Abschie­bung aus dem Klas­sen­zim­mer

Wie geschützt ist der Schutz­raum Schu­le? Wie reagiert das Kol­le­gi­um auf Abschie­be­maß­nah­men in der Schu­le? Wie stellt sich die Abschie­bung eines Schü­lers für eine christ­li­che Schu­le dar? Sind Abschie­bun­gen aus dem Unter­richt her­aus über­haupt nötig? Wir spra­chen mit der Schul­lei­te­rin der Wunstor­fer IGS, Elke Rot­hä­mel, über die Abschie­be­maß­nah­me an ihrer Schu­le.

Altes und neu­es Gebäu­de der IGS Wunstorf

In Zei­ten mas­sen­haf­ter Ein­wan­de­rung wer­den die Rufe lau­ter nach schnel­le­ren Abschie­bun­gen von abge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern. Durch den Anstieg der Zah­len von Kriegs­flücht­lin­gen ist zugleich der Druck auf die Behör­den gestie­gen, bis­lang gedul­de­te Aus­län­der ohne Blei­be­per­spek­ti­ve rascher abzu­schie­ben, um Kapa­zi­tä­ten für neu­an­kom­men­de Flücht­lin­ge zu schaf­fen. Das scheint eine ein­fa­che Rech­nung: Wo Asyl­be­wer­ber aus Syri­en oder ande­ren afri­ka­ni­schen Staa­ten in die Unter­künf­te drän­gen, wird der Platz enger für Immi­gran­ten, in deren Län­dern kein Krieg mehr herrscht – oder die bereits in ande­ren EU-Mit­glieds­län­dern oder siche­ren Dritt­staa­ten Asyl erhal­ten haben.

Doch so ein­fach ist die Sache nicht: Die Bun­des­län­der ver­hal­ten sich sehr unter­schied­lich in ihrer Abschie­be­pra­xis. Und auch die deut­sche Jus­tiz beur­teilt teil­wei­se sehr unein­heit­lich, wer blei­ben darf und wer nicht. So sind Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan, wo wei­te Tei­le des Lan­des inzwi­schen wie­der von den Tali­ban kon­trol­liert wer­den, durch­aus mög­lich, wäh­rend das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver eine Abschie­bung sogar in den EU-Staat Bul­ga­ri­en gera­de erst ver­bot. Das rührt daher, dass jeder Fall ein Ein­zel­fall ist. Pau­scha­le Ent­schei­dun­gen gibt es nicht – und wenn, dann zuguns­ten von Flücht­lin­gen, wenn aus huma­ni­tä­ren Grün­den z. B. nicht nach Grie­chen­land abge­scho­ben wird.

Abschie­bung vor der eige­nen Haus­tür

Was eine Abschie­bung jedoch tat­säch­lich bedeu­tet, das muss­ten Ende März die Schü­ler einer 8. Klas­se der Wunstor­fer evan­ge­li­schen Gesamt­schu­le IGS erfah­ren. Behör­den­mit­ar­bei­ter und bewaff­ne­te Lan­des­po­li­zis­ten betra­ten die Schu­le, um einen abzu­schie­ben­den Schü­ler mit­zu­neh­men.

Auf der Stra­ße hör­te man dazu im Nach­hin­ein das gesam­te Spek­trum der Mei­nun­gen: So etwas wäre doch kein Pro­blem und eben not­wen­dig, außer­dem Recht und Gesetz, über Mit­leid, dass es „immer die Fal­schen trä­fe“, bis hin zu Fas­sungs­lo­sig­keit und Ver­ur­tei­lung des Han­delns der Staats­macht.

Geschütz­ter Raum Schu­le

Dabei stell­te sich nicht nur dem über­rum­pel­ten Kol­le­gi­um und den Schü­lern die Fra­ge: Muss so etwas sein? Und wenn ja, muss es auf die­se Wei­se sein? Der Schü­ler war in Wunstorf gut inte­griert, akzep­tiert – und hat­te nicht nur in sei­ner Klas­se vie­le Freun­de. Er ging bereits ein Jahr auf die IGS, nach­dem er zuvor die Otto-Hahn-Schu­le besucht hat­te, auf die sein Bru­der wei­ter­hin geht.

