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Aktionsprogramm Innenstadt

Hilfsvorschläge für Altstadthändler und Fußgängerzone bleiben vage

Viele konkrete Vorschläge waren Ende März auf der Pressekonferenz nicht zu vernehmen, als die Pläne offiziell vorgestellt wurden, wie die Stadt dem lokalen Handel unter die Arme greifen will. Angedachte Entlastungen bauen auf Aktionen, die erst noch umgesetzt werden müssen. Nun scheinen die Maßnahmen ohne Aussicht auf Öffnungsszenarien auch noch zu verpuffen.

Aktionsprogrammvorstellung
Uwe Schwamm, Christoph Rüther und Rolf-Axel Eberhardt stellen das Programm vor | Foto: Mirko Baschetti

Wunstorf (mb/ds). Der Bundes- und Landespolitik wird derzeit gerne vorgeworfen, die vergangenen Monate der Pandemie nicht genutzt zu haben, um sich auf die sich weiterentwickelnde Situation adäquat vorzubereiten, (Test-)Konzepte und Öffnungszenarien zu schmieden und für die schnelle Auszahlung von Hilfen zu sorgen. Etwas anders sieht es auf kommunaler Ebene in Wunstorf aus: Als die Schnelltestungen möglich wurden, war man sofort am Start, die Politik und Verwaltung planen mit dem Wiederhochfahren des Einzelhandels – und die Verwaltung hat viele Ideen zusammengetragen, wie den vom Lockdown getroffenen Gewerbetreibenden, die nur sehr eingeschränkt und aktuell überwiegend ohne Kundenverkehr arbeiten können, zu helfen ist. Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt, Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm und Werbegemeinschaftsvorsitzender Christoph Rüther hatten die Pläne am 25. März in einer Pressekonferenz im Rathaus gemeinsam offiziell vorgestellt. Rüther bestätigte, dass bereits seit längerem Gespräche mit der Stadt geführt werden. Wöchentlich werden mit der Wirtschaftsförderung die aktuellen Entwicklungen besprochen. Die Maßnahmen sind durch bestehende Haushaltsmittel gedeckt, eine genaue Summe konnte aber noch nicht benannt werden.

Planungen für die Zukunft

Im Konzept, das dem Verwaltungsausschuss am 22. März zuerst vorgelegt worden war, heißt es, die Situation für die örtlichen Händler sei dramatisch. Wie viele der Händler akut von einer Insolvenz infolge des Lockdowns bedroht sind oder sich in ernsten finanziellen Schwierigkeiten befinden, davon will man jedoch keine konkrete Kenntnis haben. „Das ist mir nicht bekannt“, sagte Werbegemeinschaftsvorsitzender Christoph Rüther. Direkte Finanzhilfen könne die Stadt ohnehin nicht geben, erklärte Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm.

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Unter der Federführung der Wirtschaftsförderung ist ein 20-Punkte-Plan entstanden. Einiges kommt bekannt vor und erinnert stellenweise an das Südstraßenkonzept aus dem Jahr 2019, dessen Umsetzung nicht weiter vorangetrieben wurde. Teil des Planes sind Überlegungen, leerstehende Geschäftsräume für kurzfristige Vermietungen zu nutzen – sogenannte „Pop-up Stores“ – und dort die Nebenkosten zu übernehmen oder ungenutzte Immobilien in der Fußgängerzone selbst aufzukaufen. Welchen Leerstand die Stadt verzeichne, wurde auf Nachfrage jedoch zunächst nicht beziffert. Tatsächlich ist der Leerstand in Wunstorf nach wie vor äußerst gering: In Nord- und Langer Straße etwa gibt es derzeit nur zwei ungenutzte Geschäftsimmobilien. Schwerpunkt des Konzeptes sind darüber hinaus ein Gebührenerlass für Veranstaltungen der Werbegemeinschaft, für Außengastronomie und Festwirte. Außerdem will man von der Erhöhung bestehender Gebühren Abstand nehmen. Auch Kulturveranstaltungen will man durch Gebührenverzicht fördern. Ein größerer und länger dauernder Weihnachtsmarkt ist ebenso angedacht.

Bestehende Lösungen bleiben unbeachtet

Gespräche mit Marktanbietern und Schaustellern, um neue Anziehungspunkte für die Innenstadt zu schaffen, seien ebenfalls geführt worden, diese hätten bislang jedoch noch keine Ergebnisse gebracht. Hier bewegt man sich in dem schwierigen Spagat, einerseits die Innenstadt beleben zu wollen, andererseits den ansässigen Händlern nicht noch mehr Schwierigkeiten zu bereiten, indem neue Konkurrenz mit identischem Angebot in den Ort geholt wird. So könnten etwa ergänzende Festivitäten den Gastronomen der Fußgängerzone die Außengastronomie verhageln. Das Problem stellt sich aktuell jedoch noch gar nicht: Auch Schausteller und Festanbieter scheuen derzeit die Unwägbarkeiten einer Planung für die kommenden Monate.

