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„Rassismus ist die Grenze“

06.01.2023 • Daniel Schneider • Aufrufe: 2804

Ein Wunstorfer A-Jugend-Trainer zeigt klare Kante: Als ein dunkelhäutiger Junge auf dem Fußballplatz rassistisch ausgegrenzt wird und der Schiedsrichter versucht, das unter den Rasen zu kehren, setzt er sich dafür ein, dass die Sache vor dem Sportgericht landet. Ein Quartiergespräch über raue Umgangstöne, den erzieherischen Wert von Fußball und deutliche Grenzen.

06.01.2023
Daniel Schneider
Aufrufe: 2804
Jonas Knocke | Foto: Daniel Schneider

Jonas Knocke lebt den Fußball. Selbst beim TSV Klein Heidorn spielend, trainiert der Student der Wirtschaftspsychologie dort auch als Co-Trainer die Ersten Herren und ist zudem Trainer der A-Jugend-Mannschaft des 1. FC Wunstorf. Sportliche Tätigkeit und Aufgaben sind zeitintensiv: Trainings, Spiele, Vorbereitung, Fahrten … über 20 Stunden in der Woche investiert der 24-Jährige oft in den Fußball. Mit vier Jahren war er erstmals in Kontakt mit dem Ball gekommen, seitdem ist er dabei. Ebenfalls früh wollte er Trainer werden. Lassen sich gestandene Fußballer wie in Klein Heidorn überhaupt etwas von einem jungen Menschen sagen? Das sei keine Frage des Alters, entgegnet Knocke und lächelt verschmitzt. Seine Schützlinge beim 1. FC sind jünger, hier trainiert er die 17- und 18-Jährigen.

Zum Quartiergespräch in die Redaktion der Wunstorfer Auepost kommt er in Trainigsklamotten, die Sporttasche noch über der Schulter. Doch trotz Zeitdruck wird das Gespräch länger, denn was Knocke zu berichten hat, ist nicht zwischen Tür und Angel erzählt. Es geht um den Rassismus im Fußball, den er jüngst selbst miterlebte, als einer seiner Spieler nach einem Auswärtsspiel wegen der Hautfarbe diskriminiert wurde.

Das Team

Beim 1. FC Wunstorf trainiert Knocke die A-Jugend, derzeit die Jahrgänge 2004 und 2005. Man spielt in der Bezirksliga. Es ist eine bunt zusammengesetzte Mannschaft, Jugendliche mit den unterschiedlichsten Herkunftsländern und Nationalitäten sind darunter. Ukrainer, Türken, Kurden, ein Kroate, ein Rumäne und ein Tadschike spielen mit. Innerhalb der Mannschaft macht das keine Probleme, „Arbeitssprache“ ist natürlich Deutsch, und alle verstehen sich nicht nur sprachlich, sondern auch zwischenmenschlich gut. Aber bei Begegnungen im Spielbetrieb ist das nicht selbstverständlich. Damit geht Knocke offen um: „Ihr müsst euch darauf einstellen, dass ihr beleidigt werdet“, sagt er zu seiner Truppe. Dass er es sagen müsse, mache ihn extrem traurig. Vor seinen Spielern habe er Respekt, dass sie so gut damit umgingen.

Fußball ist keine Kuschelveranstaltung, das sei auch klar. Zu zartbesaitet darf man nicht sein: Auch Aggression ist beim Spiel normal, es soll schließlich „auch was geschehen“, sagt Knocke, die Leute „sollen unterhalten werden“. Gewinnen zu wollen, das sei nicht falsch: „Das erwarte ich von mir selbst, das erwarte ich von meinen Spielern.“

Nicht zu zimperlich

Der Umgangston wird gerade im Eifer des Gefechts dann auch schon mal drastischer, sagt Knocke. Es kommt zu Beleidigungen oder Provokationen. „Heul doch“ ist da noch das Harmloseste. Aber das gehöre dazu, und es herrscht ein „Gentlemen’s Agreement“: Was auf dem Platz passiert, bleibt auf dem Platz. Solche Reibereien blieben auf das Spiel beschränkt, und „dann ist die Sache auch gegessen.“

„Hurensohn kann man schon mal sagen“

Wenn Spieler untereinander mal ein „Hurensohn“ zu hören bekämen, dann müsse man das nicht so hoch hängen. Ein turbulentes Spiel ja, aber die Grenze sei mit Rassismus klar überschritten, sagt Knocke nachdrücklich. „Hier regieren die Weißen, du hast hier nichts zu melden.“ So wurde ihm das Geschehen von seinem Spieler geschildert, so war es bei diesem angekommen, und so hatten es auch die Zeugen aus der übrigen Mannschaft verstanden. Bei so etwas sieht Knocke keinen Spielraum für Toleranz, will, dass die üblichen Anti-Rassismus-Kampagnen im Fußball auch mit Leben gefüllt werden. „Überall wird Rassismus geächtet – und hier passiert dann sowas“, schüttelt Knocke den Kopf. „Rassismus ist die Grenze.“ Denn es sei leider auch kein Einzelfall. Allein in der Hinrunde der Saison kam es zu drei ähnlichen Vorkommnissen. „Lass den Ni**er doch da liegen“, sowas höre man dann auf dem Platz.

Einstehen beim Auswärtsspiel

Entsprechend vehement setzt sich Knocke dafür ein, dass hier die Grenze auch gezogen wird. Er sieht sich nicht als kleinlich, aber als konsequent: „Damit will kein Trainer zu tun haben, aber wenn es passiert, muss man dafür auch einstehen“, so der Standpunkt des Klein Heidorners. Respekt und Toleranz seien gesellschaftliche Pflicht, vor allem im Sport. Deswegen habe er auch auf die Klärung beim betreffenden Auswärtsspiel gedrungen. Vor allem, als erkennbar wurde, dass der Vorfall vom Unparteiischen herabgespielt wurde. Deshalb sei er so strikt gewesen, habe gewollt, dass es unabhängig bewertet wird. „Machen Sie einfach einen Bericht“, habe er zum Schiedsrichter gesagt, und sei „zu hundert Prozent“ davon ausgegangen, dass das dann auch passiere.

