In der Wunstor­fer Aksa-Moschee

Sie liegt ganz zen­tral mit­ten in Wunstorf – und ist für Nicht­mus­li­me doch meist eine völ­lig unbe­kann­te Welt mit eige­nen Regeln. Zu Besuch in Wunstorfs ein­zi­ger Moschee.

Die Aksa-Moschee Wunstorf | Foto: Dani­el Schnei­der

Das Haus in Bahn­hof­nä­he in Wunstorf sieht gepflegt-unschein­bar aus. Wei­ßer Anstrich, grün ein­ge­fass­te Fens­ter und Haus­kan­ten. Blu­men­käs­ten in den Fens­tern der Stirn­sei­te. Brief­käs­ten neben der wei­ßen, gestreb­ten Ein­gangs­tür. Der Anbau hin­ter dem Haupt­haus ist grau ver­putzt. Es könn­te auch ein nor­ma­les Wohn­haus für meh­re­re Par­tei­en, eine Pra­xis oder ein Geschäfts­haus sein.

Gebets­zei­ten am Ein­gang

Doch das Schild über dem Ein­gang ver­rät, dass hier die tür­kisch-isla­mi­sche Gemein­de zu Hau­se ist: es ist die Aksa-Moschee – „Aksa Camii“ – der deutsch-tür­ki­schen Gemein­de. Wie eine Hin­ter­hof­mo­schee wirkt die­ses Haus Allahs nicht, aber es fehlt auch jeder äußer­li­che Schmuck oder Auf­bau, der auf eine Moschee hin­deu­ten könn­te. Das Gebäu­de ist äußer­lich zweck­mä­ßig, funk­tio­nal. Neben dem Ein­gang steht schon auf einem frisch gepflas­ter­ten Are­al ein Gerüst für den Zelt­auf­bau – hier wird Mit­te Juni das Fas­ten­bre­chen gemein­sam gefei­ert.

Info: Aksa-Moschee in Wunstorf
Die Aksa-Moschee („Aksa Camii“) ist die ein­zi­ge Moschee in Wunstorf. Sie besteht seit 1974 und gehört zum Ditib-Ver­band, der „Tür­kisch-Isla­mi­schen Uni­on der Anstalt für Reli­gi­on e. V.“, das heißt zum größ­ten Ver­band tür­ki­scher Mus­li­me in Deutsch­land. Der Dach­ver­band ist eng mit der Tür­kei ver­bun­den. Ima­me wer­den von der tür­ki­schen Reli­gi­ons­be­hör­de nach Deutsch­land ent­sandt, um die Gemein­den zu lei­ten. Gepre­digt wird der sun­ni­ti­sche Islam. Seit 1989 hat die Gemein­de ihre Moschee am Bahn­hof, zuvor war sie in der Hin­den­burg­stra­ße. Kon­stant knapp 190 Mit­glie­der zählt die Gemein­de, aktu­ell besu­chen auch 10 syri­sche Flücht­lin­ge die Moschee.

Hin­ter der Tür geht es durch einen engen Flur zum Trep­pen­haus und zum Anbau. Auf der einen Sei­te des Flu­res liegt die Küche der Moschee, auf der ande­ren befin­det sich u. a. ein Nass­raum für die ritu­el­len Waschun­gen.

Rück­sei­te des Moschee­ge­bäu­des | Foto: Dani­el Schnei­der

Gleich im Flur hängt auch eine Tafel, die mit roten LED-Anzei­gen die Gebets­zei­ten mit­teilt – genau­er gesagt den Beginn der unter­schied­li­chen Tages­zei­ten mar­kiert, an denen oder zwi­schen denen gebe­tet wer­den soll. Wer die Moschee betritt, des­sen Blick fällt unwei­ger­lich auf sie. Die Ein­hal­tung der Gebets­zei­ten ist im Islam wich­tig, daher hän­gen über­all Uhren, auch in den Gebets­räu­men.

