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„Ich brauche kein Jahr, um die Teeküche zu finden“

08.09.2021 • Daniel Schneider • Aufrufe: 1265

Immer auf respektvoller Augenhöhe, vielseitig unterwegs und Experte in Sachen Verwaltung: Bürgermeisterkandidat Carsten Piellusch (SPD) im Auepost-Quartiergespräch.

08.09.2021
Daniel Schneider
Aufrufe: 1265
Carsten Piellusch
Carsten Piellusch | Foto: Daniel Schneider

Mit Fahrrad und lederner Aktentasche, so kennt man ihn, wenn er in Wunstorf zu Terminen unterwegs ist. Erster Stadtrat Carsten Piellusch – und nun Bürgermeisterkandidat der SPD. Zum Quartiergespräch kommt er ganz ohne – ohne Fahrrad und Aktentasche. Die bleiben im Rathaus, denn dort übernimmt er zu diesem Zeitpunkt gerade die Urlaubsvertretung für Rolf-Axel Eberhardt, dem er im November nachfolgen will. So kommt er die wenigen Meter zur Auepost zu Fuß über den Marktplatz – und spielt bereits ganz praktisch seinen Rathaus-Bonus aus. Doch auch inhaltlich möchte Piellusch damit punkten: „Erfahrung zählt“, so steht es unter anderem auf seinen Plakaten, was auf die Erfahrung als Verwaltungsrechtskundiger und Erster Stadtrat zielt. Pielluschs Mitbewerber um das Bürgermeisteramt haben keine derartige Verwaltungserfahrung. Die seine reicht in Bezug auf Wunstorf streng genommen sogar bis ins Jahr 1987 zurück: während seines ersten Studiums absolvierte Piellusch bereits eine praktische Station im Wunstorfer Rathaus. Damals kümmerte er sich als sogenannter Regierungsinspektor-Anwärter für einige Zeit um die Fremdenverkehrsbeiträge.

Quartiergespräch Spezial

Politische Erfahrung hat Wunstorfs derzeit zweiter Mann in der Verwaltungsspitze dagegen etwas weniger, in eine Partei trat der 53-Jährige vergleichsweise spät ein – eine Parallele zu Noch-Amtsinhaber Eberhardt. In seiner Jugend habe er sich zwar bereits für Politik interessiert, erzählt Piellusch, andere Themen wie Ausbildung, Familie, Kinder und Hausbau hätten aber zunächst im Vordergrund gestanden.

Der „rote Carsten“

Für die CDU-Ministerpräsidenten Wulff und McAllister habe er durch seine vorangegangene Arbeit unter Sigmar Gabriel in der Staatskanzlei als der „rote Carsten“ gegolten. „Ich wollte nie Karteileiche sein“, sagt Piellusch, ein Eintritt nur aus Karrieregründen stand nicht zur Debatte. Auf die Idee, in eine andere Partei einzutreten, wäre er auch nicht gekommen. Der SPD fühlte er sich schon seit der Jugend verbunden, bevor er 2011 schließlich das Parteibuch erhielt.

Warum SPD? „Weil’s ’ne coole Partei ist“, beantwortet er unsere Frage zunächst schelmisch, um dann weiter auszuholen und eine familiäre Prädisposition zu offenbaren. Die Eltern, die im Zweiten Weltkrieg die Heimat verloren hatten und sich in Wunstorf ein neues Leben aufbauten, sparten sich durch Fleiß und Arbeit ein Reihenmittelhaus in der Hans-Holbein-Straße zusammen. Hier wuchs Piellusch auf, während die Eltern von Brandt und Schmidt schwärmten. Dazu sein geschichtliches Interesse – Lassalle, Sozialistengesetze, Ermächtigungsgesetz. In einer schwierigen Situation zu stehen und nicht einzuknicken, das ist für ihn ein Punkt, den man nicht in allen Parteien findet. Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit, das sei auch sein Wertekanon.

