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Neue Mitte: Investor legt Konzept für Vion-Fläche zu den Akten

27.01.2023 • Achim Süß • Aufrufe: 3100

Klare Abstriche bei der Ursprungsidee: Das geplante Stadtquartier „Neue Mitte“ zwischen Luther Weg und Bahnstrecke kann nicht wie gedacht errichtet werden. Das Flüchtlingswohnheim bleibt, und im Untergrund ist plötzlich eine versteckte Halle aufgetaucht.

27.01.2023
Achim Süß
Aufrufe: 3100
Die alten Industrieschornsteine markieren das Areal weithin | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (as). Der siegreiche Entwurf für das neue Wohngebiet Neue Mitte hat so gut wie keine Chance mehr, umgesetzt zu werden. Das ergeben die Recherchen der Auepost. Der aktuelle Eigentümer des früheren Vion-Geländes am Luther Weg plant von Grund auf neu und bezieht nun wesentliche Teile der bestehenden Gebäude mit ein. Das gilt endgültig nicht für das ehemalige Verwaltungsgebäude. Dort will die Stadt bis auf Weiteres Flüchtlinge unterbringen. Kein Thema mehr für die Planer ist der geplante 16-Meter-Lärmschutzwall.

Schon im April 2022 hatte Björn Hiss Veränderungen in der ambitionierten Planung angekündigt, die von der Stadt gewünscht wird. Hiss ist Chef der eigens für das Wunstorfer Vorhaben gegründeten Firma Neue Mitte Wunstorf (NMW) mit Sitz in Düsseldorf. NMW hat das Gelände von der Progressu-Unternehmensgruppe gekauft, die auf die Verwertung von Einrichtungen aus der Lebensmittelproduktion spezialisiert ist und die Industriebrache von Vion übernommen hatte. Branchenkenner berichten von einem Kaufpreis von etwa vier Millionen Euro. NMW ist seit Jahresende als Eigentümer eingetragen.

Anspruch und Wirklichkeit

Die Stadt hat sehr konkrete Vorstellungen, wie das sechs Hektar große Gelände genutzt werden soll. Schon der Name „Neue Mitte“ zeigt Ziel und Anspruch. Ein aufwändiger Ideenwettbewerb sah 2017 das Leipziger Büro Octagon Architekturkollektiv als Sieger. Dessen Entwurf ist von einem Lärmschutzwall im südlichen Teil gekennzeichnet, der die Wohnhäuser gegen Bahn- und Straßenlärm abschirmen soll.

Ursprünglicher Entwurf für das Viongelände | Bild: Stadt Wunstorf/Octagon Architekturkollektiv mit Station C23, Leipzig

So groß und einheitlich das Lob für den Siegerentwurf aus dem Wettbewerb anfangs und in den ersten Jahren danach war: Ernüchterung hat sich eingestellt. Spätestens seit NMW mit Hiss als verantwortlichem Manager Eigentümer des Grundstücks ist, wächst im Rathaus die Erkenntnis, dass Abstriche vom Octagon-Plan nötig sind. Beide Seiten haben die Verhandlungen gern als konstruktiv beschrieben. Wer gezielt nach Details fragt, hört aber von Missverständnissen, Auffassungsunterschieden und schwer überbrückbaren Gegensätzen.

Die Aufgabe des Standortes sei ein herber Schlag für Wunstorf, schrieb der damalige Bürgermeister Axel Eberhardt in einer Broschüre zum städtebaulichen Wettbewerb. Die Industriebrache verschandele das schöne Stadtbild und müsse beseitigt werden. Eberhardt, Rat und Verwaltung sahen das Areal als „bedeutenden Baustein der Wunstorfer Stadtentwicklung“ an, der einen wichtigen Beitrag zur „Innenentwicklung“ leisten könne. Zu den Zielen erklärte Eberhardt: „Mit der Entwicklung des ehemaligen VION-Geländes sollte ein Wohnquartier mit hoher städtebaulicher Qualität entstehen, das positive Impulse für die umgebende Stadtentwicklung gibt. In einer Mischung unterschiedlicher Wohnformen für Familien, Singles und Senioren sollte ein generationsübergreifendes, lebendiges Wohnquartier realisiert werden. Dabei sollte an die vorhandenen Strukturen angeknüpft und ein harmonischer Übergang zum Bestand entwickelt werden. Ebenso soll Bezug auf die frühere Industriegeschichte genommen werden. Für das neue Quartier zwischen Bahnhofstraße und Luther Weg sollte eine Nutzungsstruktur aus Wohnen und in untergeordnetem Umfang auch gewerblichen Nutzungen vorgesehen werden.“ Zentrale Aufenthalts- und Begegnungsmöglichkeiten für unterschiedliche Nutzergruppen sowie ein öffentlicher Kinderspielplatz gehören auch zu den Vorgaben der Stadt.

