„Stau in Wunstorf“

Matthias Schwieger im Interview

Das Video zu „Stau in Wunstorf“ verbreitete sich in den letzten Wochen rasant. Eigentlich nur Teil eines größeren Kindermusicals, hat es auch einen Nerv bei den Erwachsenen getroffen: Wir haben den Schöpfer der neuen inoffiziellen Wunstorf-Hymne zu den Entstehungsgründen befragt …

Mattthias Schwieger
Chor­lei­ter und Schöp­fer des „Wunstorf-Musi­cals“, Mat­thi­as Schwie­ger | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf (red). Städ­te sind ger­ne Gegen­stand musi­ka­li­scher Inter­pre­ta­ti­on. Und es muss nicht gleich „New York, New York“ sein. Vie­le Künst­ler haben ihren Hei­mat­städ­ten humor­voll-iro­ni­sche Lie­der gewid­met. Die „Miss­fits“ san­gen einst über Ober­hau­sen, die Wise Guys rapp­ten „Ich bin aus Hürth“. Nun hat auch Wunstorf sei­nen ohr­wurm­ver­däch­ti­gen Song: „Stau in Wunstorf“ fand erst vor kur­zer Zeit sei­nen Weg in eine brei­te­re Öffent­lich­keit – darf aber schon jetzt als die heim­li­che Stadt-Hym­ne gel­ten. Dabei ist das Stück eigent­lich nur ein klei­ner Teil eines gro­ßen Kin­der­mu­si­cals, das im kom­men­den Mai in Wunstorf urauf­ge­führt wird. Kri­tik am Stra­ßen­ver­kehr waren dabei nicht die Grün­de für sei­ne Ent­ste­hung, die Absicht war viel­mehr, ein spaß­brin­gen­des Lied für Kin­der zu schaf­fen. Unbe­strit­ten hat das Stück aber auch bei Erwach­se­nen einen Nerv getrof­fen: Vie­le sum­men es an der nächs­ten roten Ampel bereits auto­ma­tisch vor sich hin. Wir spra­chen mit dem Kom­po­nis­ten, Chor­lei­ter Mat­thi­as Schwie­ger, über die Hin­ter­grün­de zu „Stau in Wunstorf“ …

Wunstor­fer Aue­post: Woher kommt „Stau in Wunstorf“, wie kam es dazu?

Mat­thi­as Schwie­ger: Im Mai 2019 wer­de ich das Kin­der­mu­si­cal „Die drei Chö­re und das Gespenst im Rat­haus“ auf­füh­ren. Um Kos­ten wie GEMA- und Urhe­ber­rechts­ge­büh­ren zu spa­ren, schrei­be ich das kom­plet­te Musi­cal selbst. The­ma­tisch ist es in Wunstorf ange­sie­delt, kann aber mit weni­gen Ände­run­gen auf jede ande­re Stadt über­tra­gen wer­den. Im Musi­cal bringt das Gespenst Ver­kehrs­schil­der, die noch auf­zu­stel­len sind, aus Ver­se­hen durch­ein­an­der. Dadurch ent­steht ein gewal­ti­ger Stau, und die Auto­fah­rer kom­men in das Büro der Mit­ar­bei­te­rin der Stadt­ver­wal­tung, Frau Ach­tung-Vor­fahrt, und sin­gen dann „Stau in Wunstorf“.

Also ist „Stau in Wunstorf“ zunächst eigent­lich gar kei­ne Beschrei­bung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, son­dern bil­det nur die fik­ti­ve Hand­lung ab? Oder ist das durch das Gespenst ver­ur­sach­te Cha­os gar ein augen­zwin­kern­der Erklä­rungs­ver­such für die Wunstor­fer Stra­ßen­ver­hält­nis­se?

Stau in Wunstorf“ beschreibt natür­lich die aktu­el­le Situa­ti­on, wobei die Ursa­che die­ser Situa­ti­on in mei­nem Musi­cal fik­tiv ist – Ken Fol­lett hat z. B. in sei­nem Roman „Die Nadel“ gezeigt, wie es geht: Zwei fik­ti­ve Per­so­nen machen dort den rea­len D-Day erst mög­lich. Es gab ja nun 2018 tat­säch­lich einen gan­zen Tag lang die Situa­ti­on, dass die Klein Hei­dor­ner Stra­ße und die Neu­städ­ter Stra­ße zeit­gleich gesperrt waren und dabei die Umlei­tungs­schil­der eben von der einen in die ande­re Bau­stel­le geführt haben. In mei­nem Kin­der­mu­si­cal hat dann eben das Gespenst im Rat­haus die noch auf­zu­stel­len­den Schil­der aus Ver­se­hen ver­tauscht. Im wei­te­ren Ver­lauf im Musi­cal wird übri­gens der Bau der Umge­hungs­stra­ße in Angriff genom­men. Die Ursa­che dafür ver­ra­te ich aber noch nicht. Ist aber ein sehr lus­ti­ger Grund. …