Gebets­zei­ten auf der elek­tro­ni­schen Anzei­ge­ta­fel | Foto: Dani­el Schnei­der
Im Hof der Moschee | Foto: Dani­el Schnei­der
Raum für ritu­el­le Waschun­gen

Das Erd­ge­schoss des Anbaus dient als Treff­punkt. Von hier geht es auch zum Hof, in dem eine Über­da­chung eben­falls ein gemüt­li­ches Zusam­men­sein gestat­tet.

Rein­lich­keit ist sehr wich­tig“

Eine schma­le Trep­pe führt in zwei wei­te­re Stock­wer­ke. Im ers­ten Stock heißt es dann Schu­he aus­zie­hen, denn den Gebets­be­reich betritt man nicht mit Schu­hen. Hier mar­kiert eine Tep­pich­kan­te die Gren­ze zwi­schen Noch-Ein­gangs­be­reich und eigent­li­cher Moschee. Beim Aus­zie­hen der Schu­he ist dar­auf zu ach­ten, dass man mit dem Fuß sofort auf den Tep­pich und nicht etwa wie­der neben die Schu­he ins Unrei­ne tritt. Das ist für einen Unge­üb­ten schwie­ri­ger, als es sich anhört, doch die Gläu­bi­gen schaf­fen es ohne Ver­ren­kun­gen. Am ein­fachs­ten ist es, wenn man sich nach links gewandt par­al­lel zur Tep­pich­kan­te stellt – denn auch Mus­li­me betre­ten den Gebets­raum zuerst mit dem rech­ten Fuß. Die Schu­he wer­den dann ordent­lich in vor­han­de­ne Regal­fä­cher gestellt.

Die Tep­pich­kan­te trennt den unrei­nen vom rei­nen Bereich | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Die Gebets­räu­me

Dann teilt sich der Weg für die Gläu­bi­gen. Die Frau­en gehen nach links, die Män­ner nach rechts in jeweils getrenn­te Räu­me. Die Tren­nung der Geschlech­ter hat in einer Moschee dabei ganz prag­ma­ti­sche Grün­de: beim Beten kom­men sich die Gläu­bi­gen räum­lich sehr nahe, sit­zen und kni­en in Rei­hen, ver­beu­gen sich, und nichts soll beim Gebet ablen­ken.

Schrif­ten­samm­lung im Gebets­raum | Foto: Dani­el Schnei­der

Bei­de Räu­me sind mit Tep­pi­chen aus­ge­legt, die qua­si die Gebets­po­si­ti­on vor­ge­ben. Ihre Mus­ter, die vie­le klei­ne Plät­ze vor­for­men, zei­gen spitz in süd­öst­li­che Rich­tung – nach Mek­ka. So befin­det sich auch im Gebets­raum der Män­ner an der öst­li­chen Wand­sei­te die Gebets­ni­sche. Die Nische ist der eigent­li­che Rich­tungs­wei­ser für die Gebets­po­si­ti­on. Dort ist gleich­zei­tig auch der Platz des Imams wäh­rend der Gebe­te. Er betet wie alle ande­ren gen Süd­os­ten, nicht etwa zur Gemein­de gewandt.

