Das alte Wunstorfer Freibad

Auch Wunstorf hat seine Lost Places. Fast mitten im Zentrum, in der Nähe von Feuerwehr und Polizei, liegt in der Südstadt direkt an der Alten Südaue das ehemalige Wunstorfer Freibad. Erst drei Jahre ist es her, seit das Freibad geschlossen wurde, doch wirkt es bereits wie ein Ort aus einer anderen Welt.

freibad-wunstorf-schild

Der bis zum Schluss noch bestehen­de För­der­ver­ein, der in den Jah­ren zuvor Tau­sen­de Euro inves­tier­te, um das Bad auf­zu­wer­ten, konn­te die Schlie­ßung nicht ver­hin­dern. Noch 2003 gab die Stadt anläss­lich des 70-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums stolz eine Fest­schrift her­aus, in der die geschicht­li­che Bedeu­tung des Bades für Wunstorf gewür­digt wur­de. Zehn Jah­re spä­ter hat die Geschich­te das Bad end­gül­tig ereilt. 2013, genau 80 Jah­re nach der Eröff­nung, beschloss der Rat der Stadt, das Tra­di­ti­ons­bad zu schlie­ßen.

Das Flair des Vergangenen

Auf dem gesam­ten Gelän­de im Umfeld des Bades wird die Geschich­te spür­bar, man meint, die Aura der jewei­li­gen Jahr­zehn­te atmen zu kön­nen. In End­zeit­stim­mung über­wu­chert das knie­ho­he Gras das eins­ti­ge Frei­bad­ge­län­de, Graf­fi­tis beschmie­ren die alten Umklei­den und Was­ser­spei­er. Zwi­schen den hohen, schat­ti­gen Bäu­men des umge­ben­den Wäld­chens ist der Tru­bel noch greif­bar, der hier an schö­nen Som­mer­ta­gen herrsch­te, so als wäre die Geräusch­ku­lis­se nur vor­über­ge­hend stumm­ge­schal­tet.

„Bienenkörbe“ markieren den Eingang zum Areal
„Bie­nen­kör­be“ mar­kie­ren den Ein­gang zum Are­al
Zugang zum alten Freibad
Zugang zum alten Frei­bad
Eingang zum stillgelegten Wunstorfer Freibad | Foto: Daniel Schneider
Ein­gang zum still­ge­leg­ten Wunstor­fer Frei­bad | Foto: Dani­el Schnei­der
Verbotener Blick
Ver­bo­te­ner Blick

Das Ein­gangs­schild setzt Grün­span an, das Schwimm­be­cken, rand­voll gefüllt, als wäre noch immer Bade­be­trieb, wirkt wie ein­ge­fro­ren in der Men­schen­lee­re. Die Was­ser­rut­sche ver­bleicht zuse­hends und lässt ihren ursprüng­li­chen Farb­ton bald nur noch erah­nen. Das Kin­der­plansch­be­cken, in dem sich allein noch das Regen­was­ser sam­melt, wür­de in Pri­pyat nicht anders aus­se­hen.

Doch ansons­ten scheint ober­fläch­lich nichts zer­stört oder ver­rot­tet, Stein­bö­den, Becken und Gebäu­de wir­ken, als könn­ten sie sofort wie­der in Betrieb gehen, wenn jemand mal den Rasen mähen wür­de. Wären da nicht die maro­den Rohr­lei­tun­gen im Unter­grund.

Eingang zum Bad. Das Schild passt sich farblich allmählich der Umgebung an.
Ein­gang zum Bad. Das Schild passt sich farb­lich all­mäh­lich der Umge­bung an.
Mehr Gras als Wasser auf dem Gelände
Mehr Gras als Was­ser auf dem Gelän­de
Schwimmbecken
Schwimm­be­cken
Hier duscht nie wieder jemand
Hier duscht nie wie­der jemand

Nationalsozialistisches Schwimmen

Fer­tig­ge­stellt von den Natio­nal­so­zia­lis­ten und mit viel Pro­pa­gan­da ein­ge­weiht, war das Frei­bad in Wunstorf über die Jahr­zehn­te eines von zuletzt vier städ­ti­schen Bädern. Das, was heu­te die Bar­ne mit Hal­len­bad und Sport­plät­zen ist, war ab 1933 der Jahn­platz samt Schwimm­bad: ein moder­nes, wett­kampf­taug­li­ches Sport­zen­trum.