Fairness hat bei Piellusch hohen Stellenwert. Als wir bei der Fragensammlung zur Bürgermeisterdebatte in der Stadtkirche anonyme Leserfragen zuließen (aus rechtlichen Gründen, um die Teilnahme niedrigschwellig zu ermöglichen), teilte er deshalb zunächst seine Bedenken mit. Es entsprach nicht seinen Vorstellungen von einem „offenen Visier“. Die Offenheit im Austausch ist ihm sehr wichtig, eine Begegnung mit Respekt auf Augenhöhe seine Wesensart. Das zeigt sich sogar in seinem unmittelbaren Verhalten: Die Brille hat er zum direkten Gespräch in der Redaktion abgenommen. „Das ist so eine Gefühlssache“, erklärt Piellusch, man trete sich dann direkter gegenüber.

Carsten Piellusch
Im direkten Gespräch gern ohne Brille | Foto: Daniel Schneider

Auf die Brille hat er auch auf einem zentralen Motiv seiner Wahlplakate verzichtet. Dabei trägt Piellusch im Alltag, wenn er nicht im direkten Gespräch zu seinem Gegenüber sitzt, eigentlich stets die markante Fassung wie ein Markenzeichen. Auf Plakaten sieht Piellusch daher auf den ersten Blick womöglich ungewohnt aus. Dass er keine Brille trägt, ist in diesem Fall aber Zufall, erzählt er. Die Plakatmotive entstanden in unterschiedlichen Settings an zwei Tagen auf dem Abteihügel und weiteren Stellen in der Stadt. Der Familienrat habe letztlich die Motive „autorisiert“ – ausgewählt oder verworfen. Das Foto ohne Brille schaffte es in die Auswahl. Seine Kinder haben somit letztlich mitentschieden, welche Fotos in Wunstorf aufgehängt wurden und welche nicht. Das ist auch der Grund, warum es keine Familienbilder mit Piellusch auf den Plakaten gibt: „Keine Fotos von Kindern“ war die innerfamiliäre Entscheidung. Daran hält er sich.

Für Piellusch, der zuvor noch keinen Wahlkampf geführt hat, ist es das erste Mal, dass er durch die Stadt fahren und überall sein eigenes Gesicht sehen kann. „Das ist schon ein bisschen komisch“, gesteht er, aber wenn ihn nun deswegen ein befremdliches Gefühl überkomme, dann könne er sich zumindest sicher sein, dass der Familie die Fotos gefallen, lächelt er.

Kanzlerkandidat Olaf Scholz ist gerade auf Höhenflug in den Umfragen, doch die SPD-Ergebnisse kannten lange Zeit oft nur eine Richtung – abwärts. Tut das weh, wird man darauf angesprochen? „Wir wählen Sie, aber SPD können wir uns nicht vorstellen“ – derlei Ansprachen kämen in Einzelfällen vor, berichtet Piellusch. Aber das gebe es natürlich auch bei anderen Parteien, merkt er an. Persönliche Zustimmungswerte wichen oft von denen der Partei ab. Aus den Gesprächen nehme er mit, dass es ein Interesse an der Person gibt: Wer ist das? Wie tickt der? Wie ist er so? Dafür interessierten sich die Leute am Wahlstand.

„Als Bürgermeister muss man keinen Mercedes fahren“

Piellusch spricht kontrolliert und überlegt, lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Die Fachsprache kann er im Gespräch mit uns nicht völlig ablegen, der Jurist hinter der Person blitzt immer mal wieder durch – was, das muss fairerweise gesagt werden, auch daran liegt, dass wir natürlich viele juristische Themen ansprechen. Er weiß darum, dass einem in der Juristerei die natürliche Sprache regelrecht abtrainiert werde, zum normierten Werkzeug wird. Gerade deshalb will er gegensteuern in der Wunstorfer Verwaltung: Städtische Bescheide, in denen „Rechtsbehelfsbelehrung“ steht, müsse es künftig nicht mehr geben. Stattdessen werden die Wunstorfer in Zukunft vielleicht „So können Sie sich wehren“ lesen. Die Verwaltungssprache soll verständlicher werden, sich sprachlich nicht immer am Gesetzestext entlanghangeln. Sein eigener Steuerbescheid geht Piellusch auf die Nerven. „Den muss auch ich zweimal lesen, bevor ich kapiere, was die mir sagen wollen.“ Verwaltung, die man nicht verstehe, erzeuge Ängste und Widerstand. Das wolle er nicht.

