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Those were the days my friend – a tribute to Brian B. Haley

01.04.2022 • Achim Süß • Aufrufe: 3124

Er war in den 50er Jahren der erste ausländische Lehrer am Hölty-Gymnasium und hinterließ Eindruck bei seinen Wunstorfer Schülern. Nun ist Brian B. Haley gestorben.

01.04.2022
Achim Süß
Aufrufe: 3124
Brian B. Haley beim Englischunterricht im Hölty | Foto: privat

Er erledigte seine Wege mit dem Fahrrad. Zu einer Zeit, als es nicht „in“ war. Auf dem Gepäckträger seine lederne Aktentasche. Wir haben nie herausgefunden, was älter war: der Drahtesel oder die Tasche. Er fuhr bei jedem Wetter, oft nur mit dem fein karierten Jacket, manchmal – natürlich – im „Trenchcoat“:

Brian B. Haley stammte aus Yorkshire, und er war Englischlehrer am Hölty-Gymnasium. „Better“: Zu seiner Zeit der Englischlehrer. Im Alter von 93 Jahren ist er jetzt in Lindau am Bodensee gestorben.

„Those were the days“ sang Mary Hopkin 1968. Da war Haley schon elf Jahre Lehrer am Hölty. Er sollte es noch 23 Jahre lang bleiben. Sicher hat er weit mehr als 1000 Wunstorfern seine Muttersprache vermittelt – so wie er sie in Cambridge studiert hatte. Deutsch und Französisch beherrschte er mit derselben Güte, aber im Englischen glänzte er. Immer wieder ließ er Wörter und Sätze wiederholen, bis es wenigstens annähernd so klang, wie er es verlangte. Penibel bis ins Detail, widmete er sich unermüdlich dem „th“. Leicht nach vorn gebeugt, stand er dann vor einem Schüler und repetierte – die Zunge leicht zwischen den Zähnen: „the, the, the – say it! Say it!“ Das konnte Minuten dauern. Berühmt auch sein gern wiederholtes Bonmot: „Say never SS. Say always double s.“

So streng und unerbittlich er sein konnte, so bescheiden und „cool“: Haley war ein begabter Schauspieler, geradezu ein Komiker. Immer wieder streute er unvermittelt Einlagen in den Unterrichtsstoff, den im Zweifel nur er nicht für trocken hielt. Shakespeares Macbeth ist ein schweres, dunkles Stück von Mord und Moral – Haley packte seine Klassen, indem er die Anfangsszene mit dem Auftritt der „Weird sisters“ persiflierte, plötzlich „Three witches enter“ rief und seine Version von „Fair is foul, and foul is fair“ lieferte.

Gern kündigte er unbotmäßigen Schülern auch „a burst of my machine gun an“. Aber unbestrittener Höhepunkt seiner Lockerungsübungen war sein Spiel mit der Kreide. Mit dem Rücken zur Tafel, gelang es ihm an guten Tagen, die Kreide, die er gern und viel benutzte, über seine Schulter in die Ablage zu werfen – ohne hinzusehen. Manchem seiner Schüler erschien er wie eine britische Ausgabe von Bömmel, dem Physiklehrer aus der „Feuerzangenbowle“.

Es waren diese Sekunden, die ihn unverwechselbar machten, die ihn für ganze Klassengenerationen unvergesslich werden ließen. So entspannend seine Komik sein konnte, so dramatisch war sein Zorn. Da kam er schon mal auf aufsässige Schüler zugeschossen, fegte mit einer heftigen Handbewegung die Bücher von der Platte oder rüttelte wutentbrannt am Tisch. Es trat Ruhe ein, und Haley nahm den Unterricht wieder auf, als sei nichts geschehen.

