Wunstorfer Wichtelaktion 2018

Der Herr der Päckchen

Ehrenamtliches Engagement kann viel bewegen, das beweist nicht zuletzt die Wunstorfer Wichtelaktion, die auch dieses Jahr zur Weihnachtszeit zugunsten von Heimbewohnern wieder stattfindet. Doch es kann auch böse Stimmen anziehen – die nun den Organisator Bilsad Ramović trafen.

Advent­lich deko­rier­tes Päck­chen­sam­mel­au­to auf dem Markt­kauf-Park­platz | Foto: Dani­el Schnei­der

Die Cha­ri­ty-Akti­on geht bereits in ihr 4. Jahr: 2015 vom Grün­der der Face­book-Grup­pe „Mein Wunstorf“ ins Leben geru­fen und 2016 erst­mals durch­ge­führt, um Alten­heim­be­woh­nern an Weih­nach­ten eine beson­de­re Freu­de zu machen, nimmt immer grö­ße­re Dimen­sio­nen an und sprengt die­ses Jahr sogar den ursprüng­lich abge­steck­ten Rah­men: Es sind bereits so vie­le Päck­chen zusam­men­ge­kom­men, dass nun nicht nur die Bewoh­ner von einem, son­dern kur­zer­hand von drei Ein­rich­tun­gen im Dezem­ber mit einer ganz beson­de­ren Besche­rung über­rascht wer­den sol­len. Orga­ni­siert wird die Akti­on die­ses Jahr maß­geb­lich vom Co-Mode­ra­tor der Grup­pe, Bilsad Ramo­vić.

Neid und Missgunst beim Ehrenamt

Trotz aller ehren­wer­ten Absich­ten – frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ruft auch oft Miss­gunst her­vor. So wur­de Ramo­vić sogar von ande­ren Mein-Wunstorf-Grup­pen­mit­glie­dern für sei­nen Ein­satz per­sön­lich ange­grif­fen; er erhielt Nach­rich­ten, in denen ihm vor­ge­wor­fen wur­de, er wür­de sich zu sehr in den Vor­der­grund stel­len, wür­de das Werk des Grup­pen­grün­ders Rein­hard See­gers an sich rei­ßen – und über­haupt gin­ge es ihm nur dar­um, in der Zei­tung zu ste­hen. Ramo­vić war See­gers vor eini­ger Zeit als Face­book-Grup­pen­mo­de­ra­tor bei­gesprun­gen, als die­ser nach Unter­stüt­zung frag­te, da ande­re lang­jäh­ri­ge Mit­strei­ter sich zurück­ge­zo­gen hat­ten – und so rutsch­te er qua­si auch auto­ma­tisch als Gesicht und Gali­ons­fi­gur der Wich­tel­ak­ti­on nach. Kein Vor­wurf schien zu absurd, um ihn nicht gegen den Klein Hei­dor­ner zu ver­wen­den. Unters­te Schub­la­de war das Her­um­rei­ten auf sei­ner Behin­de­rung, von der vie­le wis­sen. Getrof­fen hat es ihn, neben all dem Zuspruch für sei­nen Ein­satz auch sol­che Stim­men zu hören, doch er lässt sich davon nicht beir­ren.

Des­halb ist er es nun, der bei der Wich­tel­ak­ti­on die Fäden zieht, den Über­blick über die Logis­tik behält, bei Geschäf­ten und Spen­dern vor­spricht, des­sen Kel­ler der­zeit wie das Geschen­ke­la­ger des Weih­nachts­manns aus­sieht – und sich eben auch zu den Ein­sam­mel­ter­mi­nen in die Käl­te stellt, um die Päck­chen der Wunstor­fer ent­ge­gen­zu­neh­men. So auch an die­sem Sonn­abend, den 1. Dezem­ber, auf dem Markt­kauf-Park­platz. Die Markt­lei­tung hat ihm für die Akti­on erlaubt, sich direkt vor den Ein­gang auf einen Behin­der­ten­park­platz zu stel­len, doch das kommt für Ramo­vić gar nicht in Fra­ge. Er war­tet, bis in der Nähe ein nor­ma­ler Park­platz frei wird.

