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Der Jahnplatz in Gefahr: Stadt beruhigt besorgte Anlieger

17.04.2023 • Schneider / Süß • Aufrufe: 2745

Politiker treffen Bürger: Was in Wahlkämpfen gern gezielt organisiert wird, kann im Alltag auch irritieren. So geschehen jetzt während eines informellen Treffens am Jahnplatz. Knapp 40 Anlieger verfolgten den Termin – uneingeladen, besorgt und zum Unwillen einiger Repräsentanten der Stadt.

17.04.2023
Schneider / Süß
Aufrufe: 2745
Der Jahnplatz mit Blick auf die Stadtkirche | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (as/ds). Genau in der Sichtachse zum Eingang des Rasenplatzes ragt der Stadtkirchturm im Hintergrund auf. Bildgewaltiger ließe sich kaum symbolisieren, wie zentral diese Fläche in der Stadt tatsächlich liegt. Welche Bedeutung sie für das Stadtklima und die Anwohnerschaft hat, das dürfte jedoch unbekannter sein. Vor allem seit das Freibad 2013 geschlossen wurde, nahm man den Bereich Jahnplatz, der als städtischer Sportplatz ausgewiesen ist, nur noch als Anlaufstelle trainierender Vereine und spielender Kinder wahr. Dabei ist das Areal vielschichtiger und könnte bei entsprechender Herangehensweise ein weiterer attraktiver Anziehungspunkt im Zentrum werden. Stattdessen besteht nun die Befürchtung, dass das Gelände größtenteils unter Neubauten verschwindet.

Während eines Ortstermins auf Jahnplatz und Freibadgelände an der Amtsstraße haben sich nun Vertreter des Stadtrates und des Ortsrates Wunstorf von der Stadtverwaltung und weiteren Experten mit den aktuellen Gegebenheiten vertraut gemacht. Das informelle Treffen am vergangenen Dienstag sollte der Vorbereitung von Planungen, Beratungen und Entscheidungen dienen. Das Treffen war auf Initiative der Bauausschussvorsitzenden Kirsten Riedel (SPD) zustandegekommen. An Ort und Stelle wollten sich die Kommunalpolitiker von der Verwaltung informieren lassen. Das Treffen war als „intern“ gedacht, war den Anliegern aber nicht verborgen geblieben. Fast 40 besorgte Nachbarn und Jahnplatznutzer lieferten Politik und Verwaltung eine ungewollte Kulisse. Tenor der Stellungnahmen aus Rat und Rathaus: „Noch ist nichts entschieden!“

Zeigen, was Sache ist

Mit welchem Widerstand bei Bebauungsplänen zu rechnen ist, zeigte sich aber bereits deutlich: Nicht mit Plakaten, Transparenten und Trillerpfeifen, sondern durch bloße Anwesenheit. Plötzlich sah es auf dem Jahnplatz so aus, als wäre schon wieder Stadtjubiläum oder irgendein großes Fest an einem sonnigen Frühlingstag: Spielende Kinder rannten über das Grün, Eltern mit Kinderwagen trafen sich zum Plausch, Familien schlenderten über die Anlage und Freizeitsportler gingen ihren Hobbys nach. Der Jahnplatz wirkte wie das Bild aus einem Katalog für geglückte Stadtentwicklung.

Am alten Freibad informieren sich die Politiker über mögliche Neubebauung | Foto: Daniel Schneider
Die junge Pilotin hofft wie ihre Eltern, dass der Jahnplatz nebenan erhalten bleibt | Foto: Daniel Schneider

Das war kein Zufall, sondern orchestriert: Es hatte sich herumgesprochen, dass sich die Fraktionen des Stadtrates am Dienstagabend gemeinsam vor Ort einen Eindruck verschaffen wollten als Grundlage für künftige Beratungen. In den Tagen zuvor hatten Aufrufe in den sozialen Medien kursiert, am Dienstagabend extra zum Jahnplatz zu kommen, damit die versammelten Politiker auch sehen können, wie viele Menschen den Platz tatsächlich nutzen. Dass es sich nicht um eine Brache handelt, die niemanden interessiert.

