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„Wir nehmen auf, was nur geht“ – Wunstorfer Tafel-Chef den Tränen nahe

16.11.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 2248

Ein Teil der ukrainischen Kunden gefährdet mit Anspruchshaltung und Aggressionen den Tafel-Betrieb. Vorsitzender Frank Löffler berichtete am Montag dem Sozialausschuss genauer über die Situation.

16.11.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 2248
Frank Löffler vor der Sitzung | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). Am Montagabend hat Frank Löffler dem Sozialausschuss von der Tafel Wunstorf berichtet. Der Ausschuss hatte eingeladen, um mehr über den Verein zu erfahren. Nun bekamen die Ausschussmitglieder auch gleich einen aktuellen Lagebericht über die Situation, die zuletzt für Schlagzeilen gesorgt hatte. Der Vortrag fiel Löffler sichtlich schwer, mehrmals unterbrach er sich kurz und schien sogar mit den Tränen zu ringen.

Mehr helfen zu wollen, aber nicht umfangreicher helfen zu können, das belastet ihn ungemein. Deutlich wurde das vor allem, als Löffler schilderte, wie er eine normalerweise Berechtigte abweisen musste – letztlich, weil andere, die selbst genug Geld für Lebensmittel hätten, sich unter falschen Angaben den Zugang zur Tafel verschaffen und damit die Ressourcen für Bedürftige schmälern. Dass bedürftige Menschen nicht zur Tafel kommen, um einfach bei Lebensmittelkosten zu sparen, sondern dass echte Not herrscht, machte der Tafel-Vorsitzende an einem Beispiel deutlich: „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Kindern an der Hand aus Lehrte, das ist nicht witzig.“ Der Frau, die aus Verzweiflung weinend mit ihren Kindern vor der Tür des Tafel-Hauses gestanden habe, habe er aber sagen müssen, dass sie nicht aufgenommen werden könne. Es herrscht Aufnahmestopp für Kunden, die nicht in Wunstorf gemeldet sind.

Tricksereien oder Unverständnis

Hier liegt das Problem: es geht keinesfalls darum, ukrainischen Flüchtlingen, die zuletzt den Kreis der Tafelkunden stark vergrößert hatten, die Schuld für die Situation zu geben. Es sind nicht „die“ Ukrainer, die der Tafel Probleme bereiten. Es sind nur zwei Gruppen unter ihnen, die die Lage eskalieren lassen: Einerseits diejenigen, die zur Tafel kommen, ohne tatsächlich bedürftig zu sein, und dazu das System auszutricksen versuchen, indem sie Dokumente von anderen vorlegen. Löffler berichtete von einer Frau, die gleich zwei verschiedene Berechtigungsausweise vorgelegt hatte – von denen keiner ihr gehörte. Bereits Berechtigte, die wieder in die Ukraine zurückgereist seien, würden ihre Ausweise Landsleuten überlassen. Auch würden Berechtigungen untereinander getauscht, um zur Tafel gehen zu können.

„Wo ist die Bioware?“

Die zweite problematische Gruppe ist diejenige, die nicht verstanden hat, was die Tafel überhaupt ist – keine staatliche Lebensmittelausgabestelle, sondern ein Verein von Ehrenamtlichen, die Lebensmittel vor dem Weggeworfenwerden bewahren und damit Bedürftige unterstützen. „Wo ist die Bioware?“, würden die Tafel-Mitarbeiter dann schon einmal gefragt. Man könne aber nur herausgeben, was man auch dahabe. „Man kann bei uns keine Lebensmittel kaufen“, unterstrich Löffler die Funktionsweise der Tafel, es werden nur zuvor gespendete Lebensmittel verteilt.

Tafel-Kunden kommen nicht nur aus Wunstorf, sondern auch aus Lehrte, Garbsen, Hannover und dem gesamten Schaumburger Land. Vor Kriegsausbruch in der Ukraine wurden bei der Tafel Wunstorf 850 Bedürftige unterstützt. Dann kamen innerhalb von 7 Wochen 800 neue Kunden hinzu – die Tafel erreichte die Grenzen ihrer Kapazität. Seitdem werden nur noch Neukunden mit Wohnsitz in Wunstorf aufgenommen. Seit ukrainische Flüchtlinge Sozialleistungen über die Jobcenter beziehen können, sank die Zahl wieder um ca. 300 Personen. 