Der plötz­lich erzwun­ge­ne Abschied nahm daher nicht nur stark emo­tio­na­le, son­dern auch trau­ma­ti­sche Züge an. Einen Klas­sen­ka­me­ra­den, der tag­täg­lich dazu­ge­hört, auf ein­mal von der Poli­zei abge­holt zu sehen, das lässt Jugend­li­che im Alter um die 14 Jah­re zu Recht nicht unbe­rührt. Vom einen auf den ande­ren Moment ist ein Klas­sen­ka­me­rad, ein Freund, ver­schwun­den – und die Trag­wei­te des Gesche­hens, dass man ihn zum letz­ten Mal gese­hen hat, er nicht wie­der zurück­keh­ren wird, nicht wie­der zurück­keh­ren kann, bricht sich Bahn.

Ich wünsch­te, ich könn­te die Zeit zurück­dre­hen, um sie noch ein­mal mit dir zu erle­ben!“Ein Schü­ler zum abzu­schie­ben­den Mit­schü­ler

Beson­ders emo­tio­nal war daher die Ver­ab­schie­dung des geor­gi­schen Klas­sen­ka­me­ra­den, die auf die Schnel­le erfol­gen muss­te, nach­dem die Rek­to­rin Elke Rot­hä­mel sich dafür ein­ge­setzt hat­te, dass sie über­haupt statt­fin­den konn­te. Die Beam­ten hät­ten den Schü­ler am liebs­ten sang- und klang­los mit­ge­nom­men.

Recht und Wirk­lich­keit

Der­zeit steht die Schu­le recht­lich hin­ten­an. Der Abschie­be­er­lass des Lan­des Nie­der­sach­sen nimmt kei­ne Rück­sicht auf die Belan­ge des Schul­be­trie­bes. Ist eine Abschie­bung ange­setzt, dann wer­den die Abzu­schie­ben­den dort abge­holt, wo sie sich gera­de befin­den. Das kann dann eben auch die Schu­le sein.

Das jedoch ist aus zwei Grün­den pro­ble­ma­tisch. Einer­seits zieht es in hohem Maße Unbe­tei­lig­te – in die­sem Fall Schü­ler und Leh­rer – in die Aus­nah­me­si­tua­ti­on mit hin­ein, der Unter­richt und regu­lä­re Schul­be­trieb wird nach­hal­tig gestört. Es muss sogar die Fra­ge gestat­tet sein, ob der Schul­frie­den dadurch nicht gestört wird. Auf der ande­ren Sei­te ist es ein frag­wür­di­ger Umgang mit jun­gen Men­schen, die sich unse­rer Gesell­schaft, unse­rem Staat anver­traut haben.

Ihr seid alle mei­ne Schwes­tern und Brü­der.“Der Schü­ler, der abge­scho­ben wer­den soll­te, zu sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den

Schu­le gilt im Ide­al als beson­de­rer Schutz­raum, als ein Ort, an dem Kin­der und Jugend­li­che unbe­schwert leben und ler­nen kön­nen sol­len, unbe­ein­flusst von äuße­ren Wid­rig­kei­ten und gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men. Die­ser Zustand kann durch eine Abschie­bung, die in der Schu­le voll­streckt wird, der­zeit mas­siv durch­bro­chen wer­den.

Müs­sen Kin­der wie Ver­bre­cher behan­delt wer­den?

Es ist nach­voll­zieh­bar, dass die mit der Abschie­bung befass­ten Behör­den ein Inter­es­se dar­an haben, dass die Betrof­fe­nen vor­her nicht über den Ter­min ihrer erzwun­ge­nen Rück­rei­se infor­miert wer­den. Dass sich Abzu­schie­ben­de abset­zen, das kam und kommt immer wie­der vor. Doch aus­ge­hend von die­sen Erfah­rungs­wer­ten gleich einen Gene­ral­ver­dacht zu kon­stru­ie­ren, die Betrof­fe­nen von vorn­her­ein als unko­ope­ra­tiv ein­zu­stu­fen, selbst dann, wenn sie ihrer Aus­rei­se­pflicht bis­her frei­wil­lig nicht nach­ge­kom­men sind – wofür es die unter­schied­lichs­ten Grün­de geben kann – das ist gera­de denen gegen­über unfair, die am wenigs­ten für die Situa­ti­on kön­nen: die Kin­der der Aus­rei­se­pflich­ti­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall schei­nen die Eltern, die schlecht Deutsch spre­chen, einen Feh­ler gemacht zu haben, indem sie die dro­hen­de Aus­rei­se­auf­for­de­rung nicht ver­stan­den bzw. die­ser nicht recht­zei­tig ent­ge­gen­wirk­ten. Kin­der sind dann mit­ge­han­gen, mit­ge­fan­gen – ohne dass sie sich etwas zu Schul­den kom­men las­sen hät­ten.

