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Edelstein funkelt im LED-Licht: Stiftskirche neu erfunden

30.12.2022 • Achim Süß • Aufrufe: 1299

Zum Weihnachtsgottesdienst sahen viele in Wunstorf erstmals eine illuminierte Stiftskirche. Vorausgegangen waren drei Jahre aufwändige Sanierung. Die kam noch rechtzeitig – die Wände hatten sich schon gewölbt, das Dach hätte irgendwann einstürzen können. Nun zeigt sich die Kirche von unerwartet neuer Seite, verbindet Geschichte und Moderne. Ein spannender Einblick in die Hintergründe der Bauarbeiten …

30.12.2022
Achim Süß
Aufrufe: 1299
Anblick der renovierten Stiftskirche | Foto: privat/Alexander Voigt

Wunstorf (as). „Die Stiftskirche ist mehrfach neu erfunden worden.“ Der Mann, der das sagt, muss es wissen: Jörg Richter, promovierter Kunsthistoriker von der Klosterkammer, gilt als einer der führenden Experten für Kirchen in Nord- und Mitteldeutschland. Er sagt auch, in der Fachwelt sei die Stiftskirche „eher stiefmütterlich behandelt“ worden. Damit ist nun Schluss: Das mächtige Bauwerk auf dem Stiftshügel ist für viel Geld saniert und renoviert worden. Gerade noch rechtzeitig: Gewölbe und Dachstuhl waren einsturzgefährdet.

Statische Probleme offengelegt

Vor knapp drei Jahren ist der langen Chronik der Kirche ein neues Kapitel hinzugefügt worden: Die Sanierung begann. Ein seit langem gehegter Wunsch der Stifts-Kirchengemeinde, dem die Klosterkammer Hannover schließlich entsprochen hat. Offenbar nicht zu früh, denn schnell fanden die Bauexperten von Landesamt für Denkmalpflege und Klosterkammer heraus, dass das Gebäude längst nicht mehr sicher war. Das Vierungsgewölbe hatte sich stark gesetzt, gravierende statische Probleme wurden offenbar.

Als Vierung wird im Kirchenbau der Raum bezeichnet, der beim Zusammentreffen des Haupt- und des Querschiffes entsteht. Die Vierung trennt in Sakralbauten mit kreuzförmigen Grundrissen (wie bei der Stiftskirche) den Chor vom Langhaus. Berühmte Beispiele sind die Dome in Köln, Speyer, Worms sowie Notre Dame in Paris.

Die Sicherung des Gewölbes hatte Vorrang, auch wenn übrige Aufgaben nicht vernachlässigt worden sind. Monatelang stand im zuvor leer geräumten Kirchenschiff ein riesiges Gerüst. Auf dem 6.000 Kubikmeter umfassenden Metallkonstrukt hantierten die Arbeiter, direkt unter der Kuppel des Gevierts. Vor allem aber wurde damit das gefährdete Gewölbe gestützt, während Spezialisten eine besondere Betonmischung einbrachten.

Das Gewölbe hängt jetzt an einer Stahl- und Betonkonstruktion, die wiederum auf den Pfeilern der Vierung ruht. Von alledem ist nichts zu sehen. Kirchenbesucher erleben ein renoviertes Gebäude, die Einbauten sind nicht sichtbar.

Wände wölbten sich nach außen

Damit nicht genug: Auch der Dachstuhl über dem Langhaus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gesenkt. Er ist quasi unbemerkt auf die Grundmauern gesackt, weil die Balkenkonstruktion auf den Wänden vermodert, verfault und vom Schwamm zerfressen worden ist. Wann der schleichende Prozess begonnen hat, ist unklar. Bemerkt hat es offenbar niemand. Auch bei der Sanierung 1967/68 sind die Schäden unbeachtet geblieben. Die Auswirkungen auf das Mauerwerk sind nicht ausgeblieben. Die Wände sind vom Gewicht des Daches nach außen gedrückt worden.

Fußpunkte sind für eine Dachkonstruktion aus Sparren von großer Bedeutung. Sie sind wesentlicher Teil der Statik. In der Stiftskirche hatte der Zahn der Zeit die Fußpunkte fast vollständig zerstört. 

Erst die aktuelle Reparatur hat das Ausmaß ans Tageslicht gebracht, hat deutlich werden lassen, wie stark auch die Mauern in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Es stand schnell fest, dass die Erneuerung der Fußpunkte nicht mehr aufgeschoben werden durfte.

Sanierung mit großer Behutsamkeit

Die Sanierung ist längst erfolgreich abgeschlossen. Nicht zuletzt, weil Zuganker eingebaut worden sind, die die Statik verbessern. Die weiteren Arbeiten sind so schwierig und umfangreich, dass Zimmerleute und Dachdecker noch fünf oder sechs Jahre zu tun haben werden. Die Kosten dafür übernimmt die Klosterkammer, der die Basilika seit der Auflösung des Stifts und der Verstaatlichung Mitte des 19. Jahrhunderts gehört.