Keinerlei Fremdenfeindlichkeit

Aus beiden Situationen entstehen Beleidigungen, Bedrohungen – und Handgreiflichkeiten gegenüber den Tafel-Helfern. Fremdenfeindlichkeit weist Frank Löffler rigoros von sich und legt auch für die übrigen Tafeln die sprichwörtliche Hand ins Feuer: „Bei Tafeln muss man nicht nach Menschen suchen, die etwas gegen Flüchtlinge haben“, unterstreicht er das Prinzip, das jedem geholfen werde, gleich welcher Nationalität. Aber es könne auch nicht schöngeredet werden. „Ja, es ist so“, bekräftigte Löffler gleich zum Einstieg seines Berichts die Situation. Es gebe eine massive Anspruchshaltung und Aggression bis hin zu tätlichen Angriffen vonseiten mancher ukrainischer Flüchtlinge.

Schweigend hörten die Ausschussmitglieder dem Vortrag zu, bis Löffler geendet hatte. Betroffenheit herrschte in den Reihen, dazu Respektsbekundungen für Löffler und sein Team, aber auch Ratlosigkeit. Ein Patentrezept hätte auch er nicht, sagte etwa Rolf Herrmann (SPD). Die leistungserbringenden Stellen müssten bereits besser aufklären, was die Tafel sei, schlug Birgit Mares (Grüne) vor. Alexandra Schimpf (Grüne) erkundigte sich nach dem Einsatz von Dolmetschern. Diese gebe es, sagte Löffler, aber man könne nicht permanent jemanden vor Ort haben – da man nicht wisse, wann jeweils wer wirklich zur Anmeldung komme. Man sei nicht mehr in der Hochphase, in der sich täglich mehrere Ukrainer neu angemeldet hätten. Die Verständigung funktioniere aber auch gut auf Englisch.

Kritik an Löfflers Darstellung

Daniela Helbsing (SPD) äußerte ihr Befremden, dass man von den Vorgängen zuvor in der Presse habe lesen können – sie hätte es besser gefunden, wenn zuerst wie geplant der Sozialausschuss unterrichtet worden wäre. Diese Kritik ließ Löffler nicht an sich heran, die Situation bei der Tafel sei kein Geheimnis, es seien keine Interna weitergegeben und beim zurückliegenden runden Tisch die Verwaltung bereits informiert gewesen. Der Presseartikel sei gut recherchiert. Helbsing stellte im Anschluss im Gespräch mit der Auepost klar, dass es ihr gerade angesichts der jüngst schwelenden Kritik an der Verwaltung wegen spät herausgegebener Vorlagen darum gegangen sei, dass Informationen möglichst früh mit den Gremien geteilt werden.

Helbsing widersprach auch der Darstellung, dass die Verwaltung Flüchtlinge direkt an die Tafel verweisen würde – was Löffler wiederum anzweifelte. „Dann beschweren wir uns bei der Stadt!“, das habe man bei der Tafel zu hören bekommen, wenn es Differenzen mit ukrainischen Kunden gab, und das sei für ihn ein Indiz, dass die Wege über die Ämter liefen. Helbsing erklärte dies hingegen damit, dass unter Flüchtlingen dieser Tipp kursiere, um mehr Druck gegenüber der Tafel aufzubauen.

Angst um die Mitarbeiter

Das Tafel-Team habe es immer selbst geschafft, mit Problemen umzugehen, nun aber begleite die Polizei die Ausgabetage, weil es einfach nicht mehr anders gehe. Mit ungeschönten Worten brachte Löffler die Brisanz auf einen Nenner: Ganz oben habe immer gestanden, Bedürftige mit Lebensmitteln zu unterstützten. Jetzt sei das oberste Ziel, die Mitarbeiter zu schützen. Das könne eine Tafel nicht verkraften, hier arbeiteten Rentner, die es gut meinten, um anderen zu helfen. Nun müssten sie unter Polizeischutz arbeiten. Er habe nachts nicht mehr schlafen können, da er um die Sicherheit der Mitarbeiter fürchtete. Deshalb werde nun strikt reagiert, etwa falsche Berechtigungen eingezogen und vernichtet. Wer mit falschen Nachweisen erwischt wird, hat seine Tafel-Berechtigung dauerhaft verspielt. Und auch das – so hart sein zu müssen – tue unglaublich weh. Aber andernfalls werde man über den Tisch gezogen, sagt Löffler.