Muss sich die Staats­ge­walt daher hier ver­hal­ten, als wür­de der Abzu­schie­ben­de in jedem Moment aus dem Fens­ter sprin­gen und davon­lau­fen? Müs­sen Poli­zei­be­am­te voll bewaff­net in der Schu­le erschei­nen, um einen 14-Jäh­ri­gen zum Flug­ha­fen zu brin­gen? Müs­sen Abzu­schie­ben­der, Mit­schü­ler und Leh­rer wie aus dem Nichts vor voll­ende­te Tat­sa­chen gestellt wer­den? Oder lie­ße sich das nicht auch anders orga­ni­sie­ren?

Das wer­den Sie in Zukunft öfter erle­ben“Ein bei der Maß­nah­me anwe­sen­der Beam­ter zur Rek­to­rin

Beam­te, die immer wie­der mit Abschie­bun­gen befasst sind, müs­sen eine pro­fes­sio­nel­le Distanz ent­wi­ckeln. Das wirkt auf Drit­te dann schnell wie eine gewis­se Abge­klärt­heit oder gar Gefühls­käl­te. Doch zynisch wir­ken­de Kom­men­ta­re und ein unsen­si­bler Umgang auch mit mit­tel­bar Betrof­fe­nen recht­fer­tigt das kaum. Es ist viel­mehr geeig­net, Beob­ach­tern ein Men­schen­bild zu ver­mit­teln, das kein posi­ti­ves ist.

Wel­ches Signal sen­det es an die Schü­ler?

In der IGS-Außenstelle am Luther Weg wurde der Schüler abgeholt
In der IGS-Außen­stel­le am Luther Weg wur­de der Schü­ler abge­holt | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Gera­de für eine kon­fes­sio­nel­le Schu­le, deren Wer­te auch dar­in bestehen, Schutz­su­chen­den Obdach zu gewäh­ren, ist es fatal, sol­che Vor­gän­ge dul­den zu müs­sen. Es durch­bricht zumin­dest für einen Moment den Schul­frie­den, mit Fol­gen, die lang­fris­tig nicht abseh­bar sind. Wäh­rend das Kir­chen­asyl, obwohl kein tat­säch­li­ches Recht, von Voll­zugs­be­hör­den meist beach­tet wird, wird im Fal­le von christ­li­chen Schu­len offen­bar wenig Rück­sicht auf Befind­lich­kei­ten genom­men.

Es war das ers­te Mal, dass die IGS eine ver­such­te Abschie­bung erleb­te. Das hat­te es so bis dahin noch nicht gege­ben. Dabei ver­fügt die IGS über eine Sprach­lern­klas­se, so dass eini­ge der in Wunstorf leben­den min­der­jäh­ri­gen Aus­län­der die Schu­le besu­chen. Auch die soge­nann­ten unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­ge, die ohne Eltern nach Deutsch­land geflüch­te­ten Jugend­li­chen, für die es in Wunstorf ein extra Wohn­heim gibt, besu­chen mehr­heit­lich die IGS.

Das sagt die Schul­lei­te­rin

Schul­lei­te­rin Rot­hä­mel ist sich sicher, dass das an den Tag geleg­te Vor­ge­hen der Behör­den das fal­sche ist. Nicht nur das, die Rek­to­rin der IGS war gera­de­zu scho­ckiert von den Gescheh­nis­sen, eben­so wie vie­le der Mit­schü­ler und Eltern der Kin­der aus der Klas­sen­ge­mein­schaft.

Ich glau­be, dass es mensch­lich zuge­hen muss“Elke Rot­hä­mel, Rek­to­rin der IGS

Ver­mei­den las­sen sich der­ar­ti­ge Vor­fäl­le nicht, das ist natür­lich auch Rot­hä­mel bewusst. Dass es dabei in Zukunft jedoch mensch­li­cher zugeht, das ist ihr ein per­sön­li­ches Anlie­gen. Ihre Auf­ga­be sei es auch, zu ver­hin­dern, dass so etwas in die­ser Wei­se noch ein­mal geschä­he.

