
Es hat einige Jahre gedauert, die Entwicklung der Idee Zeit gebraucht, sie war in der Vergangenheit geprägt von einem Für und Wider. Nach einem neuen Anlauf hat sich das Für durchgesetzt. Die Verlegung von Stolpersteinen in der Wunstorfer Innenstadt. Am 14. November 2024 werden in einem würdevollen Rahmen die ersten Steine gesetzt.
Der Anlass der Aktion ist öffentlich bekannt, aber noch nicht überall bekannt in der Öffentlichkeit. Es gibt viele erstaunte, skeptische und verwunderte Blicke an jenem Donnerstagvormittag in der Fußgängerzone.

Als Gunter Demnig vor dem Teegeschäft die ersten Steine in der Fußgängerzone einsetzt und Andreas Varnholt die Namen der ehemaligen Bewohner des Hauses vorliest, werden sie von knapp zwei Dutzend Menschen umringt. Ingrid Wettberg von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover spricht das jüdische Totengebet auf Hebräisch und Deutsch.
Demnig setzt die Reise der Steine durch die Lange Straße fort. Das Demnigmobil, ein roter, verbeulter Kastenwagen, fährt von Steinverlegungsort zu Steinverlegungsort. Als der Wagen eine knappe Stunde später vor der Sparkasse am Marktplatz ankommt, ist die Zahl der Menschen fast auf ein gutes Hundert angewachsen.







Angesichts der vielen Menschen und der scheinbaren Kundgebung kommt es zu einigen Verwechslungen. Als gerade zufällig eine Polizeistreife am Kuhbrunnen vorbeifährt, an dem Demnigs Wagen parkt, stellt ein Passant eine Verbindung her und geht von einem Parksünder aus: „Muss der jetzt da wegfahren?“
Fünf der Steine werden ganz in der Nähe des Kuhbrunnens verlegt, vor dem Juweliergeschäft. Inhaber Christoph Rüther kommt auf die Straße und verfolgt die Verlegung selbst. Die Steine liegen auf öffentlichem Grund, doch wie alle Eigentümer von Häusern, vor denen die Mini-Denkmale verlegt werden sollten, ist er zuvor vom Arbeitskreis um Zustimmung gebeten worden.





Vor einigen Jahren, erzählt er im Gespräch mit der Auepost, seien Nachfahren der einstigen Bewohner bei ihm gewesen und hätten sich angesehen, wie die Vorfahren dort gelebt hätten. Einen Bezug zu den damaligen Zeiten hätte über seine Familie zwar nicht bestanden – Rüthers Vater hatte das Gebäude in den 1970er Jahren gekauft –, doch der Besuch aus den USA sei bewegend gewesen.
Irritierte Blicke werden auch aus den Fenstern der Stadtsparkasse auf die Szenerie geworfen, und eine Kundin, die zum Geldabheben will und angesichts der vielen vor der Tür stehenden Menschen an eine Evakuierung der Sparkasse glaubt, erkundigt sich: „Ist da was passiert?“
Passiert war wirklich etwas, aber es liegt über 80 Jahre zurück. Damals hatte auch in Wunstorf die systematische Verfolgung jüdischer Bürger begonnen, Unvorstellbares geschah in der Stadt. Die anfängliche Diskriminierung und Brutalität gipfelte in Deportation, Vertreibung und Tod.

Klaus Kreuzer, das jüngste Opfer, für den nun ein Stolperstein verlegt wurde, war nur 8 Jahre alt, als er Wunstorf verlassen musste. Der Junge wurde mit seinen Eltern dann 1941 von Hannover aus ins Konzentrationslager gebracht. Seinen 14. Geburtstag erlebte er nicht mehr. Klaus Kreuzer wurde 1944 im KZ Stutthof ermordet.
Bürgermeister Piellusch ergreift während der Gedenkstunde neben Varnholt das Wort und stellt die drei Besonderheiten der Stolpersteinverlegungen in Wunstorf heraus: Es sei einerseits ein zivilgesellschaftlich entstandenes Projekt, dazu sei es zivilgesellschaftlich organisiert und bürgerschaftlich finanziert. Es sei ein Kooperationsprojekt mit denjenigen, denen heute die Immobilien gehörten.

Dem Arbeitskreis sei er sehr dankbar für die geleistete Arbeit. Die Stadt selbst war mittelbar eingebunden: Klaus Fesche und sein Stadtarchiv hatten jüdische Lebensläufe recherchiert, Informationen zusammengetragen und an der viel beachteten Broschüre zur Stolpersteinverlegung gearbeitet.
Piellusch spricht Demnigs Lebenswerk an, es sei ein europäisches Projekt geworden. Die Opfer damals seien entpersönlicht und auf eine Nummer reduziert worden. Die Stolpersteine wären eine Möglichkeit, ihnen wieder einen Namen zu geben, sie „wieder in die Mitte unserer Stadtgesellschaft zurückzuholen, wo sie hingehört haben und wo sie auch heute hingehören“.





Andreas Varnholt spricht auch den Vorfall an, der sich wenige Tage vor der Wunstorfer Stolpersteinverlegung in Seelze ereignet hat. Dort waren Stolpersteine gestohlen und beschädigt worden. „Vielleicht gibt es solche Menschen, die das Erinnern nicht ertragen, auch in Wunstorf“, sagt Varnholt zu den Versammelten. Aber: „Wir passen auf“, verspricht er, und wenn so etwas passiere, dann gebe es den Arbeitskreis Erinnerungskultur, und der mache einfach weiter.

Im Anschluss an die Gedenkstunde kommt es in der Stadtkirche noch zu einem besonderen Moment: Gunter Demnig trägt sich in das goldene Buch der Stadt ein und erzählt spontan von der Entstehungsgeschichte der Stolpersteine.
Die Broschüre zur Stolpersteinverlegung wurde vom Arbeitskreis selbst entworfen und herausgegeben und ist auch online verfügbar. Sie zeichnet in kompakter Form das Schicksal der Menschen nach: Zu jedem verlegten Stein gibt es die entsprechende Seite. Auch ein Foto von Klaus Kreuzer ist zu sehen.
Dies ist ein Teil der mehrteiligen Auepost-Stolperstein-Dokumentation. Sie existiert auch gedruckt als Auepost Extrablatt Nr 2.
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