Kaum wirtschaftlich umsetzbar

Die städtische Seite hält sich mit Informationen über den Stand von Verhandlungen und Planungen zurück, und Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD), der die Neue Mitte in einer bestimmten Phase zur Chefsache erklärt hatte, spricht gern von gegenseitigem Entgegenkommen. NMW-Chef Hiss hält seine Meinung in der Regel nicht zurück und spart auch nicht mit Kritik. Schon in einem der ersten Gespräche mit der Auepost-Redaktion lässt er keinen Zweifel daran, dass der Siegerentwurf verändert werden müsse. Der Plan von 2017 sehe „einen unglücklichen Flächenverbrauch“ vor. Das teure Gelände müsse besser genutzt werden.

Das alte Vion-Gelände | Foto: Daniel Schneider

Hiss meint damit: mehr Wohnungen als von den Wettbewerbsgewinnern vorgeschlagen. Auch der Lärmschutzwall mit einer zusätzlichen Wand auf der Krone findet von Anfang an nicht seine Zustimmung. Das vorgeschlagene Bauwerk mit einer Gesamthöhe von 16 Metern werfe „im Winter riesige Schatten“ und nehme zu viel Raum ein. Derartige Bollwerke seien nicht zeitgemäß, betont Hiss. Auch Octagon halte den Entwurf für überholt und befürworte Modifikationen. Hiss arbeitet nach eigenen Worten mit einem Lärmschutzexperten zusammen, um den Wall auf eine Höhe von etwa zehn Metern zu reduzieren. Er beruft sich dabei auch auf Projektmanager der Deutschen Bahn: Der für den Bau der Trogstrecke am Luther Weg zuständige Bahn-Experte habe ihm gesagt, in seinen 30 Jahren Mitarbeit an großen Vorhaben in ganz Deutschland sei nirgendwo ein Wall mit einer Höhe von 16 Metern verwirklicht worden. Darauf beruft sich Hiss. Der bisher projektierte Wall mit Wand auf der Krone wäre mit einer Länge von 300 und einer Höhe von 16 Metern „das größte Gebäude der Stadt“.

„im Winter riesige Schatten“

Die vorgeschlagene Platzierung von Blocks und Einzelhäusern nimmt er ebenfalls vehement aufs Korn: Der Wall würde in den Wintermonaten die angrenzenden Geschossbauten verschatten, und die wiederum hielten das direkte Sonnenlicht von den Einzelhäusern fern. Das müsse in der aktuellen Phase anders geplant werden.

Unterschiedliche Annahmen zum Flüchtlingswohnheim

Das Flüchtlingswohnheim soll Teil des Areals bleiben | Foto: Daniel Schneider

„Noch immer auf den Zinnen“ sei er, erklärt Hiss, weil die Stadt nicht bereit sei, auf das ehemalige Verwaltungsgebäude zu verzichten. Seine Firma habe das Grundstück mit der Maßgabe gekauft, die komplette Fläche in die Neuplanung einzubeziehen. Nur zähneknirschend habe er akzeptiert, dass die Stadt wegen des Zustroms von Flüchtlingen dort weiterhin ein Heim betreiben werde. Er sehe die Notlage der Stadt und suche nun nach Lösungen, den Altbau gestalterisch in das neue Wohngebiet zu integrieren.

Der Standort am Luther Weg hat eine mehr als 100-jährige Geschichte. Die Firmennamen Solo, Solo-Feinfrost, Langnese und Iglo sind eng mit Wunstorf verbunden. Tausende von Wunstorfern haben über Jahrzehnte dort Arbeit gefunden. Die Produktionsstätten hatten einen hohen Stellenwert in der deutschen Tiefkühlbranche, und der Bau des Hochregal-Tiefkühllagers - wenige Kilometer entfernt und eines der größten seiner Art in Europa - steht in engem Zusammenhang mit den Hallen und Anlagen am Luther Weg. Auch die Kapitel Ranchmaster und Vion sind seit 2014 geschlossen. Neu tauchte Progressu auf. Das Unternehmen demontierte und verwertete, und einige Produktionsanlagen sind in weiter Ferne neu aufgebaut worden. 