Das Tra­gi­sche wäre dabei vor allem der blei­ben­de Ein­druck, den ein Schü­ler auf die­se Wei­se mit in sei­ne Hei­mat näh­me, sag­te Rot­hä­mel im Inter­view mit der Wunstor­fer Aue­post. Das Letz­te, was er aus Deutsch­land mit­näh­me, wäre die Erin­ne­rung an ein rup­pi­ges, gro­bes Her­aus­ge­ris­sen­wer­den aus sei­nem Freun­des­kreis.

Ener­gi­scher Wider­stand

Die Schul­lei­te­rin der IGS sprach dabei auch in Anleh­nung an ein berühm­tes Zitat der Bun­des­kanz­le­rin, dass ein Land, in dem so gegen min­der­jäh­ri­ge abge­lehn­te Asyl­be­wer­ber vor­ge­gan­gen wür­de, nicht ihr Land sei.

… dann ist das nicht mehr mein Land.“Elke Rot­hä­mel, Rek­to­rin der IGS

Es lie­fe etwas falsch, wenn die Schü­ler mit vol­lem Ein­satz in die Gesell­schaft inte­griert wür­den, um dann am Ende unter der­ar­ti­gen Umstän­den abge­scho­ben zu wer­den. Unab­hän­gig davon emp­fand es die Rek­to­rin als unan­ge­bracht, dass uni­for­mier­te und voll aus­ge­rüs­te­te Poli­zei­be­am­te unan­ge­kün­digt die Schu­le betra­ten.

Auf die Fra­ge, wie sie sich den Ablauf gewünscht hät­te, wenn eine Abschie­bung aus der Schu­le her­aus nicht zu ver­mei­den ist, ant­wor­tet Rot­hä­mel ein­deu­tig: Es soll­te eine Chan­ce für einen geord­ne­ten Abschied geben, kein über­fall­ar­ti­ges Her­aus­rei­ßen eines Schü­lers aus der Klas­sen­ge­mein­schaft. Das Wich­tigs­te sei dabei immer, dass es mensch­lich zugin­ge.

Für die Zukunft

Wenn das Erleb­te bereits die Erwach­se­nen stark mit­nimmt, dann muss man sich nicht aus­ma­len, wie es den Mit­schü­lern und dem Schü­ler selbst ergan­gen sein muss. Recht bleibt Recht, aber die Fra­ge ist, wie die Anwen­dung der Geset­ze zu gesche­hen hat. Dies liegt in der Ver­ant­wor­tung der Lan­des­re­gie­rung. Solan­ge es von dort kei­ne genaue­ren Richt­li­ni­en oder eine geän­der­te Abschie­be­auf­fas­sung gibt, ist es an den aus­füh­ren­den Beam­ten, wie sie ihr Ermes­sen aus­üben, um der­ar­ti­ge Not­wen­dig­kei­ten für alle mensch­lich zu gestal­ten. Das Wie haben die Behör­den in der Hand – und alle ande­ren, die sich für Ver­än­de­run­gen stark­ma­chen. Dass so etwas in die­ser Form nicht mehr pas­siert, dafür wird auch die Schul­lei­te­rin der IGS wei­ter kämp­fen.

Ich muss dafür sor­gen, dass es nicht wie­der pas­siert.“Elke Rot­hä­mel, Schul­lei­tern

Unfass­bar erscheint das alles gera­de­zu dann, wenn sich her­aus­stellt, dass die Abschie­bung letzt­end­lich gar nicht statt­fand. Das Kol­le­gi­um und die Klas­sen­stu­fe wur­den in den Aus­nah­me­zu­stand ver­setzt – am Ende für nichts. Die Abschie­bung wur­de gestoppt, die Fami­lie kann vor­erst wei­ter in Wunstorf blei­ben. Der geor­gi­sche Schü­ler besuch­te nach einem Tag Pau­se wie­der ganz nor­mal den Unter­richt. Nun jedoch schwingt auch noch die Angst mit, dass es jeder­zeit wie­der gesche­hen könn­te – wie auch an jeder ande­ren Schu­le in Wunstorf.

- Anzeige -

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.