(Fast) alles unter Kon­trol­le auf der Asbest­hal­de

Seit acht Mona­ten läuft nun schon die Absi­che­rung der Asbest-Hal­de auf dem Gelän­de der ehe­ma­li­gen Ful­gu­rit-Wer­ke in Wunstorf-Luthe. Inzwi­schen sind die Arbei­ten erkenn­bar fort­ge­schrit­ten, die Hal­de nimmt all­mäh­lich ihre end­gül­ti­gen For­men an. Doch nicht alles lief bis­lang rei­bungs­los.

Warnschilder auf dem Gelände | Foto: Daniel Schneider
Warn­schil­der auf dem Gelän­de | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf (ds). Anfang des Jah­res wur­de mit den Abholz­ar­bei­ten begon­nen, um die Asbest­hal­de dau­er­haft an Ort und Stel­le für die Zukunft zu sichern. Die pro­vi­so­ri­sche Lager­stät­te wird damit fak­tisch zu einer Art geschlos­se­nen Depo­nie – Luthe behält sei­ne höchs­te Erhe­bung, nach­dem ein geplan­ter Abtrans­port auf Gift­müll­de­po­ni­en geschei­tert war.

Dreh- und Angel­punkt ist das Regen- und Grund­was­ser. Ers­te­res soll nicht in Letz­te­res gelan­gen – jeden­falls nicht durch die Hal­de hin­durch. Dazu müs­sen Pla­nen fest ver­legt wer­den, zuvor jedoch das Gelän­de sta­bi­li­siert, da die Böschun­gen bis­lang zu steil waren für eine ent­spre­chen­de dau­er­haf­te Absi­che­rung. Dies wird mit einer Umschich­tung („Pro­fi­lie­rung“) von Tei­len des Hal­den­ma­te­ri­als erreicht.

Wie es momen­tan auf der Bau­stel­le aus­sieht

Die Bau­stel­le sieht von der Stra­ßen­sei­te aus wie ein rie­si­ger, gro­ßer Sand­hau­fen. Die Spu­ren und Fahr­we­ge der Bag­ger auf der Hal­de sind deut­lich zu sehen. Die Hal­de ist mit nor­ma­len Bau­zäu­nen aus Metall gesi­chert. Auf der Nord­sei­te, am Bahn­damm, sieht man, wie die Metall­git­ter­kä­fi­ge instal­liert sind, die schon teil­wei­se mit Stei­nen gefüllt sind und der Hal­de auf Dau­er Sta­bi­li­tät an ihrem steils­ten Hang ver­lei­hen sol­len. Der Bereich über die­sen Gabio­nen ist der­zeit pro­vi­so­risch mit Pla­nen bedeckt.

Asbesthalde Luthe während der Umschichtungsarbeiten | Foto: Daniel Schneider
Asbest­hal­de Luthe wäh­rend der Umschich­tungs­ar­bei­ten | Foto: Dani­el Schnei­der
Provisorisch abgedeckte Halde | Foto: Daniel Schneider
Pro­vi­so­risch abge­deck­te Hal­de | Foto: Dani­el Schnei­der

An der Süd­sei­te fällt die Hal­de fla­cher ab. Auf der West­sei­te des Gelän­des sind kon­ta­mi­nier­te Mate­ria­li­en gela­gert und vor­über­ge­hend abge­deckt. Mit den alten Brü­cken­ge­län­dern und Strom­mas­ten im Vor­der­grund und dem im Hin­ter­grund ste­hen­den Schorn­stein sieht das Gelän­de von der Stra­ße aus betrach­tet fast male­risch aus – wie eine erhal­tens­wer­te Indus­trie­rui­ne, was es letzt­lich ja auch ist.

Asbesthalde Luthe neben den Bahngleisen und Straße | Foto: Daniel Schneider
Asbest­hal­de Luthe neben den Bahn­glei­sen und Stra­ße | Foto: Dani­el Schnei­der
Arbeiten an der Fulgurit-Halde Luthe am 8. August | Foto: Mirko Bartels
Arbei­ten an der Ful­gu­rit-Hal­de Luthe am 8. August | Foto: Mir­ko Bar­tels

Das alles ist immer noch ein Zwi­schen­stand. Zwar sind schon teil­wei­se die was­ser­dich­ten Pla­nen ver­legt und wie­der zuge­schüt­tet, die Sta­bi­li­sie­rungs­ar­bei­ten lau­fen par­al­lel jedoch noch wei­ter. Die Umris­se der Hal­de wer­den noch akku­ra­ter wer­den – und der Sand unter einer Bepflan­zung ver­schwin­den. Ein klei­ner Strei­fen wur­de test­wei­se bereits begrünt, so dass man erah­nen kann, wie die Hal­de spä­ter ein­mal aus­se­hen wird. Der­zeit wirkt es jedoch noch so aus, als ob der kleins­te Wind­stoß Men­gen an Mate­ri­al in der Umge­bung ver­tei­len könn­te – denn die Hal­de wird nicht kon­ti­nu­ier­lich befeuch­tet bzw. ist nicht kom­plett abge­deckt.

