Wunstorfer Auepost

Das intensive Gelb deutscher Blumen

21.12.2020 • Daniel Schneider • Aufrufe: 72

He Yang-Winkelmann ist chinesische Künstlerin, Wunstorferin, und tief verwurzelt in ihrem Glauben. Dieser beeinflusst sie nicht nur, sondern durchdringt sie in ihrem kreativen Schaffen.

21.12.2020
Daniel Schneider
Aufrufe: 72

He Yang-Winkelmann ist chinesische Künstlerin, Wunstorferin, und tief verwurzelt in ihrem Glauben. Dieser beeinflusst sie nicht nur, sondern durchdringt sie in ihrem kreativen Schaffen.

He Yang Winkelmann
He Yang-Winkelmann ist chinesische Künstlerin, Wunstorferin, und tief verwurzelt in ihrem Glauben. | Foto: Mirko Baschetti

Mit sanfter Stimme spricht sie, bedächtig und betont, als sie uns bei chinesischem Tee in japanischem Service in ihrem Garten ihres Hauses in der Nordstadt begrüßt. Hier lebt die Künstlerin gemeinsam mit ihrem Mann, und hier ist auch die Stätte ihres Wirkens. Das Haus ist groß und dient ihr deshalb auch als Atelier. He Yang-Winkelmann hat die traditionelle chinesische Malerei gelernt und ist dieser Kunstrichtung treu geblieben. Die chinesische Sprache und Schrift spielen darin eine große Rolle. Mit dem Schwerpunkt figurative Malerei studierte die heute 53-Jährige an der angesehenen Chinesischen Hochschule der Künste. Als Medien verwendet sie Tusche, Öl-, Acryl- und Aquarellfarbe. Sie beherrscht die Kalligraphie und erschafft auch Skulpturen, arbeitet als Bildhauerin mit Lehm.

Die gebürtige Pekingerin kam 1996 nach Deutschland, zunächst nach Frankfurt. Sie folgte ihrem Mann, den sie in China kennengelernt hatte, in dessen deutsche Heimat. Eine ihrer Freundinnen war mit ihm, dem Arbeitskollegen, bekannt – und so traf sie auf ihren heutigen Ehemann … einen Wunstorfer. Später wurde in Deutschland geheiratet. Mit ihm hat sie einen inzwischen erwachsenen Sohn. Die Frage, ob man in China oder Deutschland sesshaft werden würde, stellte sich nicht, denn ihr Mann war beruflich gebunden, und sie freie Künstlerin. In Wunstorf hatte sie bis zum vorigen Jahr eine eigene Galerie und stellte auch in der Kunstschule aus. Vier Jahre lang unterhielt sie die Galerie in der Neustädter Straße. „Wunstorf ist ein guter Ort für Künstler“, sagt sie, es gebe hier eine große Kunstszene.

Eine Pekinger Künstlerin in Wunstorf

Für die gebürtige Chinesin war Deutschland ein Kulturschock – aber nicht unbedingt im Negativen. Zeitlebens hatte sie bis dahin in Peking gelebt, der grauen Großstadt mit wenig Grün, wie sie erzählt. Sie erinnert sich an ein damaliges Schlüsselerlebnis. Gerade in Deutschland angekommen, ging sie an einem Apriltag spazieren, sah einen Garten mit Blumen und dachte: „Warum stellen die Menschen hier Plastikblumen in die Erde?“ Dass es echte Blüten waren, die hier wuchsen, begriff sie erst später. Heute lacht sie darüber, doch das Erlebnis hat sich bei ihr eingebrannt, noch immer hat sie das farbenfrohe, intensive Gelb der Blumen in diesem Garten deutlich vor Augen. „So etwas Schönes habe ich vorher noch nie gesehen“, sagt sie gänzlich ohne Ironie.

Es war nicht nur der Wechsel der Landschaft, der Gegensatz von Millionenstadt zu dörflicher Umgebung, die sie verkraften musste. Auch das deutsche Essen war gewöhnungsbedürftig. Yang-Winkelmann kocht selbst, und meist ist es wie früher chinesisch. Mit den deutschen China-Restaurants kann sie hingegen wenig anfangen. „Diese Restaurants haben nicht wirklich chinesisches Essen“, erklärt sie. Eher das, was die Deutschen dafür hielten.