Bilsad Ramo­vić | Foto: Dani­el Schnei­der

Auf den ers­ten Blick steht da in der ein­bre­chen­den Däm­me­rung ein ganz gewöhn­li­cher Mann in roter Funk­ti­ons­ja­cke neben sei­nem Kom­bi. Nur eines ist anders: statt sei­ne Ein­käu­fe zu ver­stau­en und den Ein­kaufs­wa­gen in die Abstell­buch­ten zurück­zu­ma­nö­vrie­ren, hat er ein mit blau­en LEDs beleuch­te­tes Geschenke­päck­chen aufs Dach des Wagens gestellt und die geöff­ne­te Kof­fer­raum­klap­pe eben­falls mit roten LED-Ster­nen deko­riert. Die auf­fäl­li­ge gel­be Müt­ze, die mit dem Schrift­zug „Mein Wunstorf“, dem Face­book-Grup­pen­na­men, bestickt ist, räumt den letz­ten Zwei­fel aus, dass hier ein­fach nur ein Kun­de mit zu viel Zeit den advent­li­chen Park­platz­tru­bel genießt. Die Müt­ze hat sich Ramo­vić extra für die­se Ein­sät­ze anfer­ti­gen las­sen – für spä­ter hat er noch eine neu­tra­le­re Kopf­be­de­ckung dabei und ist dann wie­der inko­gni­to unter­wegs.

Päckchen gesammelt und verteidigt

Es ist der letz­te von drei Ter­mi­nen, an denen auf Wunstor­fer Park­plät­zen die Wich­tel­päck­chen ein­ge­sam­melt wer­den. Über hun­dert waren bis dahin schon zusam­men­ge­kom­men, an die­sem Sonn­abend kom­men bei der Akti­on inner­halb einer Stun­de wei­te­re elf hin­zu. Doch auch Ramo­vić wird nicht ver­ges­sen: einer der Päck­chen­ab­ge­ber bringt ihm einen Becher Kaf­fee vom Brun­nen­ca­fé mit. Der „Herr über die Wich­tel­päck­chen“ lässt sich jedoch nicht ablen­ken und bleibt wach­sam, ver­tei­digt die bereits abge­ge­be­nen Päck­chen gegen zu gie­ri­ge Bli­cke. Denn ande­re Leu­te, die die Wich­tel­ak­ti­on noch nicht ken­nen, den­ken teil­wei­se, dass hier Pake­te als Mar­ke­ting­ak­ti­on ver­teilt wer­den – und sind schon fast dabei, sich eines der Advents­ge­schen­ke zu schnap­pen.

Doch hier wird tat­säch­lich nur ein­ge­sam­melt, und zwar für die Bewoh­ner des Kolen­fel­der Klos­ter­guts Mönche­hof, wegen der Päck­chen­flut die­ses Jahr zusätz­lich auch noch für die Char­lot­ten­hof-Wohn­hei­me für psy­chisch Erkrank­te in Wunstorf und Stein­hu­de. Zunächst hat­te man bei der Lebens­hil­fe ange­fragt, doch dort woll­te man nur Geld­spen­den anneh­men und lehn­te offen­bar wegen des orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wands ab. Die „Char­lot­ten­hö­fe“ freu­en sich dafür um so mehr: Seit 1983 bestehen die Ein­rich­tun­gen, und bis­lang hat­te noch nie jemand für eine sol­che Akti­on ange­fragt. Dort sind es dies­mal neben älte­ren auch jün­ge­re Men­schen, die sich dann an drei Stand­or­ten auf eines der Wich­tel­päck­chen freu­en dür­fen. Soll­ten noch mehr Pake­te zusam­men­kom­men, als es Emp­fän­ger in den Häu­sern gibt, wer­den die über­zäh­li­gen dem Tages­treff für Obdach­lo­se zur Ver­fü­gung gestellt.

Mit „Blau­licht“ auf dem Auto | Foto: Dani­el Schnei­der

Noch 30 Päckchen fehlen

Knapp 30 Pake­te wer­den aktu­ell noch gebraucht, um alle Bewoh­ner an den drei Stand­or­ten beschen­ken zu kön­nen. Abge­ge­ben wer­den kön­nen die Pake­te noch bis zum 15 Dezem­ber bei einer der 6 Sam­mel­stel­len, zum Bei­spiel im Bas­tel­la­den in der Fuß­gän­ger­zo­ne oder bei Fried­lies Reschke PR gegen­über der Ost­stadt­schu­le. Ramo­vić hat sich dar­um geküm­mert, dass Pake­te nun auch in der Anker-Apo­the­ke in Stein­hu­de abge­ge­ben wer­den kön­nen. Trotz sei­ner Prä­senz gibt er sich beschei­den: Die Leu­te, die die Päck­chen zusam­men­stell­ten, wären die­je­ni­gen, die die Akti­on zu dem machen wür­den, was sie ist. Dar­un­ter sind mitt­ler­wei­le nicht nur die Mit­glie­der der Face­book­grup­pe, son­dern auch vie­le ande­re Wunstor­fer, die sich an der Akti­on betei­li­gen. Die Päck­chen kom­men inzwi­schen sogar schon von weit­her: Eine ehe­ma­li­ge Wunstor­fe­rin, die heu­te in Bay­ern lebt, schick­te ihr Wich­tel­päck­chen mit der Post an den Bas­tel­la­den.