Das ist nach Anga­ben der Regi­on Han­no­ver auch nicht erfor­der­lich, denn die sicht­ba­re Erd- und Sand­schicht soll­te kein Asbest ent­hal­ten. Es han­de­le sich vor allem um von außer­halb ange­lie­fer­ten Boden und Sand-Kies-Gemisch. Erst wenn in die Tie­fe gegra­ben wird, kön­ne Asbest an die Ober­flä­che gelan­gen – und bei die­sen Arbei­ten wer­de punk­tu­ell ent­spre­chend befeuch­tet. Die Bau­fahr­zeu­ge sind mit ent­spre­chen­den Vor­rich­tun­gen ver­se­hen, so dass die Boden­feuch­tig­keit auf einem Niveau gehal­ten wird, dass Faser­flug nicht vor­kom­men soll­te.

Asbest­fa­sern wur­den frei­ge­setzt

Das zusätz­li­che Asbest­fa­sern frei­wer­den, war trotz Ein­hal­tung aller Vor­sichts­maß­nah­men zu erwar­ten, in Anbe­tracht des­sen, dass die Arbei­ten unter frei­em Him­mel statt­fin­den und der Mas­se an Mate­ri­al, das auf der Hal­de bewegt wird. Genau dies scheint bei den lau­fen­den Arbei­ten an ver­schie­de­nen Tagen in den letz­ten Wochen gesche­hen zu sein. Die Kon­troll­mes­sun­gen, die zur Sicher­heit unmit­tel­bar an der Hal­de und in einem wei­te­ren Umkreis in bewohn­tem Gebiet durch­ge­führt wer­den, schei­nen das zu bestä­ti­gen.

Info: Gefähr­li­che Asbest­fa­sern
infoU. a. wegen sei­ner aus­ge­zeich­ne­ten Hit­ze­be­stän­dig­keit wur­de Asbest im letz­ten Jahr­hun­dert als Bestand­teil in vie­len Bau­ma­te­ria­li­en ver­wen­det. Obwohl die Gefähr­lich­keit des Stof­fes schon lan­ge bekannt ist (von Erkran­kun­gen wuss­te man schon um 1900, als krebs­er­re­gend gilt Asbest seit 1970), wur­de Asbest in Deutsch­land erst 1993 kom­plett ver­bo­ten, in der EU ist Ver­wen­dung und Her­stel­lung seit 2005 nicht mehr erlaubt. Die beson­de­re Gefähr­lich­keit ent­steht durch kleins­te Fasern, die sich auch aus ver­ar­bei­te­tem Asbest lösen und als Staub in die Luft gelan­gen. Wenn die­se Fasern eine bestimm­te Form und Grö­ße haben, set­zen sie sich in der Lun­ge fest und lösen schwe­re Lun­gen­er­kran­kun­gen und Tumo­re aus.

Am 7. 7. wur­den an einer Kon­troll­stel­le 15,5 Fasern fest­ge­stellt, am 13. 7. 27,5. Am 4. 8. wur­den 10 Fasern gezählt. Die gute Nach­richt dabei: an fast allen ande­ren Tagen kam es zu kei­nen wei­te­ren Auf­fäl­lig­kei­ten. Es wur­de stets nur maxi­mal die Faser­an­zahl ermit­telt, die sowie­so durch die Luft schwirrt, sozu­sa­gen die „natür­li­che“ Asbest­fa­ser­be­las­tung, die jedoch men­schen­ge­macht ist. Sie ent­steht vor allem durch die Frei­set­zung aus den noch vor­han­de­nen asbest­hal­ti­gen Bau­stof­fen in der Umwelt. Und es han­del­te sich um Mess­punk­te auf dem Hal­den­ge­län­de – bei den Kon­troll­mes­sun­gen in bewohn­tem Gebiet in grö­ße­rem Umkreis der Hal­de erga­ben sich kei­ne erhöh­ten Wer­te. Die Mes­sun­gen lie­gen meist im unte­ren Bereich der zu erwar­ten­den Kon­zen­tra­ti­on oder sogar dar­un­ter.