Da stand der Sprungturm noch | Foto: Heiner Wittrock
Da stand der Sprung­turm noch | Foto: Hei­ner Witt­rock

Schon damals bei der Eröff­nung ver­füg­te das Frei­bad neben dem Haupt- über ein Nicht­schwim­mer­be­cken sowie ein Plansch­be­cken für Klein­kin­der. 50 Meter lang, 18 Meter breit und mit Sprung­bret­tern in 1, 3 und 5 Meter Höhe ver­se­hen, war das Wunstor­fer Frei­bad auf der Höhe der Zeit. Die Ertüch­ti­gung des Her­ren­ras­se­men­schen stand hier zunächst noch im Vor­der­grund, streng regle­men­tiert durch Bade­ord­nung mit Ver­hal­tens- und Klei­dungs­vor­schrif­ten. An Biki­ni und eng­an­lie­gen­de Bade­ho­se war noch nicht zu den­ken, Was­ser­rut­schen noch Zukunfts­mu­sik.

Wirtschaftswunder-Schwimmen

In spä­te­ren Jah­ren und Jahr­zehn­ten behielt das Frei­bad sei­ne Bedeu­tung, jedoch rück­te auch das Frei­zeit­ver­gnü­gen immer mehr in den Vor­der­grund. Das Bad blieb ein belieb­ter Treff­punkt, hier lern­ten die Wunstor­fer nicht nur schwim­men, hier ver­brach­ten gan­ze Genera­tio­nen von Kin­dern ihre Som­mer­fe­ri­en.

Randvolles Becken
Rand­vol­les Becken
Kein Bademeister wacht über die nicht vorhandenen Schwimmer
Kein Bade­meis­ter wacht über die nicht vor­han­de­nen Schwim­mer

Ein „Spaß­bad“ war das Wunstor­fer Frei­bad jedoch nie, es behielt sei­nen klas­si­schen Cha­rak­ter. Die Was­ser­rut­sche etwa wur­de erst im Jah­re 2006 vom alten Luther Frei­bad über­nom­men. Doch bereits seit den 80er Jah­ren war über­legt wor­den, ob man das Bad schlie­ßen sol­le, nach­dem in Bokel­oh und Luthe in den 70ern zwei neue, moder­ne Bäder ent­stan­den waren und die alten Anla­gen in Wunstorf all­mäh­lich an ihre Gren­zen kamen – und bereits damals wie ein Relikt aus der Ver­gan­gen­heit wirk­ten.

Das konn­te der neu ent­stan­de­ne För­der­ver­ein ab den 90er Jah­ren mit viel per­sön­li­chem Enga­ge­ment und auch eige­nem finan­zi­el­lem Ein­satz erfolg­reich ver­hin­dern, so dass die Stadt das Bad wei­ter­be­trieb. Mit­te der 90er Jah­re wur­de das Bad sogar noch mit einem Mil­lio­nen­be­trag saniert. Doch das Frei­bad Wunstorf blieb ein deut­li­ches Zuschuss­ge­schäft. Als 2012 dann das Haupt­be­cken leck­te, war der Stadt­rat nicht mehr bereit, noch­mals Geld für eine Sanie­rung auf­zu­wen­den.

Keine Radioaktivität im Planschbecken messbar
Kei­ne Radio­ak­ti­vi­tät im Plansch­be­cken mess­bar
Sicherlich guter Empfang im Freibad
Sicher­lich guter Emp­fang im Frei­bad

Es sieht seinem Abriss entgegen

Heu­te sind noch zwei städ­ti­sche Bade­an­stal­ten (Hal­len­bad und Frei­bad Bokel­oh) übrig, das alte Frei­bad der Kern­stadt gehört nicht mehr dazu. Die Prio­ri­tä­ten lie­gen nun woan­ders, neben dem Becken­rand wur­de ein pro­vi­so­ri­scher Mobil­funk­mast hin­be­to­niert – den man sau­be­ren Fußes errei­chen könn­te, gin­ge man direkt durch die Was­ser­schleu­se – und der nur mit viel gutem Wil­len als Ersatz für den längst abge­ris­se­nen Sprung­turm inter­pre­tiert wer­den kann.