Haben Sie damit ein­fach auch die Stim­mung in der Stadt auf­ge­grif­fen oder machen Sie selbst leid­vol­le Erfah­run­gen mit dem Stra­ßen­ver­kehr?

Stau in Wunstorf
Stau in Wunstorf | Gra­phik: Aue­post
Ich sel­ber fah­re mehr­mals wöchent­lich von Luthe über den Fracht­weg nach Gro­ßen­hei­dorn. Somit habe ich sel­ber ein gro­ßes Inter­es­se an einer Umge­hungs­stra­ße sowie an den Bau­stel­len der letz­ten Jah­re. Wich­tig ist mir dabei, zu sagen: Ich schrei­be ein Kin­der­mu­si­cal. Das Ziel ist, dass die Kin­der dabei Spaß haben! Und: Ich möch­te die klei­nen Sän­ge­rin­nen und Sän­ger auch nicht instru­men­ta­li­sie­ren für irgend­ei­nen Ärger mei­ner­seits.

Wie kamen Sie dann über­haupt auf die Idee zu einem „Wunstor­fer“ Musi­cal, gab es eine Inspi­ra­ti­on?

Nor­ma­ler­wei­se mache ich mit jedem mei­ner Grund­schul­chö­re ein Musi­cal am Ende des Schul­jah­res. Dies­mal woll­te ich aber ein gemein­sa­mes Stück für alle drei Chö­re auf­füh­ren. Da mein Ver­ein (Ver­ein zur För­de­rung der Musik in Wunstorf und Umge­bung e. V., Anm. der Red.) nur einen sehr klei­nen Jah­res­um­satz hat, habe ich das Stück sel­ber geschrie­ben. Auf die­se Art spa­re ich Auf­füh­rungs- und GEMA-Gebüh­ren. Um auf die nöti­gen Ide­en zu kom­men, bin ich drei Tage durch den Harz gewan­dert. Immer wenn dann eine Idee ankam, habe ich mich auf einen Baum­stamm gesetzt und sie schnell notiert. Die Keim­zel­le zu dem Musi­cal ist sein Titel, „Die drei Chö­re und das Gespenst im Rat­haus“. Als 50-Jäh­ri­ger kann ich die ers­ten zwan­zig „Die drei Fragezeichen“-Kassetten natür­lich noch kom­plett aus­wen­dig. Und so ähnelt auch der Musi­cal-Titel einer die­ser Fol­gen.

Wie vie­le Kin­der wer­den ins­ge­samt am Musi­cal betei­ligt sein?

An dem Musi­cal wer­den ca. 80 Kin­der betei­ligt sein, die „Bar­ne­bees“, die „Gro­hei­dos“ und der „Kolen­fel­der Kin­der­chor“.

Sind die „Gespens­ter im Rat­haus“ das ers­te Mal, dass Sie loka­les Gesche­hen mit einer fik­ti­ven Geschich­te zu einem Musci­al­stoff ver­we­ben?

Im letz­ten gro­ßen auf­ge­führ­ten Musi­cal, „Schnee­witt­chen“, mit der Kin­der- und Jugend­kan­to­rei Gro­ßen­hei­dorn und dem Cho­ro­Fun aus Haren­berg, gab es schon mal eine klei­ne Anspie­lung auf die dama­li­ge Schul­si­tua­ti­on: damals hat­te die nie­der­säch­si­sche Kul­tus­mi­nis­te­rin Frau­ke Hei­li­gen­stadt immer wie­der gesagt, wie aus­ge­zeich­net die Ver­sor­gung der Schu­len mit Leh­rer­stel­len sei. Nur gab es in der Pra­xis eben vie­le Unter­richts­aus­fäl­le. Und so muss­te „mei­ne“ Frau­ke Hei­li­gen­stadt in einem Musi­cal vor dem Schloss­tor blei­ben.

Kön­nen Sie etwas Nähe­res zum Lied „Stau in Wunstorf“ und dem Video sagen?

