Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Vor 87 Jahren wegen der Nazis aus Wunstorf geflohen: Familie von Hans Joachim Kreuzer kehrte nun für einen Besuch zurück

15.10.2026 • Redaktion • 3 Min. • Kommentare: 0

Es begann mit einem Fundstück in einer Bibliothek, das mit der Judenverfolgung in Verbindung zu stehen schien: In der Stadtbibliothek Hannover war ein Buch aufgetaucht, das offenbar einer einst Wunstorfer Familie gehört hatte. Bei der Suche nach den Erben kam heraus: Die Nachfahren leben heute in Israel – und der damals letzte Überlebende der Familie war 1992 noch einmal in der Stadt gewesen.

15.10.2026
Redaktion
3 Min.
Gruppenfoto aus dem Ratssaal: (von links, hintere Reihe:) Michal Kune, Daniel Steinfeld, Mark Budow, Klaus Fesche, Rolf Herrmann, Heiner Wittrock; (davor:) Atalia Shafir, Kirsten Riedel; (ganz vorn:) Silke Bremer, Gerda Steinfeld | Foto: Stadt Wunstorf

Am Freitag, den 9. Oktober, bekam die Stadt Wunstorf Besuch aus Israel: Atalia Shafir, Tochter von Hans Joachim Kreuzer, kam mit ihrem Lebensgefährten, ihrer Tante Gerda Steinfeld und deren Sohn sowie zwei Verwandten aus Deutschland in die Auestadt.

Hans Joachim Kreuzer war der einzige Überlebende der jüdischen Familie Kreuzer, die von 1921 bis 1939 in der Südstraße 32 gelebt hatte. Sein Vater Bernhard Kreuzer hatte dort ein Textilkaufhaus betrieben, anfangs zusammen mit seinem Bruder Adolf, der aber 1927 nach Hannover gezogen war. In der sich für Juden stetig verschlimmernden Situation gelang Hans Joachim Kreuzer 1939 die Flucht nach Palästina, während seine Eltern Bernhard und Else sowie sein jüngerer Bruder Klaus im Holocaust ermordet wurden.

Dem Besuch vorausgegangen war eine Einladung der Stadtbibliothek Hannover. Die dort tätige Provenienzforscherin Silke Bremer hatte in den Beständen ihres Hauses ein Buch ausfindig gemacht – ein Liederbuch Herders –, das Else Kreuzer gewidmet war. Daraus erfolgte die Verpflichtung zur Restitution: Das Buch musste an die erbberechtigten Angehörigen zurückgegeben werden. Die israelischen Kreuzer-Nachfahren sagten sofort zu selbst nach Deutschland zu kommen, und die Reise sollte bereits im April 2026 stattfinden. Dann machte jedoch der Iran-Krieg den Planungen einen Strich durch die Rechnung, die bereits gebuchten Flüge wurden gestrichen.

Reise nach Deutschland

Im zweiten Anlauf gelang nun doch die Reise. In Hannover fand am 8. Oktober die Buchrückgabe durch Oberbürgermeister Belit Onay statt. Einen Tag später kamen die Kreuzer-Angehörigen dann nach Wunstorf, welches Hans Joachim Kreuzer schon 1992 noch einmal besucht hatte. Heimatforscher und Autor des Standardwerks über die Wunstorfer Juden Heiner Wittrock hatte ihn damals bei dieser Gelegenheit sogar persönlich kennengelernt.

Hans Joachim Kreuzer auf einem Passfoto aus der NS-Zeit | Foto: privat
Das Geschäft der Kreuzers in der Wunstorfer Südstraße | Foto: privat

Auch dem Mahnmal an der Abtei wurde ein Besuch abgestattet, bevor es zu einer Stärkung und zu Gesprächen zurück ins Rathaus ging. Seitens der Stadt nahmen außer der 1. stellvertretenden Bürgermeisterin Kirsten Riedel auch der Ratsvorsitzende Rolf Herrmann, Heiner Wittrock und Stadtarchivar Klaus Fesche teil. Silke Bremer begleitete die Gäste.

Der Besuch nahm einen sehr herzlichen und harmonischen Verlauf. Zu Anfang dankte Riedel den Gästen in ihrer Begrüßungsrede, dass durch den Besuch die Erinnerung und das Verstehen gefördert würden. Riedel bekräftigte auch die Mahnung, dass solche Verbrechen wie in der Zeit der NS-Herrschaft nie wieder von deutschem Boden ausgehen oder in Deutschland stattfinden dürften.

In ihrer berührenden Dankesrede zeichnete Atalija Shafir ein liebevolles Porträt ihres Vaters Hans Joachim Kreuzer, der sich in Israel Jair nannte. Sie beschrieb ihn als einen immer lächelnden und stets optimistischen Menschen und fürsorglichen Familienvater, den alle, die ihn kannten, einfach gern haben mussten. Zwischen den Zeilen klang dabei durch, welch riesiger Verlust es gewesen wäre, wenn auch er von den Nationalsozialisten ermordet worden wäre.

Gerda Steinfeld | Foto: Stadt Wunstorf

Anschließend meldete sich auch die 94-jährige Gerda Steinfeld zu Wort. Sie schilderte bewegend ihre Erinnerungen an ihre Kindheit vor dem Zweiten Weltkrieg und im Konzentrationslager Theresienstadt. Sehr betroffen machend berichtete sie auch, wie verstört ihr Cousin Klaus Kreuzer die Verhaftung seines Vaters in der Reichspogromnacht, den anschließenden Krankenhausaufenthalt seiner Mutter und den Verlust der elterlichen Wohnung erlebt hatte.

Deportation 1941

Else Kreuzer hatte damals einen Zusammenbruch erlitten, als ihr Ehemann Bernhard nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald als geschundener und gedemütigter Mann zurückkehrte. Kurz darauf siedelte die Familie Kreuzer von Wunstorf nach Hannover um und wurde im Dezember 1941 von Ahlem aus nach Riga deportiert. Klaus und seine Eltern wurden später ermordet. Gerda Steinfelds bereits verstorbene Schwester Margot Kleinberger hat die Familiengeschichte schriftlich festgehalten: Im Buch „Transportnummer VIII/1387 hat überlebt“ schildert sie die Jugend der beiden Schwestern und das Überleben im KZ Theresienstadt.

Als Geschenk der Stadt erhielten die Gäste das Buch des ebenfalls anwesenden Heiner Wittrock über das Schicksal der Wunstorfer Juden, den Kalender des Heimatvereins für 2027 mit historischen Fotos aus Wunstorf und ein vom Archiv erstelltes Faltblatt mit Fotos und Dokumenten zur Wunstorfer Familie Kreuzer.

Dem Empfang folgten Besuche am früheren Haus der Kreuzers in der Südstraße 32 und des Mahnmals an der Abtei. Das anschließende Mittagessen im Ratssaal begleiteten anregende Gespräche. Die Gäste bekräftigten mehrmals ihre positive Überraschung darüber, dass die Erinnerung an die früheren Wunstorfer Juden lebendig gehalten wird.

Aufrufe: 359
[Anzeigen]









[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:

Kommentare


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

[Anzeige]
Kontakt zur Redaktion

Tel. +49 (0)5031 9779946
info@auepost.de

[Anzeigen]

Artikelarchiv


Am häufigsten gelesen
Auepost auf …