Mit zwei Prädikatsexamen als Volljurist standen ihm alle Wege offen – Piellusch musste sich letztlich für einen entscheiden, als er das Angebot bekam, für die Landesregierung zu arbeiten. Zuvor war er direkt als Richter am Landgericht Verden sowie auch als Amtsrichter tätig gewesen. „Behalte ich die Robe an oder ziehe ich sie aus?“ Das Ergebnis ist bekannt. Piellusch hätte sogar Verwaltungsrichter in Göttingen werden können, die Justiz wollte ihn halten – doch er entschied sich für den Verwaltungszweig. „Ich mag Menschen, ich bin ein geselliger Mensch.“ Als Einzelrichter sitze man nur zwischen Aktenbergen und würde vor sich hinarbeiten – sofern nicht gerade einmal verhandelt werde. Die Teamarbeit fehlte ihm bei Gericht. Das Prestige des Richterberufs reizte ihn hingegen nicht. „So ticke ich nicht“, sagt er, Statussymbole brauche er nicht. Er habe auch noch nie einen Neuwagen gekauft, der derzeitige Passat wird so lange weitergefahren, bis die Reparatur nicht mehr lohnt. „Als Bürgermeister muss man keinen Mercedes fahren.“ Status und Ansehen seien für ihn nicht der entscheidende Punkt. Die eigene Zufriedenheit mit dem, was man täte, dass man der Meinung sei, dass man etwas Gutes für die Menschen erreiche, das sei wichtig.

Gründlich sein, Möglichkeiten abwägen, dann handeln

Ob er ein gründlicher Mensch sei, fragen wir – und erhalten ein klares „Ja“ zur Antwort. Dabei ist die Fragestellung nicht ohne Hintergedanken: Juristen haftet der Ruf an, dass sie gründlich prüfen, vielleicht zu gründlich prüfen. Piellusch bestätigt das erste Bild indirekt, indem er diese Annahme gründlich durchschaut und sofort differenziert: „Zu gründlich prüfen gibt es nicht“, sagt er, und meint, dass man sich die nötige Zeit nehmen muss, um zu guten Entscheidungen zu gelangen – ohne sich natürlich dabei in Details zu verlieren. Außerdem spiele noch etwas anderes eine Rolle: Wenn man Erfahrung gesammelt habe, wisse man, worauf es ankomme, wo man die Stellschrauben bedienen müsse. „Am Abend ist mein Schreibtisch leer“, tritt er dem Klischee resolut entgegen. Als Jurist wisse er, wo er ansetzen müsse, um Spielräume zu nutzen. Ein „Ich möchte zwar, aber ich kann nicht“, dieses Hemmnis werde es mit ihm nicht geben, beschließt er das Thema. Dass die Verwaltung an sich langsam sei, das sei zudem ein Stereotyp: „Stimmt gar nicht“, sagt Piellusch und verweist auf Wunstorfs Erfolge bei Kitaneubauten und Unternehmensansiedlungen, um sogleich noch einmal zu differenzieren: Es gebe auch Dinge, die man beschleunigen könne. Und das werde er tun. Etwa die Umwandlung der Grundschulen in Ganztagsschulen.

„Am Abend ist mein Schreibtisch leer“

Verwaltung kann er. Daran kommen zu keinem Zeitpunkt Zweifel auf. Piellusch hat klare Vorstellungen davon, wie die Wunstorfer Bürokratie in den nächsten Jahren aussehen soll – und wie er das umsetzen will. Eine kooperative Verwaltung soll es sein, mit Teamwork und viel mehr Bürgerbeteiligung vor Ort in den Nachbarschaften. Wo soll der neue Spielplatz hin und wie soll er aussehen? Das könne die Verwaltung auch allein entscheiden, aber das schaffe keine Akzeptanz und verhindere keine Rechtsstreitigkeiten. Auch viel mehr Zusammenarbeit mit anderen Verwaltungen soll es geben, denn mit direkten Nachbarn wie Seelze und Barsinghausen habe man bislang keinerlei Bezugspunkte, und auch mit Neustadt und Garbsen nur rudimentäre.