Die „nor­ma­le“ Belas­tung mit Asbest­fa­sern in der Umge­bungs­luft liegt im Schnitt etwa zwi­schen 50 und 150 Fasern pro Kubik­me­ter Luft. In Bal­lungs­ge­bie­ten ist die Belas­tung dabei etwas höher als auf dem frei­en Lan­de. War­um mes­sen die Mess-Sta­tio­nen dann nicht stan­dard­mä­ßig zwi­schen 50 und 150 Fasern? Und wie­so sind 15 oder 27 Fasern dann ein Pro­blem? Weil die Mess­punk­te nur einen Aus­schnitt wie­der­ge­ben und nicht tat­säch­lich einen kom­plet­ten Kubik­me­ter Luft unter­su­chen. Daher muss hoch­ge­rech­net wer­den.

Wie die Fasern gemes­sen wer­den

Bei den Mes­sun­gen wer­den Tei­le der Luft auf Fasern hin gefil­tert und die gewon­ne­nen Pro­ben anschlie­ßend mit einem Ras­ter­elek­tro­nen­mi­kro­skop unter­sucht. Daher wer­den i. d. R. weni­ger Fasern fest­ge­stellt, als tat­säch­lich in der Luft vor­han­den sind. Um die Ver­gleichs­grö­ße Fasern pro Kubik­me­ter Luft zu erhal­ten, wird die fest­ge­stell­te Faser­an­zahl hoch­ge­re­chet. Daher kön­nen die tat­säch­li­chen Wer­te schwan­ken.

Nach der Hoch­rech­nung ergibt sich das fol­gen­de Bild: Dem­nach kam es in den ver­gan­ge­nen Wochen ver­ein­zelt zu erhöh­ten Asbest­fa­ser-Kon­zen­tra­tio­nen in der Luft an den Mess­sta­tio­nen unmit­tel­bar an der Hal­de. Vier Mess­punk­te sind plan­mä­ßig rund um die Hal­de auf dem Bau­ge­län­de instal­liert – zwei von ihnen zeig­ten an bestimm­ten Tagen das Auf­tau­chen höhe­rer Asbest­fa­ser-Kon­zen­tra­tio­nen an.

Juli: Weg wur­de an 2 Tagen gesperrt

Am 7. und 13. Juli wur­den an der Kon­troll­mess­stel­le H2, die in der nord­öst­li­chen Ecke der Hal­de instal­liert ist, erhöh­te Wer­te gemes­sen. Am 7. 7. wur­den dort 15,5 Fasern gezählt, was einer Belas­tung von 499 Fasern/m³ Luft ent­spricht. Am 13. 7. bei 27,5 Fasern waren es 873 Fasern/m³ Luft. In bei­den Fäl­len wur­de dar­auf­hin als Sofort­maß­nah­me der Weg neben den Eisen­bahn­schie­nen, der direkt nörd­lich an der Hal­de vor­bei­führt und der an der Mess­stel­le H2 liegt, gesperrt.

Gemessene Asbestbelastung im Juli 2016 auf der Fulgurit-Halde, Messpunkt H2
Gemes­se­ne Asbest­be­las­tung im Juli 2016 auf der Ful­gu­rit-Hal­de, Mess­punkt H2

(Der unte­re bläu­li­che Bereich der Gra­phik ent­spricht den „Nor­mal­wer­ten“, die obe­re 1000er-Kan­te bil­det den kri­ti­schen Asbest­be­las­tungs­grenz­wert für Innen­räu­me. Nur die erhöh­ten Wer­te sind als blaue Spit­zen dar­ge­stellt.)

Am 13. 7. war der Tag, an dem Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen wur­den, die Stein­kör­be ent­lang des Weges an den Bahn­schie­nen ein­zu­bau­en, die die Hal­de künf­tig gegen Abrut­schen sichern wer­den. Bei die­sen Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten muss asbest­hal­ti­ges Mate­ri­al frei­ge­legt wor­den sein. Mit 873 Fasern pro Kubik­me­ter Luft kam man dabei nahe an den „Alarm-Wert“ her­an, der die maxi­ma­le Belas­tungs­gren­ze für Innen­räu­me mar­kiert, oder über­schritt ihn mög­li­cher­wei­se sogar. 1270 Fasern wäre der theo­re­ti­sche rech­ne­ri­sche Höchst­be­las­tungs­wert gewe­sen.

August: Erneu­ter Aus­tritt von Asbest­fa­sern

Am 4. August wur­de an der Mes­stel­le H4, die am Fuße der Hal­de mit­ten auf dem Hal­den­ge­län­de, abseits von Stra­ßen und Wegen liegt, wie­der­um ein erhöh­ter Wert gemes­sen. Es waren 10 Fasern, die einer ange­nom­me­nen Belas­tung von 325 Fasern/m³ ent­spre­chen.

