
Dergleichen gab’s selten: Schonungslos haben die Tiefbauer aus dem Rathaus die Chronik einer Misere aufgearbeitet, die mancher ein Desaster nennt. Sie haben dargelegt, warum der Barnekreisel in 60 Wochen gebaut wurde und nicht in 19 wie geplant. Als wollten sie ihren Aufgaben besonders gerecht werden, sind die Mitarbeiter des Fachbereichs Straßenbau um seinen Leiter Simon Schlüter buchstäblich in die Tiefe gegangen – auch dorthin, wo es wehtut.
Was sie gefunden haben, lässt das Publikum irritiert und verstört zurück. Denn: Geht es um Straßenbau, ist die Stadt nicht Herr im eigenen Haus. Das ist das Fazit der Analyse. Sie weiß nicht, was sie in einer Baugrube oder in einem Graben erwartet. Sie findet fremde Rohre und Leitungen vor, und manchmal muss sie rätseln. Wenn eine Leitung im Weg liegt, muss die Stadt „Bitte, bitte“ machen, um sie zu verlegen und weiterzukommen. Im Rathaus gibt es keine Pläne der Strom-, Wasser-, Gas- und Telekommunikationsanbieter. Nur ein Kataster der eigenen Leitungen. Der Blick in eine Baugrube kann dem in ein Schlangennest gleichen. Die gründliche Dokumentation der Kreisel-Krise belegt das eindrücklich. Unter den eindrucksvollen Illustrationen findet sich ein Foto eines Stromkastens. Das Kabelwirrwarr ist ein gelungenes Sinnbild dessen, was unter unseren Straßen, Wegen und Plätzen zu finden ist. Alles in allem ist das eine erschreckende, unhaltbare Lage.
Was der Fachbereich an Problemen, Verzögerungen, Fehlern und Pannen zusammengestellt hat, verdient zunächst erst einmal großen Respekt. Die Reaktionen der Kommunalpolitiker im Bauausschuss jüngst waren eher verhalten. Ein paar wenige – richtige – Fragen. Aber nach ein paar Minuten war das Thema – überraschend unter „Mitteilungen“ präsentiert – abgehakt. Allein Thomas Silbermann, der Wunstorfer Ortsbürgermeister, hatte ein knappes Lob für die Fleißarbeit übrig.
Über die unterkühlte Reaktion der Ausschussmitglieder kann nur spekuliert werden. Haben ihnen der desolate Zustand der Kanalisation und das Leitungs- und Kompetenzdurcheinander die Sprache verschlagen? Hat sie die widersprüchliche Argumentation der Rathaus-Experten verwirrt? Einerseits spricht die Stadtentwässerungs-Fachfrau in der Video-Kampagne der Stadt von großen Schäden, die schnellstens repariert werden sollten. Andererseits nennen ihre Kollegen aus Bauverwaltung und Straßenbau im Ausschuss einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren für die Reparaturen.
Mit Grönemeyer möchte man fragen: „Was soll das?“
Mit Grönemeyer möchte man fragen: „Was soll das?“ Müssen die gebrochenen und zusammengedrückten Rohre nun schnellstens beseitigt werden, weil die Situation an sechs oder sieben Stellen unter der Fußgängerzone dramatisch ist? Oder kann die Stadt sich noch ein paar Jahre Zeit lassen? Ist Eile geboten oder nicht? Wenn die Schäden so gravierend sind, wie dargestellt: Warum dann warten? Dient die Inspektion der Rohre vielleicht nur als Argument für die Umgestaltung der Fußgängerzone?
Die Analyse des Projekts Barnekreisel ist selbstkritisch, ehrlich und gründlich. Die 130-Folien-Präsentation dazu ist professionell. So könnte die Pannenliste zum Lehrstück werden. Das scheint aber noch nicht zu gelingen. Noch gibt es zu viele Fragen. Noch fehlen Antworten und vor allem ein Konzept. Wie beim Hallenbad hinkt die Stadtverwaltung hinterher, informiert häppchenweise und zu spät.
Die Probleme liegen auf dem Tisch. Doch wo ist der Plan, der sicherstellt, dass sich nicht alles bald wiederholt? Der Barnekreisel war ein großes Vorhaben, das die Stadtverwaltung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gebracht hat. Was jetzt bekannt gegeben worden ist, ähnelt einem Offenbarungseid. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Fußgängerzone unter den aufgedeckten Bedingungen umgestaltet wird. Dort ist die Gemengelage weitaus komplizierter, und Umleitungen sind nicht so einfach zu organisieren. Die Ver- und Entsorgungsleitungen dort sind zum Teil älter als die in der Barne, und welche Störungen auftreten können, zeigt sich seit langem in der Nordstraße nahe der Stadtschule und gerade wieder an der Barnestraße und der Eisenbahnunterführung.
Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Fußgängerzone unter den aufgedeckten Bedingungen umgestaltet wird
Was kommt auf Wunstorf zu? Wird ein Baustellen- oder Krisenmanager eingesetzt? Wenn das Ingenieurbüro nicht gut gearbeitet hat, wie die Verwaltung sagt: Werden Regressansprüche geprüft? Gibt es einen runden Tisch mit allen „Leitungsträgern“, die in der Innenstadt betroffen sind? Wird endlich eine Karte erstellt, die alle Leitungen zeigt? Ist das zu viel verlangt in Zeiten hoch gelobter Digitalisierung? Gibt es einen Zeitplan? Welche Prioritäten setzen die Fachleute im Rathaus? Was raten Experten und Kollegen aus anderen Städten, die gerade in großem Stil Leitungen sanieren? Wie wird der komplizierte Tiefbau mit der Umgestaltung über der Erde in Einklang gebracht? Nicht zuletzt: Was kostet das alles? Und wer bezahlt?
Viele Fragen also. Mit kleinen Videostreifen, einer Kampagne in den sozialen Medien und einem Fakten-Katalog aus dem Roten Lehmhaus der SPD ist es nicht getan. Das Rathaus muss liefern. Vor allem müssen diejenigen besser einbezogen werden, die das Geld der Stadt bewilligen sollen: die Ratsmitglieder. Und die Bürger, vor deren Haustüren eine Mammutbaustelle entstehen soll, haben auch Anspruch darauf, dass ihnen reiner Wein eingeschenkt wird. Und das nicht nur tröpfchenweise.
Bemerkenswert ist eins: Die Fehler-Analyse zum Barnekreisel listet nicht nur externe Probleme auf. Mit der misslungenen Abstimmung innerhalb der Verwaltung und der ebenfalls mangelhaften Kommunikation mit den Bürgern benennt das Dokument zwei der großen Schwachstellen. Die Analyse kommt von Tiefbauern, also aus der Bauverwaltung. Dass Mitarbeiter den Finger in die Wunde legen, die sich um den Straßenbau kümmern sollen, aber nicht um Presse und Öffentlichkeit, muss zu denken geben. Vielleicht waren deshalb viele im Ausschuss, auch der Bürgermeister, nach dem Vortrag zum Kreisel so schweigsam: Im Rathaus, im direkten Umfeld von Carsten Piellusch, hakt und knirscht es. Das hat auch die SPD erkannt: Mit ihren „Sieben Fakten zur Debatte um die Fußgängerzone“ hat sie Ende Oktober die Arbeit der Pressestelle gemacht.
Der Vorhang zu, und alle Fragen offen!
Danke für diesen bereits vermissten Kommentar, Achim Süß!
An die Stadtverwaltung in den papierlosen Büros:
Druckt euch diese Fragen aus und pinnt sie euch an die Wand!
Das Lehrstück, eher einer Posse gleichend, die letztendlich das Spiegelbild eines traurigen Kammerspieles ist, mit immer den gleichen Verantwortlichen, mit immer gleichen „Konstruktionsmachern“, denselben Namen und kein lachendes Publikum, eher einer jetzt jammernden Masse, die beileibe viel früher das Veto hätte einlegen sollen, als noch Zeit dafür war.
Doch nun ist diese Zeit verstrichen, der Applaus war nie da, kritische Bemerkungen wurden unter dem roten Tuch nie gehört, niemand hat offen protestiert, es wurde geschluckt, alle ortsbeirätlich stimmengewaltigen Eingaben der Zustimmung für all den Unsinn fundamentalisiert.
Wer ist der Verlierer im Possenspiel?
Diejenigen, die als Mahner vorangingen, die weiter blickend all das Desaster vorab sahen, aber deren Stimme leider zu lautlos war, zu klein, zu unbedarft und nicht durch Rathauskammern hallend.
Ein Lehrstück? Vielleicht. Aber das daraus zu Lernende scheint diffus abzuprallen an Denen, die den Karren auf die Bühne schoben.
Mit platten Reifen.