Rama­dan in Wunstorf

An die­sem Wochen­en­de ende­te der mus­li­mi­sche Fas­ten­mo­nat Rama­dan. Am Sams­tag, den 24. Juni, war der letz­te Tag, an dem Mus­li­me auch in Wunstorf gefas­tet haben. Die ver­gan­ge­nen vier Wochen waren Spei­sen, Geträn­ke und Genuss­mit­tel vor Son­nen­un­ter­gang tabu. Wir waren an einem Frei­tag zum Fas­ten­bre­chen ein­ge­la­den und durf­ten dem „Mahl des Abends“ in der Wunstor­fer Moschee bei­woh­nen.

Beim Gebet | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Für gläu­bi­ge Mus­li­me ist das Fas­ten im Rama­dan Nor­ma­li­tät, es zählt z. B. neben der Pil­ger­fahrt nach Mek­ka oder dem Glau­bens­be­kennt­nis zu den soge­nann­ten Säu­len des Islams, den Pflich­ten eines Mus­lims. Das abend­li­che Fas­ten­bre­chen gehört in die­ser Zeit wie selbst­ver­ständ­lich dazu, doch für Nicht­mus­li­me ist es wie der Islam selbst oft eine völ­lig frem­de Welt.

Gebro­chen wird das Fas­ten täg­lich nach Son­nen­un­ter­gang, und das nicht nur in den eige­nen vier Wän­den, son­dern auch gemein­sam in der Wunstor­fer Moschee. Von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang wird Ver­zicht geübt, erst am Ende des Tages steht eine üppi­ge Mahl­zeit – das „Mahl des Abends”, das Ift­ar. Aus­nah­men gibt es z. B. bei Krank­heit oder sons­ti­ger wich­ti­ger Not­wen­dig­keit. Die Ent­halt­sam­keit erstreckt sich jedoch nicht allein auf Mahl­zei­ten und Geträn­ke, auch der Tabak­ge­nuss ist z. B. unter­sagt.

Fle­xi­bler“ Rama­dan

Eine jähr­lich fes­te Fas­ten­zeit gibt es nicht, denn der Rama­dan rich­tet sich nach dem Mond­ka­len­der. Die Fas­ten­zeit wan­dert daher im Lau­fe der Jah­re durch die Jah­res­zei­ten, rückt immer ein wenig wei­ter nach vor­ne im regu­lä­ren Jah­res­ka­len­der. Das Fas­ten in den Som­mer­mo­na­ten, womög­lich auch noch bei hohen Tages­tem­pe­ra­tu­ren, ver­langt den Fas­ten­den beson­ders viel ab, denn die Tage zwi­schen Son­nen­auf- und Unter­gang sind rund um die Som­mer­son­nen­wen­de natür­lich beson­ders lang.

Info: Isla­mi­scher Mond­ka­len­der
Dem Rama­dan liegt der isla­mi­sche Mond­ka­len­der zugrun­de. Die­ser hat nur knapp 354 statt 365 Tage im Jahr, sodass pro Jahr etwa 11 Tage Unter­schied zum gre­go­ria­ni­schen Son­nen­ka­len­der ent­ste­hen. Die Fas­ten­zeit ver­schiebt sich dadurch jedes Jahr etwas wei­ter nach vorn. Im Moment wan­dert der Rama­dan vom Som­mer wei­ter Rich­tung Früh­ling.

Auch der Son­nen­auf- und Unter­gang vari­iert selbst­ver­ständ­lich von Tag zu Tag. Die tür­ki­sche Gemein­de in Wunstorf lässt daher extra jedes Jahr einen neu­en Rama­dan-Kalen­der dru­cken. Im DIN-A-3-For­mat lis­tet er für die Gläu­bi­gen genau auf, wann der Fas­ten­mo­nat beginn und endet, und nennt dazu die täg­li­chen Gebets­zei­ten, die auch Beginn und Ende des Fas­tens mar­kie­ren. Ein­ge­rahmt wird die Tabel­le von deko­ra­ti­ven Orna­men­ten und Zita­ten, die z. B. von der Sün­den­ver­ge­bung durch das Fas­ten spre­chen.