Sein dunkelhäutiger Spieler hätte zuvor vermittelt bekommen, er solle sich mal nicht so anstellen. „Es ist nicht eure Sache, zu beurteilen, was Rassismus ist oder nicht“, sagt er in Hinblick auf das Geschehen bei den Gastgebern. Es könne nicht das Ziel sein, dass die Diskriminierenden darüber entscheiden, wie der Diskriminierte es zu verstehen habe. Auch wenn andere womöglich nicht so getroffen gewesen wären wie sein Spieler, ändere das nichts an der Bewertung: „Das kann doch nicht der Weg sein, nur weil du härter im Nehmen bist, dass es die Sache besser macht“, sagt der A-Jugend-Trainer.

„‚Ich hab mein Gehirn nicht eingeschaltet‘ ist keine Rechtfertigung für Rassismus“

Ganz wichtig war Knocke, dass dies auf der anderen Seite verstanden wird. Ein Lerneffekt würde aber nicht einsetzen, wenn solche Dinge unter den Tisch fielen. Umso fassungsloser war Knocke deshalb, dass der Schiedsrichter den Vorfall im Spielbericht verschwieg. Das habe sich noch gesteigert, als er später vom Inhalt der Stellungnahmen der auswärtigen Trainer und Spieler zum Geschehen erfahren habe, die für das Bezirkssportgericht verfasst wurden. Das führte ihm noch einmal vor, dass das Verständnis tatsächlich gefehlt habe. „‚Ich hab mein Gehirn nicht eingeschaltet‘ ist keine Rechtfertigung für Rassismus“, fasst Knocke die Angelegenheit zusammen. Er sei aus allen Wolken gefallen, als er von den Berichten erfahren habe. „Dass der Verein das so wegschiebt, kann ich nicht nachvollziehen.“

Eine Hammerstrafe

Die Strafe für den Jugendlichen der Gastgebermannschaft, der sich für die sinngemäße Äußerung verantworten musste, findet Knocke dennoch zu hart. Es sei eine „Hammerstrafe“, ein „absolutes Brett“ für einen Fußballer in diesem Alter. Für den jungen Fußballer sei die A-Jugendzeit damit vorbei, er stünde nun am Spielfeldrand, das tue ihm leid. Unmittelbar nach dem Vorfall sei der Junge noch auf ihn zugegangen, hätte ihm gesagt, dass die Äußerung nur von ihm ausgegangen sei und dass die Mannschaft nichts damit zu tun habe. Knocke hatte den Eindruck, dass der Spieler selbst sehr getroffen war über das, was er ausgelöst hatte.

Es sind immer noch Jugendliche

Dass der andere Verein hinter dem Spieler steht, findet Knocke absolut richtig: Ein Rauswurf wäre das Allerhärteste gewesen. Es seien aber immer noch Jugendliche, und aus Emotionen heraus passierten auch solche Sachen. Durchgehen lassen dürfe man es trotzdem nicht, man müsse ein deutliches Stoppsignal setzen. Aber man dürfe es dabei auch nicht übertreiben. „Es geht um das Zwischenmenschliche, es geht nicht um Strafe.“

Knocke beim Auepost-Quartiergespräch | Foto: Daniel Schneider

Letztlich seien nun zig Berichte geschrieben, ein Verfahren durchlaufen und Strafen ausgesprochen – aber bereinigt scheint die Sache noch nicht. Die Wunstorfer Mannschaft fühlt sich mitgetroffen. Der Grundrespekt fehle. Aber es gibt auch einen kleinen positiven Effekt: „Es hat uns nochmal mehr zusammengerückt“, sagt der Trainer.

Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, die Angelegenheit zu lösen, nur Abwiegeln gehöre nicht dazu. „Macht es doch nicht so kompliziert“, wäre Knockes Hoffnung gewesen. Wäre im Nachhinein noch eine Entschuldigung oder ein anderes Zeichen von den Gastgebern gekommen … wahrscheinlich hätte er nun nicht einmal mit der Presse darüber gesprochen. Doch er hatte stattdessen den Eindruck, dass der auswärtige Verein die Sache einfach zu den Akten legen wolle. Das ginge bei diesem Thema nicht. „Ich glaube, der Verein hat’s nicht ganz begriffen – und der Schiedsrichter gar nicht.“ Würde er als Trainer wieder so handeln? „Immer“, sagt Knocke. „Der Schiedsrichter wird den Vorfall irgendwann vergessen haben – mein Spieler nie.“

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Kommentare


  • Basti g. sagt:

    Hurensohn gehört auch nicht auf einen Fußballplatz ! Im Publikum stehen Kinder denkt mal nach

    • Jonas. K sagt:

      Hallo, ja, das stimmt. Es ging bei meiner Darstellung darum, dass ein Spieler von mir mit „Hurensohn“ beleidigt wurde und daraufhin zurück beleidigt hat und dafür die Rote Karte bekommen hat. Ich wollte damit sagen, dass ich von einem Spieler (besonders im Leistungsbereich) erwarte, dass die das dann herunterschlucken und nicht ausrasten. Das kommt leider im Bericht nicht so ganz rüber, darum habe ich auch meinen Spielern gesagt, wie es im Bericht steht, rechnet damit, dass ihr beleidigt werdet, auch wenn ich das traurig finde.

      Ich hoffe, ich konnte das bisschen erklären, wie das gemeint war.

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