Die Wunstor­fer hat­ten stets ein klei­nes Fünk­chen Hoff­nung, dass das Bad viel­leicht doch noch ein­mal wie­der­eröff­nen könn­te – doch das waren von Anfang an Träu­me. Das weit­flä­chi­ge Are­al mit­ten im Her­zen der Stadt, nur einen Sprung etwa vom Alten Markt ent­fernt, weckt Begehr­lich­kei­ten, ist per­fek­tes Bau­land – und viel zu wert­voll, um dort nur Grün­flä­chen zu erhal­ten oder ein hoch­de­fi­zi­tä­res Frei­bad zu betrei­ben. Selbst der grü­ne Teil des Stadt­ra­tes könn­te am Ende Kom­pro­mis­se ein­ge­hen – und dann stün­de der ange­dach­ten Bebau­ung mit Eigen­tums­woh­nun­gen und Senio­ren­hei­men nichts mehr im Wege.

Als könnte man noch reinspringen ...|Foto: Heiner Wittrock
Als könn­te man noch rein­sprin­gen …|Foto: Hei­ner Witt­rock
Nun ja, vielleicht doch lieber nicht.
Nun ja, viel­leicht doch lie­ber nicht.
Wasserrutschenendzeitstimmung
Was­ser­rut­sche­n­end­zeit­stim­mung

Ver­las­sen liegt das Frei­bad daher gemein­sam mit dem wie eine Brach­flä­che wir­ken­den Fuß­ball­platz, auf dem schon lan­ge kei­ne Ver­eins­fuß­ball­spie­le mehr statt­fin­den, im Dorn­rös­chen­schlaf und war­tet dar­auf, für Neu­bau­ten abge­ris­sen zu wer­den. Wie das bal­di­ge Ende ankün­di­gend, steht ein mor­scher Gal­gen auf dem angren­zen­den Bolz­platz, unter den fas­sungs­los wir­ken­den Bli­cken von Turn­va­ter Jahn.

Einen aus­führ­li­chen Bericht zur 80-jäh­ri­gen Geschich­te des Wunstor­fer Frei­ba­des mit vie­len his­to­ri­schen Fotos hat der Hei­mat­ver­ein Wunstorf e. V. im „Stadt­spie­gel“ Nr. 82 (April 2016) ver­öf­fent­licht. Der Wunstor­fer Stadt­spie­gel ist im Stadt­in­fo (im Rat­haus) erhält­lich.

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10 Kommentare
  1. […] Die ver­wit­ter­te Büs­te von Turn­va­ter Jahn am Ran­de des Jahn­plat­zes blickt mit aus­drucks­lo­sen Augen auf die ehe­ma­li­ge Spiel­stät­te des 1. FC Wunstorf. Zur Lin­ken rau­schen die Strei­fen­wa­gen des Kom­mis­sa­ri­ats vor­bei, hin­ter sei­nem Rücken ruht das still­ge­leg­te Wunstor­fer Frei­bad. […]

  2. hoeper sagt

    Es ist trau­rig das die Stadt für sowas kein Geld übrig hat und bald ist bokel­oh auch ganz zu ‚aber in wunstorf soll ja ein neu­es gebaut wer­den und kei­ner aus dem Rat denkt an die älte­ren Leu­te die nicht mehr die Chan­ce haben über­all hin­zu­kom­men

  3. […] schnell die Emo­tio­nen hoch, gera­de bei den der­zei­ti­gen hoch­som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren: Das alte Wunstor­fer Frei­bad ist schon län­ger still­ge­legt, das Frei­bad Bokel­oh ist wegen Schä­den geschlos­sen, das Wunstorf […]

  4. […] offe­nen Tür ein und prä­sen­tier­ten sich über­aus facet­ten­reich. Einen Tag lang wur­de das Gelän­de des alten Wunstor­fer Frei­ba­des wie­der zum Leben erweckt, wo die Orts­grup­pe wei­ter­hin noch ihre Räum­lich­kei­ten […]

  5. […] Ele­ments, son­dern für Sit­zun­gen, Theo­rie­schu­lun­gen und die Jugend­ar­beit auch die Ver­eins­räu­me am ehe­ma­li­gen Wunstor­fer Frei­bad. All das ist nun in Gefahr. Durch die Schlie­ßung des alten Frei­ba­des und die sich dar­aus […]

