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Schreie und Hilferufe aus dem qualmenden Klinikgebäude: Großübung in der Kernstadt

29.12.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 1254

Vollalarm in der Kernstadt am Abend, Qualm dringt aus dem Gebäude einer Tagesklinik. Erstickte Schmerzensschreie und Hilferufe sind zu hören. Rettungskräfte aus allen Richtungen eilen in die Gustav-Kohne-Straße. Es ist eine aufwändige Übung: Der Qualm kommt aus der Nebelmaschine, die Wunden und Brandspuren sind aufgemalt – Verletztendarsteller aus Langenhagen mimen die Brandopfer für die Wunstorfer Retter.

29.12.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 1254
Erste Feuerwehrkräfte am Einsatzort: einem Klinikgebäude voller Rauch

Nur knapp 10 Personen wussten ursprünglich von der großen Feuerwehrübung am Mittwochabend des 28. Dezembers. Für alle anderen sollte es geheim bleiben, um ein realistisches Einsatzgeschehen zu erhalten. Das hatte es in sich: Der Brand eines Klinikgebäudes, in dem sich noch über ein Dutzend Menschen aufhielten, wurde simuliert. Um keine echten Patienten zu stören, war ein derzeit leerstehendes Gebäude am Rande des eigentlichen Klinikareals für die Übung gefunden worden – in der Nähe von Küsters Hof, zwischen Hölty-Gymnasium und Bahnübergang Luther Weg, war in dem ehemaligen Schwesternwohnheim alles vorbereitet.

Die Übung soll so realistisch wie möglich ablaufen: Eine Nebelmaschine lässt die Sicht im Gebäude schwinden und soll einen brennenden Wäschetrockner als Brandursache darstellen. Das funktioniert bei der ersten Probe schon so gut, dass man den Nebel erst noch einmal abschaltet, damit nicht Anwohner in der Umgebung einen Brand vermuten und frühzeitig Alarm auslösen. Denn noch fließt Theaterblut: Verletztendarsteller der Realistischen Unfalldarstellung aus Langenhagen haben sich als Statisten zur Verfügung gestellt und sind entsprechend geschminkt – mit schmerzhaft aussehenden Brandverletzungen und verrußten Gesichtern. Dass nicht z. B. Wunstorfer Sanitäter die zu Rettenden darstellen, hat ebenfalls mit der Geheimhaltung zu tun, erklärt Timo Brüning von den hiesigen Johannitern. Auch für die Wunstorfer Johanniter, die wie die Feuerwehr später zum Einsatz alarmiert werden, soll es ein realistisches Szenario sein. Deshalb lassen sich die Kolleginnen und Kollegen aus Langenhagen in Wunstorf „verarzten“.

Die jugendpsychiatrische Tagesklinik wurde zum Übungsort für die Retter

Sirenen und Martinshörner

Kurz nach 18 Uhr wird die Brandmeldeanlage im Gebäude ausgelöst – ganz so, als wäre es ein echter Brandfall. Der Alarm läuft nun in der Brandmeldezentrale des Klinikums auf. Die schickt sofort einen Haustechniker in Rufbereitschaft zum Gebäude: Wenig später taucht Claudio Greco auf, um nach dem Rechten zu sehen. Seit über 20 Jahren ist Greco in der Wunstorfer KRH-Psychiatrie tätig, hat bereits manche Übung mitgemacht. Aber auch echte größere und kleinere Brände und auch ungewöhnlichere Feuerwehreinsätze gab es schon in der Wunstorfer Klinik. Dass die Haustechnik am schnellsten ist, ist dabei die Regel, nicht die Ausnahme: Bis auf einmal sei er stets vor der Feuerwehr am Einsatzort gewesen, berichtet der Klinikmitarbeiter.

An diesem Abend gehört er wie die meisten zu den Ahnungslosen, weiß nichts von der bevorstehenden Alarmierung – die Kollegen hätten dichtgehalten, beschwert er sich lachend. Nun bestätigt er für die Pforte den echten falschen Brand im Gebäude, um sich kurz darauf an die Straße zu stellen, um eintreffende Feuerwehrfahrzeuge einzuweisen.

Es geht los: Alarmierung auf den Funkmeldeempfängern

In anderen Fällen wäre die Feuerwehr nun schon unterwegs, aber in diesem Fall steht sie sogar schon vor der Tür – in Person von Ortsbrandmeister Sven Möllmann, der die Übung überwacht, neben ihm Ordnungsamtsleiter Markus Saars. Auch die beiden wissen noch nicht, was gleich genau passieren wird, welche Einsatzkräfte wann und wie vor Ort eintreffen – denn das hängt vor allem auch davon ab, welche Informationen gleich bei der Leitstelle zusammenlaufen, erklärt Möllmann.

Nun fangen wie erwartet die Brandmeldeempfänger der Feuerwehrleute an zu piepsen – die ersten Feuerwehrleute machen sich auf den Weg zu den Wachen. Alarmiert worden sind neben der Wunstorfer Kernstadt-Feuerwehr auch die Ortsfeuerwehren von Klein Heidorn und Bokeloh und ein Löschzug aus Neustadt. Warum nicht aus Luthe oder Kolenfeld? Die Stadt ist in verschiedene „Tortenstücke“ eingeteilt, erklärt Feuerwehrsprecher Marvin Nowak, der an diesem Abend mit zu den wenigen Eingeweihten gehört. Je nachdem, welche Feuerwehren bestimmten Bereichen zugeordnet sind, aber auch abhängig davon, welche Anforderungen sie erfüllen können, werden sie zum Einsatz gerufen. Es werden also nicht automatisch die räumlich am nächsten liegenden Wehren alarmiert, sondern es hängt auch von den Einsatzplänen und z. B. von spezifischer Ausrüstung ab.