Bisher sind mehr als 1,2 Millionen Euro ausgegeben worden – mehr als erwartet. Alle Kosten, die das Gebäude betreffen, übernimmt die Klosterkammer. Die Stifts-Gemeinde als Nutzer finanziert das Interieur. Das ist nur möglich, weil der Kirchenvorstand die historisch ebenfalls bedeutsame Neue Dechanei an der Stiftsstraße, der Basilika gegenüber, verkauft hat. Der Erlös ist weitgehend in die Sanierung der Stiftskirche investiert worden.

Gerüste in der Stiftskirche | Foto: Klosterkammer/Neumann

Die Sanierung – 2019 aufwändig vorbereitet mit dreidimensionalen Messverfahren – ist mit großer Behutsamkeit und Gründlichkeit geschehen. Leitgedanke: Die Gestaltungsideen des 19. Jahrhunderts sollen weitergetragen werden, der romanische Bau soll bestimmend sein. Wo seine ursprüngliche Wirkung verloren gegangen ist, ist sie restauriert worden. Dieser Anspruch stellt allein schon eine Herausforderung für alle Experten und Handwerker dar. Bei jedem alten Bauwerk kommen – manchmal unerwartet – Mängel und Probleme hinzu, wenn die Neugestaltung beginnt. So auch hier.

Erstmals nach der langen Schließung haben die Besucher am Karfreitag 2022 beim Gottesdienst aufnehmen können, wie die Restauratoren-Teams und die Historiker ihr Ziel verwirklicht haben. An den Weihnachtsfeiertagen haben viele hundert Menschen die neue Wandfarbe und die Möglichkeiten der LED-Beleuchtung gesehen. Das Kirchenschiff wirkt vertraut und doch verändert. Der neue Glanz, den die Experten beim Beginnen der Arbeiten versprochen haben, ist überall spür- und sichtbar.

Im Verborgenen

Die meisten Neuerungen sind aber verborgen. „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!“, sagt Stifts-Pastor Volker Milkowski gern, wenn er durch die Kirche führt: Sämtliche Leitungen für Strom, Heizung, Datenübermittlung, Beleuchtung und Lüftung wurden erneuert, die Sandsteinplatten im Inneren der Kirche dafür aufgenommen und neu verlegt. Bis zu einer Höhe von vier Metern wurde der Putz vorsichtig entfernt und nach aktuellen Maßstäben erneuert. Die Wände können wieder atmen, sagen die Experten. Einige sehr alte Malereien sind dabei entdeckt worden. Die Farbreste erlaubten aber keine Restaurierung. In der Stifts-Gemeinde ist das auch mit Erleichterung quittiert worden. Eine weitere jahrelange Schließung der Kirche wäre zum Problem geworden.

Die Technik lässt intensive Beleuchtungen zu | Foto: privat/Milkowski

Das Gotteshaus zählt zu den bedeutendsten Kirchbauten der Spätromanik in Niedersachsen. Dennoch ist es nach Auffassung von Jörg Richter bisher nicht angemessen bewertet worden. Der Kunstgeschichtler hat sich für die Klosterkammer vor und während der Sanierung so intensiv mit der Basilika befasst wie kaum jemand. In Vorträgen während der Verleihung des Wunstorfer Ortspreises 2021 und vor kurzem in einer Veranstaltung des Heimatvereins hat Richter mit einer detaillierten Präsentation das Urteil – auch von Kolleginnen und Kollegen – korrigiert.

Der heutige Bau stammt in wesentlichen Teilen aus dem 12. Jahrhundert. Errichtet wurde eine ottonische Basilika. Vorbilder gibt es im Harzvorland. Beim Bau verwendet wurden Materialien der ursprünglichen Kirche, die zum Kanonissenstift gehörte, das Ludwig der Deutsche 871 unter seinen Schutz stellte. Die erste Kirche wurde - wahrscheinlich um 1010 - bei einem Feuer ebenso zerstört wie das Stift. Teile ihrer Fundamente sind jetzt freigelegt worden. Sie gehören zu den ältesten steinernen Großbauten in der Region Hannover, heißt es in „Klosterkammer aktuell“. Der Neubau trägt den Namen St. Cosmas und Damian, ist etwa 52 Meter lang und aus Deistersandstein errichtet.

Die Verzierungen der Stiftskirche hätten eine „verkommene Form“, sei zum Beispiel 1980 von einer Historikerin geschrieben worden, berichtet Richter. Blicke auf den Baudekor zeigten jedoch, „dass er von überaus guten Steinmetzen ausgeführt worden ist“. Richter hält eine Neubewertung für „dringend erforderlich“.

von überaus guten Steinmetzen

Der Experte verweist unter anderem auf den Hannoverschen Hofbildhauer Ziesenis, der am Epitaph, einem Gedächtnismal für Verstorbene, der Dechantin Sophie von Münchhausen gearbeitet habe und als der beste Fachmann um die Mitte des 18. Jahrhunderts in der Region gelte. Richter stellt auch einen Zusammenhang zwischen der Gestaltung der Kirche und dem Bau des Wunstorfer Bahnhofs her: Die Stiftskirche war Pfarrkirche für die schnell wachsende Stadt Wunstorf und umliegende Orte. Königliche Klosterkammer, Stifts-Gemeinde und Architekten seien zwischen 1851 und 1859 bemüht gewesen, das mittelalterliche Bauwerk zu erhalten und gleichzeitig der expandierenden Kirchengemeinde anzupassen. 1009 Sitzplätze sollten geschaffen werden.