Rama­dan-Kalen­der für Wunstorf | Foto: Dani­el Schnei­der

In die­sem Jahr fiel der Beginn des Rama­dans auf den 27. Mai, das Ende wird vom 24. Juni mar­kiert. Anschlie­ßend, an die­sem Sonn­tag, beginnt das Zucker­fest, mit dem das Ende des Rama­dans gefei­ert wird – und das wegen sei­nes fami­liä­ren Cha­rak­ters und der Geschen­ke, die man sich anläss­lich des Fas­ten­bre­chen-Fes­tes macht, äußer­lich einen ähn­li­chen Stel­len­wert hat wie Hei­lig­abend für ande­re. Im Islam zählt es eben­falls zu den wich­tigs­ten Fest­ta­gen.

Gemein­sa­mes Fas­ten­bre­chen

Zum abschlie­ßen­den, letz­ten Fas­ten­bre­chen des Rama­dans blei­ben die Gläu­bi­gen lie­ber unter sich, das Ende des Rama­dans ist beson­ders geprägt von Gebet und inne­rer Ein­kehr. Schon am vor­letz­ten Frei­tag waren daher neben den Gemein­de­mit­glie­dern auch Ver­tre­ter der Stadt, der städ­ti­schen Insti­tu­tio­nen und der Kir­chen zu einem gemein­sa­men Fas­ten­bre­chen ein­ge­la­den. Gebe­tet wird an die­sem Abend auch, aber das Fas­ten­bre­chen als sol­ches nimmt noch grö­ße­ren Raum ein.

Geschlech­ter­tren­nung auch beim Fas­ten­bre­chen: Die Frau­en bege­hen es unter sich im Zelt vor der Moschee | Foto: Mir­ko Baschet­ti

In der Moschee

Als wir eine hal­be Stun­de vor Son­nen­un­ter­gang an der Moschee ein­tref­fen, herrscht schon viel Betrieb. Vor der Moschee ist ein Zelt auf­ge­baut, in dem Frau­en und klei­ne Kin­der auf Bän­ken zu Tisch sit­zen, ein Gedeck mit Essen schon vor sich ste­hend. An einer Tafel an der Sei­te wird aus gro­ßen Töp­fen und Scha­len Essen aus­ge­ge­ben. Wir wun­dern uns zunächst, wes­halb nur Frau­en und Kin­der zu sehen sind – doch die Geschlech­ter­tren­nung gilt in der Gemein­de auch beim Fas­ten­bre­chen.

Noch immer tref­fen wei­te­re Men­schen aus allen Rich­tun­gen ein, Jugend­li­che par­ken ihre Fahr­rä­der und gehen hin­ein in die Moschee. Dort, im Ver­samm­lungs­raum und im Innen­hof, hal­ten sich die Män­ner auf. Auch hier ver­sorgt man sich schon mit Essen und Geträn­ken vom Buf­fet, das im Hof ange­rich­tet ist. Auch hier sind lan­ge Tafeln auf­ge­baut. Die Atmo­sphä­re ist wuse­lig, es wird viel mit­ein­an­der gespro­chen.

War­ten auf den Son­nen­un­ter­gang | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Der Imam der Gemein­de, Zeke­riya Yaşar, sitzt im Raum und spricht Rezi­ta­tio­nen in ein Mikro­fon. Sei­ne Stim­me wird über die Laut­spre­cher­an­la­ge nicht nur ver­stärkt, son­dern mit einem künst­li­chen Hall-Effekt ver­se­hen, sodass es klingt, als stün­de er mit­ten in der Istan­bu­ler Alt­stadt auf einem Mina­rett und wür­de in die Stra­ßen rufen. Sei­ne nun wider­hal­len­de Stim­me wird über die Laut­spre­cher in die Räu­me der Moschee und in den Hof über­tra­gen.