Die ersten Feuerwehrkräfte treffen ein
Die Wunstorfer Johanniter mit Rettungsmitteln
Feuerwehr mit Spineboard
Drehleitereinsatz
Versorgung von „Verletzten“ vor der Klinik
Einweisung von Einsatzfahrzeugen

Aus der Ferne begutachtet Übungsleiter Dennis Heidorn, der stellvertretende Ortsbrandmeister, mit Möllmann, Saars und Stadtbrandmeister Martin Ohlendorf nun weiter, was geschieht. Wenige Minuten nach dem „stillen Alarm“ sind in der Ferne bereits die ersten Martinshörner zu hören, die sich dem fiktiven Brandort nähern. Ein Polizeifahrzeug trifft zunächst ein, dann biegt auch schon das erste Feuerwehrfahrzeug um die Ecke. Die Koordination der vielen Fahrzeuge, die sich entsprechend des Alarmierungsplanes zunächst zum Klinik-Haupteingang begeben und erst im zweiten Schritt zum eigentlichen Brandort weiterfahren, ist Teil der Übung. Der abseits, etwas versteckt und in schmaler Straße liegende Einsatzort stellt eine zusätzliche Hürde dar. Die Drehleiter muss sich beispielsweise so positionieren, dass ein Seitenweg für weitere Fahrzeuge unpassierbar wird.

Die ersten echten Schaulustigen richten ihre Smartphones auf die in Blaulicht getauchte Szene, und auch einige Pressevertreter sind vor Ort und machen ausnahmsweise das, was in echten Einsätzen tabu wäre: Fotos von „Verletzten“. In der Stadt machen die ersten Spekulationen die Runde von „was Großem“ mit viel Blaulicht. Die Einsatzleitung lässt eine Drohne aufsteigen, um das Areal zu erkunden.

Vollalarm: Die Sirenen auf den Dächern springen an

Das Szenario bleibt realistisch: Nachdem die ersten Kräfte die Lage vor Ort gesehen haben, wird Vollalarm ausgelöst – die Leitstelle in Hannover aktiviert die entsprechenden Sirenen in der Stadt. Für die Feuerwehr bedeutet das: Alle verfügbaren Kräfte zum Einsatz melden.

Das Ziel: Nah an der Realität

Auch die Handlungen der Feuerwehrleute sind echt: Schläuche werden zu den nächsten Hydranten gelegt und angeschlossen, Atemschutzgeräteträger durchkämmen das Gebäude auf der Suche nach Vermissten, betreuen erste „Verletzte“. Die Verletztendarsteller belassen es nicht bei Mimik und Gestik – es wird laut geschrien und gerufen, manche husten wie bei einer Rauchgasvergiftung, um auch hier das Stresslevel für die Einsatzkräfte realistisch ausfallen zu lassen. Stark hustende alte und junge Menschen, schreiende „Brandopfer“ – auf sie treffen die zuerst ankommenden Feuerwehrleute aus Wunstorf.

Weitere Wehren auf Anfahrt

In schneller Folge treffen nun immer mehr Feuerwehrleute ein. Neben der Feuerwehr ist der Rettungsdienst vor Ort – auch die Ehrenamtlichen der Johanniter sind zur Unterstützung alarmiert. Denn nicht alle „Geretteten“ finden in Rettungswagen Platz – zur Betreuung der Verletzten und Evakuierten vor Ort wird auch ein Sanitätszelt errichtet. Beleuchtungsmasten tauchen den Einsatzort in helles Licht, Generatoren dröhnen. Die schauspielernden Kollegen werden in Rettungsdecken gewickelt und vor Ort versorgt.

Nach zwei Stunden neigt sich der Übungseinsatz dem Ende, die letzten vermissten Spineboards werden eingesammelt. Insgesamt 50 Kräfte der Feuerwehr, rund 30 Kräfte der Johanniter, dazu der Rettungsdienst und 10 Verletztendarsteller waren an der Übung beteiligt. Neben der Meldekette innerhalb des KRH wollte die Feuerwehr zum Jahresende auch den Ausbildungsstand der eigenen Leute und das Zusammenspiel mit dem Rettungsdienst überprüfen. Auf den kommenden Nachbesprechungen werden Details der Übung genau analysiert werden.

Theaterblut heilt meistens gut … Glücklich über ihre „Rettung“: Unfalldarsteller aus Langenhagen

Eine Großübung pro Jahr und Feuerwehr ist das Soll – für die Wunstorfer Ortsfeuerwehr war es abgesehen von Beteiligungen an Einsätzen anderer Ortswehren die erste und einzige in diesem Jahr. Es war nur eine Übung – doch sie ist ebenso anerkennenswert, wie es ein realer Einsatz gewesen wäre. Die Anstrengung der Beteiligten ist echt, die Erschöpfung ist spürbar. Man hat seinen Feierabend, seine Freizeit geopfert, damit die Stadt wieder ein Stück sicherer geworden ist … indem Retter auf alle Situationen vorbereitet werden, wenn es das nächste Mal irgendwo wieder wirklich brennt.

von Daniel Schneider
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