Was mein gesunder Menschenverstand mir aber sagt, ist, dass ich mich jederzeit für Menschen einsetzen werde, welche diskriminiert oder schlimmer drangsaliert werden. Und dabei ist es egal, ob das Juden, Moslems, Christen oder Atheisten sind.
Jerry M. fragte: „Wie mahnt / erinnert man richtig?“
Meiner Meinung nach, in dem man so gut wie möglich miteinander zusammenlebt und sich für den jeweils anderen interessiert und die Geschichtskenntnisse von Generation zu Generation weitergibt.
Welche Debatte? In Wunstorf sind offensichtlich alle sehr dafür. Und ich kann es auch genau umgekehrt sehen: Stolpersteine lagern das Erinnern nicht an irgendeinen Ort aus, an dem nur einmal im Jahr jemand steht, wenn Blumenkränze niedergelegt werden. Stolpersteine holen das Erinnern genau da hin, wo die Menschen jeden Tag unterwegs sind. Und da hin, wo die Opfer wirklich gelebt haben.
Lieber DF, ich glaube, sie machen da einen Denkfehler.
Wenn Sie das Gedenken in den Alltag ziehen möchten, dann nutzen sie es ab, es wird alltäglich, verblasst und wird irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen.
Wenn ich jeden Tag über irgendwelche dreckigen, verschmierten Wackersteine mit irgendwelchen Inschriften laufe, dann interessiert es die Mehrheit der Menschen in kürzester Zeit nicht mehr, was es damit auf sich hat. Es wird alltäglich, es wird nebensächlich – genau das, was Gedenken eben nicht sein sollte.
Meiner Meinung nach ist es so:
Wenn ich an etwas gedenken möchte, dann möchte ich dies an einem besonderen Ort tun.
In einer Kirche, an einem Grab, in einer Synagoge, wo auch immer.
Aber auf keinen Fall möchte ich das Gedenken gedankenverloren im Alltag mit Füßen treten.
Das ist meiner Meinung nach eine Perversion des Gedenkens, welche sich der Erfinder und monetär davon profitierende Ausführende auch noch markenrechtlich hat schützen lassen.
Erinnerung und Gedenken sieht meiner Meinung nach anders aus.
Ich empfehle Ihnen dafür zum Beispiel den Golm auf der Insel Usedom.
https://www.jbs-golm.eu/kriegsgraeberstaette
Hier wurde eine stille Gedenkstätte in einem sehr schönen Bergwald geschaffen, von der aus man auf die nunmehr polnische Stadt Swinemünde blicken kann. Denn die Opfer der damaligen Bombardierung Swinemündes liegen in diesem Bergwald. Alle Menschen, die diesen Wald besuchen, werden sehr still – ich habe es zweimal selber erlebt. Man liest die Schilder, man sieht die Skulpturen, man stellt sich das Grauen des Krieges vor. Und man sieht unterhalb des Berges die Stadt Swinemünde.
Genauso sollte Gedenken sein: still, introvertiert, demütig.
Stolpersteine sind meiner Meinung nach das exakte Gegenteil davon.
Hallo Herren/Frauen Anonym,
1.
Ich frage mich, um welche Debatte es geht. Was für eine moralische Abwertung ist gemeint?
Darf ich daran erinnern, dass wir vor vielleicht 5 Jahren langwierige, schwierige Diskussionen in der Stadt hatten wegen einer Beteiligung an dem europaweiten Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig? Die Debatten und Beschlussfassungen in den kommunalen Gremien dauerten ungefähr ein Jahr lang. Begleitet waren sie von einer heftigen Kampagne der versuchten Einflussnahme auf Politiker und Stadtgesellschaft, gestartet namentlich vom Verein der Künstlerin Meros aus München. Das verunsichterte damals einige Menschen, blieb aber ein wirkungsloser Störversuch. Die Auepost berichtete ausführlich. Nun wärmen Sie die alten Kritikpunkte auf. Was versprechen Sie sich davon?
2.
Eines möchte ich klarstellen: „Ich war nicht dabei, ich habe keine Schuld und deswegen auch keine Verpflichtung.“ Wenn Sie sich das selbst nochmal durchlesen, merken Sie, dass das kompletter Unsinn ist. Es dürfte heute (natürlich) niemanden mehr geben, der eine Schuld auf sich geladen hat. Aber eine VERPFLICHTUNG haben wir alle, uns der Geschichte zu stellen. Zu erinnern an die NAMEN und unsere Lehren zu ziehen aus den Taten. Das ist übrigens eine menschlich-politische Verpflichtung.
So haben es die unterschiedlichen Initiatoren des Stolperstein-Gedenkens in Wunstorf von Anfang an gesehen. Sie waren sich von Anfang an bis heute bewußt, dass es Gegnerschaft geben wird. Die Teilnahme von Nachkommen der NS-Verfolgten in Wunstorf bei der zweiten Verlegung von Stolpersteinen hat dazu beigetragen – und das zeigt der hier diskutierte Artikel der Auepost eindrücklich -, dass immer mehr Menschen bereit sind, diese Verpflichtung zu übernehmen und mit Leben zu erfüllen. Das Stolperstein-Projekt macht dies lebendig.
Es wird fortgeführt. Über das ziemlich gut dokumentierte Schicksal der jüdische NS-Opfer hinaus gab es andere, bislang in Wunstorf eher vergessene Verfolgte. Das wird eine Aufgabe für die nächsten Monate und vielleicht Jahre sein.