Der Imam spricht ins Mikro­fon | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Ver­tre­ter der Stadt und der Kir­che neh­men auch teil

Der Gemein­de­vor­stand ent­deckt und begrüßt uns. Wir füh­len uns geehrt, als Außen­ste­hen­de am Fas­ten­bre­chen in der Moschee ein­ge­la­den wor­den zu sein, und dür­fen am Tisch des Imams an der Stirn­sei­te des Rau­mes Platz neh­men. Dort sit­zen neben dem Gemein­de­vor­stand in Per­son von Mus­ta­fa Çöl und Orhan Güner noch als wei­te­re Gäs­te Tho­mas Gleitz, Pfar­rer der Stifts­kir­chen­ge­mein­de, und Bir­git Mares, stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­te­rin.

Das Fas­ten­bre­chen­mahl

Man hat uns Gede­cke an unse­re Plät­ze gestellt: Tel­ler gibt es nicht, benutzt wird Ein­weg­ge­schirr. Nur das Ess­be­steck, Mes­ser, Gabel und Löf­fel, sind nicht aus Kunst­stoff. Jeder hat eine Poly­sty­rol-Scha­le vor sich, die in meh­re­re Kam­mern unter­teilt ist. Dar­in befin­det sich eine Dat­tel und ein Stück Bak­la­va – süßes Blät­ter­teig­ge­bäck –, Joghurt­sup­pe mit Kicher­erb­sen, Ein­topf aus Fleisch, Kar­tof­feln und Zuc­chi­ni, sowie Reis und gemisch­ter grü­ner Salat. In die Plas­tik­be­cher wird Mine­ral­was­ser gefüllt.

Das reich­hal­ti­ge Essen wird aus Kunst­stoff­scha­len geges­sen | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Zusätz­lich wird für alle geschnit­te­nes Fla­den­brot, Melo­ne und sehr süßer Grieß­ku­chen her­um­ge­reicht – eben­so wie tür­ki­scher Tee. Auch Kin­der neh­men ent­spre­chend ihrem Alter schon am Fas­ten und Fas­ten­bre­chen teil, sind „wie die Gro­ßen“ am Abend dabei.

Nach dem Gebets­ruf wird geges­sen

Auf die Minu­te genau beginnt der Imam mit der Lob­prei­sung Allahs und einem Gebet: „Alla­hu akbar“ – Gott ist grö­ßer – schallt der Ruf des Imams mehr­mals über die Laut­spre­cher. Es mar­kiert den Beginn des Fas­ten­bre­chens. Die Anwe­sen­den hal­ten dabei die Hän­de vor sich mit den Hand­flä­chen nach oben gewandt – die Ges­te des Gebets. Erst danach wird das auf den Tischen ste­hen­de Essen ange­rührt. Es wird gemein­sam geges­sen, sich unter­hal­ten. Die Tel­ler und Geträn­ke wer­den her­um­ge­reicht. Es ist eine gesel­li­ge Zusam­men­kunft, ein­ge­rahmt von Gebet.

Beim Gebet | Foto: Mir­ko Baschet­ti
Die Män­ner bre­chen das Fas­ten im Ver­samm­lungs­raum der Moschee | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Etwa eine Stun­de spä­ter, als alle ihr Mahl been­det haben, wird abge­räumt. Der Imam ruft erneut zum Gebet – dies­mal zum Beginn des Nacht­ge­bets. Auch die­ser Zeit­punkt, ab dem das Gebet began­gen wer­den kann, ist exakt nach dem Son­nen­stand in Wunstorf bestimmt.

Abschlie­ßen­des gemein­sa­mes Nacht­ge­bet

Das Nacht­ge­bet wird ein Stock­werk höher ver­rich­tet. Der Imam trägt nun kei­ne Stra­ßen­klei­dung mehr wie zum Fas­ten­bre­chen-Mahl, son­dern ein Gewand und Kopf­be­de­ckung in Weiß. Die meis­ten Män­ner und Frau­en neh­men gleich teil oder schlie­ßen sich spä­ter an.

Gemein­sa­mes Nacht­ge­bet nach dem abend­li­chen Fas­ten­bre­chen | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Der Rama­dan endet nun mit dem Zucker­fest, dem gro­ßen Fest des Fas­ten­bre­chens – in die­sem Jahr am 25. Juni. Erst im nächs­ten Jahr, dann ab Mit­te Mai, wird im Islam wie­der ritu­ell gefas­tet wer­den.


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