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Armut in Wunstorf, Teil 1

Die Tafel Wunstorf

Rentner, die zu wenig Geld zum Essenkaufen haben, Familien, die sich die Supermarktpreise nicht leisten können. Selbstständige unter der Armutsgrenze und ALG-II-Empfänger. Bei der Wunstorfer Tafel kommen alle zusammen, um kostenlos Lebensmittel abzuholen. Teil 1 unserer Reportagereihe über Armut in Wunstorf.

Lebensmittelausgabe in der TRafel
Lebensmittelausgabe in der Tafel | Foto: Mirko Baschetti

Unser erster Blick auf der Suche nach Armut in Wunstorf richtet sich auf die Tafel, die Bedürftige mit kostenlosen Lebensmitteln versorgt. Seit 2006 gibt es die Einrichtung in unserer Stadt. In den ersten drei Jahre war sie im ehemaligen Barne-Supermarkt untergebracht, in dem sich heute das mongolische Restaurant befindet. Dann aber kaufte die Tafel den ehemaligen Wunstorfer Stadtbahnhof und setzte das Haus instand. Das sei die richtige Entscheidung gewesen und letztlich nun sogar günstiger, als einen riesengroßen Laden nur anzumieten, sagt Tafelchef Frank Löffler. An der Neustädter Straße werden seitdem an Bedürftige kostenlos Lebensmittel verteilt.

Es ist kein Einkauf

Es macht mich krank, dass diese Leute nicht genug zum Leben haben. Frank Löffler

Ganz ohne Geld geht es auch bei der Tafel nicht, zwischen 2 und 3 Euro zahlt man dafür, sich pro Ausgabetag Lebensmittel mitnehmen zu können. Es wird jedoch Wert darauf gelegt, dass man sie bei der Tafel nicht kaufen kann – mit dem Beitrag wird ein Teil der Fixkosten gedeckt. 3.000 Euro braucht die Tafel im Monat, um bestehen zu können. Zieht man die Beteiligung ab, sparen Tafelkunden pro Besuch immer noch etwa 90% der Kosten, die sie ansonsten in einem regulären Supermarkt hätten. Einfach so zur Tafel kommen, den symbolischen Beitrag bezahlen und Lebensmittel mitnehmen funktioniert aber auch nicht. Am Anfang steht zunächst die Registrierung: Sie soll sicherstellen, dass nur wirklich Bedürftige von den kostenlosen Lebensmitteln profitieren. Jeder ALG-II-Empfänger ist praktisch automatisch berechtigt, bei anderen wird ein Einkommensnachweis benötigt. Der Tafelkunde erhält dann einen eigenen Ausweis, mit dem er künftig bei der Tafel Lebensmittel holen kann.

Tafel-Haus Wunstorf
Das Tafel-Haus | Foto: Mirko Baschetti
Es sind hauptsächlich „Hartz IV“-Empfänger, die zur Tafel kommen, aber auch immer mehr Rentner. 800 Personen haben sich derzeit bei der Tafel Wunstorf registrieren lassen, das entspricht knapp 2 % der Einwohnerschaft der Stadt. 550 davon kommen regelmäßig jede Woche zum Tafelhaus. Die meisten der Kunden sind Kernstädter, dann Steinhuder und Luther. Die übrigen Ortsteile rangieren weit abgeschlagen. Eine Trennung nach Gruppen gibt es nicht, es wird nicht nach Ausländern oder Deutschen, nach Alt- oder Neukunden unterschieden. Alle sind gleich. Wer was bekommt, hängt aber immer davon ab, was gerade vorhanden ist.

