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Der lange Weg zu A400M und Mammut-Werkstatt

25.10.2023 • Achim Süß • Aufrufe: 1874

Die Airbus-Werkstatt, deren Bau gerade medienwirksam begonnen hat, setzt schon wegen ihrer Größe neue Maßstäbe in der Stadt. Lange vor dem Spatenstich hat das Projekt schon Militärs, Flugzeugexperten, Baufachleute, Ämter, Behörden und Dienststellen beschäftigt. Im Wunstorfer Rathaus allein waren 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter involviert. Noch unklar: Wo werden die erwarteten Experten wohnen?

25.10.2023
Achim Süß
Aufrufe: 1874

Wunstorf (as). Riesen-Gebäude stehen in Manhattan, Singapur und Abu Dhabi. Wunstorfs Großbauten nehmen sich dagegen fast winzig aus. In der Barne und in Steinhude erreichen die Hochhäuser die 30-Meter-Marke und in Luthe das Kühlhaus von Transthermos eine Höhe von etwa 35 Metern. Es galt mit einer Länge von 144 und einer Breite von 39 Metern einmal als das größte seiner Art in Europa. Trotz dieser enormen Ausdehnung würde das Kühlhaus zweimal in den Werkstatt-Hangar von Airbus passen.

Das neue Wartungszentrum des Airbus-Konzerns für das größte Transportflugzeug der Bundeswehr wird das Stadtbild zwischen Großenheidorn und Klein Heidorn völlig verändern. Wer auf der B442 daran entlangfährt, passiert eine 85 Meter lange Wandfläche, die knapp 30 Meter hoch ist. Der 140 Meter lange Klotz bietet Airbus eine Wartungshalle von 12.000 Quadratmetern Größe. Diese Fläche ist mehr als doppelt so groß wie das größte Zelt beim Oktoberfest, das 4.500 Sitzplätze bietet, oder fast so ausgedehnt wie zwei Fußballfelder.

Ein gewaltiger Bau

Die freitragende Dachkonstruktion ist von den Experten von PSP Architekten Ingenieure entworfen worden, für die Planung ist die Sellhorn Ingenieurgesellschaft, beide Hamburg, verantwortlich. Hauptauftragnehmer ist die Verdener Baufirma Matthäi in Zusammenarbeit mit der GP Papenburg Baugesellschaft.

Nur ein kleiner Ausschnitt aus den geplanten Dimensionen des Airbus-Gebäudes: Unten rechts im Bild eine Eingangstür. | Quelle: Stadt Wunstorf

Mit PSP und Sellhorn sind Spezialisten aktiv, die zur Crème de la Crème der Baubranche gehören und international aktiv sind. PSP beschäftigt mehr als 60 Planerinnen und Planer im Hamburger Büro. Für Großprojekte kooperiert das Unternehmen mit nationalen und internationalen Partnern. Die Teams können auf bis zu 500 Personen anwachsen. Seit mehr als 20 Jahren bearbeitet PSP weltweit Mammut-Vorhaben und verfügt über Büros in Argentinien, Mexiko und China.

Sellhorns Beratungs- und Planungsleistungen decken das gesamte Tätigkeitsfeld des beratenden Ingenieurs ab: von der Grundlagenermittlung über alle Planungsstufen bis hin zur Bauüberwachung. Außer dem Hauptsitz Hamburg gibt es Büros in Bremen und Köln, aber auch in Beirut und in Dar es Salaam. Von dort aus betreut Sellhorn Kunden in Asien und Afrika. Schwerpunkt sind dort Hafen- und Infrastrukturprojekte.

Stadt lobt Zusammenarbeit mit Airbus

Was für die Hamburger Planer eher Routine war, hat die Wunstorfer Stadtverwaltung vor Herausforderungen gestellt: „Es war schon eine umfangreichere Prüfung und eine höhere Komplexität als bei anderen Bauvorhaben“, beschreibt Stadtsprecher Alexander Stockum die Aufgabenstellung für das Baureferat und andere Fachbereiche. Allerdings sei mit Airbus ein professioneller und verlässlicher Partner im Boot, „der alle fachlichen Anforderungen im Rahmen des Bauleitplanverfahrens erfüllen und souverän klären konnte“. Stockum würdigt wie Bürgermeister Carsten Piellusch beim Spatenstich „die wirklich gute Zusammenarbeit mit Airbus“. Zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus acht Fachbereichen wie Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und Ordnung seien an dem Projekt direkt beteiligt gewesen, zumindest phasenweise.

Uwe Schwamm war als städtischer Wirtschaftsförderer beteiligt | Foto: Malte Süß

Schon die Zeit vor der Planung war anspruchsvoll: Das Airbus-Werk liegt in den beiden Gemarkungen Klein und Großenheidorn. Die Flächen gehörten 15 privaten Eigentümern, der Stadt und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die Stadt hat die Kaufverträge abgeschlossen und darin die Abtretung an Airbus vorgesehen.

300 Arbeitsplätze werden nach Angaben des Konzerns mit der Werkstatt in Wunstorf entstehen. Die Stadtverwaltung gibt sogar in einer aktuellen Übersicht über Wohnbauvorhaben 400 Stellen an. Gesucht werden vom nächsten Jahr an vor allem hochspezialisierte Experten – und die müssen irgendwo wohnen. Gespräche und Verhandlungen zwischen Airbus und Stadt dazu sollen in naher Zukunft beginnen. Bürgermeister Piellusch nennt im Gespräch mit der Auepost die Baugebiete Im Kellerbusch Süd und Viertel vorm Meer in Steinhude.