Von der Kunst zur Theologie

Eine eigene Galerie möchte sie nicht mehr leiten – dafür bliebe auch kaum mehr Zeit. „Im Herzen bin ich Künstlerin, nicht Galeristin“, sagt sie. Zudem studiert Yang-Winkelmann seit dem vergangenen Jahr Theologie im Masterstudium – in chinesischer Sprache im Fernstudium an einer amerikanischen Universität in London. Das Geistliche ist ihre neue Berufung. In vier Jahren wird sie ausgebildete Theologin sein. „Der Glaube an Gott ist mir ins Herz gelegt“, sagt sie. Zu Gott gefunden hat Yang-Winkelmann, die aus einer atheistischen Familie stammt, bereits in China. „Ich bin bekehrt“, erzählt sie. Das liegt nun schon 24 Jahre zurück. Sie wurde damit die erste Christin in ihrer Familie, in einer damals noch stark atheistisch geprägten Gesellschaft. „Damals war die Tür zu“, sagt sie in Bezug auf den Maoismus. Erst mit der Reformpolitik Deng Xiaopings wurde sie wieder aufgestoßen. Auch ihre Mutter nahm später den christlichen Glauben an.

Ihr neues Studium hat sie nicht aus beruflichen Gründen aufgenommen, sondern weil sie mehr über Gott erfahren möchte. Ehrenamtlich ist sie auch in ihrer Kirche aktiv, als Vorstandsvorsitzende in der chinesischen Gemeinde in Hannover. Dort geht sie natürlich auch regelmäßig sonntags zu den Gottesdiensten. Sie könne sich vorstellen, später einmal als Missionarin tätig zu sein – das weltliche Rüstzeug dafür hat sie bereits: neben Chinesisch und Deutsch spricht sie auch fließend Englisch.

Lernen und Lehren

Der Glaube an Gott hat auch ihre Malerei beeinflusst. Heute malt sie vor allem auch christliche Motive, Jesusdarstellungen etwa. Auf ihre frühen Werke ohne Gottesbezug wirft sie mittlerweile einen distanzierteren Blick. Die möge sie nicht mehr so, erzählt sie. Ihre Gemälde sind seitdem bisweilen abstrakter geworden. „Es ist nicht mehr das Weltliche, was ich malen will.“ Inspiration für ihre Werke sei auch Gott, sagt sie, „es gibt Bilder, da hat Gott mich geleitet“. Er leite sie nicht nur, er wolle ihr dadurch auch etwas zeigen. „Gott hat für jeden Menschen einen Plan“, ist sie sich sicher. Wenn sie male oder wie jetzt ein Studium aufnehme, dann habe das eine Bedeutung.

Sie nimmt jedoch nicht nur Unterricht, mehrt ihr Wissen und entwickelt sich auch künstlerisch weiter, sondern gibt auch Unterricht und vermittelt ihr Wissen weiter. An Schulen hat sie bereits in China Malunterricht gegeben, und neben ihren Ausstellungen und Kursen geht sie auch hierzulande in die Klassenräume: An der IGS leitet sie derzeit eine Kunst-AG und bringt einem guten Dutzend Schüler nicht nur die chinesische Malerei, sondern auch Kultur und Sprache näher. „Ich finde, Malerei öffnet die Augen für andere Kulturen“, sagt Yang-Winkelmann.

Was man in Wunstorf noch verschönern könnte, wollen wir abschließend wissen. „Darum kümmert sich die Stadtverwaltung“, entgegnet sie mit trockenem Humor und diplomatisch-asiatischer Zurückhaltung zugleich. Wünschen würde sie sich jedoch, dass das Steinhuder Meer zu einem noch größeren Aushängeschild würde – man könnte durchaus noch mehr Werbung machen und mehr kulturelle Veranstaltungen in den Ort bringen. Denn Steinhude hätte das Potential, nicht nur touristisch, sondern auch kulturell zu etwas Großem zu werden.

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #12 (Oktober2020)

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