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Das Auge der Feuerwehr

27.07.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 789

Zu Wasser und zu Lande ist die Wunstorfer Stadtfeuerwehr schon lange unterwegs – nun kam ein weiteres Element hinzu, in dem sich die Retter bewegen. Seit einem Dreivierteljahr haben die Einsatzkräfte Luftunterstützung, die bereits mehrmals erfolgreich eingesetzt wurde: eine Feuerwehrdrohne.

27.07.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 789
Marvin Nowak (li.) und Cedric Weerts mit Drohne | Foto: Daniel Schneider

Mit monotonem, bienenschwarmartigem Sirren steigt sie in die Luft, hält sich einen Moment in der Schwebe und fliegt dann weit in den Himmel über der Wunstorfer Innenstadt, um zu einer Runde über den Jahnplatz mit dem alten, abgerissenen Freibad anzusetzen. An der Bedieneinheit: Feuerwehrmann Cedric Weerts. In der Fotografie sind Drohnen kaum noch wegzudenken, Fotos und Filme aus der Vogelperspektive bieten einen besonderen Reiz. Aber sie sind auch im Alltag nützlich: Handwerker wie z. B. Dachdecker setzen sie bei ihrer Arbeit ein, um sich einen genaueren Überblick zu verschaffen, und auch die Feuerwehr schätzt den Rundumblick von oben: Immer mehr Wehren werden mit einer fliegenden Kamera ausgestattet, die als besonderes Merkmal auch Wärmebilder liefert.

Was vor gar nicht so langer Zeit noch wie Science Fiction wirken musste, wird nun zur Normalität und erleichtert den Einsatzkräften die Arbeit, in bestimmten Situationen teils erheblich. Bewiesen haben das jüngst insbesondere zwei Einsätze auf Neustädter Gebiet: Als in Mardorf und Niedernstöcken Flächenbrände ausbrachen, wurde mithilfe der Wunstorfer Feuerwehrdrohne die Umgebung auf versteckte Brandnester abgesucht und der Einsatzverlauf aus der Luft überwacht. Auch im zurückliegenden Winter wurde die Drohne bei der Kontrolle des zugefrorenen Steinhuder Meers eingesetzt, und als man mit dem Hovercraft auf der Suche nach einem Rettungsweg zu einem Eingesunkenen in sumpfigem Gebiet war, leistete sie den Einsatzkräften ebenfalls große Hilfe. „Einen geeigneten Weg hätten wir sonst nicht so schnell gefunden“, berichtet Cedric Weerts von der Steinhuder Feuerwehr, die den entsprechenden Einsatz leistete.

Von dieser ausgelegten Plane wird auch bei Einsätzen gestartet | Foto: Daniel Schneider
Blick von oben auf die Feuerwache Wunstorf | Foto: Daniel Schneider

Ausgedehnte Brände in unübersichtlichem Gebiet und das zugefrorene Steinhuder Meer werden auch künftig das Haupteinsatzgebiet der Drohne sein, schätzt Marvin Nowak, Pressesprecher der Wunstorfer Feuerwehr. Aber auch bei der Personensuche oder bei Evakuierungen dürfte sie sehr hilfreich sein. Als vor zweieinhalb Jahren in Waldgebiet nach einem Kind gesucht wurde, hatte man noch keine eigene Drohne zur Verfügung gehabt und diejenige aus Seelze angefordert. Denn die Wärmebildkamera deckt nicht nur versteckte Brände auf, sondern liefert durch das farblich abgestufte Umgebungsprofil auch deutliche Hinweise auf die Körperwärme von Personen auf den Darstellungen. Die Drohne liefert ein Livebild, es kann zur Dokumentation aber auch aufgezeichnet werden. Neben dem Bildschirm des Handgerätes können die Bilder der Drohne auch direkt auf die Monitore des Einsatzleitwagens aufgespielt werden.