„Polizei im Haus – never!“

„Polizei im Haus – never!“, das sei seine Einstellung gewesen. Aber er habe sich überreden lassen. Die Unterstützung von dieser Seite wertet er nun als positiv: Die Polizei gehe behutsam vor, komme „auf Freundschaftsbasis“ vorbei, trinke mal vor Ort einen Kaffee. Das würde wirken, ohne dass große Kontrollen stattfinden müssten.

Aufgehört haben Mitarbeiter trotz der jüngsten Vorfälle nicht – aber sie hätten andere Schichten zugeteilt bekommen. Man habe ein Team, das nicht so leicht zu erschrecken sei, so Löffler, der eine Lanze für das Team brach: Ohne die Engagierten – auch diejenigen, die als 1-Euro-Jobber über das Jobcenter unterstützten und mit derselben Leidenschaft dabei seien, ginge nichts – und auch nicht ohne die große Hilfe aus der Gesellschaft. „Wir können froh sein, dass unsere Tafel in Wunstorf steht“, sagte Löffler und meinte damit die Spendenbereitschaft in der Stadt.

Der im Jahr 2006 gegründete Verein hat 140 Mitglieder und finanziert sich über die Mitgliedsbeiträge (35 Euro pro Jahr), Spenden, die Vermietung einer Wohnung im Tafel-Haus und die Beträge, die Tafel-Kunden pro Ausgabetag entrichten. Insgesamt besteht das Team aus 40 Helfern. Sieben „1-Euro-Jobber“ gehören zum Team, 4 Festangestellte werden beschäftigt - die übrigen 29 arbeiten ehrenamtlich. Im Jahr 2021 wurden 160 Tonnen Lebensmittel gerettet, 2022 werden es rund 200 Tonnen sein. An fünf Tagen werden Lebensmittel eingesammelt, teilweise aus Entfernungen wie Bremen. An drei Tagen (Montag, Dienstag und Donnerstag von 13.30 bis 17 Uhr) werden die Waren an den Ausgabetagen an Bedürftige verteilt.
von Daniel Schneider
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Kommentare


  • Wunni sagt:

    Da kann man sich schon Fragen, wie das mit der Versorgung von Bedürftigen geklappt hat bevor es die Tafeln gab. Gab es damals (inflationsbereinigt) mehr Finanzmittel für die einzelnen Bedürftigen? Ich glaube nicht. Sind damals Leute ohne die Tafeln verhungert? Nicht dass ich wüsste. Gabe es damals weniger Bedürftige hierzulande und wenn ja, wieso kommen jetzt so viele genau hier her? Soweit ich weiß gab es vor Existenz der Tafeln auch nicht unbedingt weniger Krisen und Kriege auf der Welt.

  • Birgit sagt:

    Patentrezepte gibt es nicht vom Sozialausschuss der Stadt Wunstorf, und angeblich hätte die Presse eher von diesen traurigen Zuständen erfahren als eines ihrer Mitglieder, JobCenter und Co. trüge keine Schuld – Es ist einfach, große Probleme beiseitezuleugnen oder auf Andere abzuschieben. Angeblich sei der Sozialausschuss unwissend oder nicht involviert?

    Das erscheint merkwürdig. Die TAFEL Wunstorf gibt es nicht erst seit den jüngsten unliebsamen Vorkommnissen. Und es wäre sicherlich nicht abträglich gewesen, hätte dieser Ausschuss auch einmal einen direkten Einblick durch Präsenz dort erhalten. Vielleicht wäre dann die Einsicht in die Probleme dort früher gekommen und nach Lösungsmöglichkeiten zumindest im Ansatz gesucht worden.

    So jedoch gibt es „kein Patentrezept“. Wie auch – wenn man sich erst jetzt mit Problemen befasst, die eigentlich einem Sozialausschuss bestimmt schon eher zu Ohren gekommen sind und die sich unaufhaltbar unaufhaltsam abzeichneten – nicht erst seit gestern.

    Es ist taurig, dass ein Verein, der Menschen uneigennützig hilft, seine Kräfte einsetzt für Bedürftige, die, wo der Staat versagt, Hilfen bekommen, hören muss, dass der Sozialausschuss keine „Patentrezepte“ parat hat

    Wo bleibt die Verantwortlichkeit?

  • Georg sagt:

    Keine Zeit für weinerliche Kommentare. Einfach harte Kante zeigen gegen Nassauer/ Betrüger / Schwindler. Herr Löffler, bleiben Sie bei diesem Konzept. Anders ist die Situation nicht in den Griff zu bekommen.
    Danke an Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen und auch an natürlich an die Polizei.

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