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Eisenbahner, Stabschef und Bäder-Boss: Zum Tod von Wolf Kutzer

07.02.2024 • Achim Süß • Aufrufe: 1232

Ein „bodenständig linker“ Politiker, „Vater“ des R-Busses in Wunstorf und Vordenker der Verkehrs- und Energiewende: Er war aus der Politik nicht wegzudenken, machte die ganze Stadt zum Zukunftstechnologiestandort, wird „Landesbademeister“ und zum „Stabschef“ des Ministerpräsidenten. Im Alter von 83 Jahren ist Wolf Kutzer nun gestorben.

07.02.2024
Achim Süß
Aufrufe: 1232
Wolf Kutzer | Foto: privat

Er war ein überzeugter Radfahrer – zu einer Zeit, als diese Fortbewegungsart allgemein noch nicht mit ethischen Aspekten verbunden war. In seiner blauen Eisenbahner-Uniform war er fast täglich zum Bahnhof Wunstorf unterwegs und gehörte eine Zeit lang zum Stadtbild. Von Bahn und Schiene hat es ihn bald in die Politik geführt, in die Staatskanzlei, in Führungsämter: Wolf Kutzer war mehr als 65 Jahre lang in der SPD aktiv, enger Mitarbeiter von Gerhard Schröder und einer der Protagonisten von Retax, dem „Busfahren nach Wunstorfer Art“. Im Alter von 83 Jahren ist er jetzt gestorben.

Kutzer stammte aus Breslau. Krieg, Flucht und wirtschaftliche Not waren ihm vertraut. Politik für Menschen zu betreiben,  die nicht zu den Begüterten zählen, war stets eines seiner Anliegen. Seine Familie ist nach der Vertreibung in Oelde gelandet. Kutzer geht mit 17 Jahren zur  Bundesbahn und ein Jahr später in die SPD. Er bildet sich weiter und macht seinen Weg. Wie sein älterer Bruder Klaus, der Jurist wird und schließlich Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Die Bahn schickt den jungen Wolf nach Wunstorf. Er leitet zunächst den Gütertransport und wird mit 23 Jahren Bahnhofsvorsteher. So jung ist selten jemand auf einem solchen Posten. Mit 27 Jahren wird er erstmals in den Rat der Stadt gewählt, gehört zu den Kommunalpolitikern, die die Gebiets- und Verwaltungsreform 1974 umzusetzen haben und wirkt daran im sogenannten Interimsrat mit. Für die SPD handelt er die wesentlichen Details des Gebietsänderungsvertrags zwischen Wunstorf und den neuen Ortsteilen aus. Als Mitglied des Verwaltungsausschusses, Vorsitzender des Gaswerk-Beirats und Aufsichtsratschef der Steinhuder Meer-Bahn ist er einer der einflussreichsten politischen Akteure der Stadt.

Nicht wegzudenken

In seinen frühen Jahren halten ihn viele für einen linken Systemveränderer, gilt manchem wegen seines schwarzen Vollbarts und dem zuweilen entschiedenen Auftreten als Bürgerschreck. Dennoch bringt ihn die SPD in der Gründungsphase der neuen Stadt Wunstorf rund um die Gebietsreform als Stadtdirektor ins Gespräch. Das Vorhaben scheitert am versammelten Widerstand aus den anderen Parteien. Kutzer wird dennoch zum „Strippenzieher“, wie Netzwerker in jenen Jahren genannt werden: Mit seinem Genossen Werner Dreyer und Georg Beier von der CDU sitzt er fast jeden Morgen im Zug nach Hannover: Diese „Zug-Mafia“ zieht viele Fäden in der Wunstorfer Kommunalpolitik.

Über Wunstorf hinaus engagiert er sich in der Regionalpolitik und in der Partei: 41 Jahre lang gehört er dem Bezirksvorstand an, so lange wie sonst niemand. „So lange ich denken kann war er da!“, sagt Wolfgang Jüttner, eine der prägenden Persönlichkeiten der SPD in den 80er und 90er Jahren. 1970 sei er eingetreten, erzählt der 75-Jährige im Gespräch mit der Auepost: „Ein Bezirksvorstand ohne Kutzer war nicht denkbar.“  Jüttner, Parteichef auf mehreren Ebenen, Umweltminister und Oppositionsführer, zählt Kutzer zum engsten Kreis der eher links orientierten groß-hannoverschen Sozialdemokratie. „Ja, links“, ordnet er Kutzer ein: „Aber bodenständig. Ja, bodenständig links.“ 