Die Gebets­ni­sche, dar­über auf einer Tafel das Glau­bens­be­kennt­nis in ara­bi­scher Schrift | Foto: Dani­el Schnei­der
Info: Wie Mus­li­me beten
Gläu­bi­ge Mus­li­me beten min­des­tens fünf Mal am Tag zu bzw. zwi­schen fest­ge­leg­ten Zei­ten: Bei Son­nen­auf­gang, am Mit­tag, am Nach­mit­tag, nach Son­nen­un­ter­gang und in der Nacht. Maß­geb­lich ist dabei der Son­nen­stand, also die wah­re Orts­zeit – somit sind die Gebets­zei­ten an jedem Ort anders. Der Gebets­ort muss dabei natür­lich nicht die Moschee sein: jeder Ort ist geeig­net, der rein ist und an dem nie­mand vor dem Beten­den her­um­läuft. Gebe­te wer­den in unter­schied­li­chen Kör­per­hal­tun­gen in einer bestimm­ten Rei­hen­fol­ge aus­ge­führt. Der wich­tigs­te Tag ist der Frei­tag: Beim Frei­tags­ge­bet kommt die Gemein­de zusam­men, um der Pre­digt des Imams zu fol­gen und gemein­sam zu beten.
Gemein­sa­mes Abend­ge­bet | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Da die Haus­wand jedoch nicht genau nach Mek­ka aus­ge­rich­tet ist, wur­de der Tep­pich­bo­den leicht schräg ver­legt. Auch die Holz­kon­struk­ti­on der Gebets­ni­sche gleicht die­sen Umstand aus – sie ist eben­falls schräg in die Ecke gebaut. Alte Holz­pfei­ler stüt­zen die Decke, der Raum ist rings­um knie­hoch mit Holz ver­tä­felt. Die Wän­de sind hell und freund­lich. Run­de und qua­dra­ti­sche Schrift­ta­feln mit ara­bi­schen Kal­li­gra­phi­en sind an den Wän­den befes­tigt. Auf ihnen sind die Namen Allahs, der Name des Pro­phe­ten Moham­med oder das Glau­bens­be­kennt­nis zu lesen.

Gebets­ni­sche, Empo­re und Kan­zel

Neben der in Edel­holz gefass­ten Nische befin­den sich noch zwei wei­te­re auf­fäl­li­ge Holz­kon­struk­tio­nen im Raum. Einer­seits eine eben­falls an der Ost­wand ste­hen­de höl­zer­ne Empo­re, die tra­di­tio­nell einem Imam für den Gebets­ruf dient – in heu­ti­gen Zei­ten kom­men auch Laut­spre­cher zum Ein­satz. Die Frei­tags­pre­digt hält der Imam jedoch von der Kan­zel, die rechts von der Gebets­ni­sche an der Wand steht und eben­falls genau nach Mek­ka weist. Die Kan­zel, die soge­nann­te Min­bar, besteht aus einer Pfor­te, die mit einem grü­nen Vor­hang ver­se­hen ist, einer Trep­pe und am Ende der Trep­pe wie­der­um einer Empo­re in der Aus­füh­rung eines Tur­mes. Die Höhe des Türm­chens wird von der Decke des Rau­mes begrenzt.

Kan­zel im Gebets­raum der Män­ner | Foto: Dani­el Schnei­der
Gebets­ket­ten (Mis­ba­ha) die­nen als Hilfs­mit­tel für ritu­el­le Gebe­te | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Für einen sit­zen­den oder gar ste­hen­den Imam wirkt das Türm­chen viel zu klein – und für den Imam ist der obers­te Bereich der Min­bar auch gar nicht gedacht. Die­ser ist sym­bo­lisch allein dem Pro­phe­ten Moham­med vor­be­hal­ten; ein Imam betritt die­sen Bereich nicht und hält sei­ne Pre­digt von der Trep­pe aus.

Gebets­raum der Frau­en mit Blick nach Osten | Foto: Dani­el Schnei­der
Ara­bi­sche Suren im Gebets­raum der Frau­en | Foto: Dani­el Schnei­der

Der Frau­en­ge­bets­raum ist deut­lich schmuck­lo­ser. Weni­ger Holz­ver­tä­fe­lun­gen, kei­ne Kron­leuch­ter an der Decke. Dafür befin­den sich, grün umran­det in der Far­be des Islams, ara­bi­sche Suren aus dem Koran an den Wän­den. Der Tep­pich mit sei­nem auf­wän­di­gen Mus­ter ist der­sel­be wie bei den Män­nern; auch er ist schräg ver­legt, so dass er die Gebets­po­si­ti­on nach Mek­ka kor­rekt vor­gibt.