Seine Marotten waren in der Schule Legende, so wie sein heimischer Rasen, den er mit Akribie pflegte, als sei er der „greenkeeper“ von St. Enodoc. Haley war als Aushilfslehrer 1957 nach Wunstorf gekommen. Engländer und Niedersachsen seien so unterschiedlich nicht, sagte er gern. Wunstorf wurde für Jahrzehnte seine zweite Heimat, dort hat er 1964 eine Familie gegründet und lange in der Barne gewohnt. Der Anfang war schwer: Haley war der erste ausländische Lehrer am Hölty und durfte als Engländer zunächst kein eigenes Girokonto haben. Die Schulleitung konnte helfen.

Lindau und der Bodensee wurden für Haley dritte Heimat in seinem letzten Lebensabschnitt. Dorthin ist er mit Frau und Tochter bald nach der Pensionierung gezogen. Dort ist er jetzt gestorben. Wie sang das Kollegium 1992 bei der Verabschiedung nach 34 Jahren: „For he’s a jolly good fellow.“

von Achim Süß
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Kommentare


  • Anonymous sagt:

    lLieber Achim Süss, so war er – der einzigartige Mr. Haley. Danke für den Nachruf, der herrliche Erinnerungsfetzen wach iref. Herzliche Grüße aus Hamburg, Sigrid Berenberg

  • Grit D. sagt:

    Auch wenn’s lange vor meiner eigenen Schulzeit war:
    dieser Lehrer war definitiv ein Original!
    Die Erinnerungen an #Brian B. Haley dürften wie immer sehr unterschiedlich ausfallen.

    Ein Jeder wird sich an die eigenen Schuljahre erinnern können und dürfte dabei feststellen:
    jede Zeit hatte ihre Originale hervorgebracht, an die mal mit einem Lächeln/Lachen und so manches Mal eher mit Traurigkeit im Herzen zurückgedacht wird. Und das ist auch gut so!

  • Begerow, Joachim sagt:

    Ich bin zutiefst dankbar für diesen ebenso treffenden wie emotional berührenden Nachruf. Mr. Haley hat meine Klasse drei Jahre lang in der Oberstufe als Klassenlehrer zum Abitur (1975) geführt. So lange er in Wunstorf wohnte, hat er fast immer an unseren im fünfjährigen Rhythmus stattfindenden Jahrgangstreffen teilgenommen. Dabei hat er sogar einige „seiner“ Schülerinnen und Schüler bei weitem überlebt. Der Satz „Wir werden ihn für immer in wundervoller Erinnerung behalten“ ist in diesem Fall weit mehr als eine hohle Phrase!
    ….und damit verbunden sein Ausspruch, mit dem er nahezu jede Englisch-Unterrichtsstunde begann:
    „Put away all things that haven´t to do with English inclusive Steinhuder Aalbrötchen!“
    Fare thee well!

  • Jürgen Noack sagt:

    Eine Nachricht, die mich selbst über dreißig Jahre nach meinem Abitur sehr traurig macht. Mr. Haley war vermutlich der beste Lehrer, den ich jemals hatte. Jedenfalls hat er bei mir die Leidenschaft für die englische Sprache geweckt und mit seinem peniblem Unterrichtsstil eine hervorragende Grundlage für später gelegt: „Join your wordssss!“ Sein unübertroffener british Humour und seine Strenge standen in einem positiven Verhältnis. Gerne denke ich an seinen Unterricht und seine „Kreideakrobatik“ zurück. Thank you for everything, Mr. Haley!

  • Detlev Ulrich Aders sagt:

    Ein sehr guter Nachruf. Und: Man erinnere sich an die gefühlte 20 Jahre alte Plastiktüte… RIP Mr. Haley.

  • Thorben sagt:

    Er prägt bis heute mein Englisch.. einer der bemerkenswertesten Lehrer. Meiner Schulzeit.