85,5 % nur für die Miete

Einer, der an diesem Tag zur Tafel gekommen ist, ist Karl-Heinz Völzke. Der 70-Jährige ist eine Stunde nach Tafelöffnung an der Reihe und dreht seine Runde im Ausgaberaum. Er nimmt Brot, Käse, Konserven und Gemüse mit. Er lebt von 800 Euro Rente. Seine Ehefrau bekommt auch nur eine kleine Rente. Für die Miete zahlen sie 700 Euro. Kinder gibt es keine, und auch andere Verwandte hat Völzke nicht mehr. Schon mit 28 Jahren wurde er Frührentner, nachdem er als Gleisbauer einen schweren Arbeitsunfall hatte. Seitdem lebt er am Existenzminimum. Früher wohnte er in der Kernstadt, nun kommt er mit dem Bus aus Steinhude zur Tafel.

Tafelkunde
Karl-Heinz Völzke ist regelmäßiger Kunde | Foto: Mirko Baschetti

Er komme nicht wöchentlich zur Tafel, sondern hole nur etwa alle zwei Wochen neue Lebensmittel. Anfangs habe es eine Hemmschwelle gegeben, zur Tafel zu kommen, zeitweise habe er sich komisch gefühlt. Das sei nun nicht mehr der Fall. Völzke betont seine Genügsamkeit. „Viel brauche ich nicht“, sagt er. Doch er kommt nur schlecht über die Runden. Geld ansparen kann er nicht. Wenn etwas Größeres kaputtgehe, werde es gebraucht nachgekauft. Alle zwei bis drei Jahre leistet er sich dennoch einen kleinen Urlaub: eine kurze Busreise. Wenn er mehr Geld hätte, würde er mehr unternehmen, sagt er.

Damit steht er stellvertretend für ein weiteres Problem, das Armut mit sich bringt. Die grundlegendsten Bedürfnisse werden erfüllt, doch alles, was darüber hinausgeht, findet oft nicht mehr statt. Wer materiell arm ist, droht auch sozial zu verarmen, verliert Kontakte und isoliert sich schleichend.

In der orangenen Schürze

Wir wollen selbst sehen, wie ein Ausgabetag bei der Tafel Wunstorf abläuft, und schlüpfen kurzerhand in die Rolle der Praktikanten. Dazu binden wir uns eine der orangenen Schürzen um, die uns als Tafelmitarbeiter ausweist. Schon daran scheitern manche: Es habe bereits Männer gegeben, die bei der Tafel nicht mitarbeiten konnten, weil sie Probleme hatten, sich „Frauenkleidung“ anzuziehen, wird uns berichtet.

Ziel einer Tafel kann es nur sein, zu schließen Frank Löffler

Wir haben einen der schwächeren Tage erwischt. Das bedeutet, dass weniger Lebensmittel im Angebot sind als durchschnittlich. Planbar sei ein Ausgabetag nie, sagt Ursula Jungbluth, die die Tafel in Wunstorf mitgründete. Warum einmal mehr und einmal weniger zusammenkommt, weiß man bei Tafel selbst nicht. Doch auch an diesem Montag reicht es für alle. Brot und Brötchen bleiben sogar noch übrig, doch Käse, Wurst und Joghurt sind schnell vergriffen. Muslime sind bei der Tafel ein wenig benachteiligt – denn die Auswahl ist zwar groß, aber vor allem die Geflügelwurstwaren sind stets als Erstes vergriffen. Etwa alle zwanzig Minuten wird ein neuer Schwung Nachschub aus dem Kühlhaus geholt, um die Truhen nachzufüllen.

Mit Einmalhandschuhen stehen wir neben Anna Luise Busch in der Brotabteilung. In einer geordneten Reihe schieben die Kunden Holzwägelchen mit Warenkörben von einem Ausgabetisch zum anderen. Viele haben auch direkt eine Einkaufstasche unter den Arm geklemmt. Am Eingang gibt es Backwaren und verpackte frische Lebensmittel, dann folgen Konserven und eine lange Theke mit Obst und Gemüse. Die Atmosphäre im Ausgaberaum ist eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Einkaufsmarkthalle. Das liegt vor allem daran, dass einerseits die Waren en masse in Körben und Truhen zur Ansicht bereitliegen, andererseits jeder Einzelne durch die Tafelmitarbeiter persönlich bedient wird. Denn Selbstbedienung gibt es in der Tafel bis auf eine Ausnahme nicht. Das hat verschiedene Gründe: Dass jede Ware zunächst durch die Hände der Tafelmitarbeiter geht, lässt alles geordnet ablaufen, stellt aber auch sicher, dass gerecht verteilt wird: Eine alleinstehende Person soll sich nicht die Familienpackung nehmen können.