Was soll mit dem Jahnplatz geschehen? Das alte Wunstorfer Freibad ist längst aufgegeben, der Jahnplatz nur noch Freifläche zum Bolzen. Seit Jahren wird über die Möglichkeiten diskutiert, die beiden Flächen nahe der Fußgängerzone gemeinsam zu entwickeln. Aus der früheren Badeanstalt soll ein kleines Baugebiet werden. Das ist in Rat und Verwaltung relativ unumstritten. Diskutiert wird aber, ob und in welchem Umfang der Jahnplatz bebaut werden soll. Während eines ambitionierten Werkstatt-Gesprächs haben mehr als 100 Interessierte mit Fachleuten vor acht Jahren Ideen zusammengetragen. Der Wunsch nach dem Erhalt des Sportplatzes als Grünfläche und die Entwicklung zu einem stadtnahen Freizeitgelände waren wesentliche Aspekte dieser Veranstaltung zur Bürgerbeteiligung.

Die Kommunalpolitiker waren nicht sonderlich beeindruckt, denn sie leben schließlich auch nicht hinter dem Mond, hatten von dem Aufruf ebenfalls erfahren. Sie rechneten bereits mit mehr Menschen, als sich üblicherweise dort aufhalten.

Die Stadtvertreter verschaffen sich vor Ort ein genaues Bild | Foto: Achim Süß

Die Repräsentanten der Stadt gingen über die Anwesenheit der Zaungäste daher auch zunächst wortlos hinweg, Einzelne reagierten aber sichtlich gereizt. Nachdem sich der eine oder andere Nachbar mit Fragen und Bemerkungen eingemischt hatte, ergriff schließlich Wunstorfs Ortsbürgermeister Thomas Silbermann das Wort. Der SPD-Politiker versicherte, es sei nichts entschieden, aber hier und jetzt wolle man „gerade nicht debattieren“. Das Treffen diene lediglich der Sondierung und der Inaugenscheinnahme des Geländes. Das hielt eine Anwohnerin nicht davon ab, den Ortsbürgermeister fast anzuschreien: „Können Sie uns versprechen, dass der Sportplatz erhalten bleibt?“, lautete die nachdrückliche Frage. Silbermann blieb bei den Fakten: „Wir können noch gar nichts versprechen.“

„Können Sie uns versprechen, dass der Sportplatz erhalten bleibt?“

Anwohnerin zum Ortsbürgermeister

In gereizter Atmosphäre pflichteten ihm andere Ratsmitglieder bei. Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD), soeben aus dem Urlaub zurück, hielt sich bis zuletzt mit Äußerungen bedeckt. Gegen Ende des Treffens, als sich kleine Gruppen bildeten und sich an unterschiedlichen Stellen des Geländes umsahen und informieren ließen, bekräftigte er die Darstellungen von Silbermann. Anlieger berichteten später, er habe offen und ruhig den Stand der Dinge erläutert.

Grüne Idylle an der Alten Südaue: Der Jahnplatz zwischen Feuerwehr und Polizei | Foto: Daniel Schneider
Wunstorfs erster Stadtpark und Sportzentrum: Der Platz hat eine lange Historie – noch bevor dort in den 1930er Jahren das inzwischen abgerissene Freibad Wunstorf errichtet wurde, kam hier die gesamte Bevölkerung zusammen. Im Gegensatz zum elitären Bürgerpark, wo ein Parkwächter auf die Einhaltung der guten Sitten achtete, wurde im „Arbeiterpark“ am Jahnplatz schon vor über hundert Jahren gespielt und Sport getrieben – und in der Südaue gebadet. Es gab Sommerkegelbahn und Radrennbahn. Fußball wurde am Jahnplatz gespielt, nicht im Bürgerpark. Der Name Arbeiterpark geht auf den 1893 von Heinrich Magnus gegründeten Wunstorfer Arbeiterverein zurück, der Sport und Bildung für alle Schichten ermöglichte. Hier kamen die „einfachen Leute“ zusammen, heute würde man sagen: zur Freizeitgestaltung.