Die Leu­te mer­ken, da ist was Gutes im Gan­ge.“Bilsad Ramo­vić

Dabei hät­te er allen Respekt ver­dient: man sieht es Ramo­vić nicht an, aber er ist mit sei­nen 38 Jah­ren bereits Früh­rent­ner: 1992 kam er als damals 12-Jäh­ri­ger aus Jugo­sla­wi­en nach Deutsch­land, lern­te Dach­de­cker und ver­un­glück­te vor eini­gen Jah­ren in die­sem Beruf schwer, als der Dach­stuhl eines Alt­baus ein­stürz­te, auf dem er gera­de saß, um die Dach­schin­deln aus­zu­tau­schen. Er über­leb­te nur knapp. Die Ärz­te im Kran­ken­haus hat­ten ihn bereits auf­ge­ge­ben, rie­ten sei­ner Frau, sich zu ver­ab­schie­den, doch er kämpf­te eisern wei­ter. Dut­zen­de Ope­ra­tio­nen, unter ande­rem wegen eines Schä­del­bruchs, muss­te er in den fol­gen­den Jah­ren nicht nur über sich erge­hen las­sen, son­dern er for­der­te sie auch gegen vie­le Wider­stän­de ein – um etwa sei­nen lin­ken Arm zu erhal­ten.

An sei­ner Lebens­freu­de hat das nichts geän­dert, im Gegen­teil: An die­sem Dezem­ber­tag steht da jemand mit einer grund­sym­pa­thi­schen Aus­strah­lung und gewin­nen­dem Lächeln, der auf jeden offen zugeht – und sich trotz sei­ner eige­nen Lebens­ge­schich­te doch immer auch um sei­ne Mit­men­schen küm­mert. Gera­de auch in den klei­nen Din­gen. Als er merkt, dass jemand auf dem gegen­über­lie­gen­den Park­platz los­fährt, aber die Geh­hil­fen der Bei­fah­re­rin noch am Kof­fer­raum leh­nen, reagiert er reflex­haft und hech­tet mit einer Geschwin­dig­keit, die einen kaum fol­gen lässt, zu dem Wagen und stoppt den Fah­rer mit einem schril­len Pfiff, noch bevor das Auto gänz­lich über die Krü­cken rol­len kann.

Ziel fast erreicht

Es bleibt an die­sem Tag bei den elf Wich­tel­päck­chen. Eines davon kam sogar mit dem Taxi – eine älte­re Dame woll­te es sich nicht neh­men las­sen, sich trotz ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät an der Akti­on zu betei­li­gen. Kurz nach 17 Uhr schließt Ramo­vić den Kof­fer­raum und düst in sei­nem Wagen – wegen des unbe­weg­li­chen lin­ken Armes mit spe­zi­ell umge­bau­tem Lenk­rad – los zum Klein Hei­dor­ner Weih­nachts­markt. Nicht, um wei­te­re Pake­te ein­zu­sam­meln – nun geht es tat­säch­lich ein­mal nur um ihn und sei­ne Fami­lie.

- Anzeige -
Buchhandlung Weber
1 Kommentar
  1. Grit Decker sagt

    …und ich höre schon die Läs­ter­mäu­ler:
    „Wer noch so behen­de über ’nen Park­platz spur­ten kann, der kann auch arbei­ten; Jobs gibt’s genug.“

    Nein ihr „lie­ben ach so ’net­ten’ Mitmenschen“,die mei­nen, alles und alle mies­re­den zu müs­sen:
    ich hör’ KEI­NE Stim­men!
    Es braucht nicht viel an Fan­ta­sie, um sich hirn­lo­se Kom­men­ta­re wie das obi­ge Bei­spiel vor­zu­stel­len zu kön­nen. *arrrgh*

    Ich könn­te nur noch mein Früh­stück prä­sen­tie­ren!! (druck­fä­hig aus­ge­drückt)

    Hier geht’s nicht mehr um Kri­tik an einer Per­son ansich, die ja grund­sätz­lich auch geäus­sert wer­den darf.
    Nein: da wird mal eben gleich die gan­ze Per­son mit ihrem höchst respek­ta­blen Enga­ge­ment schlecht gere­det.

    Aus eige­nen Erleb­nis­sen her­aus ken­ne ich die durch Anfei­dun­gen aus­ge­lös­ten Gedan­ken und Emo­tio­nen und weiß wie schwer es ist, dann selbst immer „den Ball flach zu hal­ten“.

    Cha­peau die­sem Mit­bür­ger, der unbe­irr­bar sei­nen Weg geht und sein Ehren­amt wei­ter lebt ‑trotz (oder gera­de des­halb?) der Dumm­schwät­zer.

    *3 Dau­men nach oben* (min­des­tens)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.