Sehr schöner Beitrag.Gedenken wir unseren ehemaligen Mitbürgern, Brüdern und Schwestern und segnen alle,die sich darum bemühen, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Shalom aleichem <3
Ein wirklich gelungener Beitrag, der sehr nachdenklich stimmt. Denn nicht nur in den Institutionen der Stadt, sondern auch in den Köpfen der Zeitgenossen hatten sich diese menschenverachtenden Ideen breit und das Handeln der Verantwortlichen möglich gemacht. Warum wohl hat es so lange gedauert, bis man sich dem Unrecht und Leid der jüdischen Mitbürger erinnern wollte?
Wenn jemand achtlos über Stolpersteine geht, verweigert er/sie sich der Wahrnehmung unserer Geschichte. Die Anteilnahme an den beiden Stolpersteinverlegungen in unserer Stadt spricht hingegen für sich.
Die Aussage der Stolpersteine richtet sich an die, die sie tatsächlich wahrnehmen, die stutzen und dann mehr erfahren möchten. Dafür hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur in Wunstorf zwei Breviers erarbeitet, die an mehreren Stellen in der Stadt ausliegen, wo es kulturelle Angebote gibt. Außerdem gibt es Artikel z.B. bei Wikipedia zum Thema “ Neue Synagoge Wunstorf“ oder weitere „verwandte“ Stichworte. Jeder kann sich also nach dem Stolpern über das Schicksal deportierter und getöteter Menschen wahrend der NS-Diktatur aus Wunstorf informieren. Genau deshalb sind es eben STOLPERSTEINE.
Man sollte in dieser Debatte damit aufhören, jede Kritik an Stolpersteinen moralisch abzuwerten, statt sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen.
Es geht hier nicht um mangelndes Mitgefühl, sondern im Gegenteil um die Frage, was ein würdiges Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eigentlich ausmacht. Und dazu gibt es nun einmal sehr gewichtige Einwände. Wenn Charlotte Knobloch und Gabriella Meros deutlich machen, dass ein Erinnern auf Bodenhöhe, im Straßendreck und in Fußsohlenhöhe von vielen als entwürdigend empfunden wird, dann ist das keine Nebensache, die man gefälligst zu übergehen hat. Solche Stimmen kann man nicht einfach mit lokalem Wohlgefühl oder symbolischem Aktivismus neutralisieren.
Genau das ist doch der springende Punkt: Manche möchten offenbar vor allem sagen können, dass ihre Stadt „jetzt auch“ Stolpersteine hat. Dann gilt das Projekt schon beinahe automatisch als Beweis besonderer moralischer Haltung. Aber Gedenken wird nicht dadurch würdiger, dass man es möglichst sichtbar in den öffentlichen Raum pflastert. Und es wird auch nicht dadurch besser, dass Kritiker belehrt werden, sie hätten das Zeichen der Zeit nicht verstanden.
Viele Menschen empfinden diese Form des Erinnerns aus guten Gründen als problematisch: Die Namen ermordeter Menschen sind in das Pflaster eingelassen, dort, wo tagtäglich Menschen darüber hinweggehen, Räder darüber rollen und der gewöhnliche Straßenalltag jede Form bewussten Innehaltens verdrängt. Genau darin liegt doch die bittere Ironie: Ausgerechnet ein Mahnmal, das an die tiefste Entwürdigung von Menschen erinnern soll, ist selbst einer Form der alltäglichen Entwertung ausgesetzt. Wer das kritisiert, verharmlost nichts, sondern nimmt die Würde der Opfer ernst.
Hinzu kommt, dass auch die Person Günter Demnig nicht sakrosankt ist. Wer ein Erinnerungsformat für Opfer des Nationalsozialismus markenrechtlich schützen lässt, muss sich die Frage gefallen lassen, warum ein solches Gedenken überhaupt exklusiv abgesichert werden muss. Ganz unabhängig davon, wie man seine Motive im Einzelnen bewertet, bleibt doch ein schaler Beigeschmack, wenn moralischer Anspruch, öffentliche Wirkung und wirtschaftliche Struktur so eng miteinander verknüpft sind. Ein wirklich würdiges Erinnern sollte nicht den Eindruck eines geschützten Modells erzeugen, an dem organisatorisch und finanziell ein eigener Betrieb hängt.
Viel sinnvoller wäre es, die Energie in Formen des Gedenkens zu investieren, die bewusstes Innehalten ermöglichen: an einem würdigen Mahnmal, mit sichtbaren Informationstafeln, mit Veranstaltungen, Gesprächen mit Nachfahren, Zeitzeugenberichten, Bildungsarbeit und konkreter Auseinandersetzung mit den Biografien der Opfer. Das Mahnmal an der Abtei wäre dafür der deutlich angemessenere Ort. Dort kann man stehenbleiben, lesen, nachdenken und Respekt zeigen. Dort tritt man die Erinnerung nicht mit Füßen.
Wer also so tut, als sei Kritik an Stolpersteinen automatisch unsensibel oder gar anstößig, macht es sich zu leicht. Die eigentliche Frage lautet doch: Wollen wir ein Gedenken, das schnell symbolisch konsumiert wird und im Alltag verblasst, oder wollen wir ein Gedenken, das wirklich innehaltend, würdig und respektvoll ist?
Für mich ist das keine rein theoretische Debatte, denn ein Großonkel von mir saß nach 1933 im KZ, weil er Hitler zu offen kritisierte.