Die baulichen Ergänzungen und die Ausstattung jener Jahre prägen das Erscheinungsbild der Stiftskirche noch heute maßgeblich, berichtet Richter: „ Das Mittelschiff, beide Seitenschiffe und die Querhausarme mussten Kirchenbänke aufnehmen. Ein Lesepult und die Kanzel sollten an den Stufen zum Chor eingebaut werden, da die Sprecher dort gut zu sehen waren. Der Hauptaltar sollte mit einer neuen Schauwand versehen werden.“ Die Sitzmöbel wurden von dem Architekten Eduard Wellenkamp entworfen, ihr Dekor wurde in Hannover in den Werkstätten der Bildhauer Carl Dopmeyer und Georg Hurtzig aus Eichenholz geschnitzt. Die Möbel dann vom Wunstorfer Tischler Küker zusammengesetzt: vier besonders aufwändige Stühle für Stiftsdamen, acht etwas weniger stark verzierte Stühle sowie eine große Zahl von Bänken.

Könnte auch das historische Besteck eines Chirurgen auf dem Schlachtfeld sein – tatsächlich das Instrumentarium des Restaurateurs | Foto: Klosterkammer/Neumann

Wellenkamp entwarf außerdem für den Altar eine hohe Schauwand, die auch von den hinteren Sitzplätzen aus sichtbar sein sollte. Zwei Details dieses Entwurfs betrachtet Richter als wesentlich: Direkt über der Altarmensa findet sich ein kastenartiger Unterbau, dessen Form von mittelalterlichen Reliquienschreinen abgeleitet sei. Richter: „Tatsächlich war am mittelalterlichen Hochaltar der Stiftskirche deren Reliquienschatz verwahrt worden. Der Neuentwurf nahm diese Tradition auf … An der Rückseite der Schauwand befindet sich ein Fach, in das die Reliquien, die man beim Abbruch des alten Altars tatsächlich gefunden hatte, wieder eingelegt worden sind.“ Deutlich werde dort, wie stark der Wunsch gewesen sein müsse, „Spuren der langen Geschichte des Stiftes in die neue Zeit, in völlig andersartige gesellschaftliche Verhältnisse, hinein zu tradieren.“

In die Gegenwart geholt

Richter nennt weitere Details für „Neuerfindung“ und Bedeutung der Stiftskirche: Die Fenster zeigten die angestrebte Symbiose aus Tradition und Moderne besonders deutlich. Deren Rahmenwerk besteht aus Gusseisen, einer in den 1850er Jahren hochaktuellen Technik. Die Verglasung ist nur im oberen Bereich der Rosette farbig und spielt auf mittelalterliche Farbverglasungen an, ohne diese zu imitieren. Der Kirchenexperte nennt den Prozess „das Hineinholen der alten romanischen Basilika in die Gegenwart“ und beschreibt eine entsprechende Bemühung aus den 1960er Jahren: Zwischen 1964 und 1968 sei die Stiftskirche unter Leitung der Klosterkammer erneut „instandgesetzt“ worden. Baudirektor Erik Ederberg entwarf eine Reihe von Ausstattungsstücken, darunter einen Gemeindealtar. Richter: „Der Fixpunkt für den Gottesdienst der Gemeinde sollte weg von der alten Hauptapsis, dichter heran an die Kirchenbänke.“ In diesen umgestalteten Mittelpunkt hinein wurde noch ein mittelalterliches Kunstwerk platziert: das Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert. Ederberg gestaltete eine neue Halterung, so dass das Kreuz fortan in der Vierung über dem Gemeindealtar „schweben“ konnte. Das alte Kunstwerk habe damit eine völlig neue Bedeutung erhalten.

Jörg Richter | Foto: privat

„Warum tut man das alles?“, fragt der Experte abschließend. Sein Credo: Wunstorf besitze mit der Stiftskirche „ein facettenreiches Denkmal – nicht einfach „nur eine Basilika aus einer seltsamen, fernen Zeit“. Das Bauwerk sei in der jetzigen Form ebenso ein bedeutsames Monument des Historismus, der Industrialisierung und auch der Demokratiebewegung der 1960er Jahre. Richter wörtlich: „Zeitschichten lagern sich an ein Denkmal an. Mit offenen Augen kann man sie lesen. Wir in der Klosterkammer möchten, dass die Stiftskirche auch in Zukunft ein festlicher Raum für den Gottesdienst ist. Wir wünschen uns eine offene Kirche, die auch außerhalb der Gottesdienste zu einem Besuch einlädt. Egal, ob nun Kirchenmitglied oder nicht. Ich denke, dass Viele einen solchen weiten, stillen Raum zu schätzen wissen, weil er uns Perspektiven jenseits der Terminkalender zu öffnen vermag.“

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