Von der Eisrettung bis zum Flächenbrand

In persönlichen Notlagen oder wenn Unklarheit darüber besteht, ob sich Menschen noch in Häusern aufhalten, könnte in Zukunft ebenfalls mit Drohnenbesuch zu rechnen sein: In höheren Stockwerken kommt dafür bislang z. B. die Drehleiter zum Einsatz. Die Drohnenkamera gestattet auch in höchsten Gebäuden einen Blick durchs Fenster, bevor womöglich die Tür mit der Kettensäge geöffnet wird. Über Menschenmengen wird aus Sicherheitsgründen jedoch nicht geflogen. Auch als Mitteilungssystem wurde die Drohne schon einmal eingesetzt: Im Frühjahr erinnerte man die Steinhude-Besucher aus der Luft mit Durchsagen an die bestehende Maskenpflicht an der Promenade, von denen einige daraufhin die abgenommenen Masken wieder aufsetzten. Der kleine Lautsprecher erreicht eine überraschende Lautstärke …

Der kleine optionale Lautsprecher überträgt Durchsagen auch über weite Distanzen | Foto: Daniel Schneider
Drohne mit Scheinwerfern am Himmel in 100 Metern Höhe | Foto: Daniel Schneider

Für die Wunstorfer Wehren begann die Drohnenzeit im vergangenen Herbst: Mit der Indienststellung des neuen Einsatzleitungsfahrzeuges kam auch die Drohne zur Stadtfeuerwehr. Das Modell fliegt 70 km/h schnell und ist mit drei Akkus ausgestattet, die die Drohne für jeweils 20 Minuten in der Luft halten können. Parallel zum Einsatz können die verbliebenen Akkus wiederaufgeladen werden, so dass auch längere Einsatzzeiten als eine Stunde möglich sind. Angesteckt werden können auch ein Suchscheinwerfer und ein Lautsprecher. Die eingeschalteten beiden Hochleistungs-LEDs verringern die Flugzeit nur geringfügig und verwandeln die Drohne bei Bedarf in ein effektives Beleuchtungsinstrument, mit dem sich ganze Fassaden ausleuchten lassen, berichtet Nowak. Die Drohne ist damit auch nachts verwendbar – dann allerdings mit eingeschränkter Sensorik. Vor feststehenden Objekten stoppt die Drohne sonst automatisch. Nowak demonstriert die Funktion, indem er den Flugkörper direkt auf die Tore der Feuerwache zufliegen lässt – die Drohne stoppt daraufhin mit einem kleinen abbremsenden Schwung einen halben Meter vor den Rolltoren und verharrt in ihrer Position.

Günstiger als der Polizeihubschrauber

„Wir können Straße, Wasser, jetzt kommt die Luft noch dazu“, sagt Nowak. Der Kostenfaktor ist das Entscheidende, dass die einzelnen Wehren mit Drohnen ausgestattet werden: Die Anschaffungskosten der Drohne liegen genauso hoch wie eine Stunde Polizeihubschraubereinsatz – ein mittlerer vierstelliger Betrag. Wenn die Feuerwehr früher zur Beurteilung der Einsatzlage Luftbilder benötigte, dann blieb nur die Anforderung eines Polizeihubschraubers oder der Feuerwehrflugbereitschaft. Letztere lieferte jedoch keine Wärmebilder, so dass die Drohne in diesem Punkt sogar überlegen ist. Auch sind Flugbereitschaften bisweilen an anderen Einsatzorten gebunden, so dass die örtlichen Feuerwehren mit einer Drohne generell unabhängiger werden.