Brotausgabe
Eingebunden in der Brotausgabe | Foto: Mirko Baschetti

Natürlich muss nicht die ganze Familie zur Tafel kommen, bei der Anmeldung erhalten die Tafelkunden einen Ausweis, auf dem vermerkt wird, für wie viele Personen sie Lebensmittel abholen können. Das Kärtchen am Band, das viele wie einen Firmenausweis aus der Tasche ziehen oder auch einfach umgehängt haben, wird bei jeder der verschiedenen Theken vorgezeigt. Entsprechend mehr oder weniger geben die Mitarbeiter aus. Ein Alleinstehender bekommt natürlich auch etwas aus der Wursttheke, aber dann vielleicht nicht gerade die 12er-Packung Wiener Würstchen. Der knappe Joghurt geht dann eher an eine Familie als an den alleinstehenden Mann.

Die beste Brotauswahl in der Stadt

Erstaunlich vielfältig ist das Angebot in der Tafel, und das meiste ist Markenware. Allein die Brot- und Brötchentheke wirkt umfangreicher als das Angebot jeder einzelnen Bäckerei in Wunstorf – was logisch erscheint, da die Tafel von vielen verschiedenen Bäckern beliefert wird. Abgelaufene Lebensmittel werden nicht verteilt, aber es gibt eine Extra-Truhe, wo sich jeder selbst auf eigene Verantwortung kürzlich abgelaufene Lebensmittel nehmen kann. Viele fremdsprachige Kunden gibt es, verständigt wird sich daher auch mit Händen und Füßen, wenn die Sprachbarriere nicht überwunden werden kann. Das führt stellenweise zu kuriosen „Einkaufserlebnissen“, wenn die Mitarbeiter jedes einzelne Lebensmittel in die Hand nehmen und anbieten – und der Kunde stoisch immer wieder den Kopf schüttelt, bis endlich das gewünschte Produkt dabei ist.

Gerade das kostet viel Zeit, doch Hektik kommt nie auf. Das liegt auch am ausgeklügelten System, das die Tafel Wunstorf entwickelt hat. Gearbeitet wird mit einem Nummernsystem: Beim Einlass geht es streng nach Reihenfolge, und der Ausgaberaum wird nur nacheinander betreten. Ein Türsteher vermeidet eine „Schnellabfertigung“ und Gedrängel. Schon bei diesem Besuch wird dann für das nächste Mal eine neue Nummer gezogen, so dass jeder mal als Erster drankommt. Auf diese Weise weiß auch jeder, wann ungefähr er beim nächsten Mal drankommen wird, was Wartezeiten vermeidet. Stress oder Neid können so gar nicht erst aufkommen. Letzterer wird eher von außen an die Tafel herangetragen, von Menschen, die selbst gar nicht von Armut betroffen sind. Der Klassiker, erzählt Jungbluth, wäre der dicke Mercedes, der vor der Tafel hält und aus dem die Kunden aussteigen – und schon haben manche sich ihre feste Meinung über die „Sozialschmarotzer“ gebildet. Dabei sei es tatsächlich nur der Nachbar von nebenan gewesen, der ein paar ältere Damen aus einem der Ortsteile regelmäßig extra zur Tafel fahren würde.