  • Yvonne sagt:

    Bis heute werde ich gefragt, weshalb ich so gut Englisch sprechen kann. Der Unterricht bei Mr. Haley war eine echte Offenbarung, erst hatte ich ein wenig Angst vor den Stunden ( „ was? Du hast bei Haley? Na da kannste dich warm anziehen“) aber dann wurde er mein Lieblingslehrer.
    Das Erste was mir einfällt wenn ich an seine Englischstunden denke , ist der Ruf „Open the Windows please“ wenn er zur Türe hereinkam. Und dass er unsere Namen konsequent englisch aussprach :)

  • Anya von Hörsten sagt:

    Danke für diesen Nachruf. Auch auf meinem Tisch hat er mal gestanden, ganz locker draufgehüpft, weil ich mit einer Freundin Zettelchen geschrieben habe :).

  • Alexandra von Rönn sagt:

    Rest in peace, Mr. Hayley. You taught me in year 11, some 30 years ago. I remember the strict precision with which you cut trough every sentence until it was just right, and being grateful for the linguistic growth this accounted for. The pride in being taught be The Englishman. I was never quite aware of how long you’d been at the Hölty, and just how many of Wunstorf’s youth you will have taught. What a legacy! I for one can say that you’ve had a true impact on my life, through your impact on my love of English which eventually led to my living in the UK, teaching German. Your counterpart in a way, although I am neither strict, nor can I throw chalk. Actually, there isn’t any chalk any more. But thank you, Mr. Hayley. Rest in peace.

  • katrin.heide@ t- online.de sagt:

    I am overwhelmed to read all these lovely things about my father.
    Thank you all so much .
    He would be thrilled to know you loved him so much.
    Herzliche Grüsse von Katrin Heide geb. Haley

  • Grit D. sagt:

    Wenn ich hier die in der Muttersprache von #Brian B. Haley verfassten Kommentare lese, muss ich angesichts meiner- nur mit grottenschlecht zu benennenden- englischen Sprachkenntnissen ehrlich zugeben:
    SO eine Lehrkraft wäre mir ausgesprochen hilfreich gewesen!

  • Steinhuder sagt:

    Eine Legende.
    Wir sprechen auch gut 40 Jahre nach unserer Schulzeit noch über ihn.
    Mehr kann man als Lehrer nicht erreichen.

    Zu erwähnen ist noch sein kleines (rotes?) Büchlein, in dem er konsequent eine 5 bei vergessenen Hausaufgaben eintrug. ;)

    • Grit D. sagt:

      @Steinhuder

      Ja,ja:
      Die Geschichte mit den Straf-5er-Einträgen zog und zieht sich über die Jahrzehnte.
      Vermutlich dürfte da jeder „Pennäler“ seine Erfahrungen gemacht haben… *grins verschmitzt *

  • Elisabeth Loske sagt:

    Man fragt sich ja manchmal, was denn die eigenen Lehrer so machen oder ob sie noch leben, zumal es in meinem Fall so ist, dass ich nun auch schon mein Lehrerinnendasein 2020 abgeschlossen habe. Nicht zuletzt war Brian Haley daran „Schuld“, dass ich Anglistik studiert habe, wie drei weitere Girls der 13sfl vom Abiturjahrgang 1973.
    Er hat somit nicht nur , meinen Werdegang nachhaltig beeinflusst. Schlechte Klausurergebnisse gab er mit einem „not so good this time“ zurück, er lobte aber auch. Stolz konnte man sein, wenn er eine Schülerleistung mit „excellent“ kommentierte. Natürlich untermalte er seinen Unterricht immer wieder mit Einlagen seines typisch britischen „sense of humor“. In our lessons he never spoke a single word of German. Thank you, Mr.Haley.

  • Harald Schiel sagt:

    heute bin ich selber Lehrer und unterrichte mein Fach sehr gerne und habe Freude daran (naja, meistens!), die Kinder und Jugendlichen zu unterrichten. Ganz oft geht mir dabei durch den Kopf, was Mr. Haley in dieser oder jener Situation getan hätte. Er wird wohl immer mein Vorbild bleiben, z.B. wenn im Unterricht mal der actor gefragt ist.

    Lieblingszitat: „Is the „r“ pronounced properly? Does it really sound like Steinhuderr Aalbrrrötchen?“

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