  6. Berndt Günther sagt

    Der Arti­kel zum Wunstor­fer Frei­bad bedarf einer ele­men­ta­ren Kor­rek­tur!
    Die­ses Frei­bad wur­de ledig­lich am 25 Juni 1933 von den Nazis ein­ge­weiht, weil sie in die­sem Jahr an die Macht kamen.
    Zur Ent­ste­hung die­ses Bades haben die Nazis abso­lut nichts bei­getra­gen!
    Der Initia­tor war Hein­rich Magnus, der 1893 die Basis für die gesam­te Sport­an­la­ge leg­te, an der sich vie­le Wunstor­fer seit 1893 ehren­amt­lich betei­ligt haben.
    Zur Erin­ne­rung, die­ser Bereich Wunstorfs wur­de von den Wunstor­fern ein­mal Stadt­park und spä­ter Arbei­ter­park genannt, lang bevor Hein­rich Magnus den Bür­ger­park schuf.
    Der ers­te Mosa­ik­stein zur Finan­zie­rung des Frei­ba­des ent­stand 1862.
    Zu die­ser Zeit konn­te noch kei­ner Wis­sen, dass das Geld einer Stif­tung 70 Jah­re spä­ter über Umwe­ge das Frei­bad einer armen 5000 Ein­woh­ner Stadt finan­zie­ren wür­de.
    Auch die beweg­te Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Jahn­sport­plat­zes begann 1893 und ver­dankt vie­len Wunstor­fer Ver­ei­nen sei­ne Ent­ste­hung in der jet­zi­gen Form Mit­te der 1920er Jah­re.
    Die Schlie­ßung des Frei­ba­des im Jahr 2013 mag begrün­det und gerecht­fer­tigt gewe­sen sein, jedoch wird es nie ein Ruh­mes­blatt für die Wür­di­gung (von 120 Jah­ren) ehren­amt­li­chen Enga­ge­ments an die­sem Ort sein.

    1. Daniel Schneider sagt

      Ja, das ist abso­lut rich­tig, des­we­gen ist oben bewusst auch nur von Fer­tig­stel­lung und Ein­wei­hung, aber nicht von Bau die Rede. Die Natio­nal­so­zia­lis­ten ern­te­ten mit dem Frei­bad die Lor­bee­ren, die die Wunstor­fer Bür­ger­schaft bereits in den Jahr­zehn­ten zuvor gepflanzt hat­te. Inso­weit ver­wei­sen wir auf die Aus­füh­run­gen des Wunstor­fer Hei­mat­ver­eins, der die­sen Aspekt der Geschich­te des Bades umfas­sen­der dar­ge­stellt hat.

  7. […] Begra­di­gung und Umlei­tung ent­stand 1933 am Jahn­platz gegen­über der Poli­zei an die­ser Stel­le das Frei­bad. Doch seit dem Jahr 2013 ist auch die­se Bade­mög­lich­keit still­ge­legt – das Frei­bad blickt […]

  8. Lenz sagt

    Ich kann bis heu­te kein Ver­ständ­nis dafür auf­brin­gen, dass die­ses schö­ne Schwimm­bad geschlos­sen wur­de. Ohne ein Auto zu nut­zen, konn­ten die Bür­ger Wunstorfs das Bad besu­chen. Dass das Bad eine Lecka­ge haben soll, wider­spricht den Fotos und mei­nen Beob­ach­tun­gen. Wäre es bes­ser beheizt wor­den, wäre ein pro­fi­ta­ble­rer Betrieb sicher mög­lich gewie­sen. Könn­te es sein, dass es viel­leicht Beschwer­den von Anwoh­nern gab, die lie­ber ihre Ruhe haben woll­ten?
    Schwimm­bä­der sind ein Kul­tur­gut und ins­be­son­de­re für Kinder/Jugendliche alle­mal bes­ser als PC-Spie­le. Kul­tur und Jugend­ar­beit kos­ten halt auch Geld. Aber dies ist auf jeden Fall gut inves­tiert. Scha­de, dass dies von der Poli­tik anders ent­schie­den wur­de.

  9. […] an den Ang­ler­ver­ein ver­pach­tet wur­de, das alte Frei­bad in der Kern­stadt im Dorn­rös­chen­schlaf liegt und die Frei­bä­der Bokel­oh und Luthe mit betrieb­li­chen Schwie­rig­kei­ten […]

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