Zwischenzeitlich schien das unerwünschte Zusammentreffen zu eskalieren. Aus dem Kreis der Anlieger war SPD-Fraktionschef Martin Ehlerding attackiert worden. Die Auepost hatte ihn vor kurzem mit dem Satz zitiert, die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung im Werkstattgespräch könne „man nicht gänzlich ignorieren“. Diese Äußerung wertete einer der direkten Anlieger des Freibadgeländes als unverschämt. Ehlerding wies das zurück und lieferte dem erzürnten Kritiker eine Erklärung: Der Satz sei im Grunde an diejenigen in der SPD gerichtet gewesen, die nicht nur „moderate Randbebauung“ befürworten, sondern weitgehende Nutzung des Jahnplatzes.

Keine potemkinschen Dörfer

Als wir eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern zum Spielen gekommen ist, auf die getarnte Demonstration ansprechen, tut sie zunächst so, als wäre das alles tatsächlich ein ganz normaler Nachmittag auf dem Jahnplatz. Doch dann beginnt sie zu erzählen: Man wäre vielleicht nicht ausgerechnet um 18 Uhr gekommen, aber sie sei fast täglich mit den Kindern am Jahnplatz. Vor allem die Freifläche sei der letzte Ort, wo Kinder und Eltern tatsächlich noch frei spielen und sich bewegen könnten. „Hier gibt es ja sonst nichts.“ Den Satz hören wir an diesem Tag immer wieder.

„Hier gibt es ja sonst nichts“

Anwohnerin

Der Bürgerpark sei keine Alternative – für die Bewohner der Südstadt liege er praktisch am anderen Ende der Altstadt, sei zu weit entfernt und hätte auch eine andere Zielgruppe. Wo Senioren aus dem Altersheim gemütlich im Halbkreis auf den Bänken in der Sonne sitzen oder Jogger und Hundehalter ihre Runden drehen, da könne man keine Modellflugzeuge fliegen lassen oder mit Bällen durch die Gegend schießen. Genau dieser Konflikt hatte sich herauskristallisiert, als die Ortspolitik die Anschaffung von Discgolf-Körben für den Bürgerpark überlegt hatte – der Plan scheiterte letztlich an versicherungsrechtlichen Haftungsfragen, weil sich Passanten und Frisbeescheibenwerfer in die Quere gekommen wären. Für sportliche Freizeit-Aktivitäten eignet sich der Bürgerpark nur bedingt, und auch das Barne-Sportzentrum, das als Alternative gern genannt wird, ist keine: Vereinssport und Freizeitsport sind zwei paar Schuhe.

Ein Hauch von Englischem Garten mitten in Wunstorf | Foto: Daniel Schneider

Über den historischen und freizeitlichen Aspekt hinaus hat das Gelände eine besondere Bedeutung: Es sorgt dafür, dass sich die Mitte der Kernstadt an heißen Tagen nicht so sehr aufheizt. Es bildet zusammen mit der Aue und ihrem Grünzug ein klimatisches Reservoir, das in Zukunft noch wichtiger werden dürfte. Um Stadthitze und Klimawandel ging es den Gekommenen am Dienstag aber weniger, die praktische Weiternutzung stand im Vordergrund.

Das „rote“ Tafelsilber verkaufen?

Ironie an der Geschichte: Vor allem Stimmen aus der SPD sind es nun, die das ehemalige Arbeiterparadies zum weitgehenden Baugebiet auserkoren haben – in den in der Vergangenheit angedachten Szenarien würde vor allem der Jahnplatz seinen offenen Charakter weitgehend verlieren – die große grüne städtische Freifläche im Zentrum würde verschwinden. Die Anwohner rennen mit dieser Angst in der Politik offene Türen ein: Es zeichnet sich ein fraktionsübergreifendes Eintreten für den Erhalt oder eine Neugestaltung der großen Grünfläche ab. Deutlicher Widerstand gegen starke Bebauung regt sich bei CDU, FDP und Grünen, die das Gelände für alle Wunstorfer weiterentwickeln möchten. An Ideen mangelt es nicht. Eine Art Englischen Garten können sich manche vorstellen, wünschen sich eine große, sonnige Parkanlage, andere würden einfach gerne die Wiese behalten.