Zwölf Jahre lang ist Kutzer Schatzmeister des Bezirksverbands und damit eine „ganz wichtige Person“, wie Jüttner sagt: Unspektakulär und zielstrebig habe sich der Kassenverwalter vor allem um Organisatorisches gekümmert. Die interne Parteiarbeit zu professionalisieren, sei ihm wichtig gewesen. Dass Kutzer bei diesem Thema eine große Rolle spielt, enthüllt der hannoversche Spiegel-Korrespondent 1987 in dem deutschen Nachrichten-Magazin.  Schröder hat gerade die Landtagswahl verloren – weil seine SPD offenbar ein „ziemlicher Sauhaufen“ ist. Jedenfalls gibt er als Bezirkschef viel Geld aus, um Unternehmensberater auf den Apparat anzusetzen. 

Großraumchef

Kutzer führt die Finanz- und Organisationskommission und hat Einblick: „Die Partei sei kaum mehr als ein bürokratischer Verein voller hochdotierter Leute mit der Mentalität von Lebenszeitbeamten“, zitiert ihn der Spiegel. Die Studie offenbart Missstände aller Orten, vor allem aber beim hauptamtlichen Führungspersonal. Kutzer greift durch und droht mit Auflösungsverträgen. 

Der Einzige ohne Krawatte: Wolf Kutzer (4. v. r., stehend) 1972 im Wunstorfer Stadtrat | Foto: Stadtarchiv Wunstorf

Außer Wunstorf hat Kutzer auch den Großraum Hannover im Blick. Von 1974 bis Ende der 1990er Jahre ist er Mitglied der Verbandsversammlung. 1986 wird er deren Vorsitzender. In dieses Gremium ist er aus dem hannoverschen Kreistag entsandt worden, dem er zehn Jahre lang bis 1991 angehört. Er wird Chef des Großraum-Verkehrs. Der ist einer der größten Verkehrsverbünde in Deutschland und koordiniert seit 1970 alle Unternehmen für Bahn und Bus in der Region. Kutzer trägt wesentlich dazu bei, dass Wunstorf für fast zehn Jahre zum Mekka der Nahverkehrsexperten wird: In der Auestadt fahren grün-weiße Rufbusse – individuell bestellt, quasi auf Zuruf. „Retax“ ist ein zukunftsweisendes System für den öffentlichen Verkehr, entwickelt von Messerschmidt-Bölkow-Blohm und finanziert vom Bundesforschungsministerium. Etwas annähernd vergleichbar Modernes gibt es zeitgleich nur noch in Friedrichshafen – sonst auf der ganzen Welt nicht. Der Erfolg ist durchschlagend, die Nutzerzahlen schnellen in die Höhe. Aber Realität wird Retax außerhalb der beiden Testgebiete nie: zu teuer. 

Die Modernisierung im Blick

Kutzer schreckt das nicht ab. Dass er auch praktisch und klein denken kann, beweist er gemeinsam mit dem Fahrradhaus Rusack, an dem er jahrelang auf dem Weg zum Bahnhof vorbeigeradelt ist. Gemeinsam bringen sie die Fahrradstation am Ende der Bahnhofstraße auf den Weg – die Einrichtung, die jetzt vor der Schließung steht. Als Präsident des Verkehrsverbundes behält er die Modernisierung im Blick. Er ist Macher und Planer zugleich – und macht einen weiteren großen Karriereschritt. In Schröders Staatskanzlei an der Planckstraße wird er Leitender Ministerialdirigent, führt von 1991 an den Planungsstab und wird so etwas wie der Stabschef des Ministerpräsidenten. Er koordiniert die Arbeit der Ministerien, erarbeitet Erfolgsbilanzen und befasst sich mit dem Ausstieg aus der Kernenergie. 

Ende der 80er Jahre trennt er sich von seiner Wunstorfer Familie und zieht nach Hämelerwald. Er heiratet wieder,  kommunalpolitische Ämter bekleidet er nicht mehr. Zum Ende seiner beruflichen Karriere steht noch eine Führungsrolle in ungewohntem Metier: Wolf Kutzer wird Chef der Bädergesellschaft des Landes. Dieses Amt – von manchem geringschätzig als „Landesbademeister“ verspottet  – und die Art und Weise, wie er es ausübt, bringt ihn schließlich mit Finanzminister Hartmut Möllring in Konflikt. Der CDU-Politiker verlängert seinen Vertrag nicht, und Kutzer geht in Pension. Sein Rat bleibt gefragt in der SPD, einen solchen Erfahrungsschatz haben wenige. Wie sagt Wolfgang Jüttner?  „Er war da, und er blieb da.“ 

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