Sche­mel für das Koran­stu­di­um | Foto: Dani­el Schnei­der

Unter dem Dach befin­det sich noch ein wei­te­rer Raum, hier wird z. B. gemein­sam im Koran gele­sen. Da der Koran nicht auf dem Boden lie­gen darf, wird ein extra dazu gedach­ter klei­ner Sche­mel vor sich hin­ge­stellt, auf dem die hei­li­ge Schrift dann abge­legt wird.

Der Hod­scha

Gelei­tet wird die Wunstor­fer Moschee von einem Imam aus der Tür­kei. Er steht der Gemein­de vor. Die „Amts­zeit“ eines Imams dau­ert etwa fünf Jah­re. So lan­ge bleibt er in der Gemein­de, danach kehrt er in der Regel wie­der in die Tür­kei zurück – und sein ent­sand­ter Nach­fol­ger über­nimmt die Gemein­de. Die Gemein­de­mit­glie­der spre­chen ihn mit „Hoca“ (= Hod­scha) an, dem Titel eines isla­mi­schen Reli­gi­ons­ge­lehr­ten.

Der Imam und Hod­scha der Wunstor­fer Moschee | Foto: Dani­el Schnei­der

Tür­ki­scher“ Islam

Bezü­ge zur Tür­kei sind in der Moschee all­ge­gen­wär­tig. Im Gebets­raum der Män­ner hängt an der Wand gen Mek­ka als Bild die tür­ki­sche Flag­ge, auch im Flur hin­ter dem Ein­gang begrüßt sie den Besu­cher. Über einer Tür im Ver­samm­lungs­raum hängt das Por­trät von Staats­grün­der Ata­türk. Die Gebets­zei­ten wer­den auf Tür­kisch genannt, die Spra­che ist Tür­kisch. Das Frei­tags­ge­bet gibt es aber auch auf Deutsch. Hier wird die Pre­digt des Imams dann über­setzt.

Por­trät des Staats­grün­ders der Tür­kei, Mus­ta­fa Kemal Ata­türk, über einer Tür | Foto: Dani­el Schnei­der

Die Gläu­bi­gen, die kei­nen tür­ki­schen Hin­ter­grund haben, aber auch die tür­ki­sche Moschee besu­chen, fin­den das nicht immer opti­mal. Der Beglei­ter, der uns an die­sem Tag durch die Wunstor­fer Moschee führt, hat zufäl­li­ger­wei­se kei­ne tür­ki­schen Wur­zeln. Der Islam an sich ken­ne eigent­lich kei­ne Gren­zen oder Staa­ten, sagt er. Zum Glau­ben kam er jedoch durch einen Tür­kei­be­such und beherrscht inzwi­schen auch Tür­kisch – zusätz­lich zu Ara­bisch, um den Koran im Ori­gi­nal lesen zu kön­nen. So ist die Ver­stän­di­gung inner­halb der tür­ki­schen Com­mu­ni­ty kein Hin­der­nis mehr.

Hin­weis­schild an einem Trep­pen­haus­fens­ter | Foto: Dani­el Schnei­der
Küche der Moschee | Foto: Dani­el Schnei­der

Denn die Moschee dient nicht allein dem Gebet, son­dern ist auch Begeg­nungs­stät­te, Ort zum Ler­nen und kul­tu­rel­les Zen­trum. Das zeigt sich beson­ders auch an Tagen wie dem Früh­lings­fest, wenn sich der Park­platz hin­ter der Moschee beim Gemein­de­fest in eine klei­ne tür­ki­sche Welt ver­wan­delt, in der man stolz ist auf sei­ne tür­ki­sche Her­kunft, sei­ne Tra­di­tio­nen und Lebens­art – im Ein­klang mit dem Glau­ben.

Ein­gang der Moschee | Foto: Dani­el Schnei­der

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