Dass dem Aufruf zum Präsenzzeigen nicht nur direkte Anwohner gefolgt waren, scheint die Bedeutung des Jahnplatzes in der Stadt zu unterstreichen: Ohne echte Einbindung der Wunstorfer in die kommenden Pläne dürfte die Angelegenheit weiter eskalieren. Die Befürchtungen sitzen tief, dass hier im Hinterzimmer Fakten geschaffen werden für einen Ort, der im Moment noch allen Wunstorferinnen und Wunstorfern gehört.

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Kommentare


  • Birgit N. sagt:

    Es ist sehr erstaunlich, dass gerade in Zeiten wie diesen, wo quasi jedes freie Plätzchen Bebauungsplänen zum Opfer fallen könnte, überhaupt Bürger Angst um schöne Grünflächen, nutzbar für Freizeitaktivitäten und als grüne Oase gegen die Auswirkungen des Klimawandels fungiert, haben müssen. Die Frage ist, wie weit „Pläne“ dieser At gehen sollen. Menschen brauchen Rückzugsorte in grüner Natur, unverbaut und frei. Neubauten entstehen nach immer gleichem Prinzip: Bebauungspläne rücksichtlos zu Lasten der Natur, hoffentlich steigen bald die Zinsen, das Interesse an solchen Plätzen verflacht und schmilzt wie Butter in der Sonne.

  • Klaus Bathelt sagt:

    Für Wunstorf wird es eng.
    Außen Gewerbegebiete–innen keine Grünflächen.

    Der Jahnplatz muss bleiben – sonst entstehen wieder mehr unbezahlbare Wohnungen.

    Wunstorfs Politiker sind eh schon grenzwertig.
    Also nutzt endlich den Verstand .

  • Lydia Bertani sagt:

    Das Gelände gilt nach Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz als „Risikogebiet außerhalb von Überschwemmungsgebieten (§ 78 b WHG)“

    „Es handelt sich um Flächen, bei denen nach § 78b WHG ein signifikantes Hochwasserrisiko ermittelt wurde und die bei einem Hochwasser mit niedriger Wahrscheinlichkeit [HQextrem] über das festgesetzte bzw. vorläufig gesicherte Überschwemmungsgebiet hinaus überschwemmt werden können……“

  • Berndt Günther sagt:

    Der Jahnplatz entstand auf Initiative des ersten Ehrenbürgers Wunstorfs! Seine weitere Entwicklung nahm das Freibad, der „Jahnplatz“ und die Badeanstalt durch rein ehrenamtliches Engagement des Arbeitervereins. Wunstorfer Vereine haben sich vor fast 100 Jahren für den Bau des Jahnplatzes eingesetzt. In Zeiten der akuten Zahlungsunfähigkeit vieler Kommunen entstand 1932/33 das Wunstorfer Freibad, finanziert durch den Verkauf des Wunstorfer Krankenhauses. Das Krankenhaus wurde 1862 durch eine Stiftung und bis zu seinem Bau durch Wohltätigkeitsveranstaltungen ermöglicht. 1994 setzte der ehemalige Förderverein Freibad Wunstorf e.V. – dem 1996 der Ortspreis für sein Engagement verliehen wurde – die ehrenamtliche Tradition dieses durch Heinrich Magnus initiierten Turn- und Sportplatzes mit Badestelle fort. Soviel zum geschichtlichen! Einen anderen Aspekt bildet der Landschaftsrahmenplan der Stadt Wunstorf, in dem der Verlauf der alten Südaue unter besonderem Schutz steht. Ebenso wird im Landschaftsrahmenplan von 2012 der Grünzug durch die Innenstadt – also auch Jahnplatz/Freibadgelände – mit der höchsten Konfliktstufe IV in Punkto Bebauung belegt. Die ehrenamtliche Geschichte Wunstorfs und die Ausrichtung der Grundsätze des Klimaschutzes, müssen wir als Vorbild sehen und den Klimaschutz konsequent umsetzen. Kann das Wunstorf?

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