Über einen eigenen Online-Marktplatz denke man noch immer nach und sei in Gesprächen mit Anbietern. Auch CDU-Bürgermeisterkandidat Martin Pavel hatte kürzlich einen solchen zum Teil seines 15-Punkte-Plans gemacht. Über Sondierungsgespräche ist man seit Beginn der Pandemie damit allerdings nicht hinausgekommen – und die örtlichen Händler bleiben trotz mehrmaligem und im aktuellen Falle nun schon monatelangem Lockdown in diesem Punkt ohne funktionierende Lösung. Stattdessen beantragen Einzelhändler Grundsicherung oder rufen in sozialen Netzwerken zu Spenden auf. Dass es für Wunstorf bereits sogar gleich zwei lokale Angebote gibt, die einen Onlinemarktplatz geschaffen haben und den lokalen Handel im Netz pushen könnten, findet in den Plänen keine Berücksichtigung: Die App „SHOPPAS“ und das von Auepost-Mutter Auemedien betriebene „DEIN Wunstorf“ sind bereits am Markt, werden in mögliche Strategien jedoch nicht eingebunden.

Innenstadt first

Stadtweite Lösungen sieht man in der Verwaltung mit Skepsis. Zuerst soll es um die Stärkung des Kernstadt-Handels gehen, erst im Anschluss könnte man weitere Einkaufsquartiere wie in Steinhude oder Luthe einbeziehen, ist zu vernehmen. Die Wirtschaftsförderung sieht sich zudem eher in der Rolle des Moderators und möchte hier keine eigenen Akzente vorgeben: Die Impulse dazu müssten aus der Wirtschaft kommen. Primärer Ansprechpartner für ihn sei die Werbegemeinschaft, sagte Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm der Auepost. Der Händlerbund wiederum scheint derzeit keine Ansätze für eine nachhaltige Onlinestrategie zu verfolgen.

Ein Citymanager, wie er derzeit in anderen Städten installiert wird und dort den Händlern bei der Sichtbarmachung auf allen Kanälen unter die Arme greift, scheint auf absehbare Zeit keine Option für Wunstorf. In der Auestadt hatte man in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen mit diesem Instrument der Einzelhandelsförderung gemacht. Dies scheint auch in der Krise fortzuwirken.

Schattige Fußgängerzone
Noch mehr Schatten als Licht in der Fußgängerzone | Foto: Daniel Schneider

Statt auf gezielte aktive Förderung oder neue Ideen setzt man primär auf finanzielle Entlastung: Wenn die Geschäfte irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren können, will man Gebühren großzügig erlassen und den Händlern und Gastronomen organisatorisch entgegenkommen, wo es möglich ist. Dem Hilfsprogramm liegt somit das Prinzip Hoffnung zugrunde, die Hoffnung, dass im Sommer mit Öffnungen bei Hygienekonzepten alles wie im vergangenen Jahr ablaufen kann und die Pandemie danach weitgehend durchgestanden ist.

Das wird aktuell mit jedem Tag jedoch zweifelhafter: in Wunstorf war man 2020 mit drastisch niedrigeren Inzidenzen in den Sommer gestartet, und die offensichtlich ansteckendere Virusmutation B117 war noch kein Panedemietreiber. Derzeit ist nicht absehbar, wie die sogenannte dritte Welle gestoppt werden kann, so dass Geschäfts- und Gastronomieöffnungen ohne Sondererlaubnisse und Ausnahmeregelungen überhaupt wieder möglich werden.

Gebremste Erwartungen

Die Pläne für eine Öffnung im Rahmen eines Pilotprojekts haben sich unterdessen zerschlagen. Die Region hatte für Wunstorf abgewunken, um sich auf Hannover zu konzentrieren. Doch auch dieses ist inzwischen aus dem Rennen. Zum Zuge kommen stattdessen 13 andere Städte wie etwa Braunschweig, Cuxhaven, Oldenburg, Lüneburg, Hildesheim – und Nienburg. Diese Städte können nun sichere Zonen ausweisen und darin den Einzelhandel, Gastronomieaußenbereich von Cafés und Restaurants, Fitnessstudios, Galerien, Kinos und Theater öffnen. Mit Nachverfolgungs-App und negativem Schnelltest wird man in die Zonen hineingelassen, falls die Bundesregierung die niedersächsischen Pläne nicht noch stoppt. Niedrigere Inzidenzen und elektronische Kontaktnachverfolgung waren für die Auswahl der Kommunen ausschlaggebend. Beides hatte Wunstorf nicht im Angebot.

Damit kippt zunächst nahezu das gesamte Hilfskonzept der Stadt, denn ohne Öffnungen kann es auch keine Entlastungen geben. Die beschlossenen Hilfen verpuffen quasi bzw. liegen auf Eis, solange der Lockdown andauert. Andere Punkte betreffen hingegen nur eine Minderheit, etwa bei den zinslosen Stundungen von Mieten: Die Stadt selbst vermietet nur vier Gewerberäume in der Fußgängerzone – die meisten Innenstadthändler profitieren also gar nicht davon. Selbst die Idee eines verlängerten Weihnachtsmarktes verwundert, hat Wunstorf doch bereits den zeitlich größten in der Region – eine nennenswerte Verlängerung würde daher Weihnachtsmarkt im November oder Januar bedeuten.

Auch den Händlern und Gastronomen in Wunstorf bleibt damit vorerst nur das Prinzip Hoffnung: Dass es in absehbarer Zeit wieder möglich sein wird, Geschäfte und Restaurants öffnen zu können. Erst dann kann auch die städtische Unterstützung greifen.

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