Das große Gebäude direkt am Luther Weg hat die Stadt 1998 von Vion erworben, weil das Unternehmen daran nicht mehr interessiert war. Die Stadt hat dafür gut fünf Millionen Euro bezahlt und von Land, Großraum-Verband und aus anderen Quellen Zuschüsse in nahezu gleicher Höhe erhalten. Ein Verkauf an NMW habe nie zur Debatte gestanden, heißt es aus dem Rat. Wunstorf habe nie Zweifel daran aufkommen lassen, dass die Immobilie auf Dauer von der Stadt genutzt werde – zurzeit noch als Außenstelle des Hölty-Gymnasiums und als Flüchtlingsunterkunft.

Graue Energie statt Abriss

NMW-Chef Hiss hat die Position der Stadt in den vergangenen Monaten mehrfach heftig kritisiert und die Frage aufgeworfen, ob es ohne Probleme möglich sein werde, hochwertige Häuser im neuen Wohnquartier direkt neben einem Flüchtlingsheim zu vermarkten. Nun akzeptiert er offenbar Wunstorfs Haltung und überrascht im Gespräch mit der Auepost mit weiteren Neuigkeiten: Auch andere Gebäudeteile des weitläufigen Geländes ließen sich in das Neubauviertel einbeziehen. Der Abriss sei nicht nötig.

Altes Viongelände
Bestehende Gebäude sollen nun auch einbezogen werden (Archiv) | Foto: Daniel Schneider

Hiss spricht von „grauer Energie“. Es sei an der Zeit, die zu nutzen. Graue Energie meint dabei die benötigte Energie für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung von Gütern. Ein Beispiel: Seine Mitarbeiter sind bei der Bestandsaufnahme auf eine intakte hallenartige Anlage im Kellergeschoss eines Gebäudes gestoßen – 4.500 Quadratmeter groß und gut geeignet als Parkgarage. Diese Einrichtung, so Hiss, sei bisher in keinem Plan verzeichnet, den er kenne.

Auf Schadensersatz wird verzichtet

Seit vergangenem Dienstag ist nun von einem „Zielbündel“ die Rede: Hiss hat einen Tag zuvor in Wunstorf mit dem Baureferat vereinbart, dass jetzt NMW-Planer ebenso wie Stadtverwaltung aktuelle Planungsziele erarbeiten und abgleichen. In zwei Monaten, so Hiss, soll das neue Konzept fertig sein. Er betont, die Verhandlungen seien konstruktiv und professionell. Hiss vermied am Dienstag jede Schärfe in Richtung Stadt und stellte klar, NMW werde jetzt keine Forderungen nach Schadenersatz oder Entschädigung dafür stellen, dass der Bereich des Verwaltungsgebäudes ausgeklammert werde. Das bestätigt auch Stadtsprecherin Jasmin Kohser: „Eine Entschädigung ist kein Thema und wurde/wird auch von der NMW nicht thematisiert“, teilt sie der Auepost auf Anfrage mit.

Im Stadtrat bleibt man kritisch

So positiv die Gesprächsatmosphäre zwischen NMW und Stadtverwaltung derzeit zu sein scheint: Aus dem Rat gibt es kritische Stimmen – seit langem. Das Murren erreicht allerdings nicht die Öffentlichkeit, denn die Kritiker äußern sich nur hinter vorgehaltener Hand. Die Unzufriedenheit betrifft sowohl die Informationspolitik der Stadtverwaltung als auch Hiss’ Rolle. Der Düsseldorfer Manager trete stets energisch und fordernd auf, manchmal auch aggressiv. Er verlange immer wieder Planänderungen, und das oftmals in letzter Minute vor wichtigen Terminen.

Auch das Rathaus, so hört man, informiere nur dann, wenn gezielt gefragt werde. Längst wäre eine öffentliche Information und Diskussion im Bauausschuss oder im Rat der Stadt angebracht gewesen, beschweren sich Kommunalpolitiker aus allen Lagern. Die Verwaltung komme nicht auf die Idee, von sich aus über den Stand der Dinge zu berichten, Vorlagen würden spät oder erst auf Verlangen zugestellt. „Der Informationsfluss ist nie ausreichend“, sagt ein Ratsherr. Seinen Namen und seine Partei will er nicht genannt wissen. Umgekehrt heißt es aus dem Rathaus, viele Ratsmitglieder zeigten wenig oder gar kein Interesse an dem Thema.

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