Bananenangebot bei der Tafel
Im Supermarkt nicht mehr verkäuflich, aber noch einwandfrei | Foto: Mirko Baschetti

Erst einmal sei es in all den Jahren tatsächlich vorgekommen, dass sich jemand zu Unrecht bei der Tafel bedient habe: Eines Tages entdeckte Jungbluth eine Wunstorfer Tafelkundin hinter der Kasse eines Geschäftes in der Innenstadt – das sich als deren eigener Laden herausstellte. Natürlich sind Selbstständige nicht von vornherein von der Tafel ausgeschlossen, und auch Unternehmer können manchmal wenig eigenes Einkommen haben, doch in diesem Fall lag tatsächlich keine Bedürftigkeit vor. Auch „Tafel-Hopping“ ist ausgeschlossen: Da sich die Tafeln Originalbescheide vorzeigen lassen und diese abstempeln, würden die anderen Tafeln erkennen, wenn sich jemand mehrmals anstellen würde. Man entscheidet sich also einmal für eine bestimmte Tafel und bleibt dann dabei. Das muss übrigens nicht die der eigenen Stadt sein. Die Wunstorfer Tafel hat viele Kunden, die aus Seelze, Garbsen oder Neustadt kommen, obwohl diese Städte eigene Tafeln haben. Auch das hat mit der Stigmatisierung zu tun: Viele wollen in ihrer Heimatstadt nicht als wirtschaftlich schwach erkannt werden. Umgekehrt gehen dann auch manche Wunstorfer zu den Tafeln der umliegenden Städte.

Hallo Frau Tafel!

Tafelchef Frank Löffler arbeitet ganztags für die Tafel – wie die anderen Mitarbeiter ehrenamtlich. Ein Gehalt bekommt er nicht ausgezahlt. Das „Chef“ hört er jedoch gar nicht gerne, denn die Tafel sei eine Teamleistung: Alle arbeiten gemeinsam für das Projekt, und hier wolle sich niemand profilieren. Schulkinder werden strikt herausgehalten, da für Kinder die Stigmatisierung am größten sei. Nur einmal habe man eine Ausnahme gemacht und ein Foto mit Einverständnis der Eltern an die Presse gegeben: Das des überglücklichen Mädchens, das sich durch eine Spende des Lions Clubs einfach so in einem Schuhgeschäft die heißbegehrten Glitzerschuhe nehmen konnte. Dabei haben die Kinder selbst noch die wenigsten Berührungsängste. Wenn sie in der Stadt zufällig Tafelkunden treffe, dann würden sie deren Kinder manchmal mit „Hallo Frau Tafel!“ begrüßen, erzählt Ursula Jungbluth schmunzelnd.

Auf der Jagd nach Lebensmitteln

Um Lebensmittel zu bekommen, nimmt die Wunstorfer Tafel auch weite Wege in Kauf: Bis nach Verden und Bremen fahren die Tafel-Transporter, um dort bei Großlagern frische Ware einzusammeln. In Wunstorf selbst beteiligen sich alle Lebensmittelmärkte, und auch Privatspenden werden angenommen. Der Tafel geht es nicht nur um die Versorgung von Bedürftigen, sondern auch um die Rettung von Lebensmitteln, die sonst auf dem Müll landen würden. Dass heutzutage so viele Lebensmittel weggeschmissen werden müssten, läge zum Teil am Verbraucher, erklärt Löffler: Der wolle eben auch abends um 17 Uhr beim Bäcker noch frische Brötchen bekommen.

Es gibt immer mehr Bedürftige, aber immer weniger Lebensmittel. Das liegt wiederum daran, dass die Lebensmittelmärkte inzwischen auch oft selbst zu reduziertem Preis verkaufen würden. Löffler, der vor Jahren auch persönlich eine Zeitlang Tafelkunde war und genau weiß, wovon er spricht, wünscht sich eine gesetzliche Regelung, eine Pflicht zur Abgabe unverkaufter Produkte an Lebensmitteleinrichtungen. Vor allem ältere Menschen und Familien sind es, die auf die Tafel angewiesen sind. Gerade die Älteren kämen nicht in der Zahl, wie es nötig wäre. Deswegen gibt es auch einen Fahrservice: 50 Tafelkunden werden Lebensmittel wöchentlich nach Hause gebracht.

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Dieser Text erschien als Teil der Titelgeschichte zuerst in Auepost 12/2019

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