Gemessene Asbestbelastung im August 2016 auf der Fulgurit-Halde, Messpunkt H4
Gemes­se­ne Asbest­be­las­tung im August 2016 auf der Ful­gu­rit-Hal­de, Mess­punkt H4

Dies ent­spricht etwa dem dop­pel­ten Wert der übli­cher­wei­se vor­han­de­nen Belas­tung. Hier­bei wur­den kei­ne beson­de­ren Gegen­maß­nah­men ergrif­fen.

Außer­dem wude am 19. April an der­sel­ben Mess­stel­le ein Wert von 322 Fasern/m³ Luft ermit­telt, der sich jedoch aller Wahr­schein­lich­keit nach nicht durch den Auf­bruch der Hal­de, son­dern durch Ver­we­hun­gen von umlie­gen­den Flä­chen ergab.

Uner­war­te­te Gefahr

Eine ganz ande­re Gefahr ergab sich unter­des­sen Anfang Mai: Infol­ge von Ramm­ar­bei­ten sack­te die benach­bar­te Böschung mit der dar­auf befind­li­chen Stra­ße ab. Der Bereich zwi­schen Asphalt­de­cke und Rand­stein riss auf und bil­de­te eine Lücke – die Stra­ße muss­te vor­über­ge­hend kom­plett gesperrt wer­den. Kurz dar­auf wur­de sie wie­der frei­ge­ge­ben, aller­dings nur halb­sei­tig. Seit­dem sind an die­ser Stel­le Bau­stel­len­am­peln in Betrieb.

Halbseitig gesperrte Straße neben der Asbesthalde | Foto: Daniel Schneider
Halb­sei­tig gesperr­te Stra­ße neben der Asbest­hal­de | Foto: Dani­el Schnei­der
Abgesenkte Straße neben der Asbesthalde | Foto: Daniel Schneider
Abge­senk­te Stra­ße neben der Asbest­hal­de | Foto: Dani­el Schnei­der
Abgerutschte Straßenböschung neben der Asbesthalde | Foto: Daniel Schneider
Abge­rutsch­te Stra­ßen­bö­schung neben der Asbest­hal­de | Foto: Dani­el Schnei­der

Mit einer Besei­ti­gung der Stra­ßen­schä­den ist wohl frü­hes­tens im kom­men­den Jahr zu rech­nen, wenn die pri­mä­ren Bau­ar­bei­ten an der Asbest­hal­de abge­schlos­sen sind.

Klingt schlim­mer, als es ist

Noch bis Ende 2016 wird auf der Hal­de wei­ter gebag­gert und gewer­kelt – im Moment sieht es so aus, als ob der Zeit­plan ein­ge­hal­ten wer­den wird. Die Arbei­ten unter frei­em Him­mel sind dabei ein kal­ku­lier­tes Risi­ko sowie eine Kos­ten-Nut­zen-Abwä­gung. Denn in der Theo­rie könn­te man eine Hal­den­sa­nie­rung auch abge­kap­selt vor­neh­men, um eine Kon­ta­mi­nie­rung der Umge­bung sicher aus­zu­schlie­ßen. Doch das wäre mehr als nur einer Kos­ten­ex­plo­si­on gleich­ge­kom­men. Man hät­te dazu die kom­plet­te Hal­de über­da­chen und mit ent­spre­chen­der Infra­struk­tur aus­stat­ten müs­sen. Die zu erwar­ten­de gerin­ge Men­ge an frei­wer­den­den Fasern wür­de einen sol­chen Auf­wand nicht recht­fer­ti­gen. Der bis­he­ri­ge Ver­lauf der Arbei­ten scheint die­se Annah­me zu bestä­ti­gen. Bei den Arbei­ten wur­den bis­lang nur ver­ein­zelt höhe­re Asbest­fa­ser­kon­zen­tra­tio­nen in der Luft gemes­sen, wobei die Grenz­wer­te, die sogar nur für Innen­räu­me gel­ten, nicht erreicht wur­den.

Pas­san­ten und Anwoh­ner kön­nen daher beru­higt sein, von den Arbei­ten an der Asbest­hal­de gehen kei­ne signi­fi­kant höhe­ren Gefah­ren aus. Doch als Spa­zier­gän­ger soll­te man den unmit­tel­ba­ren Bereich an der Hal­de wäh­rend lau­fen­der Arbei­ten trotz­dem mei­den, um sein Lun­gen­krebs­ri­si­ko nicht unnö­tig zu erhö­hen. In unmit­tel­ba­rer Nähe der Hal­de kann es wäh­rend der Bau­ar­bei­ten durch­aus zu erhöh­ten Asbest­fa­ser­kon­zen­tra­tio­nen in der Atem­luft kom­men.

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