Die Wärmebildkamera registriert die Reporter und Feuerwehrleute | Foto: Daniel Schneider
Von der Drohne aufgenommene Wärmebilder der Löscharbeiten in Mardorf | Video: Feuerwehr Wunstorf

Die Steuerung mutet komplex an, die Bedienung ist jedoch nicht allzu schwierig und schnell erlernt. Satellitenunterstützung hält die Drohne quasi wie ein Autopilot in Position, fällt das GPS aus, müssen die Drohnenpiloten der Feuerwehr allerdings vollständig manuell steuern und auch äußere Einflüsse wie Windbewegungen ausgleichen. Auf Knopfdruck kehrt die fliegende Kamera automatisch zum Startort zurück – das geschieht auch, wenn sie die Funkverbindung zur Fernbedienung verlieren sollte. Dazu dient auch die ausgelegte Startunterlage, von der die Drohne abhebt: Sie wird von der Drohne bei der Rückkehr als Zielort lokalisiert. Ein Drohnenteam besteht bei Einsätzen immer aus drei Feuerwehrleuten: Einem Bediener, der die Drohne über die Fernbedienung direkt steuert, einem Einsatzleiter und einem zusätzlichen Beobachter. Denn das Gerät ist – erst recht bei eingeschalteter Beleuchtung – normalerweise auch auf Distanz gut zu erkennen. aber wenn sich der „Pilot“ auf die Steuerung konzentriert, kann es doch einmal schneller aus dem Blick geraten. Hierbei hilft der Beobachter, der die Drohne und Umgebung zusätzlich zum Bildschirm mit den Augen weiterverfolgt. Die Identifizierung der Kameradinnen und Kameraden auf den Bildern im Einsatz erfordert dann allerdings auch schon einmal etwas Improvisation: Da müssen die Dargestellten bisweilen winken oder sich anders bemerkbar machen, damit ihnen die Drohnencrew über Funk genauere Hinweise geben kann, in welche Richtung der Wasserstrahl am besten zu richten wäre oder wo sich noch Glut verbirgt.

Aktuell 12 Feuerwehrleute haben den entsprechenden EU-Lehrgang absolviert und können die Drohne steuern – je sechs aus der Kernstadt und Steinhude. Manche hatten bereits Drohnenerfahrung, andere haben sich erstmals mit der Technik vertraut gemacht. Sie bilden nun die Drohnengruppe der Stadtfeuerwehr.

Keine Sperre für Flugverbotszonen

Die eincodierte Begrenzung der Drohne, um nicht versehentlich in Flugverbotsbereiche einzufliegen, ist bei dem Feuerwehrmodell mit Ausnahmegenehmigung abgeschaltet. Normalerweise lassen sich solche Drohnen in entsprechenden Gebieten nicht starten bzw. verweigern den Weiterflug, wenn sie ein gesperrtes Gebiet erreichen. Gerade in Wunstorf ist das bedeutsam, da in Bezug auf den Fliegerhorst der Bundeswehr der Luftsperrbereich für Drohnenpiloten aus Sicht der Kernstadt bereits kurz hinter dem Schützenplatz beginnt. Eine Blankofluglizenz bedeutet das aber auch für die Feuerwehr nicht: Bevor in Luftkorridore eingeflogen wird, wird Rücksprache mit dem Tower am Fliegerhorst gehalten. Im Gegenzug kann es damit auch passieren, dass die Feuerwehr im Luftraum bei Einsätzen mit der Drohne Priorität erhält und Flugzeuge deswegen eine Warteschleife fliegen müssen.

Testdurchsage der fliegenden Drohne vor der Wunstorfer Feuerwache | Video: Auepost

Die Neustädter Feuerwehr wird womöglich erst im kommenden Jahr über eine eigene Drohne verfügen – solange wird es auch weiterhin „Drohnentourismus“ geben, die Wunstorfer auf Anforderung auch in die Nachbargemeinde ausrücken, wenn dort Luftunterstützung während eines Einsatzes benötigt wird.

Weerts aktiviert die Home-Funktion und ruft damit die Drohne zurück an den Startpunkt vor der Feuerwache. Elegant sinkt die Drohne herab und landet mittig auf dem Stadtwappen, das das Zentrum der Startplatzplane markiert. Genauso schnell, wie sie einsatzbereit gemacht worden war, ist sie auch wieder zurückgebaut. Nach einer Minute ist sie im Feuerwehrfahrzeug verstaut und wartet auf ihren nächsten Einsatz.

von Daniel Schneider
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