Wohnraum für Hunderte gesucht

Die sind in Planung beziehungsweise in Vorbereitung für die Umsetzung. Allerdings: „Im Kellerbusch“ ist laut Angaben der Stadt eigentlich gedacht, um den Wohnbedarf der Ortschaft Steinhude zu decken. Dort sollen 60 Wohneinheiten entstehen. Im „Viertel vorm Meer“ nahe des Sölterweg soll das ehemalige Werksgelände von Nadoplast zum Wohnquartier werden: 160 Wohneinheiten sind geplant – mehrgeschossige Bauten, Reihenhäuser und Stadtvillen. Architektonisch ausgefallen sind vier turmartige Gebäude mit bis zu vier Etagen, deren Dächer so geformt sind, dass sie gemeinsam wie eine Art Welle wirken.

In der Kernstadt nennt die Stadtverwaltung die 50 Wohneinheiten im Bauvorhaben Mühlenaue West, einem Erweiterungsprojekt zum Bereich Mühlenaue Ost, wo die ehemalige Mühle der Familie Langhorst zum Wohnquartier umgestaltet wurde. Hinzu kommen sollen 24 Wohneinheiten am Ende der Langen Straße: Auf dem Gebäude der früheren Lohgerberei, zuletzt im Besitz der Familie Pelz, soll nach dem Abriss des Altbaus ein mehrgeschossiges Wohngebäude entstehen. Aus dem Baureferat ist außerdem zu vernehmen, überall in der Stadt würden sich Flächen finden, auf denen Wohngebäude entstehen könnten.

Lufttransporter der Superlative: Der Airbus A400M ist ein viermotoriger Schulterdecker (d. h. Tragflächen bündig oberhalb des Rumpfs) mit Turboprop-Triebwerken und einer befahrbaren Heckrampe. Zu den Spezialitäten gehört, dass die Maschine von kurzen, unbefestigten Pisten operieren und Fallschirmjäger und Lasten aus der Luft absetzen kann. Die Ausrüstung ermöglicht es der Besatzung, ohne Unterstützung vom Boden aus zu operieren. Zum Einsatzspektrum zählen die Verwendungen als Lazarett- oder als Tankflugzeug. Mit zusätzlichen Spezialbehältern ist der Airbus auch als Löschflugzeug verwendbar. Das Flugzeugmuster ersetzt und ergänzt in der Luftwaffe von sieben europäischen NATO-Staaten die zum Teil veralteten Transall und Hercules. Der A400M bietet gegenüber diesen Typen höhere Nutzlast, mehr Transportvolumen, größere Geschwindigkeit und Reichweite: Im Laderaum finden 114 voll ausgerüstete Soldaten Platz oder sechs Geländewagen mit Anhänger oder ein mittlerer Transporthubschrauber oder auch drei Transportpanzer. Flughöhen von bis zu 37.000 Fuß (11,2 Kilometer) werden erreicht. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 750 Stundenkilometern. Das Tempo ist von Nutzlast und Flughöhe abhängig. Die Maschine ist 45,10 Meter lang und am Leitwerk 14,70 Meter hoch. Die Spannweite beträgt 42,36 Meter. Die Besatzung besteht standardmäßig aus zwei Piloten und einem Ladungsmeister. Zu den Besonderheiten dieses Flugzeugs gehört, dass sich die beiden Propeller einer Tragfläche in entgegengesetzter Richtung drehen: In Flugrichtung betrachtet rotieren sie an Triebwerk 1 und 3 im Uhrzeigersinn, an Triebwerk 2 und 4 ändert das Getriebe die Drehrichtung. Diese ausgefallene Konstruktion verbessert die aerodynamischen Eigenschaften enorm. Das Prinzip wird beim A400M erstmals angewendet. Eigens für den A400M entwickelt wurden auch die Motoren, sie zählen zu den stärksten Aggregaten der Welt.

Ein Erfolgsflugzeug

Die Entwicklung und die Leistungsfähigkeit des militärischen Airbusses wird inzwischen gern als Erfolgsgeschichte dargestellt – in Wunstorf jüngst von der Parlamentarischen Staatssekretärin Siemtje Möller beim offiziellen ersten Spatenstich. Das ist aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund der erfolgreichen Rettungseinsätze der Wunstorfer Transportflieger in vielen Teilen der Welt auch zutreffend. Die Vorgeschichte ist allerdings nicht frei von Schwierigkeiten und Verzögerungen. Die Entwicklung stand mehr als einmal auf der Kippe. Auch ein tödlicher Unfall in der Anfangsphase gilt als dunkles Kapitel.

Ein A400M mit Ehrenbegrüßung auf dem Fliegerhorst Wunstorf | Foto: Deppe/Dombrowski

Der nach jahrzehntelangen Vorplanungen 2003 geschlossene Vertrag umfasste Entwicklung, Produktion und Support von 180 Maschinen zum Festpreis von 20 Milliarden Euro. Die Erstauslieferung war für Oktober 2009 vorgesehen. Die Auftraggeber sind Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Spanien, Türkei und Vereinigtes Königreich. Malaysia, Kasachstan und Indonesien kamen hinzu.

Nach einigen Verzögerungen startete eine Maschine im Dezember 2009 zum Erstflug. Airbus verhandelte den Vertrag neu: Die Abnehmerländer übernahmen einen Teil der in Milliardenhöhe auflaufenden Mehrkosten, bestellten Maschinen ab und tolerierten eine spätere Auslieferung. Der Stückpreis erhöhte sich von 125 auf 175 Millionen Euro.

von Achim Süß
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