Carsten Piellusch
Carsten Piellusch | Foto: Daniel Schneider

Ob die Verwaltung durch Letzeres aber nicht gerade bürgerferner statt bürgernäher werde, haken wir nach. „Nein“, sagt Piellusch. Verwaltungskooperationen haben nichts mit Bürgerferne, sondern mit Prozessen und Finanzpolitik zu tun, dies liefe rein auf Verwaltungsebene ab. Wenn zwei Kommunen dasselbe entwickelten, könne man das Resultat in beiden Städten verwenden, hätte aber nur einmal Personal und Geld eingesetzt.

An dieser Stelle drängt sich die nächste Frage geradezu auf, eine Frage, die sich alle Verantwortlichen gefallen lassen müssen, die bereits an den Hebeln der Schaltzentralen sitzen: Warum hat er die nun geplanten Dinge in den vergangenen Jahren noch nicht angestoßen? Piellusch antwortet mit entwaffnender Direktheit: „Im Verwaltungsvorstand hatte ich nur eine Stimme – ganz einfach“, lacht er. Und er sei eben nur die Nummer zwei. Ist er öfter gebremst worden, als Otto Normalwunstorfer sich das bislang vorgestellt hat? „Es ist vorgekommen“, so Pielluschs diplomatische Antwort.

Auf zwei Zweirädern

Obwohl er sich für eine Fahrradstadt Wunstorf einsetzt, fährt er privat gerne Motorrad. Privat biken und im Wahlprogramm Radfahren propagieren, wie passt das zusammen? Auch damit geht er offen um, versteckt es nicht in seiner Vita. Das Motorrad mache ihm Spaß, er fahre in der Freizeit jährlich 4.000 Kilometer. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel, das Motorradfahren Hobby, und dieses Hobby möge man ihm nachsehen. „Ich fahre mehr Fahrrad als Motorrad.“ Die Nordumgehung wird neue Möglichkeiten für den Verkehr in der Stadt erschließen, und die will Piellusch gestalten. Als Vorbilder nennt er Münster und Kopenhagen, aber auch Paris beeindruckt ihn. „Es geht“, sagt er. Vorrang für den Radverkehr, Schnellwege – das sei alles möglich. „Wir müssen es nur machen, und ich werde es machen.“ Ob er auch selbst im Winter mit dem Fahrrad zum Rathaus komme? „Na sicher“, lacht er über die Nachfrage, als wäre etwas anderes völlig absurd. Nur wenn es „Hunde und Katzen regne“, würde er das Auto nehmen.

Ob er in fünf Jahren noch einmal antreten würde, wenn er jetzt nicht gewählt wird? Bei der Frage kommt Piellusch das erste Mal ins Stocken: Darüber habe er sich noch gar keine Gedanken gemacht. „Ich will jetzt gewinnen“, sagt er verschmitzt. Er kämpft dafür, sofort über 50 Prozent der wählenden Wunstorfer von sich zu überzeugen. „Ich arbeite dafür, dass wir am 12. September eine Entscheidung haben.“ Mit diesem Ziel geht er offensiv um, auch auf die Gefahr hin, dass es eitel wirken könnte: Piellusch geht davon aus, es erreichen zu können: „Ich halte es für möglich, dass keine Stichwahl nötig sein wird.“ Die Offenheit wird nicht abgelegt, Aufrichtigkeit ist nicht verhandelbar.

Falls ihm der Weg zu seinem Traumjob versperrt bleibt, ginge es für ihn weiter als Erster Stadtrat. Bis Ende 2023 läuft sein Vertrag – den will er selbstverständlich erfüllen. Alles Weitere ist Zukunftsmusik, wäre spekulativ. Eines macht Piellusch jedoch ganz deutlich: „Mein Platz ist in Wunstorf.“

Interview: Daniel Schneider/Achim Süß
Text: Daniel Schneider

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