Das Lied ist sehr fröh­lich ange­legt, es han­delt sich um eine Pol­ka in As-Dur mit Akkor­de­on-Solo, der Melo­die­um­fang und die Wort­wahl sind kind­ge­recht. Auf­ge­nom­men habe ich es mit dem Kolen­fel­der Kin­der­chor. Die Bil­der habe ich sel­ber gemacht und z. T. von der Redak­ti­on der Lei­ne­zei­tung bekom­men. Text und Musik stam­men von mir. Die Musik habe ich an einem Key­board mit Stein­berg-Inter­face und der Soft­ware Cuba­se ein­ge­spielt.

Haben Sie mit die­ser gro­ßen Reso­nanz auf das Video gerech­net?

Nein, über­haupt nicht. Das war nicht abzu­se­hen. In der ers­ten Woche waren es schon 2.000 Auf­ru­fe.

Wur­de „Stau in Wunstorf“ außer im Video schon ein­mal live irgend­wo dar­ge­bo­ten?

Das Lied habe ich schon ein­mal zur Weih­nachts­fei­er des Wunstor­fer Bau­ver­eins auf­ge­führt und im Janu­ar bei den ent­spre­chen­den Kon­zer­ten der Grund­schul­chö­re. Die eigent­li­che Pre­mie­re wird aber am 9. Mai 2019 im Stadt­thea­ter sein.

Wie war die Reak­ti­on der Kon­zert­be­su­cher?

Die Reak­ti­on der Teil­neh­mer war immer sehr posi­tiv, sehr erhei­tert. In Kolen­feld hat sogar der gan­ze Saal den Refrain mit­ge­sun­gen.

Kann man davon aus­ge­hen, dass Sie auch in Zukunft Wunstorf-Bezü­ge in Ihre Wer­ke ein­bau­en wer­den?

Ja, ich den­ke da gera­de etwas an. Aller­dings muss ich dafür wohl noch mal ein paar Tage durch den Harz wan­dern, damit ich genug Ide­en bekom­me. Es gibt übri­gens noch einen wei­te­ren Song, den ich vor­ab auf­ge­nom­men und bei You­tube hoch­ge­la­den habe. Er heißt „Leben in Wunstorf“. Ein sehr schö­ner, posi­ti­ver Song, mit Bil­dern und klei­nen Fil­men aus Wunstorf ver­se­hen.

Die Fra­gen stell­te Dani­el Schnei­der. Die Pre­mie­re des Kin­der­mu­si­cals „Die drei Chö­re und das Gespenst im Rat­haus“ fin­det am 9.5. um 18 Uhr im Stadt­thea­ter Wunstorf statt.

INFO: Song­text „Stau in Wunstorf“

Kommst du von der Arbeit, willst ein­fach nur nach Haus’,
läuft es noch bis Wunstorf gut, doch dann ist es aus.
Schon weit vorm Orts­schild beginnt der Super-Gau,
Wunstorf hat in der Regi­on den aller­schöns­ten Stau.

Stau in Wunstorf, das hat Tra­di­ti­on,
Stau in Wunstorf, seit vie­len Jah­ren schon.
Ampeln, vie­le Bau­stel­len, alles bremst dich aus,
du bist zwar in Wunstorf, aber lan­ge nicht zuhaus’.

Rechts geht ganz ent­spannt eine Frau grü­ßend vor­bei,
links ein Herr mit dem Rol­la­tor ohne Het­ze­rei.
Auf dem Auto­dach baut ein Vogel schon sein Nest,
weil es warm und ruhig ist, das Auto steht schön fest.

Stau in Wunstorf, das hat Tra­di­ti­on,
Stau in Wunstorf, seit vie­len Jah­ren schon.
Ampeln, vie­le Bau­stel­len, alles bremst dich aus,
du bist zwar in Wunstorf, aber lan­ge nicht zuhaus’.

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1 Kommentar
  1. Grit Decker sagt

    Nach dem Lesen des Arti­kels erst mal fix das Video ange­schaut:
    „geil“ gemacht *Dau­men hoch*- und die jun­gen Sänger*innen haben sicht­lich Spaß.

    Klar: nicht als poli­ti­scher Song gedacht und kon­zi­piert, doch die (ver­steck­te) Kri­tik ist nicht zu über­hö­ren.
    Gefällt auch mir aus­ge­spro­chen gut.

    Dem Kin­der-Chor und dem Macher wün­sche ich vol­len Erfolg für die Auf­füh­run­gen des Musi­cals!

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